Kapitel 25
Nur wenige Schritte vom Fenster entfernt, öffnet sich dieses von ganz allein. Skylas Macht hinterlässt ein Fingerjucken, daher kann das Medium mit Gewissheit bestätigen, dass sie nichts in Bewegung setzte. Misstrauisch hält Skyla Ausschau nach dem Grund.
„Haltet ein!“
Kaum ausgesprochen, hüpft Kai an ihr vorbei und landet auf dem Fenstersims, um die Lage zu überprüfen. Sein Blick zeigt sich ebenfalls wachsam und auch Mia schaut skeptisch. Sie kommt angeflogen und scannt jeden verdächtigen Winkel ab. Kai springt zurück und hebt die Hände abwehrend, als ein Vogel landet. Die kleine Statur und das braune Gefieder sprechen für einen Zaunkönig. In seinem Schnabel steckt eine kleine Schriftrolle. Als Mia sich diese schnappen möchte, weicht der Vogel zurück und steuert Skyla an. Aus Reflex streckt das Medium die Hände aus, wo der kleine Kerl landet und die Botschaft niederlegt. Die Augen weiten sich, als sich das Tier verbeugt, um kurz darauf, davonzufliegen.
„Werfe es weg!“
Milan klingt aufgebracht und eilt herbei. Doch Skyla zögert. Selbst dann, als er neben ihr zum Halt kommt. Als der Geisterjäger Anstalten macht, nach dem Schriftstück zugreifen, schlägt etwas zu. Eine Dornenranke wuchs aus den Holzdielen. Das Gestrüpp schneidet durch die Luft und trifft wie eine Peitsche. Kaum sieht Skyla das Blut auf Milans Hand, wirft sie die Schriftrolle aus dem Fenster.
„Kai! Verbandszeug!“
Ein Schritt in Milans Richtung und sie wird hinterrücks überwältigt. Eine Klinge blitzt hervor. Kühles Metall liegt nah am Hals.
„Denk nicht mal daran, Jäger! Ansonsten endet es tödlich für deine Freundin! Das wäre eine Schande, denn ich sehe Potenzial in dieser Seele. Nur bin ich es nicht gewohnt, versetzt zu werden! Für gewöhnlich lehnen die Menschen meine Einladungen nicht ab!“
Milan sucht gezielt den Augenkontakt zu Skyla und lächelt zuversichtlich. „Hab keine Angst, mein Schatz. Das ist schnell geklärt.“
Skyla spürt das Beben im Brustkorb des Eindringlings. Während sich Segone über ihn lustig macht, seufzt Skyla entkräftet. Denn für sie steht es nicht gut. Bevor Milan etwas bereut, möchte sie die Sache auf ihre Art regeln.
„Segone? Was möchtet Ihr von mir?“
Plötzlich weiten sich Milans Augen. „MIA! VORSICHT!“
Der Schrei der Fee geht unter, als eine Schar Raben durch das Fenster geflogen kommt.
Ein ungutes Gefühl überkommt Skyla. Sicherlich handelt es sich hier um ein Ablenkungsmanöver. Selbst, wenn es nicht so sein sollte, braucht Milan ihre Hilfe. In Momenten wie diesen, dankt sie Justin für das Training. Segone denkt sicher nichts dabei, als Skyla mit der einen Hand den Schwertarm packt. Vielleicht macht es auf die Königin den Anschein, dass Skyla sich mehr Distanz zwischen der Klinge und ihrem Hals erkämpfen mag. Aber die andere Hand legt sich wenige Zentimeter hinter dem Ellbogen, bevor Skyla den Schwertarm hochreißt und ihren Kopf gleichzeitig aus der Schlinge befreit. Sie duckt sich unten durch hinweg. Bevor das Königsschwert erneut zum Einsatz kommt, erfassen die Finger den Griff. Es reicht ein kräftiger Ruck und Skyla hält es in ihren Händen. Durch das eingeprägte Bewegungsmuster sinkt das Schwert hinab und das Medium schlägt mit der Faust zu. Gezielt ins Gesicht, aber Segone fängt sie am Handgelenk ab. Ihre schwefelgelben Augen blicken sie direkt an, während die Mundwinkel belustigt zucken. Dafür, dass ein Dämon vor Skyla steht, wirkt dieses Wesen fast zu menschlich. Die Königin präsentiert eine atemberaubende Schönheit mit ihren den perfekten Kurven und ihrer anmutigen Gestalt. Ein blasses Gesicht frei von Unreinheiten. Eine hochgewachsene Frau, die Skyla um Längen überragt und ihr auf den Kopf spucken kann. Und doch wirkt der Körper zerbrechlich. Das Kleid liegt eng an. Der Saum reicht bis zum Boden. Der Stoff so dunkel wie die vielen geflochtenen Strähnen, die am Scheitel beginnen und eine beachtliche Länge erreichen. Die Dreadlocks mit dem fliederfarbener Schimmer fließen über die Schultern hinab und berühren fast den Boden. Verziert mit Kristallen. Obsidian wie Skyla feststellt. Bei den Spitzen findet ein Farbwechsel statt. Von Schwarz auf Magenta. Auch die Schminke ist düster und passt gut zu dem eleganten Look. Am Haaransatz glänzt ein Haarreif ebenfalls aus dem magmatisches Gestein, worauf kleine goldene Ornamenten abgebildet sind.
