Kapitel 12
Zum siebten Mal beginnt Skylas Handy zu klingeln. Milan versucht ständig sein Glück und textet ihre Mailbox zu. Dank depressiven Stimmung fühlt sie sich nicht danach, dem Geisterjäger ihre Situation zu erklären. Stattdessen wird ihr erschöpfter Körper von Lukas‘ Bettdecke gewärmt. Kai hat es aufgegeben, eine Konversation mit ihr zu führen, denn Skyla antwortet ihm nicht. Die Sorge um Emilie erschwert das Denken. Hinzu kam ein weiterer Zusammenbruch mitten im Gespräch mit ihrer Mutter. Kacie wirkt verändert. Ihre Mama betrachtet sie plötzlich mit ganz anderen Augen. Wärme und Geborgenheit sucht Skyla vergebens bei ihrer Mutter. Seitdem ihre Kräfte ins Spiel kamen, entfremdet sich das Medium immer mehr von ihrer Familie. Sie kann nicht ehrlich zu ihren Eltern sein und bringt ihre Liebsten durch den Orden der roten Sonne in Gefahr. Das Outfit der Hexe Naomi und Skylas gesundheitlicher Zustand schockten ihre Eltern. Verständlich. Wieder log sie. Eine von vielen Lügen. Es fühlt sich falsch an und noch viel schlimmer ist, dass sie Lukas mit hineinzieht.
Frust macht sich in Skyla breit. Ihr Körper zieht ihr einen Strich durch Rechnung. Statt nach Emilie zu suchen, liegt sie in dem Bett ihres besten Freundes und kämpft gegen die Müdigkeit an.
„Bitte warte hier“, hört sie Lukas sagen.
Seine Zimmertür steht offen und seine Stimme klingt nah, aber auch verärgert.
„HEY!“
Skyla hievt sich beim Ruf ihres Freundes hoch und nimmt sich vor, aufzustehen. Selbst, wenn ihre Beine den Dienst versagen werden. Doch ihr bleibt die Luft weg, als einer von Emilies Brüdern in das Zimmer stürmt. Die beiden Geschwister haben große Ähnlichkeit miteinander. Als trete Emilies männliche Version vor ihr. Sein rabenschwarzes Haar wird jedoch kurz gehalten und doch teilt er die Augen mit seiner Schwester. Ein smaragdfarbener Seelenspiegel, der hoffnungsvoll funkelt, als er ihr ins Gesicht blickt.
„Es ist lange her, Skyla.“
„Hey, wie peinlich, dass du mich so siehst.“ Sie lächelt ganz verlegen, bevor die Traurigkeit heimkehrt. „Bitte sag mir, dass Emilie gefunden wurde.“
Ihr Bruder tritt eilig an sie heran, während Lukas mit einer Tasse Tee hineinkommt.
„Entschuldige bitte, Skyla. Er war gar nicht aufzuhalten.“
„Ist schon gut, Lukas. Das ist einer von Emilies Brüdern.“
Ihr bester Freund nickt, als sei dies keine Neuigkeit. Während der andere Junge sie erwartungsvoll ansieht.
„Du kennst meinen Namen nicht oder?“
Skyla seufzt entschuldigend nach seiner Feststellung. „Auch das ist mir sehr unangenehm.“
„Tamir. Merke ihn dir gut, denn ich werde sicherlich öfter auf dich zurückkommen.“
„Wie kann ich dir helfen, Tamir?“
Der große Bruder greift in seine Lederjacke und holt einen zerknitternden Zettel hervor. Er zögert jedoch, diesen zu entfalten und blickt prüfend auf.
„Ich weiß, die Polizei hat dich bereits befragt. Aber sag mir, Skyla, weißt du etwas über Emilies Verschwinden?“
Skyla fühlt das Misstrauen. Bedrohlich wie ein Messer liegt sein stechender Blick auf ihr.
