Kapitel 9

Mit einem Hämmern in der Brust erwacht Skyla schweißgebadet auf einer cremefarbenen Couch. Rasend von dem Gefühl in ihrer dunklen Welt unter dem Haufen Probleme zu ersticken. Durch die riesigen Fenster begrüßt die Sonne sie mit kräftigen Strahlen. Doch so hell der Feuerball auch scheinen mag, ihre innere Welt bleibt kalt und dunkel. Noch immer durchlebt Skyla die Schrecken der vergangenen Monate. Emilies Schicksal könnte auch andere ereilen. Diese Erkenntnis lässt sie zusammenzucken. Kai ist hoffentlich stark genug, um ihre Liebsten zu beschützen.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, flötet Sina und bringt eine Tasse Kaffee vorbei.
Auch Mason wird bewirtet. Er schlief auf dem gegenüberliegenden Sofa und bewegt sich geschickt, sodass seine Hände nichts berühren.
„Ist sie endlich wach?“, brummt der Riese.
Kaum nickt Sina, folgt seine nächste Frage: „Und auch ansprechbar?“
Sinas Stimmung schlägt augenblicklich um. Genervt bläst sie die Wangen auf und dreht sich von ihm fort.
„Kein Feingefühl der Mann!“

Verzweifelt packt Skyla zu und umfasst Sinas Arm. Zu grob, wie sich herausstellt, denn die Reporterin zuckt schreckhaft zusammen.
„Entschuldige!“ Ruckartig nimmt Skyla die Flossen von ihr und hebt ergeben die Hände. „Aber Emilie ist in Gefahr! Sie und all die anderen! Ich muss nach meiner Familie sehen und hoffen, der Orden hat sie nicht angerührt. Mein Schutzgeist sollte sich bei ihm befinden.“
„Dir wurde aufgelauert, Skyla“, betont Sina streng, „ich halte es für keine gute Idee, wenn du dich zu deiner Familie begibst. Lass mich das lieber übernehmen oder Mason.“
„Was ziehst du mich jetzt in die Sache mit rein?“, meldet sich der Verfluchte vorwurfsvoll.
Aber Skyla erinnert sich an Lukas‘ gekränkte Reaktion und findet, dass sie unbedingt nach ihm sehen muss, bevor er Dummheiten macht. Auch wenn sie damit seinen ganzen Zorn zu spüren bekommt.
„Agnar, mein Spinnendämon. Hast du ihn mitgenommen, Sina?“
„Ich bin hier“, meldet sich die Spinne und krabbelt aus einer Couchritze hervor.
Mit einem panischen Schrei weicht Sina in den Hintergrund.

Skyla hingegen nimmt zufrieden ihren Dämon auf die Hand und erinnert sich schwammig an all die Ritter, die ihr Schutzgeist zu Fall gebracht hatte.




„Danke dir, Agnar. Du hast gestern gute Arbeit geleistet.“
„Du kannst auf mich zählen, Mensch.“
„Ein weiterer Dämon.“ Skyla blickt überrascht auf, denn Mason befindet sich ganz nah. Er kniet vor ihr und begutachtet Agnar, der warnend die Spinnenbeine hebt. „Will er mich angreifen?“
„Zu nah, Mensch! Zu nah!“
„Bitte etwas Abstand, Mason. Agnar mag solch eine Nähe zu einem Fremden nicht.“
Der Ex-Soldat gehorcht und schnippt mit den Fingern. „Also schön, stellen wir doch mal meinen Schutzgeist vor. Soraya, bitte zeige dich.“
Skyla hat nicht vergessen, worum es sich handelt und bevor es zu Schwierigkeiten kommt, ermahnt sie Agnar: „Es werden keine Feen gefressen! Verstanden?“
„Pah! Nerviger Mensch! Ich habe dir gestern geholfen und du verbietest mir solche Leckerbissen!“

