Kapitel 19 – Eine Haarsträhne
Kapitel 19 – Eine Haarsträhne
Brian starrte aus dem Beifahrerfenster und knabberte gedankenverloren an seinem Daumennagel. Das Motorrad von Evelynn stand immer noch hinter dem Krankenhaus. Und sie war heute nicht zum Dienst erschienen, wie er nach ein wenig Flirten herausgefunden hatte. Vielleicht war sie gestern mit Bus und Bahn nach Hause gekommen. Und heute einfach nur krank. Oder sie war wieder abgehauen. Immerhin hatte sie es schon einmal getan, und so, wie die Sache beim Frauenarzt verlaufen war, wäre es gar nicht so abwegig. Oder …
Ein schwacher Schmerz riss Brian aus seinen Gedanken. Sein Nagelbett blutete leicht. Zeit, etwas zu unternehmen, anstatt in Gedanken zu versinken. Er brauchte Gewissheit, also fuhr er Richtung Süden, zu Evelynns Elternhaus. Ein Fahrrad stand vor der Tür und ein Kleinwagen in der Einfahrt.
Wenig später stand Brian vor der Tür und klingelte. Auch wenn er keine Lust hatte, mit ihren Eltern zu sprechen: Er musste Evelynn sehen. Er könnte gleich ihre Sachen packen und mit ihr und Yannis in sein Haus ziehen. Es wäre groß genug. Aber wollte sie das auch?
Die Tür öffnete sich und eine Frau mittleren Alters erschien dahinter, musterte ihn abschätzig. Sie trug eine rosa-weiß karierte Kochschürze. Die schütteren, schwarzen Haare hatte sie zu einem strengen Zopf gebunden und zwei Falten an ihrem Mund ließen sie noch strenger wirken.
„Mrs. Brook, nehme ich an?“ Brian lächelte charmant. Er wusste, dass er gut aussah, sein Anzug saß perfekt. Er wäre sicher der Traum vieler Schwiegermütter. Aber auf diese konnte er instinktiv verzichten. „Ist Evelynn zu Hause?“
In gleichem Maße gelangweilt wie auch streng hoben sich Mathildas Augenbrauen. „Wer will das wissen? Einer ihrer nächtlichen Bettgelegenheiten?“
Brian bemühte sich darum, ruhig zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Einer… Einer von Vielen? Nein, das wollte er nicht glauben. Er straffte sich leicht und gab sich selbstsicher. „Nur dieser Eine, Evelynn verkehrt nicht mit anderen Männern, nur mit mir.“ Ob sein Lächeln echt wirkte? „Wo ist Eve?“
Die Alte schnaubte abfällig. „Aber sicher. Wären Sie das, hätten Sie sie geheiratet. Dann hätte sie auch nicht solche Schande über mein Haus gebracht. Aber damit habe ich abgeschlossen.“ Begleitet von einem dramatischen Kopfschütteln stieß sie die Luft aus. „Weg ist das Flittchen, Junge. Weg!“
„Flittchen?“ Brian presste seine Zähne fest aufeinander. Auf den Rest ging er gar nicht ein, denn das ging die Frau absolut nichts an.
„Ganz gena…aah!“ Auf einmal kreischte die Alte auf. Ihre Hand schnellte an ihre Kniekehle. Hinter ihr … Brians Augen wurden groß.
