Kapitel 18 – Das Schicksal lässt sich nicht bescheissen

Kapitel 18 – Das Schicksal lässt sich nicht bescheissen

 

Sie wollten ihn mit ihr in eine Falle locken. Sie wollten Brian mit ihr hierherlocken. Grob wurde Evelynn gepackt und über eine Schulter geworfen. Sie keuchte. Und lachte, hustend – ein Ausstoß reinster Verzweiflung. Zum ersten Mal, seit sie aufgewacht war, fühlte sie sich im Kopf klar genug, um sich aktiv umzusehen. Dreckige Wände, klirrendes Licht, das einer alten Neonröhre entstammte, und der beißende Geruch nach Kotze nahmen den Raum ein. Letzteres war wohl oder übel ihr geschuldet. Und doch mochte ihre Kotze den irgendwie herben Geruch von Eisen und Blut nicht überdecken. Sie befand sich an einem Ort, an dem kein Mensch je landen wollte. Dessen war sie sich sicher. Aber immerhin durfte sie jetzt ein Zimmer beziehen.

Da sie schwanger war, sollte es sogar eines mit Pritsche werden, wie sie nur wenig später feststellen durfte. Und sie wurde auch nicht in die Zelle geworfen – die tatsächlich einem verdammten Mittelalterfilm hätte entsprungen sein können –, sondern verhältnismäßig vorsichtig auf die Pritsche gedrückt, sodass sie saß und ihr die Kabelbinder abgenommen werden konnten. Dann wurde sie angespuckt. Und folgend in der Dunkelheit und Kälte allein zurückgelassen.

„Er wird nicht kommen“, murmelte sie leise, während sie ihre Arme um ihre angewinkelten Beine schlang und den Kopf so auf ihren Knien platzierte, dass es nicht schmerzte. „Wieso sollte er …“ Er hatte ihr nicht geglaubt. Das war offensichtlich gewesen. Die ganze Zeit hatte sie darauf gewartet, dass er nach einem Vaterschaftstest verlangte, doch er hatte es nicht getan. Trotz der offenkundigen Zweifel in seinen Augen.

Evelynn wusste nicht, wohin mit sich. Erst waren es nur Minuten, die sie in die Dunkelheit starrte, dann verwandelten sich diese in Stunden. Eine, zwei … Evelynn wusste nicht, wie die Zeit verging. Ihre Gedanken spannen um Brian – Brian, der sie erst in diese Situation gebracht hatte – und sie spannen um Yannis, den sie jetzt schon mehr als einen ganzen Tag nicht mehr gesehen hatte. Heute Morgen noch beim Frauenarzt, jetzt in einer Kerkerzelle aus dem Mittelalter. Hier überdeckte der säuerliche Geruch ihres Mageninhalts nicht den des Blutes, das hier irgendwo in Massen kleben musste. Evelynn ekelte sich. Immer, wenn sie etwas berührte, hatte sie das Gefühl, sie langte gleich in eine Lache aus Blut. Aber im Endeffekt hätte es auch abgestandener Urin oder vielleicht sogar nur Schlamm sein können. Und das klebrige Zeug auf ihrer Pritsche entstammte sicher den Sekreten einer Schnecke. Nur dass diese nicht mehr klebten, sobald sie trocken waren …



Evelynn sparte sich das Hinlegen und wippte mit angewinkelten Beinen vor und zurück. Leise summte sie vor sich hin. Die Dunkelheit und der Gestank machten sie wahnsinnig. Das hier war doch kein Zustand. Sie befanden sich im einundzwanzigsten Jahrhundert, und Brians Feinden fiel nichts Besseres ein, als sie in eine finstere Kerkerzelle aus der dunkelsten Epoche, die die Menschheit je erlebt hatte, zu stecken?!

Sie fröstelte. Trotz umschlungener Arme. Trotz der Nähe ihres eigenen Körpers. Sie wollte zu Yannis. Ihn umarmen. Sagen, dass sie da war. Und sie wollte zu Brian. Umarmt werden. Und gesagt bekommen, dass alles gut werden würde. „Brian …“, entkam es ihr leise. Ihre Brustwarzen waren steif vor Kälte und Evelynn schauderte, während ihr eine Träne die Wange hinabglitt. „Verdammt, Brian …!“

Es vergingen noch weitere Minuten, bis sich die Tür öffnete und das Licht eingeschaltet wurde. Ein Mann trat ein, eine raschelnde Papiertüte in der rechten Hand haltend. Der dunkle Anzug, den er trug, saß tadellos. Aber es lag nicht nur an dem Anzug, dass dieser Mann aussah, als wäre er einem Modekatalog entsprungen. Leicht gewelltes, halblanges Haar, das streng zurückgekämmt war und ebenso schwarz war wie Evelynns. Braune, aufmerksame Augen, ein sehr symmetrisches, markantes Gesicht und ein perfekt getrimmter Bart. Sein Blick glitt nur kurz über Evelynn, dann sah er sich in der Zelle um und zog einen Stuhl zu sich, der irgendwo in der Dunkelheit gestanden haben musste. Der Mann warf Evelynn die Tüte zu und setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl. Anstatt das Wort zu ergreifen, musterte er sie eingehend.