Eine unangenehme Hitze meldet sich zu Skylas Rechten. Erneut rückt der Verdacht in den Vordergrund, dass Skyla ein natürlicher Erzfeind der Feen sein muss. Das Wesen neben ihr wirkt alles andere als zärtlich. Der athletische Körperbau hält vor Augen, dass sich die Fee nicht nur auf ihre Flügel ausruht. Die Wahl der Kleidung ist alles andere als niedlich, sondern mehr funktional. Ein enger Anzug, der wie eine zweite Haut anliegt und mit vielerlei Taschen versehen wurde. Ein Gürtel mit allerlei Werkzeug liegt lässig um die schmale Taille. Das schwarze Haar band sie streng zusammen und die bernsteinfarbenen Augen mit einem goldenen Schimmer funkeln Skyla bedrohlich an. Sie passen gut zu den flammenden Flügeln, die wie ein Leuchtfeuer brennen und die Frage in den Raum werfen, wie Masons Begleiterin so lange unentdeckt bleiben konnte. Die sonnengeküsste Haut und die orientalischen Züge lassen erahnen, dass Mason sie aus dem Ausland mit her brachte. Ob sie dieselbe Sprache sprechen?
Die Antwort auf den Sprachgebrauch erhält Skyla schneller als erwartet, schließlich beschwert sich die Fee grimmig: „Mason, diese Frau ist voller Dunkelheit. Vertraue ihr nicht!“
Skyla unterdrückt den Reflex, die Fee einfach wegzuschnippen. Auch der bissige Kommentar wird hinuntergeschluckt. Mason hingegen winkt seine Fee heran.
„Soraya, wärest du so lieb und hilfst mir mit dem Kaffee?“
Die Miene der Fee hellt augenblicklich auf. Kaum nimmt Mason auf der Couch Platz, kommt das Biest zu ihm angeflogen und hebt die Tasse an seinen Mund.



Sina hustet gespielt, womit sie Skylas Aufmerksamkeit hat. Die Reporterin beugt sich an ihr Ohr und berichtet: „Dieses kleine Ding ist misstrauisch und hinterfragt einfach alles. Was ich eigentlich befürworten würde, wenn sie nicht so mies drauf wäre.“
„Scheinen Feen an sich zu haben. Ich kenne da noch eine und die ist auch richtig fies und zickig“, äußert sich Skyla und vertreibt sämtliche Gedanken an Mia.
Mason schlürft laut. Vielleicht als reine Provokation, schließlich haftet sein Blick auf die beiden Medien.
„Euch ist schon klar, dass wir hier nicht bleiben können. Es wundert mich, dass Orden nicht bereits die Wohnung stürmte.“
Doch Sina lächelt selbstgefällig. „Sei unbesorgt, wir sind sicher.“
Mason gluckst erheitert. „Träum weiter, Blondi.“
Die Reporterin lehnt sich lässig zurück und gibt nun preis: „Selbst wenn der Orden es in die Astralwelt schafft, habe ich vorgesorgt. Drei Präsenzen schützen unser Versteck.“
„Du meinst, wir befinden uns in der Astralwelt?“, hinterfragt Mason überrascht.
Kaum nickt die Reporterin, blickt sich Skyla um. Nichts deutet daraufhin. Aber rückblickend besuchte sie mit Sina einen anderen Geist in einem Hinterhof und auch dieser Ort wirkte zu friedlich für die Geisterwelt.

„Sag, ist das nicht gefährlich, Sina?“, spricht Skyla ihre Bedenken aus.
„Sei unbesorgt. Ich mag keinen Schutzgeist haben, aber die niederen Energien kann ich mit meinen Kräften kontrollieren und für mich gewinnen. Es besteht keinerlei Gefahr.“
Mason braucht dennoch Klarheit: „Also ist diese Wohnung real oder sind wir durch ein Portal gelaufen?“
„Die Wohnung ist real und detailgetreu dem Original angepasst. Da der Orden mir ebenfalls schon länger auflauert, haben sie sämtliche Einbrüche versucht und nur durch die Astralwelt konnte ich mich vor ihnen schützen. Es könnte also sein, wenn ich die Pforte schließe, wir eine durchwühlte oder von Feinden beschlagnahmte Wohnung vorfinden. Den selbsterschaffenen Ausgang verknüpfe ich daher immer mit meiner Wagentür.“
„Also wir verlassen die Geisterwelt, in dem wir deinen Wagen betreten?“, wiederholt Skyla sie verwirrt.
Sina nickt und sieht Mason anscheinend die Zweifel an. Daher beschwichtigt sie: „Sei unbesorgt, mein Wagen wird von den Bewohnern der oberen Schicht beschützt. Der Orden hat schon öfter versucht, mein Fahrzeug zu verwanzen. Jene, die sich dort verstecken, werden von den Geistern fortgeschliffen und in die tieferen Ebenen der Astralwelt geworfen. Einmal kam ein Ritter zurück. Stärker denn je. Blind und naiv hoffte er darauf, länger Teil seiner Organisation zu sein. Aber, wer mit der Astralwelt in Berührung kommt, ist in ihren Augen verseucht und muss augenblicklich beseitigt werden. Da machen sie selbst bei ihren Leuten keinen Halt.“




Nichts, was Skyla überrascht. Die Professionalität und Grausamkeit hat der Orden bereits zur Schau gestellt.