„Ich habe der Polizei gesagt, dass ich Tanja und Janik Rose für gefährlich halte. Seitdem Emilie sich auf Janik eingelassen hat, sah ich sie weniger.“
„Lustig“, bringt Tamir verbittert hervor. „Ähnliches hat Janik über dich gesagt. Du verhältst dich verdächtig. Er empfand es als krankhaft eifersüchtig.“
Es war offensichtlich und doch bleckt Skyla die Zähne. „Wundert mich nicht, dass Janik so etwas über mich sagt.“
„Tanja und Janik kenne ich noch nicht lange, aber die beiden sind ganz liebe und tolle Menschen. Sie wurden schnell von der Familie ins Herz geschlossen und es macht mich wütend zu hören, dass du so schlecht von Janik redest.“
Abwehrend hebt Skyla ihre Hände. „Das ist aber nun mal meine Meinung. Bei mir haben die beiden keinen positiven Eindruck hinterlassen.“
„Weil du bissig bist! Sie hatten nicht mal einen Hauch einer Chance, Freundschaft mit dir zu schließen.“
„Skyla ist nicht bissig! Sie ist vorsichtig und auch ich habe kein gutes Gefühl bei den beiden Geschwistern!“, mischt sich Lukas ein.
Tamir funkelt ihn erzürnt an. „Dich hat niemand gefragt!“
„Hey! Halte ihn daraus! Du bist hier, weil du mich sprechen wolltest, also sei nett zu Lukas!“
Emilies Bruder schüttelt grimmig den Kopf. „Emilie erzählte mir von deinem besten Freund. Ich erinnere mich noch gut, wie traurig sie an dem Tag war, als sie von der Kirmes zurückkehrte.“
Skyla überkreuzt die Arme, denn sie will ein Time-Out. Zum Glück belässt es Tamir dabei.
„Hör zu, es ist super süß, wie besorgt du um deine Schwester bist. Ich will helfen, wirklich. Aber das ist der falsche Ansatz.“
Die Augen des jungen Mannes werden schmal, als er ihr den Zettel hinhält.
„Der lag gestern auf meinem Sitzplatz und der Inhalt beunruhigt mich. Deshalb bin ich hier.“
Ehrfürchtig entfaltet Skyla das Papier und sieht, wie Lukas sich ihnen nähert. Ein computergeschriebener Text. Keine Handschrift, die sie hätten vergleichen können.
In eurer Gesellschaft befindet sich eine Hexe. Eine junge Frau, die sich in eurem Schatten versteckt. Das Ausmaß ihrer Macht lässt sich schwer einzuschätzen, aber unterschätzt niemals die Gefahr, die von ihr ausgeht. Emilie hat einen guten Draht zu ihr. Ihre Güte und Liebe zu ihrer Klassenkameradin ist an solch einer kaltherzigen Frau leider verschwendet. Nach gründlicher Untersuchung sind wir zum Entschluss gekommen, Skyla als potenzielle Gefahr einzustufen. Es ist unsere Pflicht, ihr Umfeld zu warnen. Schenke den Worten einer Hexe keinen Glauben. Falle nicht auf ihre Tricks rein und unterschätze die Bedrohung niemals.
Die letzten Zeilen lassen sich nur schwer lesen, denn Skylas Hände zittern. Nicht aus Angst. Sondern vor Zorn.
„Glaubst du diesen Schwachsinn?“, richtet sie ihre Frage an Emilies Bruder.
„Nicht, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen hätte.“
Tamir spricht in Rätseln. Geschwind erhebt sich der junge Mann und greift nach Kai. Als er ein Feuerzeug hervorholt, lässt Skyla vor Schreck den Papierfetzen fallen.
„Warte! Was soll das werden?“
„Hexe!“, beschimpft er sie und entzündet die Flamme.
Aber Kai pustet diese aus und lacht böse. Sein Wahnsinn hallt in Lukas‘ Zimmer wie das Echo in einem Gebirge, während Tamir angewidert auf den Dämon blickt. Emilies Bruder geht in Wurfposition, aber Kai quetscht sich mit Leichtigkeit aus seinem Griff. Die Plüschwatte ist schnell und trommelt von allen Seiten mit den Bärenfäusten auf den Kerl hinab.
„Du willst mich töten? Mit Feuer? Junge, ich komme aus der Hölle! Ich bade in Feuer!“
Skyla ruft mahnend ihren Dämon, aber Kai hat den Spaß seines Lebens und treibt Emilies Bruder in die Ecke. Tamir muss so viele Schläge einstecken, dass es nicht lange dauert, bis er keuchend zu Boden geht. Wie durch ein Wunder schafft es Skyla, ihren bösen Bären einzufangen. Sie hält ihn eisern in ihren Armen gefangen.
„Sag mal, spinnst du, Kai? Was soll das? Du kannst nicht einfach Leute angreifen!“
Lukas eilt herbei und stürzt sich auf Tamir, der bereits auf den Beinen steht. Die beiden Jungs donnern gegen die Wand, wobei ein Küchenmesser hinabfällt. Erschrocken starrt Skyla auf die Klinge, bis sie Tamirs Killerblick zu sehen bekommt. Er starrt sie wie etwas Abscheuliches an. Wie eine Krankheit, die ohne Kompromiss ausgemerzt werden muss.