Segone überrascht Skyla mit einem Kuss auf den Handrücken.
„Ich habe lange auf potenziellen Königskanidaten gewartet. Ihr habt mein Schwert und meinen Segen. Nehmt die Krone an Euch und ich befreie Eure Freundin.“
Noch ehe Skyla hinterfragen kann, ob der Dämon über Emilie spricht, ist Milan in Anmarsch.
„Sie lügt!“
Milan schüttelte die Raben ab und wirft Wurfmesser. Segone fletscht wie ein bissiger Wolf ihre strahlend weißen Zähne und fängt jedes einzelne Flugobjekt mit ihrer freien Hand auf. Der Geisterjäger blickt wenig beeindruckt. Ihm wird eine geladene Schrotflinte von Mia zugeworfen, die er sofort bedient und den Dämon von Skyla vertreibt. Zuerst glaubt Skyla, dass seine Schüsse verfehlen, als der Dämon lachend in den Schwarm Raben eintaucht. Aber das dunkle Blut am Boden zeigt ihr, dass Segone verletzt wurde. Milan stellt sich schützend vor Skyla und zielt durch die Gegend.
„Wie ist der Plan?“, spricht Skyla den Experten an.
Aber Milan blendet sie aus. Sicherlich nicht beabsichtigt, denn er wirkt wachsam und sein Körper wirkt bis aufs Äußerste angespannt. Helles Licht dringt aus dem Wirbel schwarzer Krähen und Mias Kampfgebrüll erreicht selbst Skylas Ohren. Der Dämon wird aus der sicheren Zone hinausgeboxt. Keuchend und mit gekrümmter Haltung. Milan nimmt Segone sofort ins Visier und schießt. Aber das Wesen reagiert zu schnell und springt rechtzeitig aus der Schusslinie. Segone purzelt an Milan vorbei und noch während sie ihren Körper mit dem Armen aufstemmt, bringt der Dämon den Geisterjäger mit einem Rundumkick zu Fall. Skyla staunt, als sich Segone vom Boden mit den Armen abfedert und im nächsten Moment sicher auf den Beinen landet. Milan erhebt sich ebenfalls. Skyla sieht den Tritt kommen und handelt. Noch ehe der Dämon ihren Liebsten berühren kann, holt das Medium mit dem Schwert aus. Segone zieht überrascht das Bein zurück, während Skyla unter dem Gewicht der Waffe taumelt. Das Stück Metall ist schwerer, als es aussieht. Obwohl sie keinerlei Fähigkeiten für den Schwertkampf besitzt, richtet sie die Klinge auf Segone, die belustigt lacht.
„Mut hast du“, findet der Dämon.
Milan zieht Skyla in seine Arme und richtet seine Schrotflinte aus. Die Zeit zum Zielen nimmt er sich nicht und drückt direkt ab. Ein Volltreffer! Die Wucht dahinter reißt den Dämon aus dem Fenster, woraufhin sich die Raben in Bewegung setzen und ihrer Herrin folgen. Durch den noch eben von Vögeln durchfluteten Raum sprintet Justin zu seinem Partner. Milan zögert. Anders als Justin. Dieser wagt den Sprung aus dem Fenster. Kurz darauf durchschneidet ein einschüchternder Brüller die Stille. So hat sich Skyla einen Drachenschrei vorgestellt. Naomi kommt Skyla zuvor und beschlagnahmt den Platz neben Milan. In ihren Händen formen sich kleine Blitze zu einer hellleuchtenden Kugel, die sie im nächsten Moment loswirft. Der darauffolgende Donner lässt Skyla zusammenschrecken. Der Adrenalinschub klingt ab und die Erschöpfung kehrt heim. Das Schwert gleitet ihr zuerst aus den Händen. Eine Klinge, die sie im Eifer des Gefechts bislang nicht begutachten konnte. Nun, als ihre Beine nachgeben und sie langsam zu Boden sinkt, fallen ihr die kunstvollen Details auf dem goldenen Griff auf. All die vielen Rosen in Schwarz und einem Weinrot. Umgeben von Krähen. Die Klinge wurde gewissenhaft gepflegt und poliert, als sei sie frisch geschmiedet. Das Schwert einer Königin. Segone machte keine Anstalten, sich ihren Besitz zurückzuholen. Im Nachhinein wirkt es auf Skyla, als liefe alles nach Plan.





























































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