Zufrieden erhebt sich Mason. „Gut, also haben wir ein sicheres Hauptquartier. Hast du hier irgendwo eine Tafel, wo wir Informationen aufschreiben und sammeln?“
Sina erhebt sich freudig und zieht im Nu eine rollende Tafel hervor und schnappt sich von ihrem Schreibtisch einige Marker. Mason macht den Anfang und haut eine Reihe Informationen heraus, die den Orden betreffen. Fördergelder, bekannte Identitäten, Verdächtige Personen, Adressen und bekannte Technologien. Tatsächlich bestätigt sich, dass der Orden mittels eines Radargeräts Skyla trotz Unsichtbarkeit ausfindig machen konnte. Mit Mess- und Warngeräten können die Ritter sogar Schutzgeister ausfindig machen und deren Angriffe neutralisieren. Mason zeigt sich als eine wahre Bereicherung für das Team, denn sein taktisches Denken und Sinas Informationsflut grenzen die Umgebung ein, wo Emilie gefangen gehalten werden könne. Denn laut Mason sind die Regionen unter den Rittern aufgeteilt. Sie agieren nur in ihrem Einsatzgebiet. Alle Problemfälle, die weiterwandern, werden dann zum Problem der dort stationierten Ritter. Der Fall wird einfach weitergegeben und nur ganz selten, verreisen erfahrende Ritter in der Funktion als Berater.

Das Meeting gibt Skyla ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Mason und Sina sind ernsthaft daran bestrebt, gegen den Orden zu agieren. Anders als Justin. Für Mason kommt die Flucht nicht in Frage. Er reist seit Jahren um die Welt und wird die Ritter nie wirklich los. Daher will er zurückschlagen. Alle drei kennen das Risiko und ein jeder ist bereit für den Rückschlag zu sterben. Nach einer langen Dusche und einem ordentlichen Frühstück begibt sich Skyla zur Haustür, wo Sina bereits auf sie wartet. Für das sonnige Lächeln kann Skyla diese Frau nur bewundern. Trotz der Lage schlägt es nicht auf Sinas Gemüt. Mason verschaffte sich Arbeit. Er tüftelt fleißig an einem Trainingsplan für alle und kümmert sich weiterhin um die Informationsbeschaffung mit seiner Fee.

„Ich hatte Lukas zwar gesagt: Behalte meine Sachen. Aber meine Kochkleidung muss ich noch mitnehmen. Ich trage die Garnitur von gestern. So etwas sieht mein Ausbilder nicht so gern“, spricht Skyla ihre Gedanken laut aus.




Sina macht die Flecken auf der Kleidung schnell aus und verspricht: „Hier haust ein Geist, der liebend gern die Hausarbeit übernimmt. Sie wird sich über weitere Arbeit freuen. Überlass die Wäsche später ihr, okay?“
„Schon irgendwie seltsam“, findet Skyla den Gedanken, dass ein Geist den Haushalt schmeißt.
Sina faltet die Hände glücklich zusammen, wobei ihr Schlüsselband zu klimpern beginnt. „Du gewöhnst dich noch dran.“
„Bis später, Mason“, verabschiedet sich Skyla und winkt dem grimmigen Kerl zu.
Sein Blick zeigt, dass er ihr noch immer verübelt, dass sie ihren gewohnten Alltag fortsetzt, aber das ist ihr egal. David braucht sie.
„Verhalte dich unauffällig und mache uns keinen Ärger!“, brummt er sie an.
Kaum sind die beiden Damen aus der Tür, fällt Sinas Maske und ein dunkler Schatten legt sich über ihr Gesicht. Die Schultern hängen tief.
„Dieser Mann ist anstrengend!“, beschwert sich die Bloggerin, „Ich hoffe, wir können ihn überzeugen, denn ansonsten wird er uns töten.“
Eine Wahrheit, die Skyla gern verdrängt.
„Wo ist dein Optimismus hin?“, will sie Sina ärgern.
Aber ihr Gegenüber bläst die Wangen auf. „An diesem Kerl beiße ich mir die Zähne noch aus. Da hast du mir jemanden aufgebrummt!“
Beim Meeting hingegen hatte Skyla das Gefühl, die beiden Erwachsenen wären auf einer Wellenlänge. Sie machten den Eindruck von einem eingespielten Team.

