Kapitel 20 – Die finale Frage

Kapitel 20 – Die finale Frage

 

Brian fuhr auf den großen Hof vor der abgelegenen Villa und parkte sein Auto in einer Reihe, wo bereits vier andere Autos standen. Während der Fahrt hatte er sich Sätze und Stichworte überlegt. Eine Taktik, wie er mit Fabrizio verfahren sollte. Doch nun, wo er vor dessen protziger Villa parkte, war alles wie weggeblasen. Brian fühlte sich dumm. Nein, nicht dumm, sondern machtlos. So hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt.

Langsam stieg er aus dem Wagen und prüfte in der Reflexion der Scheibe, dass der Anzug ordentlich saß. Mit bedächtigen Schritten ging er auf die Freitreppe zu und wunderte sich nicht, dass die Haustür bereits von innen geöffnet wurde, bevor er überhaupt oben war.

Zwei Männer musterten ihn stumm. Beide mit halbautomatischen Waffen im Anschlag und einem Knopf im Ohr. Aus gutem Grund war das Gebäude samt Grundstück so stark bewacht, denn als Oberhaupt der Mafia lebte man in ständiger Alarmbereitschaft.

Brian trat ein und nickte den beiden Männern knapp zu. „Wo ist Fabrizio?“

Anstatt zu antworten, streckte einer der Männer auffordernd die rechte Hand aus.

Nur leicht verzog Brian das Gesicht. Natürlich durfte er im Haus keine Waffen tragen. Nicht als Gast. Und dennoch hatte Brian sie mitgenommen. Zur Sicherheit. Brian zog die Waffe, die er sich hinten in die Hose geklemmt hatte, und reichte sie dem Mann. „Sonst keine Waffen. Sorry, Jungs, Macht der Gewohnheit.“

Kein Ton verließ die Lippen der Wachen, bis einer von ihnen ins Funkgerät sprach: „Er kann durch.“

Aus dem Schatten der Wand löste sich ein dritter Mann, Fabrizios persönlicher Butler, der nicht weniger von Auftragsmord und Totschlag verstand, als Brian selbst, und verbeugte sich. „Wenn der Herr bitte folgen würde?“

Brian wurde in den Keller des Hauses geführt. Mit jedem Schritt, mit jeder Stufe wurde ihm mulmiger zumute. Die Tür zu einem schäbigen, schlecht ausgeleuchteten Raum öffnete sich. An den Wänden standen sperrige Regale. Es stank nach Urin, Alkohol, Blut und Benzin. Vorne im Raum stand ein Stuhl, auf dem Evelynn saß. Gefesselt und geknebelt. Aber sie schien unverletzt. Er sah zumindest kein Blut an ihr, dafür war ihre Lippe aufgeplatzt und die Haut um ihr linkes Auge geschwollen. Ihr Oberteil war aufgerissen, bis zum Bauchnabel runter.



„Sie haben ein paar Minuten, bevor der Herr kommt.“ Der Butler schloss die Tür wieder.

Brian atmete auf und eilte sofort auf Evelynn zu. Ihre Hände waren mit Kabelbindern an den Armlehnen festgebunden und auch ihre Füße wurden damit an den Stuhlbeinen fixiert. Natürlich hatte er kein Messer dabei, also nahm er ihr zuerst den Knebel aus dem Mund. Dann ging er vor ihr in die Hocke und legte beide Hände auf ihre. „Geht es dir gut? Bist du verletzt?“

Evelynn schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich“, ihre Stimme klang kratzig, „aber er ist hier, Brian!“ Evelynn räusperte sich. „Was machst du hier?“

„Ich hole dich hier raus. Irgendwie.“ Brian stand auf, nahm ihr Gesicht in beide Hände und streichelte mit dem rechten Daumen über ihre Wange. „Du schaffst es aber auch immer wieder, dich in unmögliche Situationen zu bringen, was?“

Evelynn lächelte gequält und schmiegte ihr Gesicht an Brians Hand. Wie gut sich das anfühlte. „Daran bin nicht ich schuld“, murmelte sie, der Mund trocken und die Stimme rau. „Die Mafia hängt scheinbar an mir.“

