Ascardia 2 – Kapitel 8

~Shaeli~
Dieses Anwesen war so verwirrend, dass ich einfach nicht wusste, wo ich anfangen sollte, zu suchen.
Diese Omega hatte zwar einiges gezeigt, doch so richtig aufgepasst hatte ich nicht. Ich dachte, es wäre einfach herauszufinden, wo die Fürsten wohnten, doch alles hier wirkte uninteressant und langweilig.
Hatte sie vielleicht doch die richtigen Zimmer gezeigt? War der Gang, in dem sie angeblich ihr Schlafgemach hatte, wirklich der Ort, wo die Fürsten lebten?
Ich erinnerte mich an die einfachen Teppiche, die langweiligen Statuen am Rand und die wenigen Wandbehänge und verwarf diese Möglichkeit sofort wieder. Es konnte nicht sein, dass in so einem schäbigen Bereich ein Fürst residierte.
Dass diese Omega dort wohnte, konnte ich mir schon eher vorstellen.
Plötzlich trat ein Mann vor mich. Ich spürte seine Aura, die mit meiner kollidierte.
Ein Fae. Der erste, dem ich hier begegnet war.
»Kann ich der Dame helfen?«, fragte er höflich, doch ich spürte einen unangenehmen Stich.
Der Dame.
Bei Fürst Dorne war ich die Lady des Hauses gewesen. Ich hatte die Aufgabe mich um Haus und Frauen zu kümmern und sogar ein großzügiges Budget dafür. Es wäre ein Unding gewesen, wenn mich einer der Diener so respektlos angesprochen hätte.
Ich gab mir jedoch Mühe, nicht die Nase zu rümpfen. Dieser Fae strahlte Macht aus, die jedoch nicht an meine heranreichte. »Ich suche nach Fürst Veylenreach«, erklärte ich mit ruhiger Stimme. »Es gibt eine Sache, die ich persönlich fragen muss. Es geht um etwas, dass … Lady Ascardia gesagt hat«, bemerkte ich, wobei es mir unglaublich schwerfiel, sie Lady zu nennen. Es fühlte sich falsch an.
»Fürst Veylenreach ist im Moment mit der Lady unterwegs«, erklärte der Fae, was mich die Stirn runzeln ließ.
»Ich spürte ihn noch immer im Anwesen«, erwiderte ich, um zu zeigen, dass es keinen Grund gab, mich anzulügen.
Überraschung huschte über sein Gesicht, dann schien er zu verstehen. »Ah, Ihr meint seinen Bruder. Ja, er ist zugegeben.«
Ich blinzelte. »Sie nutzen die gleichen Nachnamen?«, fragte ich überrascht. Wie konnte es sein, dass es zwei Fürst Veylenreach gab?
»Sie sind Brüder. Solltet Ihr Euch für den genauen Titel interessieren, der ist Fürst Veylenreach von Revelspire. Solltet ihr aber den Lord adressieren ist der Titel Fürst Veylenreach von Aurelshade.«




Das hörte ich zum ersten Mal und ich fragte mich, wieso es so kompliziert war und was Revelspire eigentlich war. Ein anderer Verwaltungsbereich? Herrschte Ayden vielleicht doch über mehr als mir bisher bewusst war?
»Ich würde sehr gern mit Fürst Revelspire sprechen«, erwiderte ich und hoffte, dass seine Anrede so in Ordnung war. »Bitte führe mich zu ihm.«
»Einen Moment, bitte«, sagte er, bevor sein Blick in die Ferne ging.
Zuerst verstand ich nicht, was los war, doch dann wurde mir klar, dass er wohl mental Kontakt zu Ayden aufnahm. Er musste also ein höhergestellter Bediensteter sein, wenn er das so einfach konnte.
»Fürst Revelspire ist einverstanden. Ich führe Euch zu ihm. Bitte folgt mir.«
Ich empfand den Umgang des Mannes mit mir unangebracht, doch ich sagte nichts. Stattdessen folgte ich ihm langsam.
Es überraschte mich, als er mich wirklich in den Bereich führte, den die Omega als Wohnkomplex der Fürsten bezeichnet hatte. Dort war uns der Eintritt eigentlich verboten, doch da mich der Fae direkt dorthin führte, fragte ich mich, ob das stimmte.
Ich versteckte mein Lächeln hinter dem Fächer, der perfekt zu meinem dunkelgrünen Kleid passte.
Hier gab es kaum Kleidung für uns, doch Ayden hatte sie aus unserem alten Heim herholen lassen.
Es gefiel mir nicht, nichts Neues zu bekommen, denn ich wollte auffallen. Doch vielleicht war es auch gut so. Ich kannte meine Garderobe in und auswendig, weshalb es mir nicht schwergefallen war, das schönste Kleid herauszusuchen, das Fürst Dorne für mich anfertigen lassen hatte.
Das Problem war nur, dass ich mich jetzt, zwischen all diesen langweiligen Dingen, Fehl am Platz fühlte. Als würde ich hier nicht hineinpassen.
Wie könnte ein Fürst nur ein so kargen Anwesen haben und sich darin wohlfühlen?
Schließlich klopfte der Fae an einer Tür und öffnete sie. Dann deutete er mir, einzutreten, was ich sofort und mit erhobenen Haupt tat.
»Dame Shaeli ist hier«, erklärte der Mann, der sich leicht verneigte und sich dann zurückzog.
Ayden saß an seinem Schreibtisch.
Das dichte, rabenschwarze Haar mit den leichten Wellen verdeckte sein Gesicht, doch der wunderschöne Bronzeton seiner Haut war kaum zu übersehen.
»Fürst Revelspire«, sagte ich mit ruhiger Stimme zur Begrüßung und knickste.




