Kapitel 44
Gefeiert, laut und sorglos wandeln Milan und Emilie im Rampenlicht. Verdient nach all den vielen Stunden Gesang und Übungen an der Gitarre. Die Scheinwerfer scheinen ihnen zu folgen, während Skyla in Dunkelheit zurückbleibt. Trotz neugewonnener Freizeit trübt sich die Laune. Die Bespaßung von Naru mag viel abverlangen, aber bereichert Skyla ungemein. Obwohl die Beziehung zu Milan darunter leidet. Denn Skyla ist nicht blind und weiß, dass der Geisterjäger sich mehr Zeit allein mit ihr wünschen würde. Ohne das Baby zwischen ihnen. Aber Naru erhellt Skylas Leben. Seine Liebe und Aufmerksamkeit brachten so viele Lichtblicke. Wo jede Therapie der Welt versagt hätte.
Trotz Pakt sucht Skyla vergebens nach ihren Schutzgeistern und auch die Umgebung scheint sich beunruhigend zu verändern. Ungehindert wie eine Monsterwelle auf See rollt die Finsternis über jenen Ort und verschluckt all die Leute. Aufgrund der ausgelassenen Stimmung und der entspannten Gesichter spricht alles für ein Phänomen, das nur Skyla betrifft. Sicherlich eine Zwangseinladung in die Geisterwelt. Die Hintergrundmusik verliert an Lautstärke, als könne die dunkle Welle auch Töne verschlucken. Die Augen wollen sich gerade an die Dunkelheit gewöhnen, da erstrahlt plötzlich ein Tisch wie ein Leuchtfeuer. Geblendet dreht Skyla den Kopf fern, um Milan und Emilie in der Ferne auszumachen. Noch verschont von der anrollenden Welle. Und doch wirken beide fern wie Schiffe auf See. Unerreichbar. Skylas ahnt, ihr Ruf würde keinen der beiden erreichen. Der Wind würde ihre Worte einfach forttragen. Mal wieder steckt sie in einem bizarren Szenario. Allein. Kein Milan, der die Sache mit ihr durchsteht. Daher wappnet sich Skyla mit einem tiefen Atemzug vor dem Unbekannten.
Stechende Blicke ruhen auf ihr. Eine Präsenz, die sich offenbart. Nur fürchtet Skyla, welches Monstrum ihr gleich entgegenblickt. Das Herz schlägt bis zum Hals und die Macht sammelt sich für einen Kampf in den Fingerspitzen, als Skyla den beleuchtenden Tisch ins Visier nimmt. Zu ihrer eigenen Überraschung wirkt der Anblick harmlos. Statt einer entstellten Kreatur lächelt ihr eine Dame entgegen. Ein Wolf im Schafspelz. Die Dämonenkönigin Segone veränderte ihr Aussehen und wirkt noch menschlicher als ohnehin schon. Sicherlich zur Täuschung, denn ihr Besuch birgt ein hohes Risiko. Noch vor wenigen Augenblicken war sie von Feinden umzingelt und doch viel keinen einzigen Besucher auf, das ein freier Dämon Teil der Feierlichkeit wurde. Doch selbst in all der Menge würde Skyla die Königin wiedererkennen.
Die hochgewachsene Dame wandelt in wichtiger Gesellschaft. Einen Besuch vom Hades Anhängern will Skyla nicht ignorieren und so sie tritt sie bewusst an Evandro heran.
„Sei gegrüßt, Skyla.“ Er lächelt ihr charmant zu und hebt ein Glas Wein, als wolle er auf sie anstoßen. „Bitte entschuldige die Störung, aber solch einen wichtigen Tag lass ich mir nicht entgegen.“
Beide Besucher kleiden sich, als besuchen sie eine Gala. Auffällig elegant, was Skyla von Hades Anhängern nicht kennt. Evandro im Anzug gibt ein seltsames Bild ab, denn bislang wirkte er, als lege er keinen Wert auf Optik. Auch Segone trägt ein dunkles Kleid, das aus der Gothicszene entstammt und somit wirkt es, als stamme sie aus einer anderen Zeitepoche. Und doch wirkt die Königin umso anmutiger. Im Vergleich zu den beiden fühlt sich Skyla undressed, denn sie trägt ihre gewöhnliche Garderobe. Ein rebellischer Look. Meist bestehend aus auffälligen Leggins oder Jeans mit Taschen und Reißverschlüssen, bedruckten Oberteilen und ihren geliebten Chucks. Nur zu ganz besonderen Anlässen überwindet sie sich für ein Kleid und das wird definitiv nicht Tessas Geburtstag sein.
Das Zischen von Segones Schlangen dringt an Skylas Ohr und tatsächlich macht sie einer der Viecher direkt nah an ihrem Gesicht aus. Denn trotz guter Verkleidung reagieren die lebenden Haarspitzen der Dämonin auf die Anwesenheit des Mediums. Genervt fletscht Skyla die Zähne und blickt dem lebendigen Haar kurz entgegen, in der Hoffnung, sie verschaffe sich den nötigen Respekt. So kommt es, dass sie aus dem Augenwinkel den glühenden Blick der Dämonenkönigin wahrnimmt. Respektvoll neigt Segone ihren Kopf, als gäbe es keinerlei Spannung zwischen ihnen.
Ignoranz hält Skyla für die beste Strategie gegenüber ihrer dämonischen Stalkerin.
„Klär mich auf, Evandro. Was steht denn so wichtiges an?“, hinterfragt sie, während sie ihren Hintern rebellisch auf den Tisch so pflanzt, sodass sie mit dem Rücken zu Segone sitzt.
Amüsiert von ihrem Verhalten kichert Hades Anhänger, während er verschwörerisch verkündet: „Dich einzuweihen würde den ganzen Spaß verderben. Genieße einfach den Tag.“
Ungern bedient sich Skyla am Alkohol, aber da sie ein sauberes Glas auf dem Tisch ausmacht, als habe dieses nur auf sie gewartet, befüllt sie dieses randvoll und leert den guten Tropfen schneller, als ihr lieb ist.
„Genießen?“ Sie lacht freudlos. „Du wurdest doch sicherlich Zeuge von dem Hass auf mich. Es wäre deutlich leichter, damit fertig zu werden, wenn ich die anderen nicht mit ins Schussfeld ziehe. Emilie und Milan haben eine gute Show abgeliefert und meinetwegen ernten sie Kritik und Hass. Was für eine ungerechte Welt.“
Evandro nickt wissend. „Gewöhne dich daran. Wir sind in ihren Augen der Schandfleck der Gesellschaft.“
„Rede nicht so, als wäre ich Teil deiner Bruderschaft!“
Denn das sind nicht Skylas Pläne und sie hasst es, dass ihr alle solch eine Zukunft predigen, nur weil Hades und sie das gleiche Ziel verfolgen.
Ergeben lehnt sich Evandro mit hochgehaltenen Händen zurück und nickt in Segones Richtung. „Du magst die Dämonin nicht ausstehen, doch ihre Informationen könnten dir Erkenntnis liefern und das Blatt wenden.“
Segones Anwesenheit missbilligt Skyla dennoch.
„Wo stecken wir hier eigentlich? In der Schneise oder schon in der Geisterwelt?“
Doch Evandro macht keine Anstalten zu Antworten. Stattdessen wird die Dämonin aktiv. Skyla hört Segone nicht kommen und erschreckt sich, als sie auf den Tisch hinabgedrückt wird. Über ihr beugt sich Segone, viel zu nah. Die Arme lassen sich nicht bewegen, denn Segone übt Druck aus. Sie hält Skyla gefangen und Evandro betrachtet das Schauspiel voller Neugier aus nächster Nähe, als haben sich die beiden gegen sie verschworen.
Rückblickend betrachtet Skyla den Genuss von Alkohol als einen verdammt großen Fehler, denn Nahrung aus der Geisterwelt kann verdorben sein und gravierende Folgen mit sich bringen. Es steckt viel mehr hinter solch kleinen Details und obwohl die Umgebung sie misstrauisch machen müsste, wurde Skyla kurz unaufmerksam und schwach. Nun hat sie den Salat, denn sie ist der Königin ausgeliefert. Allein. Ohne ihre Schutzgeister. Segones Obsidiankristalle fallen bedrohlich wie Klingen hinab. Haarschmuck, der nur wenige Millimeter über Skyla baumelt. Das unnatürliche Grinsen in dem Gesicht des Monsters entpuppt ihr wahres Wesen. Ihre psychopathische Art. Aus geringer Distanz bekommt Skyla die strahlende Haut zu sehen. Vergleichbar mit zartem Elfenbein. Der starke Rosenduft schafft es noch immer nicht, den Gestank von Schwefel zu überdecken. Ein wichtiges Detail, das einen Dämon verrät. Daher wundert es Skyla, dass die Dämonin im Versteck nicht auffiel. Gerade Justin reagiert empfindlich auf Gerüche.
Wie konnte Segone ihn nur austricksen?
Vergebens sucht Skyla nach Zorn in den schwefelgelben Augen, stattdessen findet sie Erheiterung und Neugier wieder.
„Euer ignorantes Verhalten macht Euch umso begehrenswerter“, summt Segone mit teuflischem Grinsen, „Ich besuche Euch mit interessanter Botschaft. Was Ihr aus den Informationen macht, sei Euch selbst überlassen. Fallt tiefer oder zieht in den Krieg.“
Bewusst legt Segone eine Pause ein, die Skyla nutzt, um ihr folgende Worte entgegenzuschmettern: „Runter von mir!“
Erheitert provoziert Segone sie mit Körperkontakt, denn ihre langen Finger streicheln durch Skylas Gesicht. Die spitzen, dunkel lackierten Nägel kratzen über die Haut. Während die Dämonin ein Lachen unterdrückt.
„Jakob hat das Potenzial eines Dämons. Ein teuflisches Genie, das ebenfalls meine Neugier weckte“, verkündet Segone genussvoll, „Die Kontrolle gehört ihm. Gegen ihn seid Ihr machtlos und er wird Euch brechen. Ich kenne sein kleines schmutziges Geheimnis, warum er für Naomi unsichtbar bleibt. Erneut serviere ich Euch einen Deal an. Eine schwere Entscheidung, denn ihn würde ich gerne unter meine Fittiche nehmen. Aber für meine Königin werde ich die kleine Made mit Vergnügen zerdrücken.“
Jakob!
Allein ihn Gedanken zu rufen, lässt etwas in ihrem Inneren erwachen. Eine Bestie. Geduldig und im Schutz der Dunkelheit. Allein der Gedanke an ihm lässt ihr Herz vor Furcht lauter schlagen. Silas spricht von Erfolgen, aber Skyla bleibt realistisch und muss sich eingestehen, dass sie Jakob unterlegen bleibt. Doch so verzweifelt will Skyla nicht sein, um sich an Segone zu wenden. Daher schüttelt sie mit schlechtem Bauchgefühl den Kopf. Nichts, was Segone beeindruckt. Im Gegenteil. Das Grinsen wird breiter, als habe sie noch ein Ass im Ärmel.
Tatsächlich sät sie Zwietracht, als sie sich zu Skylas Ohr beugt und leise verrät: „Ihr seid umgeben von Lügnern und Verrätern. Keine Geheimnisse versprach Lukas, aber auch er brach euer oberstes Gebot. Vielleicht seht Ihr Euch Nadine mal genauer an. Ihr Körper leidet wegen einer Fehlentscheidung. Sie wird sterben. Schon bald.“
Der Körper erschüttert unter den Nachrichten. Nadine erhielt eine zweite Chance und Skyla hofft, sie erwacht. Stärker denn je. Naomi wirkte zuverlässig, wurde aber rückblickend schweigsamer zu der Entwicklung ihrer Arbeit. Skyla setzte ihr ganzes Vertrauen in die Fähigkeiten des Weißen Teufels. Schließlich glaubt Justin an seine Hexenpartnerin.
War es ein Fehler?
Der Wunsch wächst, Nadine zu besuchen und sich mit eigenen Augen zu vergewissern, wie es um das Kind steht. Sie hört ein Zischen. Eins voller Argwohn. Nicht von Segone oder Evandro, sondern ein bissiger Laut, der ihrer Kehle entstammt. Der Strudel negativer Gedanken und Sorgen zog sie hinab und gewährt somit Jakob die Gelegenheit der Kontrolle. Ein Tausch über dem Körper. Jakob zeigt sich beweglicher und kann das Potenzial ihrer Körperkraft anders nutzen. Er windet sich nicht nur aus Segones Griff, sondern setzt gezielte Schläge auf Druckstellenpunkte an, um die Dämonenkönigin nicht nur ins Straucheln zu bringen, sondern auch auf die Knie zu zwingen, um ihr dort einen saftigen Schlag ins Gesicht zu pfeffern. Einen, der Segone umhaut. Der Druckpunkt am Hals sorgt für Atemnot. Segone keucht und klingt, als ersticke sie. Wodurch sie wehrlos bleibt. Ihre Hände umfassen mit panisch aufgerissenen Augen ihren Hals, als könne sie so die Blockade lösen. Mit erhabenem Gefühl baut sich Jakob vor ihr auf und grinst der Königin dreckig ins Gesicht.
„Dein dummer Fehler wird dich nun dein Leben kosten. Ich reiße dir dein dreckiges Herz heraus und speise es!“
Allein der Gedanke lässt Skyla würgen. Zu Jakobs Erheiterung. Denn ihr Ekel sorgt für ein höhnisches Lachen.
Kaum beruhigt spricht ihr Peiniger zu Skyla: „Präge dir den Geschmack gut ein, Skyla. Denn Tessa wird die Nächste sein, deren Herz wir speisen.“
Jakobs Fokus fällt darauf auf den Feind. Skylas einzige Chance, die Kontrolle an sich zurück zu reißen. Der Schlüssel sind ihre Erinnerungen. Laut Silas vergisst der Körper nicht. Die Verbindung zwischen Körper und Seele wird gern unterschätzt. Gemeinsam haben beide Hand in Hand seit der Geburt zusammengearbeitet. Die Wahl muss auf mächtige Erinnerungsfragmente fallen. Welche, starke Emotionen auslösen. Hoffnung! Anders als in ihrer bekannten Welt, reagiert der mysteriöse Ort auf Erinnerungen. Die Dunkelheit wird somit von unzähligen Papierlaternen erhellt, während Skyla jenen Moment in Thailand vor Augen hat, wo sie Milan in der Menge gegenübersteht und sich in seinem silberfarbenen Seelenspiegel verliert. Ein Moment, der alles veränderte. Ein Ereignis, wo sich ihr Herz öffnete und wo sie erkannte, nicht länger allein mit ihren Problemen zu stehen.
„Irrtum, Skyla! Hast du dich nicht noch vor wenigen Minuten geärgert, dass Milan deine Probleme nicht ernstnimmt?“, kontert Jakob bissig.
Ein Gegenschlag, der sitzt und ihre Hoffnung sofort mindert. Denn er trifft den Nagel auf den Kopf! Die Laternen fangen Feuer und verglühen augenblicklich, sodass die gewohnte Dunkelheit sie in Beschlag nimmt. Dennoch genügend Zeit liefert für Segone, um sich zu erholen. Die Dämonenkönigin erhebt sich räuspernd, um sich an der Unterhaltung zu beteiligen.
„Meine Königin wird niemals allein mit ihren Problemen dastehen! An ihrer Seite befinden sich viele Verbündete! Ein treuer Hofstaat, der bereits eifrig an Lösungen arbeitet. Doch ich erkenne die Gefahr an. Die Zeit wird zum Feind. Deine Existenz wird uns allen zum Verhängnis, daher endet meine Geduld. Sobald meine Königin einen Pakt mit mir eingeht, lasse ich nichts von dir über, Jakob Danken!“
Worte der Einschüchterung, die der Angesprochene belächelt. Denn Jakob beugt sich grinsend vor und erinnert seinen Gegenspieler: „Ich stecke in dem Körper eines Mediums. Eine Geister- und Dämonenjägerin. Mächtig genug, um selbst ein Kaliber wie dich zu zerfetzen. Ich sehe, du willst dich duellieren, aber wie du gesehen hast, war ich nicht untätig. Ich habe das Wissen von der Brillenschlange aufgesaugt, ich habe ihn und den Verfluchten immer im Auge. Habe mir ihre Bewegungsmuster eingeprägt und ich bin überzeugt, dich zurück in die Hölle zu schicken! Aber komm nur her, dann mache ich Gebrauch von der Kraft eines Mediums!“
Dunkle Winde ziehen heran und sammeln sich vor Segone. Ein Strudel aus schwarzem Rauch entsteht vor den Füßen der Königin. Segones schmale Finger umfassen den kunstvollen Griff aus Gold mit all den detailreichen roten und schwarzen Rosen. Umgeben von den Krähen. Ein riesiges Zweihandschwert, das viel über die Kräfte der Dämonin aussagt. Mühelos hebt Segone ihre Waffe an. Die schwarze Klinge reflektiert das schwarze Kerzenlicht und ihren Blick, der eine verstörende Zuversicht präsentiert.
„Erwacht, meine Königin! Ich verschaffe Euch Zeit! Gemeinsam besiegen wir Jakob Danken! Scheitern kommt nicht in Frage!“
Worte aus dem Mund einer Dämonin, die Skyla wach rütteln. Eigentlich hasst sie die Kooperation mit dem Feind, aber Evandro spielt nur den stillen Zuschauer. Er macht keinen Finger krumm und genießt das Spektakel noch immer aus der Nähe. Wie eine gebuchte Show. Daher will Skyla sich auf den Plan einlassen und sieht in jenem Moment ihre Chance, Jakob gemeinsam mit einem hochrangigen Dämon zu vernichten. Aufgrund von Naomis und Justins Versagen. Mit einer Kreatur, der keine Informationen vom Feind verborgen bleiben. Justin erwähnte bereits, dass mächtige Dämonen den kompletten Namen eines Gegenübers in Erfahrung bringen. Sowohl der Geburtsname, aber auch nach Heirat.
Tatsächlich findet Jakob Bezug zu ihren Kräften. Mit ausgestreckten Händen beschwört er ihre Macht herauf und schleudert die erste Schockwelle los, als wäre es ein Kinderspiel. Ein Angriff, den Segone mühelos mit ihrem Schwert durchtrennt und sich eine sichere Schneise bahnt. Ein kurzer Schwerthieb, der keinerlei Anstrengung in ihrem Gesicht zurücklässt. Unterschätzt haben Jakob und Skyla die Dämonin, denn ein Wimpernschlag später fehlt von ihr jede Spur. Als wolle Segone sie provozieren, lässt sie ihre dunkle Aura direkt hinter Skyla frei. Ein widerliches Gefühl, das sämtliche Wärme ersticken lässt und eine immense Kälte heraufbeschwört. Skyla spürt die plötzliche Unterkühlung selbst in ihrem Körper und merkt die schwerfälligen Bewegungen. Dennoch dreht sich Jakob in geduckter Haltung um und hüllt die Fäuste in einem Mantel ihrer Macht. Sodass er mit einem Faustschlag einen Distanzangriff lossendet. Eine gebündelte Macht, die Segone verfehlt, da die Königin ihren Körper rechtzeitig fortzieht und den Schwung zum Gegenschlag verwendet. Denn mit der Drehung erweitert sie den Radius ihres Schwerthiebes. Skyla wäre somit zweigeteilt, würde Jakob nicht rechtzeitig in die Defensive gehen. Den Mantel aus Macht auf der linken Faust zieht er wie ein Gummiband in die Länge, womit er das Schwert abfängt. Die Arme zittern unter Anstrengung unter dem Gewicht der riesigen Königsklinge, die Skylas Macht gefährlich dehnt und das Schwert gefährlich heranrückt. Der Schweiß perlt von der Stirn und Skyla spürt Jakobs Ängste, dass der Schutz am Ende nachgeben könne, da die Waffe des Feindes bereits in das elastische Band schneidet.
Während Jakob angestrengt seinen Kopf benutzt, konzentriert sich Skyla auf ihren Part. Eine weitere Erinnerung muss her. Und auch wenn ihre Kindheit geprägt voll von schönen Momenten bleibt, fällt ihre Wahl immer auf Milan zurück. Hoffnung brachte ihr der gemeinsame Überfall auf den Ritterorden, als sie zu Emilies Rettung eilten. Sie erinnert sich an den Anfang der Mission, als beide hinter dem Tresen Schutz suchten und Boru sich um die Ecke schlängelte. Ein verlässlicher Drache, von dem sich eine überzeugende Kopie aufgrund ihrer Erinnerungen tatsächlich neben ihnen aufbaut und die Zähne fletscht. Jakob macht die riesige Schlange aus dem Augenwinkel aus. Zu spät! Denn Boru beißt zu. Ohne Gnade und Skyla spürt den reißenden Schmerz an ihrer physischen Hülle. Die überwältigende Hitze in seinem Maul treibt ihr die Tränen in die Augen. Doch Boru beißt sich nicht einfach durchs Fleisch, sondern attackiert die Seele. Sie spürt, wie er ein Stück reine Energie von ihr losbeißt. In Form eines geschwärzten Fetzen Licht. Fortgetragen in dem Maul des Drachens. Augenblicklich springt Segone fort und mit einem Fingerschnippen wird Boru die dunkle Materie entzogen, die sich über Segone zu einer glänzenden Kugel formt.
Schreiend fallen Skyla und Jakob auf die Knie. Mit dem Gefühl zu verbluten. Wärme entweicht und pulsierende Schmerzintervalle erschweren, einen klaren Kopf zu fassen. Borus Gestalt verblasst, während Segone das Schwert in den Boden sticht und in die Hände klatscht. Etwas in Jakob verändert sich. Skyla kann es spüren, wie sich sein Bewusstsein trübt. So wie damals in der Tiefgarage, als der Schock sie überrannte und ihr Kopf die Umgebung kaum länger registrierte. In Erinnerung blieben nur wenige Erinnerungsfragmente, die zuerst entschlüsselt werden mussten. Genau so scheint es Jakob zu ergehen. Sein Geist verliert den Bezug zum Schmerz. Alles wird taub. Im Kopf bildet sich Nebel. Seine Existenz droht zu erlöschen und sie hört sein letztes Flehen. Der beständige Wunsch nach Rache für seinen kleinen Bruder.
„Hervorragende Leistung, meine Königin. Damit wäre die Gefahr fast gebahnt. Der Feind liegt wehrlos am Boden. Daher erlaubt mir, den Rest zu übernehmen. Bitte fürchtet Euch nicht, mein Handeln dient nur Eurer Rettung. Ich gebe mir Mühe, die Prozedur so angenehm wie möglich zu machen.“
Kaum zu Ende gesprochen, schnappt sich die Dämonin mit einem kräftigen Ruck ihre Klinge. Ein Augenblick, den Jakob einfängt. Tiefwurzelnde Furcht keimt in ihm und vertreibt den Nebel.
Unter Schmerzen schüttelt er den Kopf und speit ihr folgende Worte entgegen: „MISTSTÜCK! NOCH LACHST DU, ABER DU UNTERSCHÄTZT MICH! DU WIRST DEINE EINMISCHUNG BITTER BEREUEN! ICH LASSE DICH LEIDEN!“
Auch Skyla empfindet Furcht vor Segones Handeln, denn sie erkennt, dass Jakob den Gegenschlag nicht aufhalten kann. Segone wird durch Fleisch und Knochen schneiden und Skyla fürchtet um ihr Leben.
Als könne sie einer Dämonin vertrauen!
Doch es bleibt keine Zeit, denn Segone tritt bereits heran und schwingt ihre stolze Klinge. Jakob gibt sich Mühe trotz wahnsinniger Schmerzen. Er versucht, zum Gegenschlag auszuholen. Er sucht bewusst einen Druckpunkt beim Feind, doch Skylas Körper fühlt sich schwer wie Blei an und lässt sich in solch einem Zustand nicht vernünftig steuern. Der Körper des Mediums taumelt und erreicht Segone nicht mal ansatzweise, während das Schwert einen sauberen Hieb vollrichtet. Eine Fontäne aus Blut kündigt das große Übel an. Jakob stürzt schreiend rückwärts. Kein Angstschrei, sondern purer Zorn über sein Versagen. Mit dem harten Aufprall entweicht noch ein Stück schwarzes Licht aus Skylas Kehle. Materie, die von dem schwarzen Ball angezogen wird und dem Objekt mehr Größe verleiht. Skyla mag die Kontrolle über ihren Körper erlangen, dennoch wird ihr Bewusstsein getrübt. Der Kopf bricht zur Seite, von wo sie den Schaden besser begutachten kann. Ihr rechter Arm wurde sauber abgetrennt und liegt ein gutes Stück von ihr entfernt. Kälte nimmt ihren Körper in Beschlag und ein Taubheitsgefühl fällt über sie her, während die Blutlache sich unter ihr ausbreitet.
Ich werde verbluten!
Der Tod kniet über ihr und zählt die Sekunden. Aber nicht mehr länger in Segones Beisein. Skylas Blut steigt in die Atmosphäre auf und verbindet sich zu einem Geflecht, das sich an der offenen Wunde und dem abgetrennten Arm haftet und das verlorene Glied zurück an dem rechten Platz zieht, wo alles miteinander verwächst. Zufrieden begutachtet Segone die saubere Verschmelzung, um sich schließlich hinab zu Skylas Gesicht zu beugen. Mit einem flüchtigen Kuss holt sie Skylas Bewusstsein zurück an die Oberfläche und nimmt ihr sämtliches Schmerzempfinden. Skyla erwacht energiegeladen und mit Klarheit, sodass sie sich mit einem Schlag bei Segone bedankt. Ihre Faust kracht ungehindert in Segones Gesicht und haut die Dämonin um, während sich Skyla mit schweren Atemzügen aufsetzt und ungläubig ihren heilen Arm betrachtet. Dieser lässt sich ohne Einschränkungen bewegen.
Die Schritte kündigen Evandro an, der vor ihr in die Knie geht und ihr die helfende Hand reicht. Doch Skyla weigert sich, seine Hilfe anzunehmen, schließlich spielt er den Unparteiischen und seine fehlende Unterstützung frustet sie ungemein. Daher erhebt sie sich von allein und fixiert den schwarzen Ball über Segone an. Sicherlich muss Jakob noch vernichtet werden. Einen Schritt, den sie mit Freuden nachholen wird. Doch als sie seine Seele wie eine Dose zerquetschen will und sich ihre Macht formt, packt Segone zu und lässt den schwarzen Ball in ihren Händen verschwinden.
„Jakobs Vernichtung geschieht nur mit einem Paktschluss! Solltet Ihr Euch weiterhin weigern, die Krone zu tragen, dann füttere ich ihn mit noch mehr Macht und lasse Euch Eure Entscheidung bereuen! Nun geht, meine Königin! Sucht Nadine auf und trefft dann eine Entscheidung! Doch seid Euch sicher, dass Ihr dann nicht länger an jenem Ort verweilen werdet! Es wird Zeit, dass Ihr den Thorn besteigt und ein neues Imperium erbaut!“
Segone blickt, als dulde sie keine Widerworte und als sei der Sieg ihrer. Bis Lärm an ihre Ohren dringt und die Welt erschüttert. Vertrautes Geschrei. Kurz vergaß Skyla ihren Cousin. Naru wird aufgefallen sein, dass Skyla fehlt und zu ihrer Überraschung, reicht seine Macht aus, um ihr einen Durchgang in ihre bekannte Welt zu brechen. Als reiße Naru eine Mauer ein, brechen Fragmente der Welt weg und eine riesige Pforte aus Licht entsteht zu ihren Füßen. Segones Gesichtszüge gefrieren, als könne sie nicht wahrhaben, was gerade geschieht. Evandro scheint zu begreifen, dass Skyla ihre Chance nutzen wird, zu fliehen. Schließlich verbeugt er sich zum Abschied, was ihren Zorn nicht mildert. Eilig umgeht Skyla ihn. Aus Sorge, er spiele doch Segones Verbündeten und würde sie im letzten Moment aufhalten. Schließlich eilt Skyla hinaus in die Freiheit und tritt auf die bekannte Bühne, wo Milan sie zurückließ. Skyla befindet sich somit direkt an der Seite ihrer Schutzgeister, deren Augenpaare alle auf ihr liegen, als bliebe ihr Verschwinden nicht verborgen.
„Kleine Blume…“
Dalika mag sich sorgenvoll an Skyla wenden, doch die Füße tragen Skyla eilig an den Schutzgeistern vorbei, hinab zu Emilie, die Narus Heulkrampf nicht länger gebändigt bekommt. Das Gesicht ihres Cousins läuft bereits rot an und Emilie wirkt hilflos ausgeliefert. Fast erreicht Skyla ihr Ziel, da übernehmen ihr Vater und Oma Ulrike. Der warnende Blick des Familienoberhaupts schreckt Skyla kurz ab.
„Genug, Kind. Gönn dir eine Pause, bevor deine Küchenschicht beginnt“, will Oma Ulrike ihre Enkelin vertreiben.
Bevor es zu einem Wortwechsel kommt, läuft Vater Finn bereits winkend mit dem Kleinen fort und seine Mutter folgt ihm.
„Entschuldige, Skyla. Ich war überzeugt, ich könnte ihn dir den halben Tag abnehmen“, meldet sich Emilie etwas enttäuscht an ihrer Seite.
Gefrustet blickt Skyla ihrem Cousin hinterher. Der Kleine rettete sie aus dieser unschönen Erfahrung und sie kann sich noch nicht mal bei Naru bedanken. Ihr steifes Verhalten scheint Verdacht zu wecken, denn Skyla spürt sämtliche Blicke auf sich. Auch von Milan, der sie bereits ansteuert.
„Hey, Süße. Deine Chance, durchzuatmen. Lass uns mal etwas abschalten. Ohne Naru.“
Ein Gedanke, der ihr gefallen würde, wüsste sie nur nichts von Nadines Zustand.
„Gern später, Milan. Ich muss nur kurz etwas erledigen.“
Kaum zu Ende gesprochen, bahnt sich Skyla eilig einen Weg hinaus aus dem Kundenbereich. Trotz Milans Rufe. Ihn einfach zurück lassen fällt ihr so schwer, sodass ihre Schritte an Tempo verlieren. Doch kaum blickt sie zurück, entdeckt sie seine kleine Fangemeinde, die nur auf die Gelegenheit gewartet hat. Umzingelt von hübschen Mädchen lächelt er charmant in die Runde. Ein unerträglicher Anblick. Obwohl sie erkennt, wie er die Damen abwimmelt und sich einen Weg hinausbahnen will, schließlich fixieren seine Augen Skyla an. Flehend, als liege ihm etwas am Herzen. Doch seine Fans zeigen sich hartnäckig. Sie wickeln ihn ins Gespräch ein, drängen sich ihm verdächtig nah auf. Skyla kann sich das Spektakel kaum länger ansehen, zumal sie Tessa am Rande des Geschehens ausmacht. Mit einem wissenden Grinsen der Genugtuung. Als liefe alles nach Plan. Als wolle sie den Keil spielen, der sich zwischen die Beziehung schiebt. Obwohl Skyla weiß, dass es nun an ihr liegen müsse, Milan aus der Patsche zu helfen. So wie er ihr immer hilft. Doch damit würde sich die Sache mit Nadine verzögern und Jakob sei mehr Zeit gegönnt, zu handeln. Ihr Bauchgefühl rät ihr, schnell Nadine aufzusuchen. Tamir und Emilie befinden sich bei Milan. Alles wird gut. Er wird klarkommen. So hofft ihr Herz. Aber der Verstand spricht von Verrat. Und doch tragen ihre Füße sie eilig zur Küche, wo sie von dem kleinen Team freudig begrüßt wird. Die Verwunderung dort ist verständlich, denn Skylas Schicht beginnt später, und dann läuft sie mit einem knappen Gruß auch noch fort, hinein ins Hotel zu Dr. Herzliebs Arztpraxis.
Das Schicksal meint es nicht gut mit ihr, denn unterwegs läuft ihr das Dreamteam entgegen. In Begleitung von Naomi schaut Lukas von einigen Unterlagen auf. Augen, denen ihr Kummer kaum verborgen bleibt. Ihr Geist ist unruhig und Lukas bewies immer ein gutes Gespür. Auch in jenen Moment spricht er sie verwundert an. Zum Glück gibt Naomi ihm keine Gelegenheit, der Sache auf den Grund zu gehen. Nicht bevor ihre Termine abgearbeitet sind. Ein fordernder Griff und der Weiße Teufel zieht ihren neuen Schüler einfach fort. Somit lässt Skyla die beiden wortlos hinter sich und atmet erleichtert über die Tatsache aus, Dr. Herzlieb am Empfang zu begegnen. Die Ärztin widmet sich ebenfalls dem Schreibkram, sodass Skyla ihren Besuch für Nadine ankündigt, was für eine freudige Reaktion sorgt. Dr. Herzlieb betont immer aufs Neue, wie schön sie es findet, dass Skyla Nadine regelmäßig besucht, obwohl sie nicht zu den Angehörigen gehört.
Ein Besuch entgeht Nadine für gewöhnlich nicht. Ihr Geist mag noch kurz durch das Grundstück wandern, doch bleibt ihre Ankunft nur eine Frage der Zeit. Der See scheint es der Kleinen besonders angetan zu haben, so wie die Gesellschaft der Sirenen. Nadine wirkt fröhlich an jenem Ort. Laut ihr verdrängt sie den Schmerz und kann sich mit den Umständen sogar anfreunden. Hier fand sie ihr neues Zuhause und Heilung für ihren Zorn. Worte, die Skylas Sorgen milderten und ebenfalls Hoffnung schenkten, so wie Naomis Urteil, sie könne helfen. Am Krankenbett angekommen erhält Skyla Gesellschaft von Nadines Seele. Ganz sanft tätschelt Skyla ihre neue Freundin über den Kopf. Nadine machte es sich zur Gewohnheit, vorerst eine Einladung zu einer Teeparty auszusprechen. Das Kind besitzt schließlich unglaubliche Kräfte. Sie kann Gegenständen Leben einhauchen und Räume erschaffen. Für gewöhnlich willigt Skyla ein und verbringt somit viel Zeit mit Nadine in der fröhlichen Welt des Kindes. Angepasst an einem Kinderzimmer und gefüllt mit den Spielsachen aus dem Elternhaus. Doch nun lehnt Skyla freundlich ab. Schließlich braucht sie vorerst Gewissheit.
„Sag, wie geht es dir, Nadine?“
In Skylas Frage steckt so viel mehr wie eine einfache Frage, denn sie fordert Ehrlichkeit. Details. Aber Nadine zwingt sich zum Lächeln und überspielt den Schmerz.
„Hervorragend.“
Eine Lüge. Eine wie die vielen von Skyla. Das Herz zieht sich augenblicklich schmerzhaft zusammen.
„Naomi war gerade bei dir?“
Ein Nicken seitens des Kindes.
„Was sagte sie?“
Verwirrt legt Nadine den Kopf schief. „Ich werde doch immer fortgeschickt bei den Untersuchungen.“
Eine Information, die Skyla erst in jenem Moment erhält und sie säuerlich aufstoßen lässt.
„Ist dem so?“ Skylas Stimme zittert vor Unmut. „Stört es dich, wenn ich mal einen Blick auf dich werfe?“
Es folgt ein verwirrtes Schulterzucken. „Nur zu.“
Doch noch ehe Skyla an den Körper treten kann, löst sich aus einer dunklen Ecke Segones Gestalt und läuft zum Kopfende. Nadine hält vor Furcht den Atem an und weicht schreckhaft von Segones zurück, während die Dämonin eins der Augenlider des schlummernden Körpers anhebt. Der Augapfel dort färbte sich schwarz und ein rotes Symbol liegt auf der Pupille. Ein Dolch in Ketten.
„Jakob spaltete seine Seele“, berichtet Segone trocken, „Zum Glück gelang ihm der Versuch nur einmal, sonst wäre es sehr mühselig, ihn komplett ausfindig zu machen. Aber sei dir sicher, dass er in Zukunft plant, sich weiter zu spalten. Diese Hülle wurde durch einen Unfall beschädigt. Naomi und er wetteifern, wer zuerst die Verbindung aufbauen kann. Das Problem liegt darin, dass die kleine Seele zu weit wanderte. Naomi muss die Astralreise zurückverfolgen. Eine Leichtigkeit, wenn dieses Kind nicht mit der Gabe gesegnet wurde, Verstecke zu erschaffen. Eine Macht, die Naomi nicht nur inne halten lässt, sondern auch vor Rätsel stellt. Denn Nadines Verstecke werden durch mächtige Manipulationszauber geschützt. Jakob hingegen steht vor weniger Hürden. Er sägt an der Verbindung zwischen Körper und Geist, infiziert Nadines Verstand und beschädigt Erinnerungen. Sein Erfolg würde ihre Existenz löschen und am Ende schlüpft er in ihre Rolle. Eine überzeugende Täuschung. Selbst Naomi würde an ein Wunder glauben, an die fälschliche Genesung von Nadine. Eine tickende Zeitbombe, die jenen Ort auslöschen würde. Jakob Zeit gewähren zu lassen, würde ihn zu einem wahrlich mächtigen Feind machen. Er lernt schnell und ein paar Monate später, wäre ich ihm nicht mehr länger gewachsen.“
Gewaltsam drückt Skyla die Luft zwischen ihren Zähnen hindurch und ruft nach Dalika. Diese tritt aus dem Nichts an sie heran.
„Wie kann ich helfen?“ Noch klingt der Nang Tani sanft, bis ihr Segone auffällt und die streitlustige Walküre erwacht. „Hast du Mut, hier aufzutauchen, Dämon!“
„Dalika!“, ermahnt Skyla ihren Schutzgeist. „Kannst du oder Emilie dem Kind helfen? Nadine befindet sich in Gefahr!“
Worte, die Dalika wachrütteln und auf das eigentliche Problem aufmerksam machen. Eilig schreitet sie zu dem betroffenen Auge, während Segone zur Seite tritt. Mit einer Beschwerde.
„Fies, meine Königin. Doch ich bin vorbereitet. Ich weiß von den Fähigkeiten Eures Hofstaates. Daher weiß ich, dass selbst Eure mächtigen Nang Tanis nicht in der Lage sind, das Kind zu retten. Ihr seid auf meine Hilfe angewiesen, um das Kind zu retten.“
Lautes Lachen hallt durch die Räumlichkeiten und Dalika schreckt zurück, als sich Nadines Körper aufsetzt und sich auch das linke Auge öffnet. Glühend gelb wie die Augen von Jakob. Auch seine Stimme dringt aus der Kehle des Kindes, da er die Sauerstoffmaske abnahm. Nur zittert Nadines geschwächter Körper fürchterlich und der Schweiß fließt aus allen Poren.
„Und der Preis, Dämon? Du würdest Macht und Gesundheit einbüßen. Meinen Kettenfluch an dich zu nehmen würde dich schwächen!“
Segone nickt wissend. „Ein Opfer, das ich bereit bin zu zahlen.“
Die Furcht übernimmt die Kontrolle über Nadine. Schreiend und unter Tränen stößt die Seele des Kindes an die hinterste Wand des Zimmers. Der Lärm lockt Dr. Herzlieb heran, doch noch ehe die Ärztin die Unruhe hinterfragen kann, erstarrt sie in der Bewegung und stiert wortlos auf Jakob.
„Dalika!“, drängt Skyla zur Antwort. „Könnt ihr helfen?“
Sie fürchtet, Jakob wird das Kind umbringen, wenn er seine Niederlage einsieht. Daher greift sie auf einem rauen Ton zurück, der nach einer ehrlichen Antwort drängt. Eine schnelle Einschätzung. Doch allein der bittere Ausdruck und die Überforderung in den Augen des Schutzgeistes sind Antwort genug. Dalikas Fokus liegt auf das Fluchsymbol, als erkenne sie es wieder und gestehe sich die Niederlage selbst ein. Tatsächlich schüttelt der thailändische Geist zur Antwort den Kopf. Mit stillen Tränen. Skyla zischt erneut die Luft durch die Zähne und nickt Segone entgegen. Eine Entscheidung, die vielleicht gut überdacht werden sollte, doch manchmal fordert das Leben eine Entscheidung durch ein Bauchgefühl. Über die Folgen will sich Skyla gerade keine Gedanken machen. Aber Dalika klingt enttäuscht, als sie Skyla konfrontiert.
„Deine Beziehung zu Milan?“
„Zerfällt!“
Leider wahr. Skyla liebt ihn abgöttisch, aber er wird ihre Entscheidungen niemals stillschweigend hinnehmen und akzeptieren. Es wird immer Krach geben und selten Harmonie. Außerdem ließ sie ihn gerade eben im Stich. Ihn, der immer zur Hilfe eilt, egal, was zwischen ihnen vorgefallen ist.
Nur gibt sich Dalika nicht geschlagen und spielt das Spiel weiter.
„Deine Familie?“
„Kommt ohne mich besser klar!“
Eigene Überzeugung. Skyla bringt zu viel Unheil und Tod ins Haus. Der Gedanke bestand schon länger, zu verschwinden.
„Thomas und Lukas?“
Beide kämpfen um Skyla und glauben fest an ihre Heilung. Doch die Freundschaft zu Lukas zerbricht ebenfalls. Etwas, was sich Skyla leider eingestehen muss. Nichts ist wie vorher.
„Beide gehen ihre eigenen Wege und werden auch ohne mich klarkommen.“
Dalika blickt, als siehe dies anders. Dennoch haut sie eine gemeine Karte heraus.
„Und Naru?“
Naru zu verlieren ist die bitterste Pille. Naru erfuhr Verlust seit dem ersten Atemzug und klammert an Skyla. Tessa hasst ihren Bruder und alle anderen verzweifeln an seinen Launen. Naru und Skyla tragen die gleiche Fähigkeit, doch für Nadines Rettung muss jemand anderes ihn lehren.
„Oma Ulrike wird sich ihm annehmen müssen.“
Trotz Dalikas Konfrontation fährt Segones Schwert aus dem Boden. Ähnlich wie vor Kampfbeginn mit Jakob. Die Dämonenkönigin bleibt nicht untätig, sie tritt an Nadines Körper und drückt Jakob gewaltsam hinab. Der böse Geist windet sich unter ihr und kaum erwacht Dr. Herzlieb aus der Starre muss Skyla sie zurück in den Hintergrund drängen. Denn die Ärztin will Jakob zur Hilfe eilen.
„Nicht! Wir retten Nadine. Bitte vertrauen Sie mir!“, spricht Skyla auf die Ärztin ein.
Diese hegt ihre Zweifel und versucht, an Skyla vorbeizukommen. Da Skyla ihr nicht wehtun will, wird es schwierig. Denn die Ärztin kämpft mit aller Kraft gegen sie an, besonders dann, als Jakob auf den miesen Trick zurückgreift und Nadines Stimme für einen Hilfeschrei nutzt. Tatsächlich schafft es die Ärztin in jenem Moment an Skyla vorbei und will sich auf Segone stürzen, doch sie stößt vorher gegen eine unsichtbare Wand. Eine solch harte Kollision, die dafür sorgt, dass die junge Dame bewusstlos zu Boden bricht. Ein genüsslicher Anblick für einen Dämon wie Kai, der seine Anwesenheit mit einem Kichern verrät. Jacobs Gegenwehr endet. Die Arme des Kindes fallen schlaf hinab und das Piepsen des Vitalmonitors lässt Panik in Skyla aufkeimen lassen. Das Herz des Kindes steht still.
„NEIN!“
Mit einem Schrei eilt Skyla an das Bett, um gleichzeitig entsetzt zurückzuweichen, als sich Nadine atemringend aufsetzt. Mit zwei gesunden Augen. Kein Fluchsymbol zeichnet sich mehr ab und auch der gelbe Stich wird verdrängt und gegen das Schokobraun getauscht. Skyla dreht sich um und sucht vergebens nach Nadines wandelnde Seele. Baff schnappt sich Skyla die abgemagerte Hand des Kindes.
„Nadine, bist du es?“
Tränen kullern hinab. Ein ganzer Schwall und als Nadine den Mund öffnet, weint sie laut. Skyla drückt sie an ihre Brust und lässt sich von dem Gefühlsausbruch anstecken. Während Segone von Jakobs Fluch auf die Knie gezwungen wird. Die Dämonin atmet schwer und erbricht schwallartig Blut. Eine Chance, die Dalika wahrnehmen mag, und ihre Nägel zu langen Klauen wachsen. Skyla sieht das Unglück kommen und ruft den Nang Tani warnend. Sie schüttelt den Kopf, denn sie will keine Versprechen brechen. Auf ihr Wort soll Verlass sein und was sie auch erwarten mag, sie wird das Schicksal akzeptieren. Egal wie bitter die Pille auch sein mag. Für Naru und Nadine opfert sie sich bereitwillig. Die nächste Generation soll friedlich aufwachsen. Wenn sich Skyla Segone schon verschreibt, dann will sie den Trumpf auch nutzen, um den Ritterorden auszulöschen.
Mit einem Kuss auf der Stirn verabschiedet sich Skyla bei Nadine und tritt an das Schwert heran. Vielleicht versammeln sich alle anwesenden Schutzgeister aufgrund von Dalikas Sorge im Krankenzimmer, auch Emilie. Ihre Freundin hebt die gefalteten Hände auf Brusthöhe, als bete sie, während sie mit flehendem Blick den Kopf schüttelt. Bedauerlicherweise kann Skyla ihre Freundin nicht aus dem Pakt lösen ohne gravierende Folgen in Kauf zu nehmen und so zieht sie eine unschuldige Seele wohl oder übel mit ins Verderben. Daher stiert sie entschuldigend rüber zum Lockenkopf, als sie die Krone vom Griff des Schwertes löst und den Vertrag besiegelt, indem sie das Amt als dunkle Königin akzeptiert und gezwungen wird, jenes sicheres Versteck zu verlassen, um ihr Versprechen einzuhalten. Um in Zukunft auf Beutezug nach Ordensrittern zu gehen. Um Tanja Rose in Hades Hallen zu schleifen. Und sich vielleicht irgendwann bei ihren Liebsten erklären zu dürfen, warum sie wortlos verschwand.
Der erste Schritt auf dem dunklen Pfad wäre somit gesetzt. Mit einem weiteren Schutzgeist. Einem weiteren Dämon. Mächtig genug, um die Wurzel des Bösen zu packen und auszureißen. Ungeachtet wie viele Jahre für den Rachefeldzug auch vergehen müssen. Am Ende bewahrheitet sich jede Prophezeiung. Nur spielen die Umstände eine große Rolle und vielleicht fällt das Urteil gnädiger, wenn die Umstände berücksichtigt werden. Der gute Wille, die Seele eines Kindes vor der Dunkelheit zu retten. Auf dass Nadine die Chance auf ein langes und glückliches Leben zusteht. Frei von Ängsten vor dem Orden der roten Sonne. So wie ihrem Cousin Naru und all die anderen Kinder mit Gaben. Bereit, den Tribut für die Freiheit der Welt zu bezahlen, zieht Skyla in ihren ganz persönlichen Krieg. Die Tiefen der Geisterwelten rufen, wollen verderben, aber der Gedanke daran entlockt ein ehrliches Lächeln. Kein Verstellen, keine Entschuldigen, keine Rechtfertigungen mehr. Reue verblasst und das Kriegerherz fühlt sich so frei wie schon lange nicht mehr.
Ende





































































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