„Hexe!“, schimpft er sie.
Ein dicker Kloß bildet sich in ihrem Hals. Es schmerzt, solch eine Beschuldigung an den Kopf geworfen zu kommen. Allein sein Blick lässt sie minderwertig fühlen und daran zweifeln, ob ihre Existenz berechtigt ist. Kai hingegen zeigt seinen Kampfgeist, indem er seine kleine Bärenpfote kampfeslustig hochhebt.
Als Lukas die Nummer des Notrufs in sein Handy tippt, reagiert Tamir mit einem Faustschlag. Es trifft Lukas mitten im Gesicht und haut ihn um. Eine Gelegenheit für Emilies Bruder, um sich das Küchenmesser zu schnappen. Aber zum Glück gibt es noch Agnar. Seine Spinnenweben konfiszieren die Waffe und ziehen es in Windeseile hinauf zur Decke, wo es in einem Netz haften bleibt. Ungläubig blickt Tamir hinauf, bevor er Skyla anvisiert und den Eindruck vermittelt, sie anzugreifen. Am Ende entscheidet er sich für die Flucht. Er stürmt aus dem Zimmer, wobei er Kacie fast umhaut. Skylas Mutter bleibt verdutzt vor der offenen Zimmertür stehen und blickt zurück.
„Lukas! Nein!“, ruft Skyla ihren besten Freund hinterher.
Aber ihre bessere Hälfte stürmt hinterher, als wolle er verhindern, dass Tamir das Haus verlässt. Erschöpft setzt sich Skyla auf den Bettrand, während ihre Mutter eintritt.
„Was soll der Lärm?“
Kacie verschränkt protestartig ihre Arme vor ihrem molligen Körper. Ein paar graue Haare stechen bei dem Brünetten hervor. Skyla zählt einige Sorgenfalten, die mit den Monaten dazu kamen. Verübeln kann sie es ihrer Mutter nicht. Dieses Jahr verläuft alles andere als glimpflich.
„Tamir ist Emilies Bruder. Er hat sich erhofft, dass ich weiß, wo sie sein könnte.“
Die Wahl fällt auf eine Halbwahrheit. Aber Mama Kacie erkennt, wenn etwas nicht stimmt. Ihre Tochter erbleicht, als Kacie den zerknüllten Zettel findet und entfaltet.
„Das gehört Tamir. Das sollten wir nicht lesen.“
Doch ihre Mutter lässt sich nicht bremsen und überfliegt die ersten Zeilen. Das Entsetzen nimmt immer mehr Platz in ihrem Gesicht ein. Kreidebleich faltet sie den Zettel zusammen und steckt diesen in die Tasche ihrer Anzugshose. Wortlos macht sie kehrt, obwohl Skyla nach ihr ruft. Denn Skyla ist danach, mit ihr zu reden. Da ihre Mutter nicht reagiert, fühlt es sich erneut an, verstoßen zu werden. Diesmal für immer. Bittere Tränen sammeln sich in die Augen.
Stumm schließt Kacie die Zimmertür. Es ist Kai, der ihr kumpelhaft auf die Schulter klopft.
„Hast du ihren Blick gesehen?“
Selbst wenn ihr Schutzgeist ein Dämon ist, hat Skyla den Wunsch darüber zu reden.
„Sie verdächtigt Euch.“
Das ergibt für sie jedoch keinen Sinn.
„Was soll das heißen?“
Kais Schweigen wirkt auf sie, als wüsste der Dämon mehr als er zugeben mag. Daher funkelt sie ihn warnend an und zischt seinen Namen. Doch ihr Zorn scheint ihn wenig zu beeindrucken. Er nimmt sich einen kurz Augenblick Zeit für seine Formulierung.
„Ihr verhaltet Euch in ihren Augen merkwürdig und sie hat Euch ständig im Auge. Vielleicht hält sie Euch für geisteskrank.“
Tolle Aussichten!
Skyla sieht es schon kommen, dass sie ihr Zuhause schlagartig verlassen muss, bevor sie in einer Anstalt landet.



























































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