Er hob seinen Kopf und seine tiefgrünen Augen mit den goldenen Sprenkeln trafen meine.
Obwohl seine Lippen ein Lächeln zierte und eine warme Aura ihn umgab, waren seine Augen kalt.
»Was führt dich hierher? Ich hoffe, es ist wichtig«, sagte er mit einer Stimme, die einen belustigten Unterton hatte.
»Bitte entschuldigt. Ich … wollte mich nur einer Sache vergewissern«, sagte ich schnell und versuchte dabei unschlüssig zu klingen.
Er hob lediglich eine Augenbraue, sagte jedoch nichts. Stattdessen blickte er mich nur abwartend an.
»Ich wollte Euch nicht belästigen«, versicherte ich schnell. »Aber ich wollte vermeiden, unbeabsichtigt gegen eine Regel zu verstoßen.«
Noch immer blickte er mich schweigend an, während seine Aura den ganzen Raum einzunehmen schien.
Es war nicht unangenehm, doch ein wenig drückend, dabei wirkte er nicht, als hätte ich ihn wirklich gestört.
Die Aura, die ich gespürt hatte, war stärker und doch ähnlich. Es konnte nur die von Ayden sein.
»Lady Ascardia erwähnte Räume, die für uns tabu sind«, sagte ich und musterte ihn genau.
Da war wieder diese hochgezogene Augenbrauen. »Das ist richtig. Gibt es damit Probleme?«, fragte er mit einem Unterton in der Stimme, der mich kurz zucken ließ.
Hatte diese Frau recht gehabt? Waren die Räume tabu?
»Ich wollte lediglich sicherstellen, dass ich die Regeln korrekt wiedergebe«, fügte ich hinzu und blickte ihn nun direkt an, während ich meine Schultern straffte. »Ich denke zwar, dass ich mir alle Räume gemerkt habe, aber ich wollte nach dem System dahinter fragen, wirkt es mir doch recht … zufällig«, fügte ich hinzu. Ich wollte nicht, dass er mich für dumm hielt, aber die Räume, die uns diese Omega verboten hatte, ergaben teilweise keinen Sinn.
Ayden musterte mich von oben bis unten. »Wenn du dir die Räume gemerkt hast, ist das gut. Ich werde Euch dennoch einen Plan der Räume des Anwesens reichen. Allerdings werdet ihr die Räume, die euch verboten wurden, auch nicht betreten können. Die Magie meines Bruders wird euch davon abhalten.«
Seine Worte waren überraschend kalt und ließen mich innerlich zusammenzucken, doch nach außen zeigte ich keine Reaktion. Mit der Liste würde ich abgleichen können, was diese Omega gesagt hatte. Ich würde …




Eine Tür wurde aufgerissen und plötzlich stürmte eben jene Omega in den Raum.
Ihre Haare waren zu einem einfachen Knoten gebunden und zerzaust. Außerdem steckte ihr Körper in einem Aufzug, der mich an die Stallburschen von Fürst Dorne erinnerte.
Ich konnte nicht anders, als bei ihrem Anblick die Nase zu rümpfen. »Ayden! Ich habe die Zeit geschafft! Du hast versprochen, ich darf beim nächsten Rennen mitfliegen!«, rief sie mit einem Strahlen auf den Lippen und rannte direkt auf Ayden zu.
Dieser wandte seinen Blick von mir ab und plötzlich erfüllte Wärme den Raum. Das Lächeln auf seinen Lippen und der Blick, den er dieser Omega zuwarf, zog mit den Boden unter den Füßen weg.
Von der kalten Anspannung und der oberflächlichen Höflichkeit war nichts mehr zu spüren.
»Ach ja? Warum sollte ich dir das glauben?«, neckte Ayden, der bis über beide Ohren grinste.
Die Omega verzog den Mund wie ein kleines Kind, was mich die Nase rümpfen ließ. Als Ayden jedoch aufstand und ihr ein Hand auf den Kopf legte, war da ein seltsames Knistern in der Luft. Es war, als würde die Macht um mich herum noch einmal ansteigen. Allerdings gebündelt auf der Stelle, an der Ayden stand.
Es wurde plötzlich schwer zu atmen und meine Brust fühlte sich an, als würde etwas darauf drücken.
Ayden wandte seinen Blick zu mir und die Macht traf mich wie ein Schlag. »Du kannst jetzt gehen, wenn das alles war«, sagte er mit einem Lächeln, doch seine Augen blieben kalt.
Ich konnte kaum noch stehen und schaffte es nicht einmal zu knicksen, als ich zurückwich.
Als ich den Raum langsam verließ, wurde ich mir Ascardias Blick gewahr. Fragend und verständnislos, als würde sie Macht um sie herum, sie gar nicht berühren.
War es das, was sie so besonders machte? Dass sie so schwach war, dass sie nicht einmal die Stärke der Fae wahrnahm?
Kaum hatte ich die Tür geschlossen, konnte ich wieder atmen und schnappte nach Luft.
Meine Beine zitterten heftig, als ich mich von der Tür wegbewegte.
Dieses Zusammentreffen hatte meine Vermutung bestätigt. Es war Ayden, nicht sein Bruder, der die tiefere Macht besaß. Anders konnte ich mir das nicht erklären!

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