Kapitel 14
Der Stift quietscht über die Tafel, als Skyla sämtliche relevanten Informationen auflistet. Wie bei einer Präsentation für die Schularbeit. Frust keimt in Skyla, denn Milan scheint wenig Interesse an dem Geschriebenen zu haben. Stattdessen fällt er über die Kekse her und betrachtet das Intensivtagebuch mit Skepsis. Theatralisch verbeugt sich Skyla. In der Hoffnung, Milan schenke dem Ganzen dann Aufmerksamkeit. Ein Irrglaube. Gefrustet schreitet sie daher zurück zu ihrem Platz. Zwischen Lukas und Milan. Kaum empfängt sie das weiche Polster, fahren Milans Finger durch ihre Haare.
„Du hattest eine Glatze, Süße.“
Sie nickt zögernd. „Mit meinem Haar konnte ich mein Leben lang wenig anfangen, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich es vermissen würde.“
„Ich liebe dein Haar.“
Milans Atem streift ihren Nacken und jagt ihr heiße Schauer durch den Körper. Seine Streicheleinheiten über dem Rücken lassen sie nicht kalt. Ehe sie sich versieht, lehnt sie gegen seine Schulter. Mason betrachtet das Bild skeptisch. Statt die Tafel anzuvisieren, mustert er stattdessen Milan.
„Hältst du es für klug, deine Fee einfach zu präsentieren?“, spricht der Ex-Soldat ihn an. „Ich würde mich an deiner Stelle vor den Konsequenzen fürchten.“
Milan seufzt laut und klärt ein Missverständnis. „Ich habe nicht das Recht, Mia vorzuschreiben, wann sie sich zeigt oder nicht. Sie kann die Situation besser abwiegen. Doch mich würde eher interessieren, woher dein starkes Interesse an dem Feenvolk stammt.“
„Mason hat auch eine Fee“, flötet Sina im Hintergrund.
Das Medium steht direkt an der Tafel und betrachtet die Notizen aus nächster Nähe. Womit ihr entgeht, wie Mason sich vorwurfsvoll zu ihr umdreht.
„Geheimhaltung liegt dir nicht, Sina?“
Selbst den Tadel scheint sie nicht rauszuhören, denn sie schüttelt etwas geistesabwesend den Kopf. „Nö, nicht wirklich.“
„Ah, ein weiterer Feenbesitzer. Vielleicht findet Mia ja eine Freundin.“
Milan klingt voller Zuversicht. Obwohl er doch die Geschichte seiner kleinen Begleiterin kennt. Mia war schon immer anders. Ausgestoßen und ein Schandfleck für ihr Volk. Skyla bezweifelt, dass sie ihr Herz nun für eine weitere Fee öffnen wird. Als habe Mia ihn überhört, schwirrt die Fee eher vor Skylas Nase.
„Naomi hätte sicherlich Verwendung für den Kopf. Wärest du bereit, ihr diesen auszuhändigen?“
Interessiert hebt Skyla die Augenbraue. „Würde die Aushändigung sich auch für mich rentieren?“
„Ohne Frage.“ Mia nickt überzeugt und ein milder Ausdruck macht sich plötzlich in ihrem Gesicht bereit. „Hör mir nun gut zu, denn ich will mich nicht wiederholen. So naiv dein Zeitsprung auch gewesen sein mag, sollte ich dir danken. Du hast Milan und Justin zurück ins Leben geholt. Die beiden sind mein Zuhause. Meine neue Familie. Ich weiß deine Anstrengung zu schätzen. Und ebenfalls danke ich dir für deine Diskretion. Du bist nicht ins Detail gegangen. Über Justins Schutzgeister. Du hast gezögert, das war eine kluge Entscheidung.“
Skyla nickt. Etwas zögerlich. Denn Mias Dank kommt unerwartet und wirkt wie ein Traum. Erst jetzt wird Milan hellhörig und setzt sich kerzengerade hin.
„Justin und ich wären gestorben?“
Mia rollt mit den Augen und auch Skyla seufzt entkräftet. Er hat ihr einfach nicht zugehört. Sie hätte es wissen müssen. Bei Justins Erklärungen schaltet Milan ebenfalls ab. Er will nur die Fakten, wo befindet sich die Beute und wie kann er es bezwingen. Mehr interessiert ihn nicht.
„Mason?“ Sina kehrt zurück zum Tisch. „Hast du noch Fragen zu Skylas Schilderungen? Denn wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dann auf das zurückkommen, was du verpasst hast, nachdem wir uns trennten.“
„Ich habe eine Menge Fragen!“ Mason starrt erneut rüber zu Skyla. Eisig und misstrauisch. „Aber zuerst kommen wir darauf zurück, was dein Spinnendämon bei sich trägt.“
Die Flasche!
Agnar hütet ihren kleinen Schatz. Den mysteriösen Wächter.
„Ähm…“ Die Sorge wächst in Skyla. „Wenn möglich würde ich den ganz schnell an Naomi liefern. Das Gefäß darf nicht zerbrechen! Auf keinen Fall! Denn ich habe meinen Fang mit zu euch gebracht.“
Entschuldigend schlägt sie die Hände zusammen und zieht den Kopf ein. Sina keucht entsetzt.
„Dieses Wächtervieh? Das unbesiegbare Ding?“
Sie klingt panisch und Skyla kann es ihr nicht verübeln. Die Bombe ist scharf und kann jeder Zeit hochgehen.
„Ja“, gesteht sie kleinlaut.
Anders als Sina sieht Mason die Vorteile. „Damit bietet sich eine seltene Chance, die Wächter zu erforschen. Viele Soldaten hätten ihr Leben für solch einen Fang hergegeben.“
„Zu gefährlich!“, folgt Sinas Einwurf.
„Unfassbar dumm!“, bestätigt Milan kopfschüttelnd. „Wieso fängst du einen Wächter ein?“
Er hat wahrlich nicht zugehört und gerade in diesem Moment könnte Skyla ihn dafür verfluchen.
„Ignoriere sie, Skyla. Du nanntest gute Gründe für diese Entscheidung und ich finde, du kannst stolz auf dich sein“, mischt sich nun auch Lukas ein.
Dankbar schaut Skyla zu ihm herüber, um das Lächeln seines Vaters zu sehen zu bekommen. Ein so herzliches und warmes Lächeln, das ihr den nötigen Halt gibt.
„Jetzt bestärke sie doch nicht! Wir wissen zu wenig über das Ding!“, keift Milan.
„In der Tat, aber Skyla öffnet uns Türen in neue Welten. Dank ihr können wir solche Wesen besser verstehen“, äußert sich Mason kühl dazu.
„Und wer ist dumm genug, diese Dinger zu erforschen?“, kontert Sina.
„Naomi.“
Mia und Skyla antworten gleichzeitig. Erneut eine unangenehme Situation mit der Skyla nichts anzufangen mag. Sie bevorzugt eher das Wortgefecht zu der Fee.
Da Mason fragend die Augenbraue hebt, berichtet Milan brummig: „Ein kleines Hexenbiest, das sich in unser Versteck eingenistet hat und sich mit verbotener Magie auseinandersetzt. Sie lebt für die Forschung.“
„Perfekt!“ Mason erhebt sich voller Tatendrang. „Dann brechen wir direkt mal zu eurem Versteck auf!“
„Wow! Halt! Nicht, bevor wir wissen, ob du uns noch feindlich gesinnt bist!“, protestiert Skyla und drückt Milan zurück auf die Couch. Denn der Geisterjäger lässt sich von der Aufbruchstimmung mitreißen und wollte sicherlich schon das „Go“ fürs Portal geben.
Statt einer Antwort gleitet Masons Blick durch die Gruppe und bleibt am Ende an Sina hängen.
„Der Lagebericht, Sina. Detailliert und objektiv!“
„Objektiv? Das ist nicht meine Stärke, mein Lieber!“
„Ist mir aufgefallen. Versuche es doch bitte!“
Sina zieht kurz eine Schnute. „Und deine Fragen zu Skylas Version?“
„Müssen warten. Denn ich sehe eine ernsthafte Chance, dem Orden zu schaden. Amelia Wein muss ersetzt werden. Das geschieht leider viel zu schnell. Daher haben wir ein kurzes Zeitfenster. Erzählt mir von den Vorfällen und lass mich deren Rückschläge besser beurteilen können. Vielleicht startet noch heute ein Gegenschlag.“
Sina schüttelt schockiert den Kopf. „Mason! Siehe dich um! Wir alle sind erschöpft und ausgelaugt. Skyla hat einen Zeitsprung hinter sich! Wir sind durch die Geisterwelt gewandert und haben ein Attentat mit großen Verlusten überstanden. Ich kann nicht mehr! Ich will nur noch in die Wanne und schlafen!“
Mason nickt. „Ich verstehe, ihr braucht Zeit zur Erholung. Das verstehe ich. Die sollt ihr auch bekommen. Daher bitte ich erneut um den Bericht. Dann wird sich entscheiden, ob ich euer Vorhaben unterstütze. Sollte dies der Fall sein, folgt ein Vertrauensbeweis von meiner Seite. Lasst der Hexe noch heute den Kopf und den Wächter bringen und ihr ruht euch aus. Damit wir in der Nacht aufbrechen können und den Orden durchrütteln.“
Milan strahlt vor Entschlossenheit. „Klingt gut!“
Während Lukas seine Bedenken teilt: „Wir haben Tote zu betrauern und ein paar Stunden der Ruhe werden nicht reichen, um voll bei der Sache zu sein.“
„Der Feind schläft nicht. Er leckt jetzt die Wunden!“, hält Mason ihn vor Augen.