„Du hast wahrlich ein Talent dafür, immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.“ Brian drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich suche eben ein Messer oder irgendwas anderes, womit ich dich losmachen kann. Bleib einfach sitzen und stell nicht wieder was Dummes an.“ Zärtlich streichelte er über ihre Haare und trat dann einen Schritt zurück. Obwohl er sich nach außen hin locker gab und scherzte, zerriss es ihn innerlich fast. Warum war Evelynn hier? Was wollte Fabrizio von ihr? Und würde er sie wirklich retten können? Sein Herz würde es nicht verkraften, sie noch einmal zu verlieren.

Er wandte sich von Evelynn ab und ging zu einem der Regale an der Wand, um eine kleine Zange oder ein Messer zu suchen.

„Tz, tz, tz, tz, tz …“ Fabrizio applaudierte. Das Oberhaupt der amerikanischen Mafia löste sich aus dem Schatten heraus, das Gesicht ernst und der Blick dunkel. „Was für ein Schauspiel.“ Bei Evelynn angekommen, strich er ihr sanft über den Kopf, vergrub seine Hand in ihrem Haar und riss ihren Kopf zurück, was Evelynn mit einem angespannten Keuchen quittierte.

„Fabrizio…“, keuchte sie abgehakt, traute sich jedoch kaum, dessen Blick zu erwidern – ihn von Brian zu lösen.



Brian erstarrte vor dem Regal und drehte sich um. Er sah zu Fabrizio und dann zu Evelynn. „Schauspiel?“ Sein Herz schlug viel zu schnell. „Was soll das? Was … Was hat sie getan?“ Und was könnte er tun, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

„Nicht sie, Brian.“ Fabrizio blickte in Evelynns Augen herab. „Sie ist bloß ein Sicherheitsrisiko. Hatte schon viel zu viele Berührungspunkte mit unserer Organisation. Und sie lebt noch?“ Fabrizio wandte seinen Blick Brian zu, die Augenbrauen angehoben.

„Von ihr geht keine Gefahr aus, Fabrizio. Ehrlich nicht …“ Scheiße. Er hatte Nish vor fünf Jahren umgebracht, um Evelynn zu schützen. Aber Fabrizio war eine Nummer zu hoch. Niemand der Capos würde sich mit ihm verbünden, um Fabrizio zu stürzen. Erst recht nicht für eine Frau. „Sie ist schwanger, Fabrizio … und Familie ist heilig.“

Der Mafiaboss grunzte, ließ von Evelynn ab, holte ein kleines Foto aus seiner Hosentasche und wedelte damit in der Luft herum. „Ist mir bewusst. Aber sie hat darauf bestanden, dass es nicht deins ist.“

Brian verzog das Gesicht. „Die Chancen dafür stehen allerdings ganz gut. Ich wollte nach der Geburt einen Vaterschaftstest machen.“ Sein Blick ging zu Evelynn. Warum hatte sie das zu Fabrizio gesagt? Um sich selbst zu schützen oder Brian? Oder hatte sie Brian angelogen, als sie meinte, es wäre seins? „Aber ehrlich gesagt ist mir egal, wer der Vater ist. Es ist ihr Kind. Das reicht mir.“

Evelynns Herz pochte laut und schnell. Sie wollte Brian sagen, dass sie ihn nicht angelogen hatte. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als seine Worte zu ihr drangen. Es war ihm egal?

„Und doch ein Sicherheitsrisiko.“ Fabrizio griff sich an den hinteren Hosenbund, holte seine Glock heraus, drehte sie in der Hand um und hielt sie Brian hin. „Das akzeptiere ich nicht.“

Evelynn stockte der Atem. Ihr Blick huschte zwischen Brian und Fabrizio hin und her, blieb aber immer wieder stockend an der Waffe hängen.

„Hey, Mann … Das ist echt nicht nötig, Fabrizio. Evelynn ist kein Risiko.“ Brian brach kalter Angstschweiß aus.

