Kapitel 10
Ein tiefer Atemzug und schon verlässt Skyla den Wagen mit viel Überwindung.
„Warte hier!“
Ein Schulterblick und Sina sollte erkennen, dass sie keine Widerworte duldet. Ohne auf eine Reaktion zu achten, schreitet Skyla zur Tür und klingelt. An einem solch sonnigen Wochenende vermutet sie bereits, dass sich alle auch ohne ihr Beisein amüsieren und sie längst vergessen haben. Die Uhr tickt und die Anspannung steigt. Mit schmalen Augen behält Skyla die Umgebung im Blick. Viele Passanten verhalten sich verdächtig und haben sie im Auge. Zwei Jogger, ein Hunde-Besitzer und drei andere Fußgänger. Sicherlich alles der Orden. Nur etwas Unachtsamkeit und das nächste Attentat könnte ein Erfolg werden.
Plötzlich schnappt eine Hand von vorne zu und Skyla wird feste in die Arme ihres Patenonkels gerissen.
„Dir geht es gut. Bin ich froh!“, hört sie Thomas sagen.
„Skyla! Geht es dir gut, Kind?“
Ihr Vater klingt besorgt, dabei sollte seine Sorge mehr seiner Schwester gelten.
„Papa, du musst unverzüglich zu Tante Mary! Laut Tessa geht es ihr ganz schlecht. Tessa weiß nicht weiter und hat sich an mich gewandt.“
„Mary?“ Ihr Vater schnappt verwundert nach Luft. „Ist sie zuhause?“
Thomas‘ Griff löst sich, sodass Skyla ihren Vater in die Augen blicken kann.
„Ich habe Tessa versprochen, vorbeizukommen. David weiß auch schon Bescheid.“
Finn lächelt stolz. Sicherlich, weil es nicht oft vorkommt, dass sich seine Tochter und seine Nichte mal vertragen.
„Komm doch bitte rein, Skyla“, fordert Thomas sie freundlich auf.
Sein Blick hingegen zeigt etwas Zorn und er versperrt die Tür, als befürchte er, dass sie ruckartig flüchten möchte. Auch Finn handelt und zieht seine Tochter hinein in die Stube.
„Lukas braucht dich, Mädchen. Er hat die ganze Nacht geweint und sein Zimmer nicht mehr verlassen“, berichtet ihr Vater.
Das klingt schrecklich. Skylas Herz blutet allein bei dem Gedanken. Gestern Abend schrie er sie zum ersten Mal in ihrem Leben an. Eine Erfahrung, die sie bislang schmerzlich verdrängte. Aber andere Dinge haben mehr Prioritäten.
„Sagt, schlichen verdächtige Personen um das Haus?“
Ihre Frage wirkt sicherlich seltsam, schließlich haben Thomas und Finn keine Ahnung, worin sie verwickelt ist.
Aber Thomas lacht bitter, bevor er seine Vermutung ausspricht: „Sag, schuldest du diesen Leuten Geld, Skyla?“
„Nein!“ Die Wut bricht kurz aus ihr, aber solche Behauptungen machen sie wütend. „Es ist viel schlimmer, denn allein meine Existenz ist für diese Leute eine Bedrohung.“
So die Wahrheit ist raus! Und allein der verwirrte Blick ihres Vaters war vorherzusehen.
„Wovon redest du?“, hinterfragt er.
Skyla fasst sich an den Kopf und gesteht: „Eigentlich dürfte ich nicht hier sein, denn ich bringe euch alle in Gefahr. Aber es geht um Tante Mary und außerdem musste ich wissen, ob es euch gut geht.“
Das ist zu viel für Vater Finn. Erschöpft setzt er sich auf eine Sitzbank nahe dem Schuhregal und lässt seinen Kopf hängen, während Thomas einen Blick hinaus durch die Glasfront wirft.
„Du musst schnell verschwinden oder?“ Thomas fasst eins zu eins zusammen und obwohl er keinerlei Ahnung hat, worum es wirklich geht, kombiniert er die Fakten zu gut. „Lass mich dir helfen, Skyla. Was es auch kostet, dich in Sicherheit zu wissen, ich werde nicht einfach wegsehen.“
Aber Skyla schüttelt den Kopf und überkreuzt die Arme. „Das ist lieb, aber ich kann nicht wegrennen. Aber ihr müsst verschwinden. Taucht unter und ändert eure Namen. Wenn ihr mir vertraut, dann kann ich euch an einen sicheren Ort bringen.“
„Eine Falle!“, tönt es missbilligend aus dem Hintergrund, „vertraut ihr nicht!“
Mutter Kacie nähert sich mit verschränkten Armen und einem messerscharfen Blick. Skyla rechnet mit einer Diskussion, umso größer ist die Überraschung, als Thomas beschließt: „Also gut, ich treffe innerhalb weniger Stunden alle Vorbereitungen und folge dir, Skyla.“
„Thomas! Sie ist dein Verderben!“, schimpft Kacie.
Aber ihr Freund schenkt ihr kein Gehör und blickt stattdessen seine Patentochter an. „Ich habe nur eine Bedingung, Skyla. Geh und kläre das mit Lukas. Er hat genug geweint. Er soll wissen, dass du hier bist und dass du dich um uns sorgst. Tust du das, vertraue ich dir blind und gebe mein altes Leben auf.“
Leer ist der Kopf und fort sind die Worte. Skyla steht wie angewurzelt da und staunt über das blinde Vertrauen, das Thomas ihr schenkt. Ihr Patenonkel blickt entschlossen und unerschrocken. Vater Finn rüttelt sich ebenfalls wach.
„Ich begleite meine Tochter ebenfalls! Ein Anruf und wir nehmen Oma Ulrike mit uns.“
„Finn! Spinnst du? Das ist nicht mehr unsere Tochter!“, tobt Kacie.
Aber ihr Mann dreht sich mit geballten Fäusten um und erhebt ebenfalls die Stimme: „Hör dich reden, Kacie! Natürlich ist das unsere Tochter! Was musst du blind sein, sie nicht wiederzuerkennen? Ich sehe nicht weg und verbann sie nicht aus meinem Leben! Skyla braucht uns dringender denn je! Sollte unsere Ehe daran kaputt gehen, dann nehme ich das in Kauf!“
Kacie strauchelt, als sei sie Opfer eines Pfeilhagels. Sie keucht und kämpft mit Schnappatmung. Skyla hingegen schüttelt sich erschüttert.
„Nein, Papa! Streitet euch nicht wegen mir!“
Aber Finn blickt entschlossen zu ihr rüber. „Ich werde dich niemals verstoßen, Skyla. Du bist doch schließlich meine Tochter! Mein geliebtes Kind!“
Eine Welle der Erleichterung reißt sie hinab zu Boden. Skyla hoffte, ihre Tränen wären versiegt und nun geht das Geheule erneut los. Finn eilt zu ihr und zieht sie fest in seine Arme. Wie eine Löwin brüllt Kacie und stampft davon. Etwas, das Skyla Sorge bereitet. Thomas scheint ebenfalls alarmiert zu sein und blickt seiner Freundin beunruhigt hinterher.
„Rede mit Lukas!“, fordert er streng, bevor er seinen besten Freund informiert, „Finn, ich gehe Kacie nach und rede mit ihr.“
„Danke.“
Skylas Vater keucht entkräftet und zittert stark. Verständlich in Anbetracht der Tatsache, was er für seine Tochter aufs Spiel setzen will.
„Papa, ich gehe hoch zu Lukas und kümmere mich um ihn. Danach schauen wir nach Tessa.“
Ganz sanft tätschelt ihr Vater ihr über den Kopf. So wie Thomas es immer macht. Er lächelt, als sei die Welt heil, womit er ihr unfassbar viel Kraft schenkt. Wie gern würde Skyla den Moment länger genießen, aber es wartet Arbeit auf sie.
Mit zittrigen Beinen erhebt sich Skyla und läuft hinauf zu Lukas‘ Zimmer. Vor der Tür verlässt sie jedoch der Mut. Aus Angst, was er ihr an den Kopf werfen wird. Noch bevor Skyla einen Rückzieher macht, öffnet sich die Pforte und durch den Spalt erblickt sie Kai, dessen Augen vor Freude leuchten.
„Ich wusste, Ihr kommt mich holen.“
Kai hat seine Pflichten ernst genommen. Er wachte über die Familie, so wie sie darauf bestand. So wie ihr Vater und Thomas tätschelt sie den Bären kurz über den Kopf und lächelt sanft. Erneut zeigt sich, wie seltsam das bei ihr aussehen muss, denn Kai betrachtet sie misstrauisch. Er lässt sie dennoch passieren und wirft einen kurzen Blick in den Flur, bevor er die Türe schließt. In all der Dunkelheit sucht Skyla nach ihrem besten Freund. Die dunklen Vorhänge lassen keinen Lichtstrahl herein und Kälte breitet sich im Raum aus, als habe Lukas die Heizung ausgedreht. Kai läuft an ihr vorbei und trottet seelenruhig zu ihrem Kindheitsfreund, womit er das Versteck verrät.
Statt sich im Bett zu verkrümeln, sitzt Lukas an seinen Schreibtisch. Lukas entgeht ihre Anwesenheit nicht, wie sich zeigt. Sein Kopf dreht sich zu ihr und Skyla spürt sein Misstrauen.
„Was hat deine Meinung geändert? Wolltest du nicht für immer verschwinden?“
Seine Stimme klirrt vor Kälte, dass Skyla beunruhigt herantritt. Aber Lukas ist mit einem Satz aufgestanden und streckt seinen Arm warnend aus, als wolle er nicht, dass sie den Abstand weiterverringert. Seine Reaktionen kränken sie, aber vielleicht braucht Lukas Zeit, um all das verarbeiten. Daher macht sie kehrt, um die Vorhänge weit aufzureißen. Wie ein Dämon weicht er zurück in eine dunkle Ecke. Skyla geht zuerst nicht darauf ein und macht ihre Sachen schnell ausfindig. In Anbetracht der Lage ist die saubere Lage Kochkleidung überflüssig und doch nimmt Skyla sie an sich.
„Es war nicht meine Absicht, dich zum Weinen zu bringen. Ich konnte nicht zurück, weil ich euch schützen musste. Allein mein jetziger Besuch wird euch in Schwierigkeiten bringen, aber ich kann euch an einen sicheren Ort bringen.“
Skyla drückt den Kleiderbündel fester an sich und stellt sich auf Ärger ein, denn nichts ist mit Justin abgesprochen, aber das ist ihr egal. Sie ringt gerade nach den nächsten Worten, da steht Lukas plötzlich vor ihr. Sie hat ihn nicht kommen gehört, war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Ihr Freund stößt sie grob hinab und es fühlt sich fast wie ein Racheakt an. Wie ein Fall von der Klippe. Dabei landet sie weich auf seinem Bett. Grimmig blickt er zu ihr hinab. Nicht überzeugt von dem, was sie angeschnitten hat.
„Und dann? Lass mich raten, dann verschwindest du für eine geraume Zeit und wir müssen Tag für Tag um deine Sicherheit bangen!“
Er trifft den Nagel auf dem Kopf und in seinen Mund klingt ihr Vorhaben undankbar, dabei will sie doch nur helfen. Lukas‘ Augen werden augenblicklich schmal.
„Du müsstest wissen, wie ich zu dem Ganzen stehe. Meine Meinung hat sich nicht geändert. Ich verzichte auf deinen Schutz!“
Verwirrt setzt sich Skyla auf. „Was bedeutet das für uns? Wünscht du dir, dass ich für immer verschwinde?“
Kurz zucken seine Mundwinkel, bevor er zupackt und sie grob an der Kochjacke schnappt, um sie auf Augenhöhe zu reißen.
„Ich besitze vielleicht keine Gabe, aber ich finde einen Weg, dich zu unterstützen! Noch bin ich schwach und wehrlos, aber das werde ich ändern! Um dich zu beschützen krempel ich mein Leben um!“
Beunruhigt reißt sich Skyla von ihm los und sorgt dafür, dass er aufs Bett fällt. Sie hingegen steuert gezielt den Schreibtisch an und wirft einen Blick auf das wilde Gekritzel. Lukas glänzt eigentlich mit solch einer schönen Schrift, diese Schlampigkeit hingegen zeigt, welcher Sturm in ihm tobt. Noch viel schlimmer sind die Tatsachen, die sie dort zu sehen bekommt. Lukas hatte zu viel Zeit allein mit Kai. Einem Dämon. Ein manipulatives Wesen. Im Nu konfisziert Skyla all die Schriften und funkelt zornig hinüber zu ihrem Schutzgeist.
