Kapitel 42
Emotionale Konsonanz. Die Maske liegt in Scherben. Kummer und Sorgen wurden immer gut versteckt. Aber die Vase bekam zuerst Risse und nun hält ihre starke, unerschütterliche Seite nicht mehr zusammen. Somit stehen die Sorgen und die Erschöpfung Skyla ins Gesicht geschrieben. Milan kniet seit wenigen Minuten auf Augenhöhe, die Tasse Tee blieb ungerührt, daher löst er diese aus ihrem Griff und stellt sie am Boden ab, um ihre Hände in seine zu legen.
„Hey, Süße“, haucht er ganz sanft, „Bitte sprich darüber.“
Sie schluckt schwer und Tränen kämpfen sich hinaus. Während sie um die richtigen Worte ringt, macht sie Silas an der offenen Tür aus. Er nickt ihr auffordernd zu, was ihr seltsamerweise unfassbar viel Kraft gibt.
„Jacob“, spricht sie den Namen ehrfürchtig aus und pausiert aus Sorge, sie könne den bösen Geist heraufbeschwören. Tatsächlich fühlt es sich an, als würde etwas in ihrem Inneren erwachen und diabolisch Grinsen. Als wäre ihr Furcht und Sorge seine Rauschdroge. „Er ist noch da. Er muss euch ausgetrickst haben, denn er übernimmt die Kontrolle. Immer, wenn ich schlafe.“
Milans Stirn legt sich in Falten und seine Ahnungslosigkeit bringt sie in dieser verzweifelten Lage sogar zum Lächeln.
„Der Geist, der meine Cousine terrorisierte und den ihr aus mir gezogen habt.“
Zwar vergehen einige Sekunden, bis Milan ein Licht aufgeht und doch schüttelt der Geisterjäger entschlossen den Kopf: „Unmöglich. Wir haben ihm am ganzen Stück hinausbefördert und geläutert.“
„Aber er ist noch hier. Ich spüre ihn tief in mir und ich erwachte heute Nacht vor Tessas Bett mit seinen Gedanken. Tessa befindet sich noch in Gefahr, er …“
„Deshalb riet ich dir davon ab, deine Kräfte einzusetzen!“, unterbricht Milan sie mit einem Anflug von Zorn, „Der Geist ist fort, doch sein Charakter scheint dich zu formen. Dein persönlicher Groll auf Tessa füttert die Dunkelheit und lockt hässliche Seiten ans Licht!“
Eine Denkweise, die ihr den Atem verschlägt und alles in Frage stellt. Milan erhebt sich. Seine Hände gleiten unter ihren fort, als verließe er sie erneut. Zurück bleibt ein bedrückendes Gefühl von Leere. Als sich Milan umdreht und den ersten Schritt von ihr entfernt, gerät er ins Stocken, denn Silas tritt mit einer bedrohlichen Präsenz ein.
„Hey.“
Er hebt zum Gruß die Hand und belächelt Milans Steifheit. Denn allein seine Anwesenheit scheint Milan zu verärgern, sicherlich weil Silas eine Verbindung zum Zirkel hat.
Neben Skyla verharrt der Kopfgeldjäger und mustert Milan kurz.
„Ich hörte von dir.“ Silas grinst süffisant. „Ich meine, wer nicht in der Welt der Magie? Milan, der Herzensbrecher. Dir trachtet gefühlt eine ganze Generation von jungen Hexen um dein Leben. Du hast viel Zorn gesät.“
„Pah! Das ist nur die halbe Wahrheit“, äußert sich Milan bissig dazu, „Ich habe eine jede Hexe aufgeholfen und eine stärkere Variante aus ihr herausgekitzelt. Mit ihren Zorn kann ich schon leben.“
Silas nickt wissend. „Sehe ich. Bindungen fallen dir schwer oder? Immer, wenn es ernst wird, zerstörst du alles, um deine Freiheiten zu wahren. Auch in dem Fall.“
Milans Kiefer spannt sich an. Er wählt die ersten Schritte zur Flucht, bleibt dann aber abrupt stehen und zeigt erbost mit dem Finger auf Skyla. „Nein! Das hier ist es anders! Alle anderen Hexen konnte ich vergessen und mein Leben unbeschwert leben, aber bei Skyla verliere ich, obwohl ich kämpfe, weil sie mit ihren Kopf durch Wände geht. Sie schaufelt sich ihr Grab selber und sie ignoriert alle Warnungen!“
Aus der Dunkelheit löst sich eine Gestalt und tritt an Milan heran. Dalikas Augen glühen, als sie seinen Arm hinab drückt.
„Meine kleine Blume schüttet dir ihre Sorgen aus und du nimmst sie nicht ernst! Du verurteilst, ohne der Sache auf den Grund zu gehen!“, zischt sie leise.
„Gut gesprochen“, kommentiert Silas lässig, „Milans Theorie mag ebenfalls logisch klingen und ich finde, beides sollte überprüft werden. Aus neutraler und nüchterner Sicht. Eine eilige Angelegenheit. Naomi mag eine Spezialistin sein, doch ich halte sie für ungeeignet, denn sie hegt ihre Differenzen mit Skyla. Daher empfehle ich einen Tempel, dessen Mönche sich Skyla annehmen können. Ich stamme von dort, wurde dort ausgebildet und kann sie direkt vermitteln. Eine gute Gelegenheit, um für Distanz zu sorgen. Ein Zeitfenster, um Gefühle und Gedanken zu sortieren.“
Am Ende stiert er Milan entgegen, als brenne er seine Worte in Milans Seele ein. Justins Schüler schnalzt abwerten mit der Zunge.
Sorge keimt im Inneren. Nicht Skylas Ängste, sondern sicherlich die von Jacob, denn Silas Einmischung gefährdet sicherlich seinen Plan. Der Blick fällt unweigerlich auf Naru. Obwohl Skyla die Idee mit dem Tempel befürworten mag, will sie ihren Vater nicht allein mit der Erziehung von ihrem Cousin lassen.
„Naru braucht mich, ich kann hier nicht weg.“
Kaum zu Ende gesprochen, erstickt Jacobs Sorge. Sie hört sein leises Lachen, dass ihre innere Welt leicht vibrieren lässt. Auch Silas reagiert auf die Aussage. Er beugt sich zu ihr hinab und blickt ihr tief in die Seele.
„Naru befindet sich in guten Händen. Du solltest erst mal an dich denken. Noch können wir uns der Sache annehmen, daher überdenke meinen Vorschlag.“
Kaum lässt sich Skyla seine Worte durch den Kopf, lässt der Gedanke an eine Abreise die Erde erschüttern. Ein Erdbeben. Nicht schwach, sondern überwältigend. Die Wände und das Mobiliar wackeln. Skyla springt auf, um ihren Cousin schützen zu wollen, da gerät ihr Atem ins Stocken. Naru hat seine Augen geöffnet und sie erblickt zum ersten Mal die wässrige, tiefblaue Iris. Es wirkt, als sei er auf sie fixiert. Seine Hände sind zu Fäusten geballt und in die Höhe gestreckt.
„Kleine Blume!“ Dalika eilt herbei. „Du musst dich schützen!“
„Nein! Naru hat Vorrang!“
Doch zu wenig weiß Skyla über den Inkubator und verzweifelt, wenn sie das Gerät sieht. Daher umfasst sie seine kleine Hand durch das kleine Loch und kaum kommt es zum Körperkontakt, endet das Beben und die Augen des Säuglings fallen müde zu. Skyla sucht beunruhigt den Blickkontakt zu Dalika und zu allem Übel bestätigt der Nang Tani ihre Vermutung.
„Der kleine Spross hängt an dir und weigert sich, dich gehen zu lassen.“
Das Herz lächelt. Gerührt und tief verbunden zu Tante Marys kleinen Jungen. Doch der Verstand ertrinkt in Sorge. Skyla steckt halstief in Problemen, zieht Ärger und Dunkelheit an. Damit wäre sie kein guter Umgang für das junge Leben. Herz und Kopf zeigen sich erneut im Zwiespalt. Uneinig. Das Herz tränt bei dem winzigen Gedanken, Naru auf Abstand zu halten oder gar für immer aus seinem Leben zu verschwinden. Der Verstand hingegen wischt den Beweis der Schwäche fort. Tief seufzend entfernt sich Skyla von dem Inkubator und stiert in die Dunkelheit, die ihr durch das Fenster entgegenblickt und nach ihr ruft. Skyla meint Segone im schwachen Mondlicht auszumachen. Am Waldrand. Die Dämonenkönigin lauert ihr noch immer auf. Geduldig. So wie Jacob. Zwei kluge Köpfe, die Chancen wittern und erkennen.
Die stärkende Hand auf der Schulter stammt nicht wie erhofft von Milan, sondern von Silas. Ein Fremder, dessen Blick sie an ihre Ausbilder David erinnert. Mitfühlend. Anders als gedacht, denn sie hielt ihn für kalt und distanziert, weil er sich so vorstellte. Es scheint als stecke weitaus mehr hinter Silas Identität. Doch sein Auftreten erinnert sie an ihre Unterhaltung.
„Lass mich über deinen Vorschlag nachdenken, vorerst mag ihr mich aber Rat von Justin holen.“
Erneut überrascht er sie, denn er lächelt wissend. „Wozu? Deine Entscheidung fiel bereits. Du lehnst mein Angebot ab und das habe ich zu akzeptieren. Aber hey, ein wenig blieb auch noch bei mir hängen. Ich werde mir Mühe geben und mich deinen Problemen annehmen. Lass uns die Dunkelheit in dir bekämpfen.“
Ein gütiges Angebot. Sicherlich verschwendet an ihr. Denn Skyla meint aus dem Augenwinkel Segone grinsen zu sehen. Als könne die Dämonenkönigin ihrem Gespräch lauschen und als wüsste sie, dass Silas gegen einen Sturm ankämpft. Gegen eine Naturgewalt.
„Du schenkst dem Dämon zu viel Aufmerksamkeit“, tadelt Silas sie.
Skylas Augen weiten sich, Silas schmettert Segone einen Blick zu, der einer Kampfansage gleicht.
„Du siehst sie?“
Sein Nicken genügt, um Milan zu ihnen zu locken, ihr Lover zischt verärgert, als er Segone ausmacht.
„Die hat sich ja lange nicht blicken lassen“, ärgert er sich und Skyla sieht den Kampfgeist in seinen Augen.
Doch Segone wendet sich zum Gehen ab, als habe sie kein Interesse an einem Duell.
Ein Detail lässt Skyla jedoch stutzig werden. „Dalikas Feenbaum sollte Eindringlinge doch vom Grundstück fernhalten. Hat Segone den Baum überlisten können?“
„Die Barriere des Feenbaums kann solch ein Kaliber nicht fernhalten“, berichtet Silas.
Wie befürchtet. Und auch in der Zukunft bleibt die Dämonenkönigin dem Grundstück nicht fern. In unachtsamen Momenten erscheint ihre Gestalt. Zuerst aus der Ferne. Aber die Distanz verringert sich immer weiter und es spielt keine Rolle, ob Skyla allein wandelt oder sich in Gesellschaft befindet. Segone lacht der Gefahr ins Gesicht. Auch Jacob erschwert die kommenden Wochen, obwohl sich Skyla an Justin wendet und Naomi sich dem Fall annimmt. Der weiße Teufel rüttelt an jeder Tür in Skylas Kopf. Sitzungen, wonach Migräneattacken das Medium flach legen. Doch so gründlich die Hexe auch sucht, Jacob weiß sich zu verstecken. Zum Anfang hin vermutet Naomi Alpträume, Wahnvorstellungen oder bleibende Traumata. Doch Jacob ergreift in Schlafphasen die Kontrolle und zu seinem Pech läuft er in einer Nacht dem weißen Teufel in die Hände. Skyla hört im Nachhinein von einem Kampf, dem Jacob nicht gewachsen wäre, sodass er den taktischen Rückzug wählte. Seitdem steht Skylas Schlaf unter Beobachtungen, was Jacob dazu veranlasst, die Kontrolle in Wachphasen zu ergreifen. Kurze Blackouts, aber alle führen zu Tessa und der Terror fliegt auf. Tessa erkennt Jacob an der Stimme. Sie erwähnt panisch die gelben Augen, die sich in ihren Kopf einbrannten. Augen, die Skyla bei Kontrollverlust erhalten soll. Obwohl sich Skyla intensiv mit Silas Übungen befasst und Erfolge erzielt, Türen in ihrem Inneren zu verschließen. Doch Jacob kommt ihr zuvor, er lernt schneller als sie. Ein gefährliches Spiel auf Zeit.
Lichtblicke hingegen werden durch Naru und ihren neuen Alltag geformt. Kaum ein paar Wochen später kann Naru den Kopf selbst halten, daher schnallt Skyla ihren Cousin in einer Trage um ihren Körper und nimmt ihm beim Laufen mit. Der Kleine klammert sich regelrecht an sie fest und wenn niemand sein Geschrei lindern kann, dann wird Skyla gerufen, denn in ihrer Nähe beruhigt er sich sofort. Je mehr Wochen vergehen, desto mehr registriert Naru seine Umgebung. Aus irgendeinem Grund scheint er Mason interessant zu finden. Der Ex-Soldat verkündet sein Unbehagen bei jeder Gelegenheit, wenn der Kleine ihn schon wieder anstarrt. Kaum krabbelt Naru, läuft er Mason ständig hinterher. Mason gibt sich Mühe, ihn abzuschütteln, aber am Ende findet Naru ihn freudestrahlend. Lukas mag immer weniger am Training teilnehmen, schließlich assistiert er Naomi und zeigt großes Interesse für ihre Arbeiten. Obwohl beide Freunde am gleichen Ort verharren, laufen sie sich immer seltener über den Weg. Wie Naomi nimmt Lukas kaum noch an der großen Tafel teil. Er speist mit Naomi zwischen der Arbeit. Womit er bei Skyla das Gefühl verstärkt, dass die Freundschaft auseinanderbricht.
Kaum eröffnet das Restaurant, geht Skyla ihre gewohnte Arbeit als Köchin mit Emilie nach. Jedoch nur halbtags, denn die Geisterjagd gehört immer noch zu ihrer Ausbildung. Neben dem Training, erledigt sie Missionen mit Mason, Tamir und Milan. Das Hotel füllt sich in einem kurzen Zeitraum mit Leben. Thomas‘ Konzept fruchtet. Gäste von überall strömen hinein, speisen, erfrischen sich an den Getränken und nutzen den Service der Missionsvermittlung. Auch die Praxis von Dr. Herzlieb wird gut besucht. Oma Ulrike beweist sich als Küchenchefin und Sina macht neben der Hasskampagne gegenüber den Ritterorden auf Werbung für das Restaurant. Alles wäre gut, wenn nicht Jacob wäre.
Ruhige Momente im Alleingang werden zur Gefahr. Jacob erfolgreich aus dem Kopf zu bannen gelingt Skyla nur dreimal. Für Silas große Erfolge. Für Skyla ein mageres Ergebnis. Selbst die Schutzgeister sind keine große Hilfe. Dank der Verträge können sie Jacob nicht viel anhaben und im Austricksen beweist sich der böse Geist als Genie. Und doch hegt Skyla Hoffnung, bis zu jenem Tag…































































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