Fabrizio knirschte mit den Zähnen. „Ich dulde keinen Widerspruch, Brian.“

Brian nahm die Waffe und spürte das Gewicht unnatürlich schwer in seiner Hand. Er senkte den Blick auf die Waffe, um seine Tränen zu verbergen. Er konnte es nicht … Er konnte Eve nicht umbringen. Er konnte nicht schon wieder die Frau verlieren, die er liebte. Nicht schon wieder ein Kind verlieren, bevor es überhaupt das Licht der Welt erblickt hatte. Er konnte nicht … „Ihr Leben gegen meins.“



Evelynn schnappte nach Luft. „Nein!“

Fabrizio runzelte die Stirn. „Eine hormongesteuerte Frau bringt mir nichts, so viel Mut sie auch haben mag. Jetzt benimm dich wie ein Mann und übernimm Verantwortung!“

„Warum Mut, wenn auch Angst reicht?“ Brian holte tief Luft und blinzelte die Tränen weg. „Sie wird nie etwas sagen, wenn sie weiß, was auf dem Spiel steht. Sie wird es nicht tun, um ihre Kinder zu beschützen.“ Brian hob schwerfällig die Hand und richtete die Waffe gegen seine Schläfe. „Schwöre mir, dass sie am Leben bleibt.“ Nur langsam sah er zu Evelynn und wieder brannten Tränen in seinen Augen. „Du findest jemand anderen, der dir einen Ring an den Finger steckt, Liebes. Wenn … wenn es ein Mädchen wird, nenn sie bitte Olivia.“

„Nein! Brian!“ Evelynn riss an ihren Handgelenken; Tränen rannen ihr über die Wangen.

„Papi!“ Die kindliche Stimme hallte durch den Raum, kam von nirgendwo und überall zugleich.

„Was…“ Brian ließ die mittlerweile heftig zitternde Hand sinken und sah irritiert zu Fabrizio. Noch im selben Moment ertönte ein Alarm.

„Waffe auf den Boden! Ich weiß schon, wie Russisch Roulette geht, das musst du nicht demonstrieren! Und der große Mann neben dir soll Mami sofort vom Stuhl befreien! Äh, hey, raus hier, ich bin jetzt am Mikro! Neiin!“

Brian klappte die Kinnlade runter. Fuck! Er warf die Waffe weg. „Sorry, Fabrizio. Aber … Bitte sag deinen Männern, dass sie dem Jungen nichts tun sollen!“ Sämtliche Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen. „Er ist ein Kind!“

„Er ist mein Kind!“ Evelynn knirschte mit den Zähnen. Ihre Handgelenke bluteten. „Niemand wird ihm ein Haar krümmen! Wieso hast du ihn mitgenommen?! Wie kommt mein Sohn hier hin?!“

Fabrizio schüttelte leicht den Kopf. Wie kam ein Kind in seinen Sicherheitsraum? Durch alle Sicherheitskontrollen? Er hatte ja von der Intelligenz des Jungen gelesen, aber jetzt wurde es peinlich. Für seine Männer. Sein Telefon klingelte. Der Mafiaboss hob sein Telefon ans Ohr.

„Boss? Das Kind ist festgesetzt.“

„Gut“, knurrte er. „Ich komme später hoch.“

Plötzlich erklang wieder Yannis’ Stimme im Raum, dieses Mal gehetzt. „Papi übernimmt Verantwortung, indem er Mami heiratet und für mich ein Papi ist! Deine Bedingungen sind erfüllt, Boss der Bosses! Jetzt lass Mami frei! Im Leitfaden für Mafiosos steht, dass Familie nicht angerüh… Ey! Sein lassen! Nein! Ich muss noch fertig reden!“



Im Raum wurde es still. Jeder sah jeden an, Blicke wechselten hin und her. Fabrizio hob die Augenbrauen, da sprach es plötzlich wieder durch die Fernsprechanlage: „Jetzt ist er festgesetzt. Verzeihung.“

Fabrizio musste an sich halten, nicht zu lachen. Eine derartige Sicherheitslücke war nicht lustig. Keineswegs! Aber dieser Junge, verdammt, der musste für ihn arbeiten!