Evelynn blinzelte überfordert in das grelle Licht. Neonröhren. Im Kerkerloch. Kaum zu glauben. Es dauerte, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten und sie die Tüte vor sich ausmachen konnte. Ihre zitternden Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Schwäche zu zeigen, hatte ihr noch nie gelegen. Nur bei einem Mann …, nur bei einem Mann, da brach sie regelmäßig zusammen, offenbarte ihr tiefstes Selbst und bereute es nur Stunden darauf für gewöhnlich.

Evelynns Blick glitt hoch; ihr Kopf schüttelte sich, um die Gedanken an Brian loszuwerden. Als sie das markante Gesicht vor sich sah, traf sie der Schlag. „Fabrizio“, murmelte sie leise, die Augen weit aufgerissen.



„Guten Morgen, Bella.“ Obwohl seine Worte freundlich klangen, war seine Stimme kühl. „Ich bedauere diese Umstände, aber Brian lässt mir keine andere Wahl. Wenn er für mich arbeitet, verlange ich Perfektion. Aber er wird schlampig und unzuverlässig. Das ist ein ernstes Problem.“

Das hier war kein Feind Brians. Das war sein Boss. Der Boss-Boss. Evelynn räusperte sich ungläubig. „Was will das Oberhaupt der Mafia von mir?“

„Du bist ein Ärgernis, Bella, eine Ablenkung. Und ich habe keine Lust, dass sich Brian noch länger wie ein hormongesteuerter Volltrottel benimmt.“ Fabrizio lehnt sich auf dem Stuhl zurück, der gefährlich knarrt, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.

„Brian interessiert sich nicht für mich.“

„Das sehe ich anders, sonst wüsstest du nicht, wer ich bin.“ Seine Mundwinkel zuckten, allerdings wirkte es eher wie eine Grimasse und nicht wie die Andeutung eines Lächelns.

„Du hast mir vor ein paar Jahren deinen Schwanz in den Mund gesteckt. Das ist der einzige Grund, wieso ich weiß, wer du bist, Fabrizio. Brian hat nichts damit zu tun.“

„Ist das so?“ Er wirkte nicht, als würde ihn das kümmern. Oder als würde er sie erkennen. „Ungewöhnlich, dass ich mich dabei vorstelle.“

„Ich glaube, du hast vor lauter Selbstverliebtheit deinen Namen vor dich hingestöhnt.“

„Sicher nicht.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Aber ich bin nicht hier, um über mich zu reden, Evelynn Brook. Ich will über dich und Brian reden. Und deinen Jungen. Er ist hochintelligent, nicht wahr? Die Förderprogramme in der Schule sind lächerlich. Aus ihm könnte ein verdammt guter Anwalt werden.“

Evelynns Zähne knirschten hörbar. „Ja, aber sicher nicht für euch.“

„Natürlich für uns. Wir können ihn erfolgreich pushen und aus ihm einen Staatsanwalt machen. Er könnte auch in die Politik gehen.“

Evelynns Blick wurde dunkler. „Ich bin nicht hier, um über mein Kind zu reden. Keines davon.“

„Schön, reden wir über Brian. Der Mitesser in dir ist seins?“ Fabrizio hob nur minimal die rechte Augenbraue.

Hätten Blicke töten können … „Ja.“ Das hier war kein Feind von Brian. Das war sein Vorgesetzter. Er dürfte kein Interesse daran haben, Brian zu schaden – also konnte sie es jetzt ruhig zugeben.



„Und trotzdem hast du keinen Ring am Finger. Also entweder weiß er es nicht oder du bist ihm nicht wichtig.“ Sein Blick wanderte an Evelynn auf und ab. „Letzteres würde mich nicht mal wundern.“

Evelynn ballte wütend die Hände zu Fäusten. „Ich habe doch gesagt, er interessiert sich nicht für mich!“ Und doch sorgten Fabrizios Worte für einen schmerzhaften Stich in ihrem Herzen, und ihre eigenen taten nicht weniger weh, obgleich sie nur die Wahrheit sprach. „Ich bin ihm egal. Wenn du jemanden brauchst, um ihn zu erpressen, hast du die falsche erwischt.“

„Also ist sein Schwanz nur unabsichtlich in deine Fotze geschlüpft?“ Fabrizio schnalzte unzufrieden mit der Zunge. „Der Kerl rennt dir wie ein verliebter Hengst mit rosaroten Scheuklappen hinterher.“

„Es war ein Versehen, das hast du richtig erkannt. Und er rennt mir nicht hinterher. Ich habe ihm die letzten Wochen ein paar Probleme bereitet. Aber das ist vorbei. Er will es nicht und ich habe vor, mich zu verpissen. Naja … zumindest war das der Plan, bevor mich deine Lakaien eingesackt haben.“

„So einfach ist das also“, gab Fabrizio nachdenklich von sich und stand im nächsten Moment auf. „Nun, war nett, dich kennengelernt zu haben.“ Fabrizio nickte knapp und verließ die Zelle wieder. Das Licht blieb diesmal jedoch an.