„Du hast Mami rausgeschmissen!“ Yannis trat noch einmal nach seiner Großmutter, dicke Tränen in den blau-violetten Augen. „Und jetzt nennst du sie Flittchen! Dabei bist du eine Hexe! Eine böse, dreckige Hexe!“ Der Junge sah zu Brian auf. Groß war er geworden. Und doch waren seine blonden Haare noch immer strubbelig und wild, die Augen groß, unschuldig und wissensdurstig und die Haut so blass und rein wie Evelynns. Nur dass in den sonst so neugierigen Augen gerade ein regelrechtes Feuer loderte, das bei Brians Anblick langsam zu einer mickrigen Glut wurde und dann schluchzend erlosch. Yannis warf sich wimmernd auf Brian und legte ihm die Arme um den Oberkörper. „Sie hat sie rausgeworfen und als sie mich holen wollte, hat sie sie nicht mehr reingelassen!“
Instinktiv legte Brian seine Arme um Yannis und streichelte mit einer Hand seinen Kopf. „Wir finden deine Mutter. Sie würde nie ohne dich gehen.“ Brian musterte Evelynns Mutter. „Ich nehme Yannis mit zu mir. Denn wir beide wissen, dass Evelynn nicht abhauen würde. Nicht ohne ihren Sohn.“
Keuchend richtete sich Mathilda auf, das Gesicht vor Zorn verzerrt. „Das werden Sie nicht! Der Junge ist klug, er braucht die richtige Förderung und eine strenge Hand, die ihn erzieht! Nicht eine Tunte von Mutter, die die Beine für jeden beliebigen Mann breitmacht, sich Drogen reinzieht wie Wasser und Geld stiehlt!“ Harsch schnappte sie nach Yannis, packte ihn am Arm und zog ihn zu sich. „Lass den Mann los, Yannis!“
Brian zog kurzerhand Yannis‘ Pullover aus, sodass seine Großmutter nur noch das Kleidungsstück in der Hand hielt. Dann schob er den Jungen hinter sich, außer Reichweite dieser unmöglichen Person. „Das reicht jetzt aber! So reden Sie nicht in Anwesenheit von Yannis über Evelynn!“ Dann blickte er über seine Schulter zu dem Jungen. „Willst du mit mir kommen und wir suchen deine Mutter zusammen? Oder willst du hierbleiben, Yannis?“
Ruckartig schüttelte Yannis den Kopf. „Ich komme mit dir! Immerhin bist du jetzt Familie! Das hat Mami gesagt!“
Hatte sie das? Interessant … „Dann komm, ich bringe dich zu mir.“ Erneut wandte er sich Evelynns liebreizendem Albtraum einer Mutter zu. „Ich komme später noch einmal vorbei und hole ein paar Sachen von Yannis ab.“ Er würde zur Sicherheit noch Rick mitnehmen. Und am besten Jennifer und Patricia. Die könnten gleich die Sachen von Evelynn packen und dafür sorgen, dass von Yannis so viel mitgenommen würde, wie möglich. Vor allem die Schulsachen.
„Nein! Das können Sie nicht!“ Das Weib kreischte schrill. „Ich hole die Polizei! Das ist Entführung!“
„Nein, Yannis geht nur mit seinem Vater mit. Was Sie hingegen tun, ist strafbar. Nicht nur, dass Sie ihre eigene Tochter aus dem Haus werfen, obwohl diese schwanger ist. Sie halten auch noch Yannis von seinen Eltern fern.“ Brian lehnte sich damit verdammt weit aus dem Fenster, aber zur Not würde er Yannis adoptieren, dann konnte diese Ausgeburt der Hölle ruhig weiter zetern. Wie selbstverständlich griff Brian nach Yannis‘ Hand und zog ihn mit sich auf die andere Straßenseite zu seinem Auto. Dabei war der Junge sicher nicht mehr in dem Alter, in dem er an der Hand gehalten werden wollte.
Yannis aber wehrte sich nicht. Nein, stattdessen blickte er zwischen Fassungslosigkeit und Rührung schwankend auf Brians große Hand, die seine kleinere umfasste, und lief ihm nach. „Wirklich?“, hauchte er ungläubig. „Wirklich?“ Yannis schniefte leise. Fühlte es sich so an, einen Papi zu haben? Sorgte sein Papi für das schöne Gefühl, das sein Herz so schnell schlagen liess?
„Ja, Kleiner. Wirklich.“ Und dennoch fühlte es sich für Brian völlig surreal an. Er würde mit Eve darüber reden müssen, denn er hatte sich nun ziemlich weit vorgewagt. Eigentlich war es kopflos gewesen, sich als Yannis‘ Vater hinzustellen. Er mochte den Kleinen und wollte ihn nicht verletzen. Ihm keine falschen Hoffnungen machen. Aber anders hätte er ihn nicht aus den Klauen dieser Teufelin bekommen.
