06. Parallelwelten

Im Fernsehen hatten die Familienväter strahlende Gesichter, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen. Sie umarmten glückliche, hingebungsvolle Gattinnen, mit den Kindern wurde nach Herzenslust getobt, das Abendessen verlief lebhaft und zugewandt. Die Realität sah eindeutig anders aus. Wenn mein Vater abends die Haustür aufschloss, lag in seiner Miene etwas Starres, Gezeichnetes. Der Begrüßungskuss zwischen ihm und meiner Mutter wirkte mechanisch, eine reine Gewohnheitshandlung. Ihre pflichtschuldige Frage nach seinem „Tag“ beantwortete er stets mit einem knappen, leicht mürrischen „Muss ja“. Sie gab sich alle Mühe, als gute Ehe- und Hausfrau zu erscheinen, aber wenn man genau hinsah, merkte man, dass diese Rolle sie nicht ausfüllte, der lange, einsam verbrachte Tag sie unglücklich machte. Allerdings wollte niemand genau hinsehen, weder bei uns noch in den anderen Häusern der Siedlung, wo es ähnlich lief.

Beim Essen war, abgesehen vom Klappern der Bestecke auf den Tellern, kein Geräusch zu hören. Erst wenn mein Vater um 19 Uhr die „heute“-Sendung einschaltete, beendete der Fernseher die lähmende Stille. Früher hatten wir abends oft Karten gespielt oder eine Partie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. An den Wochenenden waren wir in den Zoo gefahren, hatten Ausflüge in die Umgebung gemacht. Aber all das lag lange zurück. Inzwischen blieb mein Vater den Rest des Abends und einen Großteil des Wochenendes vor dem Gerät sitzen; ohne Kraft für Aktivitäten mit der Familie, mit mir.

Meine Altersgenossen beklagten sich nie, für sie schien das der normale Gang der Dinge zu sein. Ich dagegen empfand dieses Leben als – leblos. Steril, künstlich, vorgefertigt. Als würde es auf Gleisen verlaufen. Die Dinge wurden verrichtet, erledigt, abgespult, abgehakt; jede Aktion, jedes Ereignis war von vornherein festgelegt und geplant. Die Menschen schienen nur Rädchen in einer Maschinerie zu sein, einem gigantischem Uhrwerk. Fortwährend drehten alle sich im Kreis, liefen ihre Runden im Hamsterrad, verausgabten sich und bewegten sich doch nicht von der Stelle. Darüber stellte sich dann allmählich dieses Gefühl von Sinnlosigkeit ein, diese innere Leere, die mit Dingen gefüllt werden musste, mit Gütern, technischen Geräten, bunten TV-Bildern, Events, Reisen. Alles, was irgendwie betäubte, war recht. Und auch diese Betäubung gehörte dazu, war Teil des großen Ganzen, befeuerte es stets von Neuem. Es war wie ein sich selbst erhaltendes System, ein ausgeklügelter Algorithmus – perfekt, aber doch tot.



Dachte ich als Einziger so oder gab es noch andere meiner Sorte? Diese Frage blieb unbeantwortet, denn niemals wagte ich, mit jemandem über dieses Thema zu sprechen. Und so musste ich selbst einen Ausweg finden, irgendeine Möglichkeit, nicht allmählich von dieser trostlosen, reduzierten und reduzierenden Welt vereinnahmt zu werden, wie es mit allen anderen geschah.

Das Lesen war meine Rettung. Ungefähr mit zehn bekam ich zufällig ein paar Hefte in die Hände, Gruselromane, Horrorgeschichten. Die Storys waren simpel gestrickt, sie trennten jederzeit Gut von Böse und endeten in der Regel versöhnlich. Aber gerade diese schlichte Struktur ermöglichte schnelles Abtauchen. Und immer stand das Irrationale im Mittelpunkt, das Unerklärliche, Geheimnisvolle. Übersinnliche Mächte waren am Werk, denen mit Vernunft und Technik nicht beizukommen war. Alles war möglich, keine Idee zu absurd, um von den Autoren nicht aufgegriffen zu werden.

Natürlich verkörperten derartige Machwerke das komplette Gegenteil dessen, was uns gemeinhin als „gute Literatur“ angepriesen wurde. Spannung und Gefühle waren verpönt, Genres wie Horror oder Sciencefiction galten als Schund. Bücher hatten vernünftig zu sein, eine Botschaft zu vermitteln, man sollte etwas aus ihnen lernen. Kurzum: Sie sollten exakt jene Künstlichkeit widerspiegeln, die mich umgab und deren Ausgang ich verzweifelt suchte.