Milan klopft Skyla auffordernd auf die Schulter. „Ganz Recht. Lehnt euch zurück und lasst uns mal machen!“
Skyla verflucht seinen Starrsinn. Laut genug, damit er ihre Gefühle auch versteht: „Ja toll! Damit ich euch umsonst ins Leben zurückgeholt habe? Bist du bescheuert! Ich habe doch mit eigenen Augen gesehen, wie euch die Ritter zerlegt haben! Muss sich der Moment wiederholen?“
Erneut erhält Skyla unverhoffte Unterstützung von Mia, denn die schlägt vor: „Zu überstürzen wäre ein Fehler. Wir sollten später in Ruhe darüber reden. Die Notiz für den perfekten Zeitpunkt eines Angriffes ist vermerkt und noch nicht über der Bühne.“
Eine Argumentation, die Mason mit einem einfachen Nicken absegnet. Zeit für Erholung bleibt in jenem Moment, wo Sina das Reden übernimmt und ihre Sicht der Dinge schildert. Ereignisse, die für alle Anwesenden erst ein paar Stunden her sind, aber für Skyla weit in der Vergangenheit liegen. Die Erschöpfung überwältigt Skyla und lässt sie an Milans Seite einschlafen. Kein Tiefschlaf. Denn bei jeder Bewegung seitens Milan erwacht sie kurz, um sich anders zu positionieren. Winzige Gesprächsfetzen dringen in dem Moment in ihr Bewusstsein. Einwürfe auch von Lukas Seite. Kleine Details, die Sina verborgen blieben. Wie die Sache mit dem Höllenfürsten auf der Autobahn in der Geisterwelt.
Ein Kuss auf die Stirn reicht Milan nicht aus, um sie zu wecken. Frech stupst er Skyla an und belächelt ihre Schlaftrunkenheit.
„Komm hoch mit dir, Süße. Es geht nach Hause.“
„Nach Hause?“, säuselt sie und vor ihr blitzen Bilder vom Kräutergarten und der Wohnung ihrer Eltern auf. Doch anders als zuvor wirkt der Ort, an dem sie aufwuchs, dunkler und kälter. Räumlichkeiten, die sie nicht länger willkommen heißen. Ihr Kopf ruft den angewiderten und verstoßenen Blick ihrer Mutter auf. Scharf wie ein Fleischermesser. Heiße Tränen steigen auf. Ihre Mutter hätte sie zum Sterben zurückgelassen. Wäre Zeuge von ihrer Hinrichtung geworden und unternahm nichts. Im Gegenteil. Sie hat das Attentat begrüßt und unterstützt.
„Süße? Was ist los?“
Mit sorgenvollem Klang beugt sich Milan zu ihr hinab. Wie ein bissiger Hund verscheucht Lukas ihn und zieht Skyla in seine Arme.
„Gib ihr einen Moment, okay?“ Kaum gebellt, wendet sich Lukas ihr zu und streicht ihr sanft über die Wange. „Alles wird gut, Skyla. Ich habe dir doch versprochen, dass ich mich um Kacie kümmere. Ich hole sie zurück und alles wird gut.“
Wenn sie ihm da nicht das Unmögliche aufgebürdet hat. Skyla hegt große Zweifel nachdem, was sie sah. Dennoch fehlt ihr die Kraft, um zu widersprechen, daher nickt sie ab.
„Ich will ja nicht drängen, aber ein Portal zu halten, zerrt an meiner Batterie!“, beschwert sich Mia.
Laut seufzt Milan. „Ich würde dir gerne die Zeit geben, Süße. Aber Mia stößt schnell an ihre Grenzen. Reden wir auf der anderen Seite weiter. Denn ich möchte dich ungern in der Geisterwelt zurücklassen. Schon schlimm genug, dass ihr diesen Ort als Versteck genutzt habt. Viel zu gefährlich!“
„Milan? Könntest du meine Tafel durch das Portal schieben?“ Kaum tritt Sina an seine Seite, blickt sie mit großen Augen hinab. „Hey, Skyla. Du siehst aus, als bräuchtest du eine Umarmung. Komm her!“
Sina hingegen sieht aus wie eine Geschäftsfrau auf Durchreise. Mit all dem vielen Gepäck. Riesige Taschen, die sich auf ihren riesigen Koffer stapeln.
„Als würden wir den Flughafen ansteuern, Sina.“
Kaum ausgesprochen lächelt Skyla traurig.
„Na geht doch. Du scheinst dich etwas besser zu fühlen. Aber darf ich mir Lukas ausleihen? Ich brauche noch ein paar kräftige Hände für meine geliebten Pflanzen. Ich habe mir übrigens deine beiden Schutzgeister ausgeliehen. Auch wenn Agnar sich beschwerte.“
„Du willst den Nerd schleppen lassen? Der bricht doch unter Last deiner Pflanzen zusammen!“ Milan winkt genervt ab. „Lass mich das lieber machen. Er kann ja die Tafel nehmen. Hast du Vorräte hier? Die haben Vorrang.“
Sina schnippt freudig und hält die Hand zu Skyla hin. „Komm gehen wir in die Küche. Du hast sicherlich einen guten Überblick. Packen wir schnell ein paar Sachen zusammen. Ich habe noch Shrimps, die können wir ausfrieren. Außerdem habe ich noch ein paar Kisten Ros´ewein. Oh und der Mozzarella muss dringend aufgebraucht werden.“
„Kommst du klar, Skyla?“
Das sollte sie Lukas fragen. Denn Milan stichelt noch immer. Aber Lukas braucht Gewissheit über ihren Zustand. Daher streicht sie die Tränen fort und bemüht sich um ein Lächeln. Es scheint ihn nicht zu überzeugen, denn noch gibt er sie nicht frei.
„Wird schon. Wie steht es um Mason?“
„Mason ist dabei!“ Stolz hebt Sina den Daumen. „Er hat sogar seine Fee vorgestellt.“
„Sehr gut.“ Voller Tatendrang erhebt sich Skyla, schließlich gibt Lukas sie her. Eine Gelegenheit, um sich zu drehen und nach Milan zu schnappen. Mit gefletschten Zähnen packt sie am Kragen zu. So wie bei Dominik, wenn er die Grenze überschreitet. „Ein letztes Mal warne ich dich, Milan! Hör auf über Lukas zu spotten oder du musst mit Konsequenzen rechnen!“
Statt es ernst zu nehmen, schnaubt er und löst sich gekonnt.
„Welche Pflanzen sollen mit?“
„Hmmm…alle natürlich.“
Sina lächelt entschuldigend, während Milan mit den Augen rollt.
„Mir egal! Sofern du dich darum kümmerst! Lieber Grünzeug als die vielen Totenschädel von Naomi.“
„Ähm…“ Skyla dreht sich beunruhigt um. „Du musst deine Pflanzen verteidigen, Sina. Da laufen eine Menge Katzen herum. Die buddeln bestimmt und knabbern an den Blättern.“
Während Sina scharf die Luft einzieht, erhebt sich Lukas freudig.
„Wirklich? Ihr habt Katzen?“, spricht er Milan an.
Dieser verzieht das Gesicht und brummt: „Nicht wir! Sondern unsere Hexe! Freche kleine Viecher, die dir in der Dunkelheit Todesfallen stellen. Ich stolpere ständig und die zerkratzen einfach alles. Und dann hier! Schau mal! Mein schöner Mantel! Voll von Katzenhaare, weil die Viecher sich überall hinlegen und behaupten, es wäre jetzt ihres!“
„Oh nein! Meine schöne Kleidung!“, reagiert Sina schockiert, während Skyla leise lacht.
Haustiere waren schon immer Lukas und Skylas größter Wunsch. Besonders Katzen. Daher verwundert sie es nicht, wie Lukas voller Erwartungen strahlt. Er wird sich im Versteck sicherlich schnell einleben. Anders als Sina, die nun mit Milan diskutiert, besser in ihrem Versteck zu bleiben. Aus Sorge um ihre Sachen. Auch die Anwesenheit einer mies gelaunten Hexe schreckt das Medium ab. Wie damals zeigt sich, dass Milan ähnlich tickt wie Emilie. Sina und Milan sind schnell einer Meinung und unterhalten sich wie Seelenverwandte. Sie teilen dieselben Ansichten und sind beide genauso aufgedreht. Mia muss dazwischen gehen, um an den Ernst der Lage zu erinnern. Tatsächlich wirkt die Fee ganz schön bleich und zittrig. Daher schnappt Skyla nach Sina und entführt sie in die Küche, um auf die Schnelle zu packen. Mehr als geplant. Es erinnert an einen Umzug bei all dem Kram. Ob Justin das ganze Zeug gutheißen wird? Das wird sich bestimmt schnell zeigen.
































































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