Wenig später saß Yannis auf dem Beifahrersitz und Brian startete den Motor. Er warf keinen Blick zurück zu dem Haus. Wenn Yannis nicht seine Schulsachen bräuchte, würde er auch nie wieder herkommen. Aber der Kleine musste in die Schule.
Er fuhr Richtung Boston und seufzte tief. „Sorry, dass das eben so scheiße lief. Du hast gesagt, deine Grandma hat deine Mutter rausgeworfen? Wann?“
„Vorgestern in der Nacht. So ein bizarrer Mann, dünn und lang, hat sie aus dem Auto gelassen und dann versucht, sie zu küssen. Als sie ihn losgeworden ist, hat Grandma die Tür aufgemacht … und Mami nicht mehr reingelassen. Und dann wollte sie mich holen…“ Yannis schniefte leise. „Am Ende ist sie mit dem Motorrad weggefahren.“ Kleinlaut fügte der Kleine hinzu: „Ich hab’s durchs Fenster gesehen und gehört. Grandma hat fürchterlich böse Dinge gesagt. Genau wie heute.“
„Gestern war ich mit deiner Mutter noch unterwegs.“ Brian warf Yannis einen nachdenklichen Blick zu. Ob er erzählen sollte, dass seine Mutter schwanger war? Oder würde es den Jungen nur noch mehr belasten? Es wäre klüger, dieses Thema erst anzusprechen, wenn Evelynn wieder da wäre. „Also mach dir keine zu großen Sorgen, Yannis. Ich werde deine Mutter finden.“
„Natürlich müssen wir sie finden!“ Yannis’ Gedanken flitzten durch seinen Verstand, einen um den anderen. Er wischte sich die Tränen fort. Dafür hatte er keine Zeit. „Was weißt du alles? Wo könnte sie sein? Sie hat sicher im Krankenhaus geschlafen. Oder bei dir! Hast du da schon nachgeguckt?!“
Brian nickte nachdenklich. „Ich war schon im Krankenhaus, aber deine Mutter hat sich dort nicht gemeldet und ist auch nicht zum Dienst erschienen. Bei mir ist sie nicht. Aber meine Männer halten Augen und Ohren offen.“ Nachdenklich lenkte Brian sein Auto durch den dichten Verkehr. Hatte Evelynn ihm wieder hinterherspionieren wollen, sich aber an die falschen Männer gehängt? Aber dann wäre ihr Motorrad nicht auf dem Parkplatz ihrer Arbeit. Und genau bei dem Gedanken kam ihm eine Idee und er tippte kurz auf das Display seines Autos. „Hey, Audi. Ruf den Kontakt Jeff M. an.“
„M. Jeff wird angerufen.“
Ein Freizeichen ertönte durch die Freisprecheinrichtung. Dann meldete sich eine junge, verschlafene Stimme. „Boss …?“
„Guten Morgen, Jeff. Ich möchte, dass du die Überwachungskameras am Bostoner Kinderkrankenhaus prüfst. Da steht ein Indiana Motorcycle, vermutlich schon seit gestern. Guck bitte nach, ob du erkennen kannst, wann die Fahrerin das letzte Mal an ihrem Motorrad war.“
„Oh, Krankenhaus… Das ist nicht so einfach zu hacken.“
„Du wirst es trotzdem schaffen“, erwiderte Brian.
„Hm, vielleicht. Ich geb mein Bestes.“
„Danke, Jeff. Melde dich, wenn du was weißt.“ Brian tippte auf den roten Hörer am Display und beendete das Gespräch. Dann wandte er sich zu Yannis. „Hast du schon was gegessen?“
Der Junge starrte fasziniert auf den Bildschirm des Autos und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Brian? Kann ich hacken lernen?“
„Bei deiner Intelligenz würdest du das vermutlich sogar spielend leicht lernen können.“ Brian stoppte an einer roten Ampel und sah den Jungen nachdenklich an. „Du weißt, was Kriminalität ist? Was richtig und was falsch ist? Und du weißt auch, dass die bösen Jungs entweder sterben oder in den Knast kommen, nicht wahr?“
Yannis verdrehte die Augen. „Schon klar. Mein Onkel ist ja das beste Beispiel. Hat dir Geld geklaut, es versehentlich Mami gegeben und jetzt fault es im Spülkasten bei Grandma vor sich hin.“ Yannis verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber du lebst noch und im Knast bist du auch nicht. Und du gehörst auch zu den Kriminellen. Das ist offensichtlich.“
Geld im Spülkasten? Geklautes Geld? Moment mal! „Weißt du, wie viel es ist?“ Die Ampel wurde grün und Brian fuhr weiter in Richtung Jamaica Plain.
