Kapitel 11
Sollte Skyla dieses Abenteuer überleben und in die Zeit zurückspringen können, dann darf sich Justin etwas von ihr anhören dürfen. Während sie ihren Körper stählern musste, wurde Agnar und Kai Wissen gelehrt, dass ihr ebenfalls für die Geisterjagd zustehen sollte. Das ihr die Arbeit um einiges erleichtern würde! Geister in Flaschen einsperren, lagern und transportieren – welch eine Genialität! Nur darf es nicht an der Ausführung scheitern. Tatsächlich besitzt Agnar einen Stapel Aufkleber. Ein Runenkreis, der einen einfachen Behälter zum Gefängnis macht. Eine Falle muss her. Doch zuerst braucht Skyla ein Opferlamm. Nur irrt sie bereits zu lange in dunkelster Nacht herum. Orientierungslos und aufgeschmissen. Das Lokalisieren von Störenfrieden gehörte noch nicht zur Theorie. Bedauerlicherweise. Bislang ging es nur um die Identifizierung und besondere Merkmale. Schwächen wurden bei einigen Kategorien angeschnitten, aber zu wenig Theoriestunden konnte Justin ihr gewähren. Skyla ist somit aufgeschmissen. Erneut. Trotz der Fähigkeit, das Unheil anzuziehen. Dann, wenn es darauf ankommt, versagt diese Gabe. Als weiche das Paranormale ihr bewusst aus, weil es ihr Vorhaben erkenne.
Ein Kloß bildet sich im Hals, als ein bekannter Spielplatz erreicht wird. Schaurig durch die nächtliche Beleuchtung. Unweigerlich steuert Skyla die Halbkugel an. Die Finger streichen über die Außenhülle. Aufgrund des beklemmenden Gefühls überwindet sie sich nicht, das Innere zu betreten. Trotz eisiger Kälte und starkem Wind. Das Outfit schützt sie kaum vor dem grausigen Wetter und doch weigert sich das Herz, jenen Ort aufzusuchen. Weil sie versagte, ein Kind zu schützen. Ungeachtet der Folgen. Dem Ausmaß einer Veränderung in der Zeitlinie. Was muss Agnar still und leise gelitten haben. Milan leidet ebenfalls unter dem Versagen. Mittlerweile versteht sie ihn gut. Den Drang für Buße. Zu helfen und alte Fehler zu vermeiden. Nur spielt das Schicksal dagegen. Nicht immer läuft alles glatt. Das bestätigte sich bei ihm und sowohl auch bei ihr.
Der Ruf einer Eule lässt Skyla erwachen und an ihre eigene Aufgabe denken. Die Zeit hängt ihr im Nacken. Ein Blick umher und Skyla fürchtet, sich zu verspäten, indem sie weiter herumirrt. In Geschichten über Geisterjäger stürzen sich diese auf Berichte aus dem Internet oder Zeitungsartikel. Fake oder Wahrheit, das ist die Frage. Ein Spiel auf Risiko. Doch ein Handy besitzt sie nicht und auch da bestehe die Gefahr, unnötig Zeit zu vergeuden. Eine Hexe könne ihr helfen. Doch dazu fehle ihr die Information, wo sich eine in dieser Zeitzone finden ließe. Ein übler Gedanke schleicht sich in den Kopf. Einer, der an Dummheit kaum zu überbieten sei. Nichts mit einer Erfolgsgarantie und doch besser, als mit leeren Händen zurückzukehren. Aber wenn der Plan fehlschlägt, dann war es das für sie. Unruhig läuft Skyla umher. Die Hände fahren hinauf. Dort, wo ihr widerspenstiges Haar sein sollte. Sie erschaudert aufs Neue, als sie nur Stoppeln zu spüren bekommt. Ihre wilde Mähne und sie waren nie richtige Freunde und doch vermisst sie das geliebte Blau. Sowie das Gefühl, die Finger darin zu verhaken.
Nur ein einzelner Zeitwächter ließe sich überlisten. Eine dieser Kreaturen in die Flasche einzusperren würde Agnar sicherlich zum Staunen bringen. Doch vom Scheitern der Gefangennahme abgesehen, bestehe ein hohes Gefahrenrisiko, wenn sie das Übel direkt ins Versteck mitbringt. Zumal das Wissen über die Wesen begrenzt bleibt.
Wie gefährlich können die Wächter überhaupt werden?
Noch sah sie ihre Jäger zu wenig in Aktion und bevorzugte die Flucht. Angelockt werden sie anscheinend von Interaktionen in der Zeitlinie. Regelbrüche. Allein der Gedanke an den wirklich dummen Plan und sie hegt zu viele Zweifel. Sowohl Körper als auch Geist. Die Beine zittern nicht nur vor Kälte. Das Blut rauscht in den Ohren, wenn sie sich an die Begegnungen erinnert. Bislang zeigten sich die Wächter als Herdentiere. Sie kamen immer in einer Gruppe. Doch es besteht Hoffnung, dass sie für ihre Suche sich getrennt haben.
Der Blick hinauf zum leuchtenden Mond und den funkelnden Sternen schenkt ihr Trost und genug Mut, um den Helden raushängen zu lassen. Aber auch nur, weil sie sich an die nächtlichen Besuche in Thailand erinnert. Die stimmungsvollen Momente mit Milan. Seine ehrliche und offene Art der Begeisterung gegenüber Reisen in andere Länder. Er bewies sich als lebensfroher Mensch. Leben ohne Reue. Statt eine Situation zu zerdenken, ließ er das Glück gewähren. Sein Opfer fühlt sich nicht verdient an. Wie Naomi angekündigt hat, bringt Skyla Tod und Verderben. Seine sorglose Art, die ihn ausmachte, war bereits fort, als sie Skyla aus dem Krankenhaus holen wollten. Er war voller Zweifel und Sorge. Alles nur, weil sie Probleme anzieht. Es wäre nur gerecht, die Zeit zu manipulieren und ihm eine zweite Chance zu schenken. Daher darf sie nicht aufgrund ihrer Furcht vor den Zeitwächtern scheitern. Wenn möglich, will sie den alten Milan zurück. Den Unbeschwerten.
Welch ein Segen, dass Emilie auf der Jägerstraße wohnt. Der Spielplatz mag im unbekannten Terrain liegen, doch nach einem Fußmarsch von fünf Minuten und sie findet sich wieder zurecht. Die Bushaltestelle befindet sich ganz in der Nähe von Emilies Wohnhaus. Dort, wo das Unglück mit Agnar geschah. Dort sollten die Zeitwächter lungern, wenn ihre These aufgeht. Skyla steckt viel Hoffnung in ihren waghalsigen Plan, aber es wäre problematisch, wenn die Suche nach Eindringlingen schon abgebrochen wurde und die Kreaturen abgezogen wären. Agnars Angriff geschah zu einer späten Stunde. Auf den Straßen fährt selten ein Auto vorbei und nur zwielichtige Gestalten laufen ihr über den Weg. Leute, die ihr genauso ungeheuerlich sind, wie die Zeitwächter. Sie mag unsichtbar für all die Gestalten sein und doch umgeht sie die Passanten im hohen Bogen. Außer beim letzten Typen. Der hatte glücklicherweise eine leuchtende Uhr an, die ihr vor Augen hält, dass die Zeit knapp wird. Weniger als eine Stunde bleibt ihr. Keine guten Aussichten!
Wie gut, dass sie den markerschütternden Schrei aus der Ferne vernimmt. Hoffentlich eins dieser Dinger und wirklich nur eins. Wenn Skylas Vermutung stimmt, reagieren die Wächter auf Interaktionen. Noch befindet sich der Passant in greifbarer Nähe. Auch für ihre Macht. Aus Sorge vor der Konfrontation versteckt sich Skyla im Häuschen der Bushaltestelle und wagt den Versuch. Mit einem flauen Magen. Zu viel steht auf dem Spiel. Zu mächtig sind die Mönchsmumien. Kaum erinnert sich Skyla an den Angriff in Milans Beisein meldet sich der Phantomschmerz. Das schneidende Gefühl, das sie zurückschrecken lässt und ihr all die Konzentration raubt. Die Arme umschlingen den zitternden Körper und es kostet ein paar wenige Atemzüge, um die Nerven zu beruhigen. Sekunden, die zu einer gefährlichen Distanz gegenüber des Passanten führt. Ehe die Chance verstreicht, sendet Skyla ihre Macht los. Ihre Telekinese hebt die Kapuze seines Hoodies an. Haucht den Kerl nur an. Augenblick bleibt der Fremde stehen und schaut sich sogar um. Er blickt direkt in ihre Richtung und aus Sorge, seine Augen seien ein Spiegel für die Wächter, versteckt sich Skyla eilig. Sie lauscht in die Nacht hinein. Hört das Blut in ihren Ohren rauschen. Bis die Glockenschläge erklingen und tatsächlich ein einzelner Wächter angeflogen kommt. Aus östlicher Richtung. Dort, wo viele Wohnblocks ruhen. Der Wächter steuert den Passanten an, umkreist ihn in einem kleinen Radius. Suchend nach der Bedrohung.
Zitternd stationiert Skyla die Weinflasche. Mittig des Häuschens der Bushaltestelle. Rechts von ihr hängt an Leinen auf einem Balkon Wäsche. Ein großes Laken. Leise huscht sie auf die andere Seite der Reklametafel, dort wo der Wächter sie nicht sehen sollte. Raus aus der Überdachung. Hektisch dreht sie den Kopf um und schluckt schwer. Ein Wächter. Nur einer. Sie darf jetzt nicht scheitern, weil der Mut sie verlässt. Wer garantiert ihr, dass das Wesen nicht einen Kumpel beim nächsten Mal mitbringt? Innig betet sie, dass der Plan Erfolg zeigt. Um dem Strudel negativer Gedanken zu entkommen, schickt sie ihre Macht erneut los. Sie erfasst das weiße Betttuch und lässt es wie einen Geist vom Balkon rüber schweben. Tatsächlich reagiert der Wächter darauf und zieht in die Richtung des Lakens. Daher beschleunigt Skyla die Fluggeschwindigkeit und zieht das Objekt schnell zur Weinflasche. Der Wächter nimmt die Verfolgung auf, streckt einen vernarbten Arm aus und droht, dass Laken zu packen, bevor es das Ziel erreicht. Ein geschicktes Ausweichmanöver rettet den Plan.
Mutig lugt Skyla um die Ecke und macht das Glühen der Runen auf dem Aufkleber aus. Zeichen, die Schlüsseln ähneln. Umgeben von umdrehten Dreieckskronen. Ein Symbol, dass sie sich für die Zukunft einprägen mag. Die Falle reagiert auf den Wächter. Nun wird sich zeigen, ob eine solch einfache Falle einen solch machtvollen Geist gefangen nehmen kann. Um einen Vorteil zu schaffen, schwenkt Skyla das Tuch umher, sodass es dem Zielobjekt direkt ins Gesicht klatscht. Sie lässt das Laken um ihn kreisen, ihn einwickeln. Ein Strudel aus Wind und Licht verlässt den Flaschenhals. Eine Windgeschwindigkeit, die Skyla nur von Orkanen kennt wütet an der Bushaltestelle. Im Tuch windend landet der Wächter im Sog. Es mag sich nur um wenige Sekunden zu handeln, und doch zieht sich der Moment. Skyla fürchtet jederzeit, der Wächter befreie sich aus seiner misslichen Lage. Und wie befürchtet trifft der Moment ein, als das Wesen mühelos mit den scharfkantigen Seiten der Arme den Stoff zerteilt und freie Sicht erhält. Der Kopf schwenkt rüber und es besteht Sichtkontakt. Skyla erschaudert. Erstarrt in Anbetracht der großen Ähnlichkeit zu dem Alptraum, der ihr in der Tiefgarage kurz vor dem Erwachen ihrer Kraft begegnete. Erneut fühlt sie sich unterlegen. Spürt die Verzweiflung, die sie heimsucht. Der Atem stockt und wie hilflose Beute bewegt sie sich kein Stück. Sie wäre dem Tod geweiht, würde der Trick mit der Flasche nicht funktionieren. Denn kaum packt der Strudel richtig zu, saugt dieser den Wächter blitzschnell hinein. Der Wind lässt nach und von der Macht der Runen und dem Wächter fehlt jede Spur. Eilig rüttelt sich Skyla aus der Starre und stürmt los. Sollte Agnar Recht behalten, bleibt der Gefangene nur kurz benommen. Ein kleines Zeitfenster, um das Flaschengefängnis zu versiegeln. Aber in all der Nervosität springt ihr der Kronkorken ständig aus den Händen. Ihre Hände zittern so stark, dass Skyla fürchtet, an der einfachsten Aufgabe zu scheitern. Sie hört bereits den Zorn aus dem Innenleben. Der Wächter erwacht und er wird durchbrechen, wenn sie nicht endlich das Gefängnis versiegelt.
In Momenten wie diesen hätte Lukas die Ruhe weg. Stressbewältigung bei einem Chaoskind wie bei Skyla mit einem unfassbaren Temperament wird nur auf der Arbeit als Köchin gemeistert. Nur in der Küche kann sie alles um sich herum ausblenden. Doch vielleicht liegt hier der Schlüssel zum Erfolg. Fokus auf den Kochtopf. Beim Popcorn zum Beispiel. Keins für die Mikrowelle. Sondern schön selbst gemacht. Ohne Deckel und Feingefühl kann sich schnell der Inhalt überall verteilen. Überall. Nur nicht im Topf. Es mag ein dummer Vergleich sein. Zumal bei ihrem alten Arbeitgeber kein Popcorn hergestellt wurde. Doch es ist der lausige Versuch, die Nerven zu beruhigen. Wie durch ein Wunder steckt der Korken wenig später in der Weinflasche. Noch wehrt sich der Wächter und die Flasche wird ordentlich durchgeschüttelt. Skyla übt Druck auf dem Kopf des Korkens aus und sinkt schweißgebadet auf die die Knie. Beunruhigt kämpft sie um die Kontrolle. Das Glas darf ihr nicht aus den Händen springen. Sonst wäre der Wächter schnell wieder frei. Skyla meint sich sogar daran zu erinnern, dass unter den Geisterjägern erwähnt wurde, dass Plastikflaschen der Hit wären. Eine Plastikflasche wäre ehrlich gesagt in diesem Moment ein Segen. Zumal die Weinflasche lange Zeit vor sich hingegammelt hat. Und doch klammert Skyla an dem schimmligen Ding, weil ihr Leben davon abhängt.































































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