Kapitel 27

Auf einer Geistererscheinung folgt immer Kälte. In jenem Fall ein lebensrettender Vorteil. Wären kein Zorn und keine Impulsivität im Weg. Auch mangelnde Erfahrung und grenzenlose Macht in bereits jungen Jahren sorgen für eine Eskalation. Noch fehlt Nadine ein Ventil für ihre Macht. Auf Wunsch erweiterte Nadine ihre Macht und steuerte die Kälte, die ein Geist mit sich bringt. Ein Plan mit zu vielen Lücken. Kaum kroch der Frost hinab, beförderte eine Impulswelle das Geistermädchen hinauf in die Luft und ihre Macht rollte wie eine gewaltige Welle los und beschlagnahmt den gesamten Raum. Statt einer kleinen Eisfläche wird der gesamte Kokon in Kältenebel gehüllt. Von allen Seiten beginnt es zu klirren. Der Temperaturfall fühlt sich an, als schneide die trockene Kälte in die Haut. Durch sämtliche Kleidungsschichten. Allein das Atmen schmerzt. Unbewusst umschließt Skyla die Rose samt Mia mit beiden Händen und drückt diese sanft an ihren Brustkorb, um die Fee zu schützen. Aus der Ferne vernimmt Skyla einen Ruf und ein schallendes Fingerschnippen. Kurz darauf erwärmt sich der Boden unter ihren Füßen. Zuerst steigt Rauch auf und plötzlich brechen Flammen durch. Kniehoch knistert ein Feuer um Skyla herum. Der Geruch von Schwefel steigt hinauf. Doch der Blick erfasst sieben Ritter, die erstarren. Überzogen von Eis werden die Menschen zu einem Fundament, wo funkelnde Kristallcluster wachsen. Die fleischliche Hülle– ein Gefängnis, das sich nicht rührt. Noch stoßen die Ritter Atemwolken aus ihren Mündern, sodass Skyla fürchtet, ihr Feind bekommt das Geschehen noch mit.

Das Herz macht einen Aussetzer, als mit einem Sprung eine Person neben Skyla landet und sich an sie heftet. Ungläubig macht Skyla den weißen Teufel aus. Naomi bibbert kläglich und sucht gezielt Skylas Körperwärme.
„Fühl dich geehrt.“ Naomis Stimme zittert vor Kälte. „Aber bilde dir nichts drauf ein. Mein Überlebensinstinkt rät mir hierzu.“
Aus nächster Nähe bestätigt sich Skylas Vermutung: Naomi duftet traumhaft. Ein betörender Zaubertrank aus Vanille und Bittermandel. Mit einem Akkord der Tuberose. Verstärkt mit einer Moschusnote. Trotz Kampf und wilder Tanzeinlage ergießt sich das seidig weiche Haar elegant über der Schulter. Wie frisch gepflegt und erholt. Atemberaubend schön. Glänzend. Ganz anders als bei Skylas wilder Mähne. Was müsse die beiden für einen starken Kontrast geben. Ein plüschiger Löwe. Laut und temperamentvoll. Und ein Schneeleopard. Ästhetisch makellos. Ein solitärer Jäger.



Der weiße Teufel erholt sich schnell und verbringt nicht mal eine Minute an Skylas Seite. Die Hexe streckt würdevoll den Rücken durch und nimmt sich die Zeit, all die Veränderungen einzufangen. Naomis Hände wärmen sich dabei kurz an den Flammen.
„Höllenfeuer.“ Kaum ausgesprochen hellt die Miene der Hexe auf. „Ich hätte großes Interesse an deinen Spinnendämon und würde dich auch großzügig entlohnen. Interessiert an einen Handel?“
„Nein! Agnar steht nicht zum Verkauf! Keiner meiner Schutzgeister!“
Naomis Mundwinkel fallen hinab. Die Hexe rümpft kurz die Nase. „Lästige Angelegenheit solche Bindungen. Du solltest besser lernen, dein Herz zu verschließen und deine Sklaven als Hilfsmittel betrachten. Gnade und Wärme haben die dunklen Geschöpfe wohl kaum verdient.“
Worte, die Skylas Puls beschleunigen. Die Hände ballen sich zu Fäusten und die nächsten Worte presst Skyla gedehnt hinaus: „Irrtum, Naomi! Ihr seht nur Monster, aber nicht die Geschichte dahinter. Auch dunkle Kreaturen haben Gefühle.“
Statt beleidigt zu sein, wedelt Naomi kichernd mit dem Zeigefinger. „Eine naive Denkweise. Dein Mitleid wird dir noch teuer zu stehen kommen. Doch ein Blick in deine Augen zeigt, dass ich meinen Atem an dir verschwende.“
Dem stimmt Skyla zu, zumal alles in ihr schreit, den bitterkalten Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Der Schlüssel bleibt Nadine. Das Geistermädchen schwebt zentral der Eisfläche. Wenige Meter über den Boden. Mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen. Da sich das Kind nicht bewegt, fürchtet Skyla, dass der Plan fehlschlägt. Vielleicht hat Nadine ihr Bewusstsein verloren. Zum Glück wird das Kind von Dalika behütet und umsorgt. Der Nang Tani scheint sich an der Kälte nicht zu stören und spricht auf Nadine ein. Während Agar eine andere Wärmequelle gefunden hat: Boru!
Clever!
Ein Drache spendet sicherlich viel Wärme.

Die Anspannung beim Spinnendämon bleibt Skyla nicht verborgen. Agnar erkundet grimmig die Umgebung mit seinem Blick. Sein Mund ist zu einem schmalen Strich gepresst.
„Die Zeit hängt uns im Nacken“, erkennt Skyla.
Naomi nickt. „Das Höllenfeuer verliert an Kraft und Größe. Sollte der thailändische Geist nicht mal langsam Erfolg haben, werden wir in dieser Kühlkammer erfrieren.“




Völlig absurd!
Dafür verhält sich Naomi zu gelassen!
„Du hast ein Ass im Ärmel oder?“, erkundigt sich Skyla.
Das kecke Grinsen verrät die Hexe. Elegant streift Naomi ihr Haar über die Schulter und berichtet: „Feuermagie liegt mir nicht, aber ich führe Alchemistenfeuer und Zwergenschnaps mit mir. Außerdem gibt es den einen oder anderen Dämon, den ich beschwören könnte. Doch du willst nicht, dass ich darauf zurückgreife.“
„Warum nicht?“
Naomi dreht sich schwungvoll um und beugt sich zu ihr hinab. Alles nur dank ihres gigantischen Absatzes ihrer Schuhe, ansonsten wären die beiden sicherlich auf Augenhöhe.

Unbeeindruckt stiert Skyla das Weißhaar an und bleckt sogar provokant die Zähne, denn diese miesen Spielchen mag sie überhaupt nicht.
„Versagt dein Schutzgeist, tanze ich in den Flammen heil aus dem Gebäude. Während ihr Opfer eines Infernos werdet. Tod durch Feuer… nicht schön, Skyla.“
Wut kocht in Skyla hoch und so speit sie die nächsten Worte los: „Ach komm schon, Naomi! Als ob dies die letzte Option wäre! Wir könnten in die Welt der Geister!“
Unbeeindruckt von Skylas Zorn streckt Naomi den Rücken durch und der Blick fällt auf einen der Risse im Kokon.
„Nur wenige Minuten verbleiben, bevor all deine Schutzgeister nutzlos werden und eine Sperrzone errichtet wird. Heiliger Boden, den ich mit dem Zwergenschnaps und dem Alchemistenfeuer zerstöre. Schäden an meiner Fleischhülle entstehen erst, wenn mein magischer Schutz zu lange dem Flammen ausgesetzt ist, doch es wird für einen mächtigen Dämon reichen, mit dem ich hier rauskomme.“

Die beunruhigende Botschaft lässt Skyla herum fahren. Ein tiefer Atemzug, um schließlich laut nach Nadine zu schreien. Tatsächlich meint Skyla ein kurzes Augenzucken bei dem Kind gesehen zu haben.
Daher folgt der nächste Ruf: „Erwache endlich, Nadine! Erwache und hole uns hier raus!“
Beeindruckt klatscht Naomi in die Hände, was für Verwirrung sorgt, denn noch hat sich nichts getan, daher rechnet Skyla mit Spott. Doch als Nadine ihre Lider aufschlägt, erleuchten diese den gesamten Kokon. Ein kaltes, grelles Licht, das Skyla zwingt, ihre Augen zu schließen.
„SPRINGT!“
Nadines Stimme hallt in jeder Faser des Körpers wieder. Der Befehl erreicht den Kopf und zwingt den Geist, zu gehorchen. Ehe sich Skyla versieht, erhebt sich ihr Körper und mit einem Sprung lässt sie das Höllenfeuer hinter sich. Unter ihr zeichnen sich wellenartige Bewegungen auf der Eisfläche ab, wie bei einer Wasseroberfläche. Auf der Eisfläche lässt sich keine Reflexion ausmachen, stattdessen wird einen Blick auf ihre nächste Zuflucht gewährt. Die Umrisse sprechen für eine große Anzahl von Tischen und Stühlen. Angeordnet mit einem System und kaum erfasst Skyla eine Tafel, wird ihr bewusst, dass Nadine eine Schule wählt. Der lieblich, kindlichen Dekoration spricht es für eine Grundschule.



Statt mit der Eisfläche konfrontiert zu werden, fällt Skyla durch den Boden und trifft auf Widerstand. Geräusche und Licht verschwimmen kurz. Machtlos sinkt ihr Körper hinab. Mit dem Blick auf den Kokon gerichtet. Der Körper starr wie eine erkaltete Leiche. Zum Glück bleibt der Griff um Mias Blüte eisern. Die Fee bleibt vorerst sicher bei Skyla. Nadines Ruf folgten alle Anwesenden. Auch Boru, der als einziger sich in dem klaren Gewässer fortbewegen kann und sogar Freude empfindet, wie seine spielerischen Bewegungen zeigen. Genussvoll schließt der Drache die Augen, als er sich unzählige Male dreht. Seine Sorglosigkeit färbt auf Skyla ab, bis sich Nadine in Bewegung setzt. Zuerst steht sie oben auf der Oberfläche. Noch im Kokon. Das Geistermädchen blickt mit ihren weißleuchtenden Augen hinab. Die Hände zu Krallen geformt, die auffällig zucken. Fast fürchtet Skyla, das Kind schließt den Deckel eines Sarges, doch schließlich springt sie hinab zu ihren Gefährten. Im Gegensatz zu den anderen kann sie sich schneller und kontrollierter bewegen. Schneller als Boru. Im Affenzahn rauscht Nadine an Skyla vorbei und bringt Bewegung ins Gewässer. Nadine mag in den Tiefen verschwinden, doch ein Strudel macht die Besucher ausfindig und der Sog erledigt den Rest.

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