Im Flur und auch außerhalb des Hauses fühlt sich Skyla beobachtet. Ein Blick umher und der Ort erinnert an eine Geisterstadt. Nicht mal ein Vogellaut lässt sich vernehmen. Nicht mal der Windzug erreicht sie. Als sei die Zeit stehen geblieben und doch entdeckt Skyla Schattengestalten in anderen Häusern. Sina folgt ihrem Blick und seufzt laut.
„Provoziere sie nicht. Langes Starren macht sie umso neugieriger. Sie sind friedlich dank meiner Macht.“
„Mhm.“
Skyla weiß wirklich nicht, was sie von der Astralwelt halten soll. Aber kaum sitzt sie auf den Beifahrersitz, meldet sich ihr Handy. Es gibt einige verpasste Anrufe und unzählige Nachrichten. Das Meiste von ihrem Vater und Thomas, aber am Ende ruht Skylas Blick auf den Namen ihrer Cousine.

Sina setzt den Wagen schnell in Bewegung und steuert die Straße an. Ihr Schrei lässt Skyla aufschrecken. Das Auto hinter ihnen kommt wie aus dem Nichts angerast und überholt mit nur wenigen Millimetern Abstand, trotz Gegenverkehr manövriert der Fahrer aus der Gefahrenlage. Mit klopfenden Herzen wird Skyla klar, dass die beiden gerade einem Unfall entkommen sind. Der Autofahrer flucht, parkt am Straßenrand und steigt aus. Aber Sina setzt eisern den Weg voran und nun erkennt Skyla auffällige Leute auf dem Grundstück. Ein Postbote, ein Jogger und ein Klempner, alle mit eisigen Blicken, die dem Wagen gelten.




„Der Orden.“
Sina nickt hastig und tuckert weg. Mit zusammengepressten Lippen und steigernder Nervosität reiht sie sich in den Straßenverkehr ein.
Da Sina stumm voran fährt, beschließt Skyla: „Ich muss dringend einen Anruf tätigen.“
„Zu gefährlich“, behauptet Sina, „Jeden, den du anrufst, bringst du in Gefahr.“
„Ich weiß, aber es scheint wichtig zu sein. Meine Cousine braucht mich.“
Sina seufzt laut und zuckt mit den Schultern. „Ich habe dich gewarnt.“
Skyla wünscht sich, Tessa könnte sich an ihren Vater wenden, aber das würde sie nie tun. Tessa gehört zur Familie und sie allein mit ihren Problemen zu lassen, ist nicht Skylas Art. Selbst nach dem ganzen Zank nicht. Daher wählt sie die Nummer ihrer Cousine und ist überrascht, wie schnell diese abnimmt.
„Endlich“, hört sie Tessa am anderen Ende der Leitung quengeln, „Skyla, ich brauche dich hier. Meiner Mutter geht es nicht gut und ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Soll ich den Krankenwagen rufen oder …kannst du vorbei kommen?“
Tessa klingt bestürzt und verzweifelt. Skyla hört sie immer wieder schniefen. Es klingt nicht nach der eingebildeten Prinzessin, denn für gewöhnlich bittet ihre Cousine nicht um Hilfe. Aber das Mädchen wirkt zu aufgewühlt, dass Skyla ihre Entscheidung bereits verflucht.
„Du kannst auf mich zählen. Ich informiere meinen Chef kurz und dann mache ich mich gleich auf den Weg.“
„Danke.“
Tessa klingt erleichtert, während Sina erschrocken herüberblickt, als verstehe sie die Welt nicht mehr. Vielleicht wird Skyla diese Entscheidung bereuen, aber Oma Ulrike würde ihrer Enkelin die Ohren lang ziehen, wenn sie Tessas Hilferuf einfach ignorieren würde. Daher steht der Beschluss.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare