Kapitel 11
Der Duft von frisch aufgebrühten Kaffee und Brötchen liegt in der Luft. Skyla ahnt Übles, als sie das fröhliche Geschnatter aus der Ferne wahrnimmt. Sina handelt egoistisch und stur. Statt, wie abgesprochen, im Wagen zu warten, wird sie von Thomas bedient. Zwei sonnige Gemüter mit viel Optimismus. Vergebens sucht Skyla nach ihren Eltern. Sicherlich bevorzugt Vater Finn ein Vier-Augen-Gespräch mit seiner Ehefrau. Sina entdeckt ihre neue Mitbewohnerin schnell und flötet ihren Namen. Hoffnungsvoll hebt Thomas den Blick und ein Lächeln ziert seine Lippen, als er seinen Sohn ausmacht. Sina winkt übertrieben, sodass Skyla unvermeidlich mit den Augen rollt. Kaum tritt Skyla an das andere Medium heran, legt Sina ihre verkrampfte Hand auf Skylas Schulter. Der Griff wird schmerzhaft. Skyla zischt, aber der Blick ihrer Kameradin gleicht einer tödlichen Klinge.
„Sag mir doch bitte, wo du deine Familie unterbringen willst, Süße“, fordert die Reporterin schroff.
Skyla löst den Griff und schiebt Sinas Hand fort. Schließlich entschärft sie die Bombe: „Keine Sorge. Ich bereite dir genügend Umstände. Zumal deine Wohnung nicht groß genug wäre.“
„Du irrst. In der Geisterwelt gelten andere Gesetze. Räumlichkeiten können an Größe gewinnen, wenn dies dein Wunsch ist. Aber dieser Ort bleibt gefährlich für Normalos.“
Dieses Großmaul richtet einen unglaublichen Schaden an. Noch weiß Thomas nichts von der Gabe oder der Astralwelt und deren Bewohner. Aber zum Glück gilt die Sorge mehr seinem Sohn. Thomas scheint ein Stein vom Herzen zu fallen. Kein Wunder. Das letzte Mal, als sich Lukas in sein Zimmer verschanzte, war, als die Ehe seiner Eltern in die Brüche ging.
Lässig lehnt sich Skyla an den Unterschrank neben Sina.
„Sag, was machst du noch hier? Solltest du Mason wirklich allein lassen?“
Sina schnauft erzürnt. „Ohne dich setze ich keinen Fuß zurück in diese Wohnung! Mason benimmt sich wie eine Pflanze, die vor sich hinvegetiert! Also wird er mit Luft und Wasser auch zu Recht kommen!“
„Dann suche dir Arbeit! Aber ich habe jetzt keine Zeit für dich!“, will Skyla sie verscheuchen.
Sinas Augen blitzen böse auf, die junge Redakteurin beißt sich kurz vor Wut auf die Lippe. Bevor sie ruhig argumentiert: „Warst du es nicht, die mir diesen wildfremden Mann aufgebrummte? Ein Mann, der mich ansieht, als würde er mich jederzeit zerfetzen! Weißt du eigentlich, was Mason alles in deiner Abwesenheit anstellt? Was für ein Spur von Chaos er zurückgelassen hat?! Ist dir überhaupt bewusst, was mir blüht, wenn sich herausstellt, dass ich ihm Unterschlupf gewähre?“
„Wir haben etwas mit Mason gemeinsam! Vergiss das nicht! Wenn wir nicht handeln, dann ergeht es uns ebenso!“, erinnert Skyla sie.
Sina atmet genervt aus, bevor sie ihre Hände auf Skylas Schultern legt und sich nun hängen lässt.
„Ich schaffe das ohne dich nicht. Ich wäre nicht hier, wenn es ernst wäre!“
Die nervige Reporterin vergräbt ihr Gesicht ins Skylas Oberteil und klammert sich so feste, dass all die Versuche für Abstand vergebens sind.
„Bah! Rotze mich nicht voll! Vergieße deine Tränen woanders!“
„Aber deine Brüste sind so weich, mein Schatz.“
Sie hört ihre Mitbewohnerin lächeln, worauf sich Skylas Ausdruck verdunkelt.
„Wie wichtig ist dir deine Frisur?“
Erschrocken hebt Sina den Kopf. „Warum?“
In diesem Moment wuschelt Skyla gnadenlos durch das Haar der Reporterin und genießt die flehenden Rufe ihrer neuen Freundin.
Der alberne Moment endet abrupt, als Kacie ihre Tochter schimpfend ruft. Mit Unbehagen dreht sich Skyla um und erntet den glühenden Blick ihrer Mutter.
„Wo ist Finn?“, erkundigt sich Thomas verwundert.
Eine Frage, die Skyla ebenso auf dem Herzen liegt. Schließlich zeigt sich ihre Mutter im Moment unberechenbar.
„Er telefoniert mit seiner Mutter.“
Kacie schreitet würdevoll heran und täuscht Skyla, da sie den Blick abgewandt hat. Umso größer ist der Schrecken, als sie beim Vorbeigehen grob nach ihrem Kind schnappt.
„Tante Mary ist nicht nur meine Schwägerin. Sie ist meine beste Freundin!“ Erst jetzt dreht Kacie den Kopf zu Skyla und blickt warnend auf. „Du bringst Unglück, das Mary fern bleiben muss! Daher bleib hier und komm ihr nicht zu nah!“
Das Entsetzen um sie herum registriert Skyla nur halbherzig. Mit dieser Drohung bleibt ihr die Luft weg. Der Drang, Tessa beiseite zustehen, verliert an Größe. Denn Kacies Worte entsprechen genau der Wahrheit. Skyla war und ist ein Problemmagnet.
Kacies mag ihre Tochter Richtung Ausgang schieben, doch Skyla gerät ins Straucheln. Sina erkennt den Schwächeanfall ihrer neuen Mitbewohnerin und hebt Skyla mit einem Ruck auf einen der Barhocker, die zur offenen Küche gehören. Da von Skylas Seite nichts mehr kommt, dreht sich Kacie zu Lukas.
„Zu deinem eigenen Wohl solltest du meiner Tochter ebenfalls fern bleiben. Hast du nicht genug Tränen ihretwegen vergossen?“
Schweigend läuft Lukas an ihr vorbei. Als er Skylas ansteuert, rechnet sie mit mehr Ablehnung. Aber Lukas stellt sich wie eine eiserne Mauer vor sie und aus dem Augenwinkel erkennt sie seinen entschlossenen Blick.
„Skyla braucht uns dringender denn je. Ich bitte dich, verstoße deine Tochter nicht länger“, spricht er schließlich zu ihr.
Verärgert blickt Kacie von ihm auf. Sie will gerade zu Thomas sprechen, da schreckt sie sichtbar zusammen. Ihr Freund hat sie bereits erreicht und mit einem wütenden Ausdruck streckt er die Hand nach ihr aus. Bis Kacie mahnend den Finger hebt.
„Keinen Schritt weiter, Thomas! Erspar mir deine Standpauke!“
„Geh und verlass dieses Haus, Kacie!“, fordert er unbeeindruckt.
Seine Freundin hält überrascht inne, bevor die Zornesader hervorsticht.
„Schön, wie du willst! Ich wollte eh nach Mary sehen!“ In Windeseile zieht sie sich den Mantel über und lokalisiert ihre Handtasche. An der Türschwelle dreht sie sich jedoch um und sucht den Blick zu ihrer Tochter. „Bleib Mary fern! Hast du verstanden?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmt sie hinaus.
Lukas beschließt im gleichen Moment: „Ich gehe ihr nach.“
„Was?“, reagiert sein Vater erschrocken, „Lass das besser bleiben!“
„Ich hatte immer einen guten Draht zu Kacie. Vielleicht kann ich sie zur Vernunft bringen und für Skyla ein gutes Wort bei Tessa einlegen. Ihre Cousine soll nicht glauben, dass Skyla sie jetzt doch im Stich lässt.“
Zögerlich nickt sein Vater. „Also gut, aber pass auf dich auf. Kacie ist mir im Moment nicht geheuer.“
Statt Kacie direkt hinterherzurennen, kehrt Lukas zu Skyla zurück. Er schenkt ihr ein herzallerliebstes Lächeln in dieser absurden Situation.
„Sei unbesorgt. Es wird schon alles gut, Skyla.“
Das Zwinkern danach hat er von seinen Vater. Eine Geste, die sie immer aufs Neue aufheitert. Nostalgisch streckt sie ihre Arme aus und Lukas kommt der stillen Bitte nach. So wie sein Vater es immer tut. Ihr Kindheitsfreund ist unfassbar groß geworden und hat immer mehr Ähnlichkeiten mit Thomas. Trotz der vielen Sorgen und Probleme hält er ständig zu ihr. Daher knufft sie ihn feste.
„Danke dir.“
Sein Herz schlägt hörbar laut und die Röte in seinem Gesicht zeigt, wie ihn die einfachen Worte aus der Bahn hauen. Nervös löst er sich von ihr und ist schneller raus, als ihr lieb ist. Sein Vater tadelt ihn für das Rennen im Haus, aber das scheint sein Kind nicht mehr zu registrieren.