Meine Heftchen lieferten ihn mir, diesen Ausgang; durch sie entdeckte ich eine neue, aufregende, fantastische Welt. Besonders gut gefielen mir Storys, in denen das übliche, vorhersehbare Grundmuster durchbrochen wurde. Dies kam durchaus vor, wenn auch selten. Der Plot meines Lieblingsheftes zum Beispiel war im Italien der Gegenwart angesiedelt, auf einem historischen Schloss im Hochgebirge. Hier geriet der Protagonist, ein junger, moderner Amerikaner, in den Bann eines Fluchs, der auf dem Gemäuer und seinen Bewohnern lastete. Anfangs noch der klassische, männlich-souveräne Held, der stets Ruhe und Überblick bewahrte, entglitt ihm die Situation zusehends, bis er schließlich Hals über Kopf fliehen, sein nacktes Leben retten musste. Am Ende wollte niemand ihm seine Erlebnisse glauben; der Verdacht stand unausgesprochen im Raum, dass er seinen Verstand verloren habe. Zumal die Polizeibeamten bei ihren Recherchen nur eine Ruine vorfanden – das Schloss war mehr als 150 Jahre zuvor von seinen Bewohnern aufgegeben worden.



Häuser, in denen es spukte, rätselhafte Phänomene, Geister aus der Vergangenheit – wie sehr ich mir wünschte, dass dergleichen existierte, aller Gelehrtenweisheit zum Trotz! Dass eines Tages in Erscheinung trat, wovon meine Hefte nur erzählten. Dass die vermeintliche Realität in ihren Grundfesten erschüttert wurde und all die traurigen, rationalen Figuren, die jetzt noch mein Leben bestimmten, endlich einpacken konnten!

Zu den Büchern gesellten sich mit Erreichen des zwölften Lebensjahres auch Filme: Nun durfte ich mir endlich die Horror- und Sciencefiction-B-Movies anschauen, die jeden Sonntagnachmittag in unserem lokalen Kino liefen. Mein Pandämonium aus wandelnden Skeletten, zum Leben erweckten Mumien und fliegenden Schrumpfköpfen wurde jetzt ergänzt um Marsmenschen und andere Außerirdische, um aus dem Tiefschlaf erweckte urzeitliche Reptilien, um Insekten, die infolge von Atomunfällen ins Riesenhafte gewachsen waren. Im Lauf der Zeit entwickelte ich mein Phantasie-Universum weiter, vertiefte und verfeinerte es. Ich entdeckte die englischsprachigen Horror- und Sciencefiction-Klassiker: Blackwood, Lovecraft, Edgar Allan Poe, H.G. Wells. Die Bücher besorgte ich mir auf Flohmärkten oder bestellte sie antiquarisch per Mailorder.

Zwischen anderen Menschen hingegen, egal ob Erwachsene oder Altersgenossen, ob in der Schule, im Verein oder nachmittags im Viertel, fühlte ich mich immer unwohler und deplatzierter. Vor allem eine Situation blieb mir fortan im Gedächtnis, die diesen Entfremdungsprozess besonders veranschaulichte. Sie trug sich in der Umkleidekabine unseres Fußballvereins zu, vor einem wichtigen Punktspiel. Zwei Mannschaftskameraden waren in einen erbitterten Streit darüber geraten, wessen Vater das schnellere Auto fuhr: der mit dem Mercedes oder der mit dem BMW. Der BMW würde schneller beschleunigen, behauptete der eine. „Aber der Mercedes“, erwiderte der andere, „ist besser in der Endgeschwindigkeit.“

Keiner der beiden wollte zurückstecken, es ging hin und her. Immer mehr Umstehende beteiligten sich an der Diskussion, schlugen sich auf die eine oder andere Seite. Auch ich wollte erst mitmachen, aber auf einmal merkte ich, dass ich keine Meinung hatte. Mehr noch: Die ganze Sache war mir eigentlich ziemlich schnuppe. Und so saß ich bloß stumm zwischen den Parteien und schüttelte innerlich den Kopf, dass man sich wegen so einer Nichtigkeit derart ereifern konnte. Schließlich riss mir der Geduldsfaden. „Ist doch egal, welche Karre schneller ist!“, rief ich dazwischen. „Dreck machen beide, und zwar mehr als genug.“ In der Schule hatten wir kurz zuvor über Umweltverschmutzung gesprochen, mit Schwerpunkt auf dem zunehmenden Autoverkehr.



Schlagartig wurde es still, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Alle glotzten mich an, in den Gesichtern Erstaunen, Irritation, Unmut.

„Was hat das jetzt damit zu tun?“, kam es aus der einen Ecke.

„Kaufst du dir später etwa kein Auto?“, scholl es aus der anderen.

