Kapitel 29
Von allen Orten hätte Skyla kein Parkhaus zum nächsten Sprung gewählt. Zumal an jenem Ort ihr das erste Ungetüm entgegentrat. Der verfluchte Alptraum, der ihr noch immer schlaflose Nächte bereitet. Als wolle Naomi beeindruckend kurvt der Sportwagen in die Parklücke und schlittert ein Stück. Lachend und mit erhobenen Händen lässt sich die Hexe von dem Sitz auffangen, während sich Skylas Herz erst beruhigen muss. Irgendwie hat sie die Autofahrt überlebt.
Ein Wunder!
Ein Glück!
„War das ein Spaß“, spricht Naomi erheitert und checkt im Spiegel ihr Aussehen. „Lust auf einen Drink, Skyla?“
„Unbedingt!“
Nach solch einer Fahrt braucht Skyla etwas für die Nerven, auch wenn sie befürchtet, niemand kommt an Viktors Mischungen ran. Der Barkeeper auf ihrer Arbeit beeindruckt nicht nur mit seinen Schaueinlagen, sondern macht jeden Drink zu einem wahren Gedicht.
Naomis Hand schnellt hinab und klatscht schallend auf das verletzte Bein. Skyla zieht vor Schreck dieses hoch und donnert mit dem Fuß gegen die Armatur, um laut vor Schmerz loszuschreien.
„Ah ja, deine Verletzung“, erinnert sich der Weiße Teufel lachend.
„Es gibt Momente, da würde ich dir am liebsten den Hals umdrehen!“, gesteht Skyla unter Schmerzen.
Ein Griff zur Seite und Naomi zieht von irgendwo eine Brille hervor, die sie sich aufsetzt und verführerisch herüber lugt.
„Ich mach´s auch wieder gut, Süße. So nennt dich Milan doch oder?“
Diese Frau bringt das Fass zum Überlaufen mit ihren komischen Humor. Skyla fletscht daher die Zähne.
„Lass den Scheiß!“
Als sich Naomi unbeeindruckt hinab beugt, glaubt Skyla, sie wolle den Schaden nur begutachten. Doch die Hexe greift einfach zu und zieht gewaltsam den Dolch hinaus, um mit der anderen Hand zuzuschnappen und diese auf die Wunde zu drücken.
„Da haben wir den Zahnstocher!“, verkündet Naomi stolz und wedelt mit dem Ding herum.
„Wie zur Hölle kannst du die Waffe überhaupt anfassen? Du bist eine Hexe!“
In all der Rage bemerkt Skyla erst nachdem sie sprach, dass Naomi den Dolch gar nicht berührt, sondern, dass dieser nur magnetisch wenige Zentimeter von ihrer Hand entfernt schwebt. Teuflisch grinst ihr Gegenüber und nimmt nun auch die andere Hand von Skyla, wo nichts mehr von einer Wunde zu sehen bleibt. Nur ein kurzes Leuchten zeigt die Reste der Magie.
„Gern geschehen. Mit deiner Macht solltest du eigentlich auch dazu in der Lage sein.“
„Eben nicht! Ihre Waffen bewegen sich mit meiner Macht kein Stück!“, gesteht Skyla gepresst und wahrlich frustriert.
Amüsiert wedelt Naomi mit dem Finger. „Ahha, du bist zu faul, deine Macht zu trainieren. Übe täglich und dann sollte das kein Problem mehr sein“, behauptet Naomi einfach.
Skyla hegt ihre Zweifel und doch nickt sie motiviert. Denn Schwäche wird von Naomi bespottet und noch mal will sie sich vor dem Weißen Teufel nicht blamieren.
„Ich würde sagen, die Drinks gehen auf dich“, beschließt Naomi aus heiterem Himmel. „Oder bist du auch so pleite wie unsere beiden Kerle?“
Noch immer sieht Skyla Sterne und lehnt sich keuchend zurück.
„Keine Ahnung, gebe mir einen Moment!“
Naomi dreht sich zu Agnar und hinterfragt: „Ist sie immer so biestig?“
„Ein schwieriger Mensch.“
Skyla zischt laut die Luft hinaus und braucht Ablenkung, daher kramt sie tief in die Taschen und holt ihr Portmonee hervor. Ein paar Scheine springen ihr tatsächlich entgegen.
„Ist nicht viel, sollte aber für einen Besuch in der Bar reichen. Aber kennst du überhaupt einen Laden, der überhaupt noch auf hat? Denn die meisten haben doch schon geschlossen.“
Ein Blick rüber zu Naomi zeigt einen ungewöhnlichen Ausdruck des Entsetzens bei der Hexe. Naomi hält sich die Hand vor dem offenen Mund und blinzelt auffällig. Die Brille muss sie sich erst kürzlich von der Nase genommen haben, denn von dieser fehlt jede Spur.
„Das sieht ja schlimm aus. Mehr hast du nicht?“
„Reicht doch!“
„Nicht mal ansatzweise! Aber schon gut, ich bin heute mal spendabel. Erst mal kleiden wir dich ordentlich ein, ansonsten schmeißen die uns hochgradig heraus. Anders als Milan wandle ich in anderen Kreisen.“
Beunruhigt beobachtet Skyla, wie Naomi aussteigt und den Wagen umgeht. Höflich öffnet sie die Wagentür und bietet Skyla sogar die helfende Hand an. Zögerlich greift Skyla zu und wird hoch gerissen. Naomi mag dünne Arme haben und doch steckt hinter dem Griff ordentlich Kraft.
Der Schwindel kickt, schließlich ging es zu schnell hinauf. Die Farben verschwimmen und irgendwie überkommt Skyla das Gefühl, die Umgebung wird erhellt. Ein paar Schritte und sie wird auch schon hinunter gedrückt. Auf ein weiches Polster. Kaum endet der benommene Zustand, findet sich Skyla in einem kreisrunden Raum wieder. Prunkvoll im Gothicstil. Mit dunklen Möbel und auch die Wände sind tapeziert mit dunklen Flies, worauf Ornamente und Sterne prangen. Begrüßt von einem riesigen Kleiderschrank mit Umkleide und traumhaft großen Spiegeln in filigranen Rahmen sitzt Skyla zentral. In einen Raum mit viktorianischer Eleganz. Gerahmt durch schwarze Brokatvorhänge. Eine Vielzahl von Kleidern und Schuhen überwältigen Skyla. Ein Mitspracherecht besitzt Skyla keine für die Wahl der Abendmode. Zum Glück wählt Naomi ihr ein eintöniges, schwarzes Exemplar. Langer Rock, enganliegend und zum Glück keinen Ausschnitt. Dennoch elegant und mit hohen Kragen. Ein Neckholder-Kleid mit Seitenschlitz. Ein ähnliches Kleid wählt auch Naomi, nur, dass ihres von Glitzersteinen überseht ist und wie der Nachthimmel funkelt. Außerdem befindet sich bei ihr ein langer Schal, der über den Rücken verläuft. Geübt frisiert Naomi ihrer Begleitung die Haare und steckt diese ordentlich hoch. Skyla erkennt sich im Spiegel kaum wieder. Die dunkle Schminke gefällt ihr besser als gedacht. Naomi macht einen ordentlichen Job und obwohl Agnar für die Leute nicht sichtbar sein wird, stattet die Hexe ihn mit Hemd und Weste aus. Sogar die Haare kämt sie ihm ordentlich zurück.
Eine schwungvolle Drehung seitens Naomi und die prunkvolle Kleiderkammer schwindet. So stehen sie wieder im Parkhaus. Skyla staunt nicht schlecht und bekommt keine Gelegenheit, sich umzusehen, denn Naomi hackt sich bei ihr ein und führt sie fort. Hinaus aus dem Parkhaus, hinein in die Fußgängerzone des Stadtkerns. Wahrlich hätte das Budget für den feinen Laden nicht gereicht, den die Hexe wählt. Das Innere des Nobelladens erinnert schon fast an einen Palast. Skyla kommt sich vor, als wandle sie zwischen Prominenten. Alle Besucher wirken wichtig und bedeutend. Seit Ankunft werden die neuen Gäste beäugt und beobachtet. Laut Naomi verhält sich Skyla zu auffällig, zu steif und zu unsicher. Doch eine einfache Bar hätte es auch getan. Abgelegen in einer Ecke glaubt Skyla in einem Sessel zu versinken. Der Wein, den Naomi bestellt, schmeckt zu hochwertig. Honigsüß, überhaupt nicht herb. Leicht prickelnd. Mit einer leichten Note der Aprikose und einer Honigmelone. Angenehm im Abgang. Und der Preis lässt Skyla aus allen Wolken fallen.
„Sag mal, Naomi, war das schon immer dein Leben? Eine Welt voller Prunk und feiner Gesellschaft?“, spricht die Neugier aus Skyla.
Elegant schlägt Naomi das eine Bein über das andere und lehnt sich lässig zurück.
„Wie ich hörte, hattest du schon die Ehre, meine werte Mutter kennen zu lernen. Eine hochrangige Hexe aus gutem Hause. Du magst es wohl kaum glauben, aber ich trage einen Adelstitel. Meine Familie hat viel Einfluss in der magischen Welt. Ich wurde streng erzogen und mir sollte ein Weg aufgezwungen werden. Nur bin ich ganz eigen und habe mich gegen die Familienideologie gestellt.“
Skyla nickt, denn das klingt mit den Beobachtungen stimmig.
„Hast du Geschwister?“
„Einen Bruder.“
Naomi lehnt sich zurück und starrt kurz die Decke an, um sarkastisch zu verkünden: „Der Stolz der Familie. Wie ich hörte, habe er sich kürzlich verlobt. Vielleicht hatte das arme Schwein die Ehre, ein Wort mit zu reden. Mir hätten sie sicherlich irgendeinen einflussreichen alten Sack zugeteilt. Wer weiß, vielleicht erhalte ich ja von Brüderchen eine Einladung zu seinem großen Tag, damit ich brav ablehnen kann. Natürlich mit einer saftigen Botschaft, die ihn und den Rest der Familie verflucht, damit sie mir bloß vorwerfen können, ich triefe vor Neid. Dabei bin ich frei. Keine Kette mehr! Der Austritt aus der Familie war das Beste, was mir passieren konnte.“
Tatsächlich klingt Naomi, als empfinde sie wahrlich keine Reue. Den Schluck Wein lässt sie sich genussvoll auf der Zunge zergehen und sie lächelt aufrichtig.
Einen Moment, den Skyla ihr eigentlich nicht zerstören mag. Doch mit dem nächsten Thema, nimmt sie der Hexe all die gute Laune: „Was läuft da eigentlich zwischen dir und Justin? Seid ihr ein Paar?“
Die Mundwinkel fallen hinab und aus der entspannten Haltung zieht sich Naomi verkrampft hinauf. Mit hitzigem und dunklem Blick.
„Wieso fragst du?“
Feingefühl liegt Skyla nicht, daher fällt sie mit der Tür hinein. „Naja, du wirkst sehr interessiert an ihm. Aber wie ein Paar verhaltet ihr euch nicht.“
Das Glas in Naomis Händen splittert, während die Hexe mit säuerlicher Miene um die Beherrschung ringt.
„Mutig, Skyla! Oder vielleicht doch lebensmüde? Offensichtlich verriet mich mein Herz! Liebe…“
Naomi nimmt das Wort abwertend in den Mund.
„Liebe macht dich schwach und legt dir Ketten an! Eisern hielt ich mein Herz verschlossen! Beziehungen und Romantik belächelte ich! Doch vergebene Mühe! Ich fürchte, Justin wurde Zeuge zu einem Moment meiner größten Schwäche. Ich war angreifbar und kniete im Dreck!“
Bitterkeit wallt in Naomi auf. Mit einem tiefen Atemzug scheint sie trübe Erinnerungen zu vertreiben. Skyla hält es daher für ratsam zu schweigen. Offensichtlich mag Naomi nicht über die Erinnerung sprechen, denn sie überspielt die Gefühle mit einem falschen Lächeln.
„Justin trat an mich, als ich nicht mehr aufstehen wollte. Gegen meinen Willen zerrte er mich hoch und gab mir den festen Boden zurück. Ich finde seine kaltherzige Art und sein erschütterndes Selbstbewusstsein machten ihn unglaublich attraktiv. Sein Desinteresse an der Liebe und seine Zielstrebigkeit geben mir das Gefühl, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Zu meinem Bedauern verändere ich mich in seiner Nähe. Ich blamiere mich. Du magst es kaum glauben, doch am Ende des Tages verfluche ich mich selbst für meine Schwäche. Ich wünschte, ich könnte mein Herz betäuben, es herausschneiden und es an die nächstbeste Bestie verfüttern! Und alles war gut, da er nie Interesse an irgendeiner Frau zeigte, aber dann kamst du!“
Erbost erhebt sich Naomi. Mit glühenden Blick und steifen Kiefer.
„Justin verhält sich verdächtig in deiner Gegenwart! Viel zu fröhlich! Und ihr wirkt viel zu vertraut! Ist dir mal aufgefallen, wie sehr er dich schätzt?“
Steigert sich Naomi nicht einfach zu sehr hinein?
Skyla fürchtet, es liegen große Missverständnisse vor und winkt daher ab.
„Im Gegenteil, er tadelt mich bei jeder Gelegenheit und gibt mir das Gefühl, dass ich alles falsch mache. Es gab eine Zeit, da habe ich mir einen Boxsack mit seinem Motiv gewünscht.“
Anders als erhofft zieht Naomi die Luft ein, als wolle sie Feuer speien.
„Dann bist du blind, Skyla! Du erhältst mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung von ihm als jede andere Frau! Er mag dich! Ohne Zweifel! Du verstehst nicht, dass dies seine abartige Art ist, mit dir zu spielen! Du hast sein Interesse geweckt und ich kann machen, was ich will, Justin sieht mich nicht an! Er sieht durch mich hindurch! Anders als bei dir! Meine verfluchten Gefühle bleiben unerwidert! Und ich wünschte, es wäre mir egal! Denn ich hasse mein Herz! Ich hasse meine krankhafte Liebe zu Justin! Diese Gefühle behindern mich und machen mich schwach! Doch sei gewarnt, es gibt eine Seite in mir, die nicht erträgt, dass Justin sein Glück bei einer anderen Frau findet! Halte dich von ihm fern!“
Dass Naomi einen Dachschaden hat, war Skyla bewusst. Doch leider muss Skyla gestehen, dass dieses Verhalten krankhaft wirkt. Leider wie bei Lukas. Krankhafte Anhänglichkeit. Doch in diesem Punkt kann Skyla den Weißen Teufel beruhigen: „Eher friert die Hölle zu, als das ich mit Justin jemals zusammen kommen würde. Eine Beziehung mit ihm würde keine paar Tage anhalten, vorher käme es zu Mord und Totschlag. Du kannst ihn haben. Ich bin mit Milan ganz glücklich. Warum sollte ich mir das verbauen?“
Mit schmalen Augen stiert Naomi und ignoriert die Servicekraft, die herbeieilt, um die Scherben zu beseitigen und sich um Naomis Wohl zu erkundigen. Zögerlich und stumm nimmt die Hexe Platz. Kühl versichert sie dem Personal, das alles gut sei und sie für den Schaden aufkommt. Kaum zieht die Bedienung von dannen, erscheint Dalika mit der freudigen Botschaft, dass Nadine sich von den Strapazen erholt hat und die Reise fortgesetzt werden kann. Welch ein Glück! Skyla wüsste nicht, ob sich die Stimmung zwischen Naomi und ihr nach dieser Sache je entspannen könne.




































































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