Kopfschüttelnd blies sich Yannis eine Strähne aus dem Gesicht. „Nein. Viel. Ich hab’s nicht gezählt.“
War es wirklich das Geld, das Emanuel ihm damals unterschlagen hatte? Wahrscheinlich war es nicht mehr besonders viel, weil sich Evelynn in den letzten fünf Jahren davon bedient hatte. Allerdings hatte Brian die fünfzig Riesen mittlerweile längst abgeschrieben und in seiner jetzigen Position waren es Peanuts. „Ja, ich gehöre zu den Kriminellen, das stimmt. Ich bin kein netter Kerl und habe schon ein paar Menschen umgebracht.“ Während Brian abbog, sah er wieder kurz zu Yannis. „Aber du hast alle Möglichkeiten offen. Du bist clever und kannst studieren. Du könntest Arzt werden, Wissenschaftler … Du könntest seltene Krankheiten heilen, die mehr Menschen umbringen als Drogen oder Kugeln.“
Yannis biss sich auf der Innenseite seiner Wange herum. „Ja. Das alles könnte ich machen. Aber Forscher sind immer nur so gut, wie die finanziellen Mittel, die sie bekommen. Und Medizin ist spannend, aber sie hat auch offensichtliche Lücken in ihrem Wissen, die keiner zu schließen bereit ist, weil ihnen das Geld dafür zu schade ist. So wird es in der Forschung immer sein, denn die Verteilung der Finanzen ist subjektiv gesteuert. Wenn ich also in die Forschung gehe, will ich forschen, was mich interessiert, nicht, was meine Vorgesetzten wollen. Am Ende wollen die mich noch küssen …“ Yannis schauderte. „Nein. Da schaffe ich mir lieber mein eigenes Geld an. Und was kriminell ist, ist schlussendlich auch nur die Meinung weniger, auf einem Papier niedergeschrieben.“ Yannis kratzte sich am Kopf. „Drogen sind natürlich nicht gut. Das sagt Mami, seit ich denken kann. Und natürlich werde ich nie welche nehmen, denn der Einfluss, den sie auf das menschliche Gehirn haben, ist alles andere als förderlich. Zeigt sich ja an Mami. Sie hat sich in dich verliebt, obwohl du kriminell bist, was in ihren Augen wirklich nicht gut ist. Und du kannst eigentlich auch nicht mehr so viele Gehirnzellen haben, immerhin hast du das Kondom vergessen, als ihr mein kleines Geschwisterchen gemacht habt.“
Brians Mundwinkel zuckten verdächtig. Diese abgeklärte und aufgeklärte Intelligenz eines Zehnjährigen war sowohl erschreckend als auch irgendwie lustig. Und trotzdem fehlten ihm noch ein paar Kleinigkeiten. „Das lag nicht unbedingt an fehlenden Gehirnzellen. Glaube mir, wenn du noch ein paar Jahre älter bist, wirst du merken, was Hormone mit dir machen können. Hormone beeinflussen uns enorm. Vor allem die Sexualhormone. Wenn dein kleiner Freund da unten dein ganzes Denken ausschaltet und…“ Okay, Stopp. Er sprach hier immerhin auch darüber, dass er mit Yannis‘ Mutter Sex hatte. Das lag nicht alles nur an Hormonen. „Ich mag deine Mami, Yannis. Sie ist für mich wie eine Droge. Wenn ich sie sehe, wenn sie bei mir ist … dann fällt es mir manchmal schwer, rational zu denken. Schon mal das Wort ‚triebgesteuert‘ irgendwo gelesen?“
Yannis nickte energisch. „Natürlich. Das Triebverhalten von Mensch und Tier befindet sich im limbischen System unseres Gehirns und bildet zusammen mit dem Thalamus und der Amygdala praktisch das ursprüngliche Gehirn. Zwar ist der Thalamus für die Funktion unseres Gehirns unerlässlich und die Amygdala für sämtliche Emotionen zuständig, aber nichtsdestotrotz zeigt es auf, wie primitiv wir einmal gewesen sind. Also der Mensch. Aber auch das Tier. Ist spannend, oder? Der Thalamus verarbeitet sensorische Eindrücke unseres Körpers in Signale, die unser Gehirn…!“ Yannis blickte zu Brian rüber, dessen Augen viel zu konzentriert auf die Fahrbahn gerichtet waren. „Oh …, ja …, Mami hat mal gesagt, Männer sind nicht multitaskingfähig. Ich kann es dir zu Hause nochmal erklären. Gehen wir jetzt eigentlich in dein Haus? Hast du ein Haus? Oder in die Wohnung?“
Thalamus und Amy-was? Brian konzentrierte sich auf die Straße. Fuck! Das Gespräch war auf einer Seite so surreal und komisch, dass er beinahe angefangen hätte zu lachen. Und auf der anderen Seite war es so ernst und fachmännisch, dass Brian seine eigene Unwissenheit schmerzlich vor Augen geführt wurde. Der Junge war erst zehn und wusste schon so viel mehr als er.
„Hab ein Haus“, brachte Brian mühsam hervor und fuhr bald darauf in das schicke Viertel ein. Villen rechts und links, soweit das Auge reichte. Und auf eines der imposanteren Gebäude hielt Brian zu. Mit einer Fernbedienung öffnete er das große Tor, fuhr in den Hof und direkt in die geräumige Doppelgarage. „Willst du erst etwas essen oder dich zuerst umsehen?“ Brian schaltete den Motor ab und stieg aus.
„Woooooowwww.“ Yannis hatte sich abgeschnallt und war aus dem Auto gestiegen. „Brian, wie viel verbraucht der?“
Brian sah zu seinem Sportwagen. Ein Sammlerstück, ein Hingucker. „Kein Verbrenner“, meinte er und lächelte breit, als Yannis um das Luxusauto herumging. „Ein Lotus Evija. Davon wurden nur 120 oder 130 Stück gebaut. 2000 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von fast 200 Meilen die Stunde.“
„Uhhhh …“ Mit großen Augen umrundete Yannis das Auto. „Wenn du jetzt mein Papi bist …, darf ich dann…“
„…mal mitfahren, ja. Wir können mal eine Spritztour damit machen. Aber erst, wenn wir deine Mutter wiederhaben.“ Brian deutete auf die Tür, die ins Innere des Hauses führte. „Na komm. Du hast mir immer noch nicht gesagt, ob du Hunger hast.“
„Oh, hm, ja, essen wäre gut, sonst funktioniert mein Körper nicht richtig. Und dann kann ich Mami nicht retten gehen! Oh, oh …!“ Aufgeregt sprang Yannis auf und ab. „Zeigst du mir, wie man schiesst?!“
„Vergiss es“, schnaubte Brian. Alles in ihm sträubte sich dagegen, Yannis eine Waffe in die Hand zu drücken. Obwohl er wusste, dass es für viele Väter normal war, ihren Kindern den Umgang mit Waffen zu zeigen. Aber nicht in einer Großstadt. Sie waren nicht in Texas oder auf irgendeiner Ranch. Yannis sollte nicht mal ein Tier erlegen. Für ihn war das kein Prozess, um ein Mann zu werden. Für ihn war es ein Prozess, seine Seele zu verlieren. Langsam, aber stetig. „Du hast Besseres verdient als die Scheiße, in die ich hereingerutscht bin. Du hast die Möglichkeit, aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen. Lass dich nur nicht von Geld und Macht blenden. Das Leben hier ist nur Überleben. Das hier ist ein täglicher Kampf.“
Yannis runzelte die Stirn. „Jetzt wirst du aber poetisch … Das Leben ist immer ein Kampf. Immer Arbeit. Und das immer nur mit dem Ziel, genug Geld zu haben. Ich sehe es Mami an, wenn sie von der Arbeit kommt. Sie ist müde. Arbeiten macht ihr keinen Spaß, aber sie muss es machen. Wenn wir also poetisch sind, dann ist jedes Leben ein Kampf und jedes Leben entsprechend scheiße, denn wer will schon das ganze Leben lang kämpfen? Ohne jemals zu ruhen?“
„Der richtige Job kann Spaß machen“, erwiderte Brian und ging in die Küche durch. Er machte ein paar Pancakes und zeigte Yannis nach dem Essen die oberen Schlafzimmer, damit der Junge sich eines aussuchen konnte. Kaum waren sie wieder unten, klingelte das Handy von Brian. Jeff rief an. Sofort nahm er das Gespräch entgegen. „Hey, hast du was herausgefunden?“
„Ja. Und es wird dir nicht gefallen. Ich habe dir einen Clip geschickt. Da sieht man deutlich den Van und zwei Männer, die die Fahrerin von dem Motorrad entführt haben.“
Entführung … Scheiße. „Danke, Jeff. Ich sehe mir das an.“ Brian legte auf und wandte sich Yannis zu. „Willst du etwas fernsehen? Ich muss ein paar Minuten ins Büro.“
Yannis’ Blick hatte sich verdunkelt. „Es geht um mein Mami.“
„Ja.“ Brian war sich unschlüssig, wie viel er sagen konnte. Yannis mochte zwar hochintelligent sein, aber er war erst zehn Jahre alt. „Ich habe vielleicht eine Spur, die zu ihr führt. Und das muss ich mir ansehen. Aber du musst hierbleiben, ok? Ich kann mir nicht um euch beide Sorgen machen.“
Unzufrieden kaute Yannis auf seinen Lippen herum. Etwas, was er zweifellos von seiner Mutter hatte. Schließlich platzte es aus ihm heraus: „Ich hasse es, dass ich nie mitkommen darf, nur weil ich erst zehn bin! Ich will Mami auch helfen!“
„Du hilfst mir und deiner Mami, indem du dich vor den Fernseher setzt, Yannis.“ Etwas anderes stand nicht zur Debatte.
Brian ging wieder die Treppe hoch und betrat sein Büro. Er schaltete seinen Laptop ein, wählte sich auf den VPN-Tunnel und griff auf das große Cloud-Netzwerk zu. Eine nervige, aber notwendige MFA nebst Passworteingabe, und dann konnte er endlich den Clip starten. Er sah das Motorrad in der Abenddämmerung. Ein Blick auf Datum und Uhrzeit bestätigte ihm, dass es gestern am späten Nachmittag gewesen war. Evelynn ging auf das Motorrad zu, setzte den Helm auf und stieg auf das Motorrad. Und dann passierte … nichts. Die Sekunden verstrichen, die Minuten verstrichen und die Sonne ging unter. Evelynn saß immer noch auf dem Motorrad.
„Wie ein Häufchen Elend …“, stellte Brian fest. „Warum bist du nicht zu mir gekommen, Eve …?“ Je länger sie da saß, desto mehr schmerzte es in seiner Brust. Denn es war ganz offensichtlich, dass sie völlig verloren war. Und sicherlich hatte sie unter dem Helm auf ihrer Unterlippe genagt. „Eve …“ Gott, wie sehr er diese Frau vermisste. Schlimmer noch, als vor fünf Jahren. Da hatte die Wut seine Gefühle abgeschwächt. Die Gefühle, die er für Eve empfand. Dabei hatte er geglaubt, das Leben innerhalb der Mafia habe ihn abgestumpft. Doch nun merkte er, wie heftig sein Herz in der Brust pochte. Wie sehr es schmerzte, weil … weil sie fehlte.
Sein Zeigefinger berührte den Bildschirm. Die Fingerkuppe war riesig im Vergleich zu der schmächtigen Person auf dem Bild. „Halte durch. Wo immer du auch bist.“
Scheinwerfer erhellten das Bild. Ein Van parkte neben dem Motorrad und Brian fluchte unterdrückt, weil Evelynn sich nur aufrichtete, aber wie erstarrt sitzen blieb. Sie hätte noch wegfahren können…
Zwei Männer stiegen aus, einer umrundete das Motorrad und ihr wurde das Visier hochgeklappt. Ein Tuch, vermutlich mit Chloroform getränkt, wurde in den Helm gedrückt. So ganz konnte Brian es nicht erkennen. Aber was er sah, war, dass Evelynn kurz darauf zusammensackte. Die beiden Männer brachten sie in den Van, und der fuhr wenig später vom Parkplatz. Und da stoppte die Aufzeichnung.
Brian sah sich die letzten Minuten erneut aus. Die Männer stiegen aus dem Van. Einer umrundete das Motorrad … Schnell pausierte Brian das Bild und ging näher an den Laptop ran. Der Mann … Der etwas größere Mann blickte kurz in Richtung der Überwachungskamera. Und diesen Mann …
Es klingelte an der Tür. Erschrocken klappte Brian den Laptop zu. Es kam selten vor, dass hier jemand klingelte. Meistens nur, wenn er etwas bestellt hatte. Und das war nicht der Fall. Während Brian die Treppe runterging, dachte er mit gerunzelter Stirn über den Mann nach. Er hatte ihn schon mal irgendwo gesehen. Aber wo …?
Die Tür war offen. Brian konnte die Gestalt von Yannis an der offenen Tür sehen, der zu einem Mann hochblickte.
„Ist dein V…vater da?“
Yannis‘ Herz hüpfte aufgeregt. „Papi ist oben.“ Er hatte es gesagt! Er hatte es gesagt! Wirklich! Er hätte vor Freude aufspringen können!
Brian trat hinter Yannis und schob diesen sanft von der Tür weg. Nun wusste er, wer Evelynn entführt hatte. Er stand direkt vor ihm. Aber anstatt den Mann zu verprügeln, stand Brian wie angewurzelt da und war nicht in der Lage, ein Wort zu sagen.
„I…interessante Augen.“ Der Mann sah Yannis noch kurz an, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Brian. Mit einem kalten Lächeln zog er einen Briefumschlag aus seiner Tasche und reichte ihn Brian.
Dieser sah sofort hinein. Eine schwarze Haarlocke darin. Evelynn. Nun bestand kein Zweifel mehr.
„Der B…boss will dich sprechen.“
„Ich mache mich gleich auf den Weg.“ Brian schäumte innerlich vor Wut. Warum hatte Fabrizio das getan? Er hatte seinem Boss keinen Grund gegeben, unzufrieden zu sein! Er hatte sich die letzten fünf Jahre den Arsch aufgerissen!
Fabrizios Handlanger ging wieder und Brian schloss die Tür. Den Umschlag mit der Haarsträhne knüllte er in seiner Faust zusammen. Ging es Evelynn gut? Wenn Fabrizio ihr was angetan hatte …!
„Brian?“ Yannis zog an seinem Ärmel. „Brian?“ Als dieser nach zweiter Aufforderung noch immer nicht reagierte, schnappte sich Yannis den Umschlag und sah hinein. Der Zehnjährige erstarrte, fasste sich apathisch an den Kopf und schüttelte ihn. Dann begann er zu knurren. Ohne auf eine Reaktion Brians zu warten, rannte er zur Tür und riss sie auf. „Arschloch! Gib mir sofort meine Mami zurück!“
Brian zog Yannis hastig zurück und schob ihn zurück ins Haus. „Ich weiß, wo deine Mutter ist, und ich werde sie holen. Bitte warte hier auf uns und mach keine Dummheiten, ok? Sonst war’s das mit der Fahrt im Lotus, verstanden?“
Bestimmt schüttelte Yannis den Kopf. „Ich komme mit!“
































































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