„Lass die Finger von Dämonen, Lukas! Du bist ein leichtes Fressen und mental nicht gewappnet!“
Ihr Freund befindet sich im Nu bei ihr und will sich die Niederschriften zurückholen, aber Skyla hält ihn mit nur einer Hand bestimmend auf Abstand. Sie sieht das Unglück kommen. Lukas ist niemand, der schnell aufgibt. Daher werden ihre Züge weicher und sie kommt mit einem Gegenvorschlag: „Aber ich kann dir helfen. Wir können zusammen trainieren. Nur verfalle der Dunkelheit nicht. Ich flehe dich an, Lukas. Es würde mir das Herz brechen, wenn ich dich an einen Dämon verliere!“
Ein Zischen seinerseits, bevor er kontert: „Gut gesprochen. Aber was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn ich dich unter den Dämonen wandeln sehe und wie du bei der Geisterjagd versagst?“
Die Wangen glühen und die Niederlage schlägt fest zu. Nur einmal scheitert sie und dann auch noch in seinem Beisein. Und doch darf er nicht den gleichen Weg beschreiten.
„Es ist gefährlich! Außerdem haben die Dämonen ein leichtes Spiel mit dir.“
Es sollte ein gut gemeinter Rat sein, aber ihr Freund nimmt die Botschaft ganz anders auf und schnauft beleidigt.
„Für meine Schwäche hasse ich mich selbst, aber danke, dass du mir das noch mal unter die Nase reibst.“
Geschlagen tritt sie von ihm fern. Den Blick aus dem Fenster gerichtet. Auf der Suche nach Feinden. Vergebens. Dennoch bietet sich ein schöner Anblick auf die mit Liebe gestalteten Gartenanlagen der Nachbarn. Alle gehüllt im glitzernden Schnee.
„Meine Cousine braucht mich heute. Daher fahre ich gleich zu ihr und kümmere mich schnellstmöglich um eure Unterbringung.“
Die Tür ist fast erreicht, da bemerkt Skyla, dass sie einen Verfolger hat. Lukas tritt entschlossen an sie heran. Seine rechte Hand knittert das Hemd über der Stelle seines Herzens.
„Nimm mich mit dir. Einfach überallhin und bilde mich aus. Dann verspreche ich dir, die Finger von Dämonen zu lassen.“
Eigentlich müsste sie aufatmen, denn ihr Plan geht auf. Er kommt zur Besinnung und will auf ihr Angebot eingehen und doch will sie ihn prüfen.
„Deine Ausbildung?“
„Du bist mir wichtiger!“
„Deine Familie und Freunde?“
„Ich habe nur meinen Vater, der mir etwas bedeutet. Von allen Freunden bist du die Wertvollste!“
Skylas Blick gleitet umher. „Kannst du all das aufgeben? Dein ganzes Leben. Thomas ist überzeugt, dass du Karriere in deinem Betrieb machen kannst.“
„Er irrt sich, wenn er glaubt, ich kann dich vergessen!“
Lukas‘ Nerven zittern hörbar. Zwischen Zorn hört Skyla die tiefe Furcht vor der Einsamkeit. Aber ihr Freund unterschätzt Justins Training. Er ist ein Sportmuffel. Sein Leben könnte ohne sie friedlich sein. Wieso will er all das aufgeben?
Mit zittriger Stimme nimmt Lukas ihren Namen in den Mund und umfasst ihr Gesicht vorsichtig. Die Augen glänzen verdächtig.
„Was es auch kostet, ich bin bereit, jeden Preis zu zahlen, um an deiner Seite zu verweilen. Verstehst du das nicht?“
Ein Kloß bildet sich im Hals. Zu etwas anderem wie zu einem traurigen Nicken ist sie nicht im Stande. Erleichtert atmet er auf und im Nu hat er eine Tasche ergriffen, als sei er schon eine ganze Weile reisebereit.
„Dann lass deine Cousine aufsuchen.“
Lukas erreicht gerade die Tür, da schrumpft Kai zum Schlüsselanhänger und heftet sich an Skylas Arbeitstasche. Im Schein des Lichtes erkennt Skyla unter den geschwollenen Tränensäcken die tiefen Augenringe. Lukas schreitet entschlossen hinaus und würdigt sein altes Leben keines Blickes. Ein Gefühl der Bewunderung macht sich in Skyla breit. Vielleicht unterschätzt sie ihn. Womöglich bringt er sich in ihr neues Leben besser ein, als gedacht.





























































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