„Doch, klar“, stotterte ich überrascht. Kein Auto – das wäre ja gewesen wie kein Fernseher oder kein Dach über dem Kopf. „Aber muss es gleich so eine dicke Karosse sein?“, verteidigte ich mich.

„Was denn sonst?“, fauchte der Reservetorhüter. „Ein R4? Oder ne Ente?“ Er hatte es nie verwunden, dass er statt meiner auf der Bank saß. „Hast du keine Eier? Bist du n Mädchen?“

Offene Feindseligkeit schlug mir jetzt entgegen, Wut, Aggression. Aber ich wollte nicht zurückstecken: „Leute, überlegt doch mal: Wenn alle nur noch solche Autos kaufen, und noch dazu immer mehr – wie soll man die Umweltverschmutzung…“

„Jetzt gib endlich Ruhe, Marc!“, bellte plötzlich der Trainer los, „die anderen reden hier über Autos, und du kommst mit Umweltverschmutzung – geht’s noch? Konzentrier dich lieber aufs Spiel, du hast schon mal besser gehalten.“

Was sollte das jetzt? Er war doch mit meiner Leistung immer zufrieden gewesen. Hatte ich irgendwas nicht mitbekommen? Als wir hinausgingen, herrschte eisiges Schweigen. Alle ließen mich spüren, dass ich eine rote Linie überschritten, eine Art Tabu gebrochen hatte. Für sie war ich jetzt ein Spalter, jemand, der sich bloß wichtig machen wollte. Die Partie verloren wir klar mit 0:2, und bei beiden Treffern sah ich nicht gut aus. Wobei ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, 21 Gegenspieler zu haben anstatt 11, wie sonst. Einige Tage später eröffnete mir der Trainer, dass er für den Rest der Saison auf den Reservetorwart setzen würde.

Ich entschloss mich, den Verein ganz zu verlassen. Hierüber gab es Streit mit meinem Vater; zum ersten Mal seit langem zeigte er Engagement, jedenfalls ein bisschen. Es reichte nicht, am Ende setzte ich mich durch. Die Szene in der Umkleide hatte mir eine Sache unmissverständlich klar gemacht, die schon seit längerem in mir arbeitete: Man durfte nicht ausscheren, nicht von der vorgegebenen Linie abweichen. Und erst recht durfte man nicht am allgemeinen Weltbild rütteln, nicht dieses permanente Immer-Mehr, Immer-größer, Immer-schneller infrage stellen, ansonsten riskierte man, massiv angefeindet und fertiggemacht zu werden.



Aber nicht nur den Sport gab ich in der Folge auf, sondern nach und nach auch alle anderen Aktivitäten, AG’s in der Schule, Treffen mit Freunden. Stattdessen zog es mich nun, sobald die Hausaufgaben erledigt waren, ins Freie. Ich unternahm Wanderungen oder Radtouren zu interessanten Zielen in der Umgebung, einer leerstehenden Villa, einer historischen Wasserburg, einem berühmten Kloster, das.perfekt erhalten und teilweise sogar noch bewohnt war. Mit 18, als ich das erste Auto bekam – einen gebrauchten Polo –, erweiterte sich der Radius für meine Exkursionen beträchtlich. Vor allem erkundete ich nun die großen Wälder der Region, schlug manchmal irgendwo in der Einsamkeit mein Zelt auf und verbrachte ein ganzes Wochenende dort.

Ungefähr in dieser Zeit begannen auch meine abendlichen Rundgänge: Mit dem neuen Vehikel fuhr ich in Orte, deren Altstadt gut erhalten war, und lief dort in den Straßen herum. Betrachtete die Bilder in den erleuchteten Fenstern der historischen Häuser und interpretierte sie auf meine Weise. Malte mir eine Gemeinschaft aus, in der es Wärme gab, Intensität. Stellte mir ein Leben vor, das sich „echt“ anfühlte, obwohl ich nur schwerlich hätte erklären können, was ich damit meinte. Jedenfalls hätte in ihm diese Leere nicht existiert, die meine Wirklichkeit prägte, alles durchdrang und beherrschte. Statt fehlerfreiem Funktionieren in einem System hätte das Miteinander im Fokus gestanden. Nähe und Verlässlichkeit wären wichtiger gewesen als das Besitzen von Dingen und das Streben nach immer mehr – Güter, Status, Geld.

Ziemlich sicher gab ich mich einer Illusion hin, unterschied sich das Geschehen hinter den Fenstern in nichts von meiner eigenen Lebenswirklichkeit. Trotzdem wollte ich nicht ablassen von den abendlichen Wanderungen, wollte die inneren Bilder mithilfe der äußeren immer wieder befeuern, auf dass meiner Traumwelt nicht die Puste ausging. Ansonsten kam früher oder später unweigerlich das Erwachen – und das war stets ein Jammertal…

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