Seufzend schließt Thomas die Tür. Mit einem Blick, den seine Patentochter nur selten zu Gesicht bekommt. Thomas wird selten ernst und bleibt auf Alarmbereitschaft. Wachsam verfolgt er das Schauspiel vor seinem Haus. Eine Chance, die Sina wahrnimmt, und das Gespräch zu ihrer Mitbewohnerin sucht.
„Deine Pläne.“
Es könnte aus Milans Mund stammen.
Milan…
Die Finger tasten nach der Halskette und die Erkenntnis trifft sie wie ein Blitz. Das magische Artefakt hätte ihr gestern den Hintern retten können. Aber sie hat es völlig vergessen. Ihre Reaktion scheint Sina zu verwirren, aber die Reporterin ist aufmerksam und greift nach dem wertvollen Schatz.
„Ohho. Schick. Was ist denn das?“
„Fass es nicht an!“
Doch mit einem Ruck löst Sina die Kette und entfernt sich lachend von ihr. Bei all dem Lärm, dreht sich nun Thomas um und schaut zu ihnen herüber. Skyla ist das ganze Theater unangenehm, aber die Kette ist ein Geschenk von Milan. Etwas, das sie einer chaotischen Frau wie Sina nicht in die Hände drücken darf.
Ein Schrei, und die Reporterin wird unachtsam. Skyla ergattert sich die Halskette und stürmt los. Der Ruf kam eindeutig von ihrem Vater.
„THOMAS!“ Vater Finn kommt ihr entgegen, sodass Skyla abbremst. Ihr alter Herr wirkt etwas panisch und wendet sich verzweifelt an seinen Freund. „Meine Mutter dreht durch! Sie packt ihre Sachen und wird mit einem riesen Donnerwetter kommen!“
Synchron fassen sich die beiden Freunde an den Kopf und blicken, als wäre Oma Ulrikes Besuch das Ende der Welt.
„Nicht dein Ernst! Was hat sie gesagt?“, erkundigt sich Thomas entsetzt.
Finn lockert die Krawatte, als müsse er sich aus einem Würgegriff befreien. Die Tränen stehen Skylas Vater in den Augen und völlig deprimiert gesteht er ihr: „Ihre Schimpfparade hat sich diesmal übertroffen. Sie gibt mir für alles die Schuld und sie brennt darauf, Skyla in die Finger zu kriegen und ihr die Standpauke des Lebens einzuprügeln…“
Mehr muss Skyla nicht hören. Oma Ulrikes Zorn ist wahrlich legendär und furchteinflößend. Besser Skyla springt in das nächstbeste Loch und sendet Gebete an irgendeine Gottheit los, dass sich die alte Frau von allein beruhigt.
„Es ist nicht der Orden, der mich umbringt, sondern meine Oma“, spricht sie trocken zu Sina.
Ihre Mitbewohnerin lacht erheitert, als habe Skyla den lustigsten Scherz bislang gemacht. Erst als die Dämonenbesitzerin ganz langsam ihren Kopf umdreht, scheint dem Sonnenschein der Ernst der Lage bewusst zu werden.
„Ach komm. So schlimm kann deine Oma schon nicht sein.“
Ein Satz, den Skyla zu genüge von anderen Leuten zu hören bekam. Ahnungslose Naivchen.
Ein Grund mehr, Milan schnellstmöglich zu kontaktieren. Wie durch ein Wunder flattert ihr ein Zettel in die Hand. Ein kleiner Papierfetzen, der an dem magischen Amulett hing. Milans Handschrift erkennt sie sofort wieder. Nur leider reagiert Sina schneller und fängt die Botschaft vor ihr auf. Begeistert schaut sie hinauf und entfernt sich freudig. Sie weicht Skylas Fangversuche aus und kramt dabei in ihrer Tasche.
„Nicht! Wir können nicht mit einem normalen Handy anrufen!“
„Keine Sorge, diese Wegwerf-Telefone führe ich immer mit mir.“
Zum Beweis schüttet Sina ihre Tasche auf der Küchenzeile aus, wo ein Haufen von den Mobilphons rausfallen. Sina schnappt sich irgendeins und ehe sich Skyla versieht, hat die Reporterin die Nummer eingetippt und angerufen.
„Moshi-moshi. Hier spricht eine Freundin von Skyla.“
Wie zur Salzsäule erstarrt steht Skyla neben der Verrückten. Einer Frau, die unbedacht handelt und nur noch mehr Ärger einhandelt.
Wie in aller Welt soll Skyla dies Justin erklären?
Er oder Oma Ulrike werden aus ihr Hackfleisch machen.
Das ist sicher!





























































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