Kapitel 43

Bunt wie ein Regenbogen heben die vielen Luftballons ab. Unzählige. Begleitet von den lauten Geburtstagsgrüßen. Tessas Geburtstag. Einen Tag, den Skyla seit der Kindheit fürchtet. Eine der prunkvollen Partys endete mit einer zerfetzten Frisur. All das lange Haar mit den schönen Spangen lag wie Konfetti am Boden verteilt. Begossen von all den vielen Tränen. Begleitet von schallendem Gelächter und gehässigen Blicken. Eine Eifersuchtsaktion geleitet von Tessa und unterstützt von all den anderen Gästen. Ein Akt der Verschwörung. Seither hält Skyla das Haar kurz und Blau wie der Luftballon, den Naru ins Auge fasst. Die kleinen Händchen strecken sich nach dem gewünschten Objekt aus und ehe dieser unerreichbar sein wird, schnappt Skyla zu. Ihre Finger erfassen die Schnur und binden diese um ihr linkes Handgelenk, sodass der Ballon nicht fliehen kann. Ihr kleiner Cousin steckt bei ihr in der Babytrage und lacht glücklich über den errungenen Fang. Zufrieden beobachtet Skyla, wie er mit dem Ballon spielt.

 

Einige Monate vergingen. Ein Auf und Ab an Emotionen. Das Versteck wurde zu einer angesehenen Location. Voller Kundschaft fürs Restaurant und Café. Jener Ort in Kanada wurde zum Treffpunkt für Jäger aller Art, um sich auszutauschen, sich zu erholen oder sich bei Dr. Herzlieb verarzten zu lassen. Einige verzweifelte Seelen suchen sogar Hilfe bei Naomi, manche bringen ein paar interessante Leichen mit sich. Lukas verabschiedete sich nun komplett von Justins Training, denn er fand seinen Platz bei dem Weißen Teufel. Selbst die Arbeiten im Labor und der Leichenhalle scheinen ihm zu liegen. Durch Naomi belehrt glänzt er mit umfangreichem Wissen über die Welt der Magie und arbeitet sogar als beratende Funktion. Arbeiten, die ihn mit Stolz erfüllen. Skyla freut sich für ihn, auch wenn sie nicht versteht, wie man Naomis Lauen freiwillig erträgt.

 

Ihr Alltag zeigt sich ebenfalls sehr umfangreich. Neben dem Training, der Belehrung über das Übernatürliche, der Geisterjagd und als vertretende Küchenleitung kümmert sie sich viel um Naru. Oft lässt ihr kleiner Cousin ihr keine andere Wahl. Seinen Kummer scheint noch immer nur ihre Anwesenheit zu lindern. Der Schreikrampf hält über Stunden an, wenn sie auf einer Mission steckt. Naru klammert sich förmlich an Skyla. Selten bekommt ihr Vater oder Oma Ulrike die kleine Heulsuse beruhigt. Seine telekinetischen Fähigkeiten trainiert der Kleine ununterbrochen, allein in diesem Moment fliegen die nächsten Zuckerbomben heran. Windbeutel haben es ihn besonders angetan. Dank ihm arbeitet Skyla ebenfalls mit ihren Kräften und fängt die süße Bedrohung ab, um sie zurück zum Buffet schweben zu lassen. Frustriert bläst Naru die Wangen auf, was ihr ein ehrliches Lachen entlockt. Gute Laune, die ihr im Hals stecken bleibt, als es zum Blickkontakt mit Tessa kommt. Eine anmutige, schöne Frau mit Bestnoten auch auf der Hexenakademie. Tessa mag keine Gaben oder Magie besitzen und doch gilt sie als kleines Genie, das im Bereich Medizin studiert. Selbst Naomi wirkt immer wieder von ihrem Wissensstand beeindruckt und sie sieht in Tessa eine ehrwürdige Assistentin. Doch dank Naomis schlechtem Image meidet Tessa die weißhaarige Hexe im hohen Bogen. Für ihre Karriereleiter steuert sie andere hochangesehene Kliniken an. Laut Vater Finn soll sie bereits viele Sponsoren und Interessenten haben.



 

Die Kälte in Tessas Blick verstärkte sich. All die vergangene Zeit seit dem Tod von Tante Mary fütterte Tessa weiter mit Hass und Verachtung. Selten befindet sie sich zu Besuch, aber bei jeder Gelegenheit beschimpft und verurteilt sie Skyla für ihre Lage. Trotz Neuanfang wandelt Tessa in großen Kreisen. Sowohl junge Frauen, als auch Männer tummeln sich um sie, überschütten sie mit Komplimenten und gieren nach ihrer Aufmerksamkeit. Viele folgen Tessas Blick und die unangenehme Stille schlägt Skyla bereits in die Flucht, bevor das gehässige Getuschel beginnt. Bei all den vielen Gästen vor Ort fühlt es sich an wie eine große Veranstaltung. Unter all den Leuten und mit den bohrenden Blicken im Rücken droht Skyla im reißenden Fluss zu ertrinken. Tessa leistete saubere Arbeit, sie in der magischen Welt schlecht zu reden. Somit wurde Skyla berühmt. Ähnlich wie Naomi. Denn Tessa weiß von Hades Auftrag. Gleichzeitig werden Pakte mit Dämonen nicht gern gesehen.

 

Die Atmung beschleunigt sich und Skyla fühlt sich, als breche der Boden unter ihr fort. In ein stürmisches Gewässer ohne Entkommen. Trotz reißenden Strömung und Panik eilt Rettung herbei, denn zwei ihrer Schutzgeister greifen nach ihr und ziehen sie abseits der Menge. Wie von Emilie gewohnt, wird Skyla an die Brust ihrer Freundin gedrückt. Nähe, die Naru stört und er seine kleinen Arme gegen seinen Störfaktor stemmt. Wie auch des Öfteren bei Milan. Nichts, was Emilie beeindruckt, sogar eher belustigt. Zu Narus Frust. Auch Dalika streichelt sanft über Skylas Rücken, sodass sich die Spannung löst und sich die Atmung beruhigt.

„Alles ist gut, kleine Blume. Wir sind für dich da“, flötet Dalika nah an ihrem Ohr.

Emilie nickt eifrig und erinnert daran: „Sie können dir nichts tun, erst müssen sie an uns vorbei.“

Noch ehe sich Skyla dazu äußern kann, trifft die nächste Verstärkung ein. Skyla seufzt erschüttert, denn sie mag nicht schwach vor ihrer Familie wirken. Aber ihr Patenonkel eilt außer Atem herbei.

„Ich danke euch für all die Fürsorge, Skyla scheint sich beruhigt zu haben. Ich habe mir wahrlich Sorgen gemacht. Geht es dir gut, Skyla?“

„Es ist alles okay.“

Die Lüge geht nur schwer über die Lippen. Die Stimme zittert und Skyla weiß, dass sie auffliegt. Ein jeder zweifelt die Aussage an, sodass sie ihr Gesicht hinter den Händen versteckt. Für Naru eine Aufforderung zum Spielen, so umfassen seine kleinen Finger ihre Hände und wollen sie fortdrücken.



 

Der Schrecken ist groß, als sich mit einem Klicken die Babytrage löst. Reflexartig fallen Skylas Hände hinab, um Naru vor einem Sturz zu retten. Dabei handelt es sich um keinen Unfall, sondern um Thomas‘ Plan. Kaum gelöst, schnallt er Naru an Emilie fest. Naru mag leise quengeln, doch Emilies Gesang zeigt Wirkung. Noch ehe Skyla zum Protest ansetzen kann, zieht Thomas sie in seine Arme. Ohne Kompromiss.

„Für jede weitere Lüge, knuddel ich dich eine Minute länger“, scherzt Thomas mit ihr.

Aufgrund der trüben Laune braucht Skyla einige Sekunden, um aufzutauen, schließlich erwidert sie die Umarmung und Thomas gibt sie erst frei, als Dalika mit einer kleinen Erfrischung anrückt. Eine fruchtige Limonade, die Skyla nach all der Bespaßung für Naru gebrauchen kann. Aus der Ferne folgt Tamirs Ruf an seine Schwester. Zeit für ihre Bühnenshow. Freudig blickt Emilie auf und streckt Skyla die Hand entgegen.

„Na los! Komm schon, Skyla. Du hörst mir doch zu oder?“

„Schon, aber dann überreiche mir Naru“, fordert Skyla.

Doch Emilie weigert sich und dreht eine Pirouette mit ihrem Cousin, dieser lacht erheitert.

„Nö! Er begleitet mich auf die Bühne!“, beschließt Emilie grinsend.

Skyla seufzt und sieht sich schon die Treppen zur Bühne, um ihren Cousin während eines Auftritts zu beruhigen. Hilfesuchend dreht sie sich zu Thomas, dieser bietet an, Naru zu nehmen. Doch Emilie kann stur sein.

 

Sämtliche Gegenwehr verstummt, als Skyla die vertrauten Gitarrenklänge vernimmt. Während sich Skyla um ihren Cousin kümmert oder in der Küche arbeitet, entdeckte Milan seine Leidenschaft an der Gitarre. Er verschrieb sich dem Punkrock und obwohl Emilie sich mehr gefühlvollen Liedern widmete, scheint sie ebenfalls Freude an der neuen Richtung gefunden zu haben. Gemeinsam singen die beiden viel in der Freizeit und beeindruckt Skyla immer aufs Neue. Er besitzt wahrlich Talent, die Showeinlagen wirken unfassbar natürlich bei ihm und der Stimme steckt so viel Gefühl. Eigenschaften, die das Publikum anerkennt und ihn mit jedem weiteren Auftritt weiter feiert. Kaum vernimmt sie Milans Stimme, weckt er Sehnsucht in ihr. Für Emilie das Signal für einen Sprint. Auch ohne Skyla stürmt sie voran. Begleitet von Narus quirlige Laute. Skyla sieht das Unglück schon kommen und nimmt die Verfolgung auf. Nicht ohne vorher, Thomas laut für seine Unterstützung zu danken. Sie sieht ihren Patenonkel nur noch winken, schließlich folgt sie dem starken Rosenduft und macht Emilies knallrotes Kleid immer wieder in der Menge aus.



 

Der Sprint endet, als sie in Silas Arme läuft. Er muss sie aus der Ferne entdeckt haben und will sicherlich nur helfen, dabei vermasselt er ihr die Chance, sich vor Bühnenauftritt Naru zu ergattern. Stolz begibt sich Emilie mit ihrem kleinen Cousin hinauf zu Milan, der seiner Gesangspartnerin freudig den Daumen entgegenstreckt, als habe er nie daran gezweifelt, dass sie zu spät eintrifft und er am Ende ihren Part übernehmen müsse. Kaum im Rampenlicht übernimmt Emilie und die Menge raunt, als ihre Stimme den Saal verzaubert. So konzentriert sich Milan auf das Spiel mit der Gitarre.

„Verflucht! Jetzt steht sie doch mit Naru da oben!“, ärgert sich Skyla laut.

Silas folgt ihrem Blick und lächelt erheitert. „Entspann dich, Skyla. Gönn dir mal eine Pause von dem Kleinen. Ist doch schon, wenn deine Freundin dir unter die Arme greift.“

Das kann nur jemand sagen, der Wochen lang das Versteck verlässt und nur selten Narus Schreikrämpfe mitbekommt.

„Du bist das kleine Monster los. Sei doch froh“, tönt es von der Seite.

Worte, die natürlich nur von Mason stammen können. Schließlich fühlt er sich von Naru verfolgt. Es stimmt, dass ihr Cousin großes Interesse an den Riesen legt. Noch immer büxt er aus und landet am Ende bei Mason, der mit Kindern wenig anfangen kann und immer um Hilfe bittet, wenn Naru sich an ihm hängt.

 

Dank Naomis Handschuhe kann er problemlos seinen Alltag führen, ohne durch Berührungen alles zu Eis erstarren zu lassen. So gönnt sich Mason den nächsten Kurzen und hebt die Flasche auffordernd hoch.

Ein Einfall, den Silas begrüßt und vorschlägt: „Unbedingt, komm in unsere Runde, Skyla. Du siehst fürchterlich verspannt aus.“

„Nein danke“, lehnt sie ohne zu zögern ab.

Im gleichen Moment drängt sich Justin zu ihnen und ermahnt sie: „Denke nicht mal dran, Skyla! Du bringst allein nüchtern Chaos, da will ich mir nicht ausmachen, was passiert, wenn du angetrunken bist.“

„Ich habe doch abgelehnt!“

„Will ich auch für dich hoffen. Die beiden trinken mir ebenfalls zu viel“, beschwert sich Justin, während er die leeren Gläser einkassiert und wieder kellnert. Ein ulkiger Anblick, an dem sie sich nie gewöhnen kann.



 

„Du bist viel zu streng, Justin“, findet Silas, „Gönn deiner Schülerin doch mal ein wenig Spaß.“

„Kontrolliertes Chaos sei erlaubt. Skyla darf sich gern vergiften, aber nicht bei solch einer wichtigen Veranstaltung“, kommentiert Justin trocken.

Zu Skylas Bedauern erwarten sie an Tessas Geburtstag hohen Besuch vom Hexenzirkel. Lady Irene persönlich sucht das Gespräch zu Justin. Seine Nervosität versteckt der Geisterjäger in seinem Putzwahn, wie Skyla feststellte. Schon seit Tagen erwischt sie ihn ständig, wie er Stelle für Stelle übertrieben poliert. Bei solch einem riesigen Grundstück wäre er somit lange beschäftigt, dass sich Skyla trotz müder Knochen immer wieder dazu gesellt und ihn dabei unterstützt. So kam es zu einigen tiefsinnigen Gesprächen mit ihm. Eine Win-Win-Situation. So langsam bekommt Skyla das Gefühl, er öffnet sich ihr immer mehr. Daher darf sie es heute nicht verbocken und mit Naru auf der Bühne ist das Chaos vorprogrammiert.

„Hey, es ist alles gut. Emilie hat die Situation im Griff“, wendet sich Silas an sie, als könne er Gedanken lesen.

Eine Aussage, die Justin aufblicken lässt, seine plötzliche Steifheit und das bedrohliche Reflektieren seiner Brillengläser halten Skyla seinen Missmut vor Augen.

„Ich kümmere mich schon darum“, verspricht sie daher kleinlaut.

Tatsächlich bekommt Justin die Zähne auseinander und er klingt wahrlich bissig. „Ich bitte darum!“

 

Hoch motiviert, Emilies Unfug zu beenden, kämpft sich Skyla durch die Menge. Und obwohl sie auf Rammbock spielt, wird sie am Ende seitlich an den Rand gedrängt. Ausgerechnet zu Tamir, der ihren Besuch belächelt und missversteht, wie sich nun zeigt.

„Hey, willst du die beiden aus nächster Nähe anfeuern?“

Wenn doch nur Zeit dafür wäre. Zum Durchschnaufen. Zum Zeitvertrödeln. Doch in einer Stunde beginnt ihr Dienst in der Küche und bis dahin soll sie Naru bespaßen. Die Gitarrenklänge verstummen, Grund dafür ist die Tatsache, dass Milan sie ausfindig machte. Sein Geist scheint kurz abzudriften, bis Emilie näher an ihm herantritt. Somit wäre Naru in greifbarer Nähe, doch Skyla kann unmöglich den Blick von dem Mann lösen, der ihr Herz noch immer höher schlagen lässt. Milans Blick wird unfassbar sanft und seine Mundwinkel zucken, bevor er ehrlich zu lächeln beginnt und Emilie weiterhin musikalisch unterstützt. Trotz Showeinlage klebt sein Blick an ihr und Tamir spielt ihm sogar zum Ende des Liedes in die Hände, als er Skyla packt und mit einem Ruck hinauf auf die Bühne stellt. Frech stößt er sie Richtung Milan, der tatsächlich auffordernd seine Arme ausbreitet.



 

Im Sog der Anziehungskraft gehorcht ihr Körper nicht mehr und so findet sich Skyla wenig später in seinen Armen wieder. An ihm festgekrallt, als sei er ihre einzige Stütze in ihrem Leben. Ihr Verhalten lockt seine alberne Seite aus ihm heraus. Zuerst drückt er sie feste, um ihr schließlich den Boden unter den Füßen zu nehmen. Skyla steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als er sie wie eine Braut in seinen Armen trägt und ihr frech entgegen grinst, um sie schließlich mit einem Kuss zu überraschen. Und das bei so vielen Zuschauern. Während Skyla ihre Selbstsicherheit verliert und sich in ein schüchternes Mädchen verwandelt, scheint Milan das Ganze zu genießen. Sie spürt sein Grinsen an seinen Lippen. Kaum endet der Kuss, dreht er sich mit überschwänglicher Laune mit ihr. Dabei trübt sich ihre Laune, denn statt Jubelrufe für ihre gelungene Musikeinlage, folgen Beleidigungen und Spott, der nur ihr gilt.

 

Unglücksbringer

Verräter

Terrorweib

Dämonenschlampe

Alles noch harmlose Bezeichnungen im Gegensatz zum Rest. Es bleibt nicht bei den Rufen, schließlich werfen einige Zuschauer Gläser. Manche sogar Messer. Noch ehe Skyla von ihrer Macht gebrauchen kann, reagieren ihre Schutzgeister. Auch Kai bedient sich der Telekinese. Dank ihm bleiben die Gegenstände in der Luft schweben. Ohne Schaden anzurichten. Seine Augen glühen, als er sich schützend vor Skyla hinstellt, als wolle er all das Gefahrengut zurück in die Zuschauermenge befördern. Sorge bereitet Skyla jedoch mehr die erdrückende Aura hinter ihr. Dalika tritt aus ihrem Schatten mit glühendem Blick. Ihre Erscheinung veränderte sich zum Negativen. Ihr wilder und kampfeslustiger Ausdruck verleihen ihr die monsterhaften Züge, die nicht zu ihrer perfekten Tarnung als liebevolle und mitfühlende Freundin erinnern. Dank Agnars Fäden werden einige Täter aus der Menge geangelt und hinauf zur Decke gezogen. Nicht alle, denn Tamir, Silas, Mason und sogar Justin schnappen sich einige Leute und zerren sie hinaus aus dem Restaurant. Emilie spielt den Schutzschild und stellt sich bewusst vor das Pärchen. Auch Milans Körper versteift sich und Skyla hört seine schweren Atemzüge, als kämpfe er mit der Beherrschung.



 

Der Boden bebt unter Dalikas Schritten. Ihr Kopf hängt auffällig, als habe man ihr das Genick gebrochen. Sicherlich alles nur Teil der Einschüchterung, die funktioniert. Panik entsteht in der Menge. Die ersten Gäste ergreifen die Flucht, viele wirken wie erstarrt.

„Agnar! Halte Dalika auf!“, wendet sich Skyla verzweifelt an ihren zuverlässigsten Partner, da ihre Rufe an den Nang Tani einfach abprallen.

Agnar tritt ebenfalls aus dem Hintergrund und packt konsequent zu. Er mag kleiner als Dalika sein und am Anfang nicht genug Kraft aufbringen, um dem Befehl auszuführen, doch kaum erzielt er Erfolg, indem er Dalika konsequent von der Stelle zerrt, erwacht der Nang Tani. Der Zorn weicht ihr aus dem Gesicht. Die Augen weiten sich vor Schreck und ihr Geist braucht ein paar Sekunden, um zu begreifen, wozu sie bereit war. Zischend presst sie Luft zwischen die spitzen Zähne und doch breitet sie die Arme aus, sodass ein jeder ihre gewaltigen Klauen zu sehen bekommt. Ihr Schrei klingt schrill und bringt so manche Gläser zu Bruch.

„Hütet Euch vor meinem Zorn! Wer meine Blume schadet, den jage ich bis in die Hölle!“, folgt ihr Warnung mit triefendem Hass.

Wie gern würde Skyla ihr Temperament mit einer Umarmung bändigen, doch in Milas Armen bleibt sie machtlos und ihr Lover macht keine Anstalten, sie hinabzulassen.

 

Auf Agnar ist Verlass, daher will Skyla verstehen, was in Milan vor sich geht.

„Sorry, ich habe dir die Show versaut“, folgt ihr klägliches Geständnis.

Kaum ausgesprochen erfasst er sie von der Seite und sein steifer Kiefer scheint sich zu entspannen.

„Ist nicht deine Schuld, Süße. Sondern ihre verklemmte Ansicht, die auch den anderen Hexen geschadet hat. Das fehlende Verständnis. Die verurteilenden Blicke. Eine arrogante Denkweise.“

Die Bewunderung schlägt Wellen. Einer von Milans strahlenden Momenten. Er spielt die Heldenrolle und erobert ihr Nerdherz im Sturm. Skylas Vernarrtheit erreicht ein ganz neues Level. Wie eine Katze schmiegt sie ihren Kopf an seine Brust und klammert sich am Hemd fest. Ihre Schwärmerei bleibt nicht unbemerkt, Milan zwinkert frech. Mit einer Erkenntnis.

„Habe ich dir doch das Herz am Ende gestohlen?“



Statt ihm zu antworten, umarmt sie ihn trotz ungünstiger Position feste, um im Anschluss kurz in sich zu gehen. Milan präsentierte viele Seite. Zum Ende hin oft sehr bissige Variationen, sodass ihre Zweifel die Freude auf eine Zukunft mit ihm dämmen. Dabei beharrt ihr Herz, die große Liebe in ihm gefunden zu haben. Nur hält ihr der Verstand auch die unschönen Momente vor Augen.

„Dein Frust über mich steigt. Oft gibst du mir das Gefühl, ich wäre Schuld all deiner Probleme. Ich kenne meine Teilschuld und ich gestehe, dass ich vieles anders hätte lösen können, doch hat unser Liebe Zukunft?“

Sie spürt die zurückkehrende Anspannung in seinen Gliedern und auch sein Griff verstärkt sich. Doch sie will ihm noch keine Möglichkeit geben, darauf zu reagieren, denn auch sie will ihn noch mal an ihr Geständnis erinnern. Es mag vielleicht ein paar Monate zurück liegen, aber ihre Gefühle offenbarte sie ihm schon einmal. Kurz nach dem sie Evandros Auftrag entgegen nahm und sich die Situation mit Milan zuspitzte. Vielleicht konnte er aufgrund seiner Enttäuschung die Botschaft wenig genießen oder gar verarbeiten. Zeit, dass sie ihr Geständnis wiederholt. Mit der Hoffnung, er begreift, was er ihr wirklich bedeutet.

„Warte, Milan. Lass mich dir vorher etwas mitteilen, denn ich werde es nicht oft wiederholen. Denn ich möchte, dass meine Worte mehr Gewicht erhalten und zu etwas Besonders werden. Okay?“

Bis zu jenem Moment bewies er eine unbekannte Geduld und Zurückhaltung, die sie ihm hochanrechnet. Auch weiterhin spielt er brav mit und nickt geduldig, daher belohnt sie ihn mit einem Kuss auf die Wange, um an seinem Ohr zu verharren, denn sie entscheidet sich für ein Flüstern.

„Ich liebe dich, Milan. Daher schmerzt mich unsere Entwicklung. Ich will es mir mit dir nicht verbauen.“

Ehrliche Gefühle, die Milan nicht kalt lassen. Sein Grinsen gewinnt an Größe und die schwunghafte Drehung entlockt ihr einen leisen Schrei. Zeit zum Beruhigen gönnt er ihrem Herzen nicht, denn sein darauffolgender Kuss fordert mehr. Kein flüchtiges Berühren ihrer Lippen, sondern intensive Zungenküsse. Dabei teile sie ihm ihre Sorgen mit. Ihre Bedenken. Aber Milan filtert nur das Positive. Typisch für ihn. Einerseits bewundernswert, denn solch eine Einstellung macht das Leben leichter. Nur bleiben die eigentlichen Probleme bestehen, und um ehrlich zu sein würde sich Skyla wünschen, sie suchen gemeinsam nach Lösungen. Doch Milan feiert das Liebesgeständnis, was ihr zeigt, er konnte es vor Monaten kaum realisieren oder vielleicht brauchte er noch einmal Gewissheit. Wie bei einem Ereignis, das sich wie ein Traum anfühlte. Ein Ereignis, das Milan mit Tamir teilen mag. Kaum kehrt Emilies Bruder zurück hängt sich Milan an seinen neuen Freund und steuert gezielt die Bar an. Und Skyla bleibt allein zurück. Mit ihrem Rucksack voll Steinen an Problemen. Kaum zu schultern. Eine erdrückende Last. Und im Zwiespalt zu ihren Gefühlen.



Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare