Kapitel 41
Eitelkeit und fehlender Respekt müssen bestraft werden!
Sicherheit ist eine Illusion.
Wenn Gesetze und Regeln versagen, folgt der Pfad der Selbstjustiz.
Der klägliche Anblick wahrer Furcht, wenn die Erkenntnis zuschlägt und das Ende verkündet, schmeckt süßer als Honig. Das Opfer von wahrer Schönheit. Jung, ehrgeizig und durchsetzungsfähig. Ein Alpha. Doch empathielos, gemein und bissig. Das Haar seidig, trotz Locken. Dunkel wie Teer. So auch das kalte Herz der schlummernden Prinzessin.
Tessa!
Eine junge Erwachsene. Eine reife Frucht. Wohlduftend und so zart, dass das Wasser im Mund zerläuft. Eine junge Dame mit tiefem Schlaf, sodass Berührungen in der Nacht nicht registriert werden. Kein Erwachen, dabei wäre das der Wunsch. Zu viel Zeit verstrich, um sich von dem Schrecken zu erholen. Verschuldet durch das elende Medium!
Skyla!
Zorn beginnt tief im Inneren zu kochen. Allein der Gedanke an das Blauhaar reicht aus, um sie zu wecken. Ein schwacher Moment, durch fehlende Impulskontrolle. Jacob öffnet den Mund und zischt, schließlich verliert er die Kontrolle über den Körper, dabei hätte er noch gern viel mehr Zeit mit Tessa verbracht. Daher genießt er die Berührung zu Tessa. Ihren süßen, friedvollen Anblick. Er prägt sich das Bild genauestens ein und freut sich auf den Wandel, wenn die Panik Besitz von ihr ergreifen wird.
Bald, schon bald, gehörst du nur mir. Ein wenig mehr Zeit und ich erlange die Kontrolle!
Fremde Gedanken und Emotionen, die Skyla überrennen. Ihr Geist erwacht aus einem tranceartigen Zustand. Zu schnell und zu tief werden die Atemzüge, dass es sich unangenehm anfühlt. Beengt. Als würde Skyla ersticken. Der Schweiß rinnt halsabwärts und die Hände werden kalt. Im Schutz der Dunkelheit steht Skyla in Tessas Zimmer. Eingedrungen.
Jacob.
Ein intelligenter Geist, den sie absorbierte, um Tessa zu helfen. Nach dem Verlust seines Bruders verstarb er ebenfalls jung. Er wurde Opfer von den Tätern, die auch seinen Bruder niederstreckten. Eine eigentlich vernünftige und gerechte Seele, bis zu jenem Schicksalsschlag. Jacob findet immer mehr Sicherheitslücken. Dabei wurde er aus ihr gezogen und angeblich vernichtet. Milan und Justin kümmerten sich um ihn. Daher dürfte er gar nicht mehr in ihr existieren, doch sie spürt seine Anwesenheit. Seinen Zorn. Tief in ihrem Herzen. Einen winzigen Rest müssen die Geisterjäger übersehen haben. Und nun befindet sich Tessa wieder in Gefahr.
In Panik eilt Skyla hinaus aus dem Zimmer. Zu laut, zu schnell. Und doch findet sie nur einen leeren Korridor vor. Eine Woche verging, seitdem Einzug von Tamir. Eine Woche hartes Training. In Gesellschaft, denn Mason und Justin bildeten Gruppen und banden fast alle mit ein. Oma Ulrike übt sogar täglich die medialen Fähigkeiten mit ihr. Auch Tamir scheint Freude an Justins und Masons Trainingsplänen zu haben. Er zeigt sich sportlich, geschickt und schnell. Anders als Lukas. Skylas bester Freund gibt sich Mühe und obwohl Skyla ihn versucht, zu unterstützen und zu motivieren, erschwert der eigene Frust über seine mangelnde Leistung nicht nur den Alltag, sondern auch das Überstehen der gemeinen Sticheleien von Milan und Tamir. Ein Verhalten, was Skyla nicht duldet und daher oft mit Milan streitet. Aber auch Emilie schimpft mit ihrem Bruder. Anders als bei Skyla zeigt ihr Tadel Erfolg, denn Tamir schluckt seit gestern die bissigen Kommentare hinab. Skyla sorgt sich um Lukas, schließlich steht ihrem Freund die schlechte Laune ins Gesicht geschrieben. Er fühlt sich unnütz und meidet zu ihrem Bedauern das Gespräch.
Die Gedanken werden von zarten Klängen unterbrochen. Traurige Melodie voller Tiefe. Die Musik lockt Skyla hinauf ins Obergeschoss. In Naomis Bereich. Vorbei an der Leichenhalle und ihrem Privatgemach. In ein Nebenzimmer, wo ein großes Klavier in Kerzenschein ausgemacht wird. Naomi mag sich an jenem Ort aufhalten. Gehüllt in einem knappen Nachtkleid und einem Kimono aus Satin. Doch die Komposition entstammt nicht von ihr, sondern von Lukas. Skyla verharrt überrascht am Türrahmen und betrachtet das Bild skeptisch. Sie wusste nicht, dass er an einem Flügel spielen kann. Auch Naomi wirkt schwer beeindruckt und lächelt zur Abwechslung ehrlich. In dem Lied vernimmt Skyla so viel Einsamkeit und Schmerz, dass es ihr schwerfällt, den Klängen zu lauschen. So schön er auch spielen mag, umso sehr verteufelt sie ihre Hilflosigkeit. Lukas geht es schlecht und er lässt sie nicht an sich heran. Für gewöhnlich konnten sich beide immer alles erzählen, nun aber hat sich alles geändert. Aber vielleicht findet er Trost in der Musik. In den letzten Tagen sah sie ihn oft im Gespräch mit Naomi. Für gewöhnlich reagiert die Hexe abweisend und desinteressiert, aber ihm gegenüber wirkt sie immer aufgeschlossener. Lukas zieht ihre Katzen wahrlich an. Obwohl er von den Samtpfoten geliebt wird, scheint er keine Veranlagung für einen Hexer zu haben. Dabei scheint er sich für Naomis Arbeiten sehr zu interessieren.
Trost und Hoffnung spendet Naru bedingungslos. Doktor Herzlieb eröffnete tatsächlich ihre eigene, kleine Praxis im Hotel und so besucht Skyla bei jeder Gelegenheit ihren Neffen, der noch immer von Kai behütet wird. Die Praxis befindet sich im Erdgeschoss, nahe der Rezeption. Doktor Herzlieb erlaubt ihr zum Glück, zu jeder Zeit nach Naru und Nadine sehen zu dürfen. Kaum im Erdschoss angekommen nimmt sie Licht wahr. Skyla erschaudert immer aufs Neue, wenn sie Silas ausfindig macht, wie die anderen quartierte er sich im Hotel ein und leistet seinen Beitrag. Oft befindet er sich mehrere Tage fort und überrascht sie immer in den ungünstigen Momenten. Auch diesmal erfassen seine kalten Augen sie auf Anhieb. Er hockt unter dem Stadtplan mit einem Glas voll Rum und lächelt teuflisch. Vielleicht, weil er die Gefahr, die von ihr ausgeht, riecht. Seine nächste Beute.
„Hey“, begrüßt sie ihn mit flauem Magen, „Du bist zurück?“
„Jap, seit einer Stunde“, verkündet er stolz und hebt die Flasche Rum, „Du siehst aus, als könntest du einen Drink gebrauchen? Willst du? Oder bleibst du immer noch auf Abstand?“
Ist ihm also aufgefallen. Kein Wunder, wenn sie sich so verdächtig verhält.
„Ist nichts persönliches“, versichert sie ihm.
Sein Grinsen wird breiter. „Ist klar! Du fürchtest, ich beiße oder? Etwa, weil dich alle für gefährlich halten? Dir ist schon klar, dass ich dir mein Leben verdanke und trotz meines Rufes ein wenig Ehre habe. Keine Sorge, sollte der Auftrag für dich reinflattern, dann lehne ich ab. Ich würde dich sogar auch warnen.“
Skeptisch runzelt sie die Stirn. „Wirklich?“
Er nickt entschlossen und klopft auffordernd neben sich. „Sieht zwar nicht so aus, aber es ist gemütlich hier auf dem Boden.“
„Okay, ich hole mir nur ein Glas“, beschließt Skyla, denn sie braucht dringend Nervengift.
„Ist nicht nötig. Nimm meins, ich mache dir auch voll und trinke aus der Flasche.“
Skyla belächelt den Einfall und teilt ihre Bedenken: „So gut kennen wir uns nun auch wieder nicht.“
Ein Argument, das ihn ein belustigtes Gesicht machen lässt. In der Küche kennt sich Skyla bereits zu gut aus, daher befindet sie sich im Nu bei Silas und nimmt am Boden Platz.
„Willst du mir von deiner Jagd berichten?“, bietet sie an, während er ihr das Glas vollmacht.
Seine Augenbraue schnellt hoch. „Wirklich? Das würde dich interessieren?“
„Unbedingt.“
„Gut, aber nur, wenn du mir ehrlich von dem Grund erzählst, der dich wach hält. Du wirkst aufgewühlt.“
Maßlos untertrieben, dabei würde Skyla ihre Sorgen nicht länger vertiefen, zumal sie so oder so nicht darum kommt, Milan und Justin von Jacob zu erzählen.
„Was weißt du über Absorbierungen, Silas?“
„Oh.“ Er reibt sich freudig die Hände, nachdem er die Flasche abstellt. „Ein heikles Thema. Viele reden von Macht, aber die Leute vergessen den Preis dahinter. Grauenvolle Erfahrungen, die den Geist trüben und in den Wahnsinn treiben können. Ein gefährliches Anwendungsgebiet, wenn du den Geist nicht trainierst und abschirmst.“
Sie hebt überrascht den Kopf. „Ich kann mich wappnen und dagegen angehen?“
„Aber klar. Es gibt Tempelanlagen, die darauf geschult sind. Soll ich dich zu einer bringen?“
Es klingt verlockend und doch zögert Skyla, denn sie gesteht ihm: „Ich habe einen Geist absorbiert, der die Kontrolle über meinen Körper übernehmen kann. Er mischt sich in Gespräche ein und gerade eben flog er auf, weil ich erwachte und ich noch seine Gefühle und Empfindungen spüren konnte. Dabei war ich überzeugt, dass Milan und Justin ihn mir ausgetrieben haben. Doch sie müssen einen winzigen Teil vergessen haben und die Gefahr wächst rasant in mir.“
Silas‘ Lächeln schwindet schlagartig. Mit ernster Miene betrachtet er sie einen Moment prüfend.
„Verstehe. Klingt nach einem sehr intelligenten Wesen. Erzähl mir mehr davon. Weißt du, wer er mal war und wo hast du ihn aufgefunden?“
Eine Aufforderung, der Skyla nur mit einem großen Schluck gerecht werden kann.
Kaum setzt sie das Glas an ihre Lippen, kippt sie den gesamten Inhalt hinab und schüttelt sich. Zu Silas´ Erheiterung. Der freche Kerl füllt direkt auf, während sie ihm von der gesamten Geschichte erzählt. Silas erkennt die Gefahr von Jacob und rät ebenfalls dazu, dass sie sich an die beiden Geisterjäger hält. Laut ihm sollte jemand über sie wachen, wenn sie Schlaf tankt. Leider wäre Milan da keine große Hilfe. Ihr Liebhaber schläft immer vor ihr ein, während sie oft lange braucht, bis ihr die Augen zufallen. Silas mag es vielleicht anbieten, über sie zu wachen, doch das wäre zu viel des Guten und fühlt sich befremdlich an. Auch wenn das Gespräch zu ihm deutlich entspannter verläuft, als sie immer dachte. Silas Beruf und sein bissiges Aussehen ließen sie immer vom Schlimmsten ausgehen. Daher freut es sie, dass sich eine Gelegenheit bot, ihre festgefahrene Meinung zu ändern. Jedoch verabschiedet sie sich schnell von ihm, schließlich fürchtet sie, zu viel Alkohol in seiner Gegenwart zu konsumieren. Außerdem will sie ihn langsam kennen lernen, obwohl nach der Erfahrung es keine schlechte Idee wäre, mit ihm die Nacht durchzumachen und seinen Geschichten zu lauschen. Die Jagd nach der abtrünnigen Hexe war wahrlich interessant und gab ihr einige Einblicke in seine Arbeit. Ein Verfahren, das sie etwas an die Geisterjagd erinnert. Observieren, beobachten und schließlich mit genug Beweismaterial eingreifen.
Ein kurzer Blick in Nadines Zimmer zeigt den unveränderten Zustand. Obwohl Naomi mehrmals am Tag nach dem Kind sieht und zuversichtlich wirkt, die Verbindung zwischen Körper und Seele wieder herzustellen. Der Besuch bleibt nicht unbemerkt, Nadine geistert auch in dieser Nacht durch die Krankenstation und ihre Mundwinkel zucken sogar, als freue sie sich über Skylas Dasein. Aus Gewohnheit tätschelt Skyla dem Kind über den Kopf und begrüßt sie, als wäre die Welt heile. Eine Geste, die Nadines Augen wieder Leben einhaucht. Die ruhelose Seele begleitet sie somit in das kleine Zimmer, wo Naru liegt. Von Sina persönlich bemalt. Wie auch bei Nadine. Die Reporterin kann wahrlich gut malen und beweist einen niedlichen Geschmack für Einrichtung. Es wirkt wie ein kleines Kinderzimmer, dennoch steril. Naru befindet sich noch immer an den Geräten angeschlossen und Kai kauert auf dem Brutkasten. Die Langeweile steht dem Dämonenbär ins Gesicht geschrieben, sobald Naru aus dem Inkubator darf, will Skyla ihrem Cousin das Hotel zeigen. Jeden Winkel.
Zu jener Zeit schläft Naru ganz friedlich, sodass Skyla sich neben ihm setzt und nach seinem kleinen Händchen greift. Wie ihr Vater freut sie sich, ihn aufwachsen zu sehen. An Narus Seite kommt sie immer zur Ruhe, daher fallen ihr die Augen zu. Und kaum erwacht sie wegen ihrem steifen Nacken, entdeckt sie Milan an ihrer Seite. Dem Geisterjäger entging anscheinend nicht, dass sie das Bett verließ und so machte er sich auf die Suche nach ihr. Eine Geste, die sie berührt, auch wenn sie seine Anspannung in der Muskulatur registriert.
Milan und Justin haben ein Recht auf die Wahrheit. Die unbeschönigte Version. Auch, wenn Skyla sich vor ihren Reaktionen fürchtet. So sehr, dass sie zuerst steif wie eine Puppe dasitzt und kläglich zittert. Die Zähne bekommt sie nicht auseinander und ihr mieses Gedächtnis ruft ihr all die kalten Blicke von Milan hervor. Der Moment vor der Kirmes, wo er sie als Hexe bezeichnete und sie unbefugt in seinen Kopf eindrang. Aber auch in Jordaniengraben, kurz nach der Einigung mit Hades. Triefende Enttäuschung und Bitterkeit sah Skyla in seinen Augen. So wie in Tessas Blick. Milan mag noch lächeln und sich fürsorglich um sie kümmern, denn er versorgt sie mit einer dampfenden Tasse Tee, als habe er bemerkt, dass sein Kaffee sie mehr anwiderte, als aufmunterte. Dennoch sitzt Skyla niedergeschlagen auf dem Stuhl und zögert den Moment der Wahrheit heraus. Sie überlegt sogar, Justin zu bevorzugen, denn ihn zu verärgern und zu enttäuschen tut nicht mal halb so sehr weh wie bei Milan. Doch damit würde sie den Zerfall ihrer Beziehung doch nur weiter beschleunigen.





































































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