 

Ein Kaffee, ein Schuss. So hatte es zu sein. So hatte er sich den Kaffee immer gemacht. Der herbe Geschmack des Bittergetränks vermischt mit der leichten Süße des Alkohols. Der alte Mann hob die warme Tasse an seinen Mund und trank. Ein Tag wie jeder andere. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter. Von seiner Tochter hatte er in den letzten Jahren nichts mehr gehört, doch das störte ihn nicht weiter. Er hatte bei ihrer Erziehung versagt. Er hatte ihre Mutter, seine Frau, damals, vor all den Jahren, nicht schützen können. Er konnte seiner Tochter ihr Benehmen noch nicht einmal übelnehmen. Er hatte ihr nie einen Ersatz besorgt. Nie wieder geheiratet. Bei ihr hatte er versagt. Sein Leben hatte seiner Familie gehört – jedoch nicht der leiblichen.

Das alte Festnetztelefon auf dem Beistelltisch neben seinem Bett klingelte. Der alte Mann setzte die Tasse ab, erhob sich und bewegte sich die wenigen Schritte durch die winzige Wohnung hindurch. Ein Tropfen Kaffee hing ihm am Schnauzer, den seine Zunge sogleich vom Antlitz der Erde tilgte. Der Mann ächzte leise, als er sich auf dem Bett niederließ und nach dem Hörer griff. „Ich werde einfach nicht jünger“, murmelte er. „Ja?“



„Chef?“

Des Alten Gesicht wurde hart. „Hm?“

„Es geht um ihre Enkelin.“

„Was ist mit meiner Enkelin?“

Am anderen Ende der Leitung wurde es für wenige Sekunden still. „Sie sitzt in Fabrizios Kerker.“

Der alte Mann spannte sich an. Nur mit Mühe brachte er ein geknurrtes ‚Wie?‘ heraus. Das letzte Mal, als er längere Zeit nichts von ihr gehört hatte, hatte er sie nach zwei Jahren hochschwanger auf dem Notfall im Krankenhaus wiedergefunden. Hatte er doch gewusst, dass etwas nicht stimmte, als sie ihr gestriges Treffen verpasst hatte! „Wieso?!“

„Ich weiß es nicht.“

„Dann finde es heraus!“ Der Alte atmete schwer. „Der Junge?“

„Bei Ihrer Tochter.“

„Gut …“, knurrte er leise. Für einige Sekunden wurde es still, da sprach der Alte erneut: „Sie hätte nie da mit reingezogen werden dürfen.“

„Ich werde versuchen, sie rauszuholen.“

„Das hoffe ich für dich.“

Der Anruf endete, als der Alte den Hörer auf die antike Wahlvorrichtung knallte und sich grummelnd über die faltige Stirn rieb. „Sorgen über Sorgen …“, brummte er leise. „Da lässt sie sich doch tatsächlich wieder von diesem Möchtegernmafioso verführen, und das, nachdem sie ihm vor Jahren den Rücken gekehrt hat.“ Unzufrieden schüttelte der Alte den Kopf. „Wenn sie schon der Familientradition folgen muss, wieso dann nicht ein richtiger Mann?“ Sie hätte ein Oberhaupt heiraten können. Als seine Enkelin hätte er sie gemäß den Traditionen mit sechzehn Jahren an einen verbündeten Don verheiratet, um Allianzen zu knüpfen. Und hätte seine Tochter sich nicht von Anfang an aus dem Geschäft herausgenommen, wäre alles nie so weit gekommen. Aber der Alte kannte seine Enkelin. Und er liebte sie viel zu fest, als dass er sie für eine billige Allianz hätte verscherbeln können – das wusste er, kaum hatte der Gedanke seinen Kopf passiert.

Und sein Enkel? Der war vor fünf Jahren von ihnen gegangen. Hatte sich mit eben jenem Mann angelegt, in den Evelynn sich so sehr verschossen hatte, hatte versucht, einen Gebietskonflikt auszulösen, und war dabei zwischen die Fronten geraten. „Dummer Junge“, brummte der Alte. „Dummes Gör“, fügte er hinzu. „So unwissend.“ So unwissend, so ahnungslos hatte ihre Mutter sie in die Welt hinausgelassen. Seine Tochter hatte auf ganzer Linie versagt. Der Alte lachte auf. Da hatte seine Tochter ihm und der Mafia den Rücken gekehrt. Und ihre beiden Kinder rannten mit offenen Armen, offenen Augen, direkt in die Pistolenmündungen hinein.



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