Evelynn hatte die Stirn gerunzelt. „Leitfaden für Mafiosos?“ Sie schüttelte den Kopf. „Papi?! Seit wann…?!“

„Es tut mir leid, Fabrizio. Er muss sich in das Auto geschlichen haben …“ Brian verzog das Gesicht. Ab sofort würde er die Autos selbst in der Garage anschließen. Nicht, dass Yannis noch auf die Idee kam, mit seinem geliebten Lotus eine Spritztour zu machen.

Schnell konzentrierte er sich wieder auf Fabrizio. Es war ihm unmöglich, jetzt Evelynn anzusehen. „Aber der Kleine hat recht. Auch wenn es so einen Leitfaden natürlich nicht gibt. Aber wenn ich Evelynn heirate, gehört sie zur Familie. Zu unserer Familie, Fabrizio.“

„Das stimmt.“ Fabrizios Augenbrauen hoben sich fragend. „Tust du das denn?“

Brian presste die Lippen zusammen. Was für eine verkorkste Situation. Er wandte sich Evelynn zu und musterte ihr verweintes Gesicht. Ob Evelynn wollte, interessierte Fabrizio sicher nicht. Aber Brian war es wichtig. Und ihm war auch ein vernünftiger Antrag wichtig. „Ja, sicher. Aber nicht so.“ Er drehte sich wieder zu Fabrizio um. „Kannst du ihr die Kabelbinder abschneiden? Bitte.“

Fabrizio nickte, holte ein Messer hervor und schnitt Evelynn los. Vor ihr kniend, um auch ihre Fußgelenke zu lösen, sah er zu ihr auf und zwinkerte verschmitzt. „Willkommen in der Familie, Evelynn.“

Evelynn starrte zu dem Schwarzhaarigen hinunter, war aber nicht in der Lage, auch nur einen Ton über ihre Lippen zu bringen.

Fabrizio erhob sich und klopfte Evelynn auf die Schulter. „Dein Verlobter wird dich ins Krankenzimmer bringen. Da wird dir einer meiner Ärzte die Handgelenke versorgen. Deinen Sohn … darfst du wieder mitnehmen. Aber ich erwarte, dass er gefördert wird. In ein paar Jahren wird er zu einem Genie herangewachsen sein. Kluge Köpfchen können wir immer brauchen.“

Evelynn öffnete ihren Mund, um zu protestieren, blieb jedoch stumm. Er hatte Yannis noch in seiner Gewalt.



„Brian!“ Fabrizio ging auf seinen angespannten Capo zu und klopfte auch diesem auf die Schulter. „Erwarte meine Einladung. Zu eurer Verlobungsfeier. Meine Frau wird deiner Verlobten mit Freunden bei der Vorbereitung der Hochzeit helfen. Sie sitzt momentan sowieso viel zu viel herum, wieder mit furchtbar dickem Bauch …“

Brian nickte abgehackt. „Danke, Fabrizio.“ Er konnte kaum glauben, was hier in den letzten Minuten passiert war.

Fabrizio ließ die beiden alleine und ging los, um seine Männer zur Rede zu stellen.

Brian zog derweil sein Portemonnaie und öffnete ein kleines Münzfach, das sichtbar ausgebeult war, mit einem kreisrunden Abdruck. Er öffnete den Reißverschluss von dem Fach und fuhr mit dem Daumen, zögernd, noch ein letztes Mal über die Ausbeulung, die sein Portemonnaie seit dreizehn langen Jahren erduldete. Dann zog er den filigranen Ring, der ihm noch immer so viel bedeutete, heraus und ging vor Evelynn auf ein Knie. Obwohl diese Situation alles andere als romantisch war, wollte er auf diese Geste nicht verzichten. Daher hielt er Evelynn den Ring hin und ergriff mit der anderen Hand ihre Rechte. „Willst du mich heiraten, Evelynn Brook?“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare