Kapitel 2
Belle wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor der Schlüssel sich im Schloss drehte. Die Wohnung war hell, obwohl niemand zuhause sein sollte. Und sie hörte das gedämpfte Atmen — nicht erschrocken, nicht panisch, sondern ruhig.
Unnatürlich ruhig.
Als Belle die Tür öffnete und einen Schritt in den Flur setzte, erstarrte sie.
Auf dem Sofa lag Sebastian. Halb ausgezogen. Über ihm — Aria.
Nur war Aria nicht… Aria.
Nicht die schüchterne, überforderte, nervöse Stiefschwester, die Belle kannte. Sondern kalt. Abgeklärt. Mit einem Blick, der viel zu alt war für ihren Körper. Selbstsicher, kontrolliert, fast gelangweilt. Sie sah eher aus wie jemand, der gerade einen Deal abgeschlossen hatte und sich sicher war, dass er gewonnen hatte.
Belle stand da — und zuerst war da kein Schreien. Kein Zittern. Nur ein leiser, bitterer Gedanke:
Natürlich.
Sebastian fuhr hoch, als hätte er eine Tür schlagen hören.
„Belle—“
Belle hob eine Hand. „Bitte fang nicht mit ‘Es ist nicht das, wonach es aussieht’ an. Wir sind nicht im Fernsehen.“
Aria drehte nur den Kopf. Kein Erröten. Keine Entschuldigung. Kein Zittern. Ihre Augen verengten sich leicht — nicht wie jemand, der ertappt wurde, sondern wie jemand, der kalkulierte.
Belle spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Nicht vor Eifersucht — vor Unstimmigkeit. Aria war sonst nie so. Nie so still. Nie so… absichtlich.
Sebastian richtete sich auf. „Es ist passiert. Und ich wollte es dir sagen.“
„Wann?“, fragte Belle. „Bevor oder nach der Hochzeit?“
Aria erhob sich langsam, griff nach ihrem Shirt mit einer Ruhe, die Belle beunruhigte. Ihre Bewegungen waren fließend. Kontrolliert. Als hätte sie diese Szene geplant.
Belle fixierte sie. „Sag du auch was.“
Aria sah Belle direkt an — mit Augen, die nicht Aria gehörten. Und sagte:
„Du warst nicht genug.“
Belle blinzelte. Aria hatte noch nie so etwas gesagt. Nicht einmal annähernd. Nicht zu irgendwem.
Belle lachte trocken. „Schön. Und du bist genug, oder wie?“
Aria lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. „Offensichtlich.“
Sebastian verzog den Mund, als wolle er eingreifen, aber Aria legte ihm nur eine Hand auf die Brust und er verstummte sofort. Ein einziger Druck — und er schwieg.
Das war der Moment, in dem Belle begriff:
Aria führt hier. Nicht Sebastian.
Und das war falsch. So falsch.
„Ich geh jetzt“, sagte Belle tonlos. „Glückwunsch euch beiden. Ich hoffe, ihr bekommt ein Haus mit Doppelgarage und moralischer Insolvenz.“
Als sie ging, hörte sie keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Nichts.
Nur ein leises, zufriedenes Ausatmen von Aria — wie jemand, der gerade einen Punkt gesetzt hatte.
Drei Tage lebte Belle aus Koffern im Hotel „Riverside Inn“. Drei Tage zwischen Gerichtsakten, kaltem Kaffee und einem Bett, das zu weich war, um wirklich Schlaf zu bringen. Drei Tage, seit sie ihren eigenen Verlobten mit ihrer Stiefschwester erwischt hatte. Drei Tage, in denen sie sich fragte, ob der Boden unter ihren Füßen jemals wieder stillstehen würde.
Am vierten Tag fuhr sie nach Hause, weil Evelyn eine „familieninterne Aussprache“ verlangte. Das klang höflich. In Wahrheit bedeutete es: Tribunal.
Belle trat über die Schwelle – und es war, als wäre nichts passiert. Zu sauber. Zu starr. Zu inszeniert.
Evelyn saß auf dem Sofa, Beine elegant übereinander, Teetasse in der Hand, als wäre sie der Vorsitz eines sehr schlecht bezahlten Disziplinarausschusses.
Ihr Vater stand daneben, Haltung wie ein Besenstiel, der das Wort „Emotion“ nur vom Hörensagen kannte.
Aria saß auf der Armlehne, die Finger ineinander verschlungen, Blick auf den Boden gerichtet – klein, schmal, verunsichert.
Für einen Moment war Belle irritiert.
Die Aria, die in ihrem Apartment halb nackt auf Sebastian gesessen hatte, war nicht diese Aria.
Diese hier wirkte wieder wie das Mädchen, das sich entschuldigte, wenn der Toaster zu laut hochsprang.
„Belle,“ begann Evelyn mit aalglatter Stimme, „setz dich.“
„Ich steh gut,“ erwiderte Belle.
Evelyns Lächeln wurde schmal, aber sie ließ es stehen. „Wie du möchtest.“
„Wir wollen das klären,“ sagte ihr Vater. „Wie Erwachsene.“
„Oh, fantastisch,“ kommentierte Belle. „Erwachsene betrügen sich gegenseitig in fremden Betten und reden dann drüber, als wären sie mitten im Ikea-Showroom.“
Aria schluckte und schüttelte hastig den Kopf. „Belle, das… ich weiß nicht, was du gesehen hast, aber das war nicht—“
„Nicht was?“ Belle hob langsam eine Braue. „Nicht du? Nicht freiwillig? Nicht real?“
Aria presste die Lippen zusammen. „Ich habe nicht mit Sebastian geschlafen. Ich war gar nicht da.“
Es wurde still.
Die Stille hielt genau bis Sebastian in der Tür auftauchte, Hände in den Taschen, Blick neutral wie ein Richter.
„Doch,“ sagte er. „Hast du.“
Aria erstarrte. Evelyns Hände verkrampften sich an der Teetasse. Ihr Vater wirkte, als hätte jemand das Skript geändert.
„Ich war dabei,“ fügte Sebastian hinzu, als sei es ein normaler Satz. „Es war kein Missverständnis.“
Aria rang nach Luft. „Ich… ich war wirklich nicht —“
„Sag’s so, wie es ist,“ schnitt Belle ein. „Ich brauche keine epische Erzählung. Nur Realität.“
Evelyn ignorierte Aria komplett, als hätte sie gerade kein existierender Mensch gesprochen. „Das ändert nichts am Kernproblem,“ erklärte sie kühl. „Und das bist du, Belle.“
Belle lachte – kurz, trocken, ohne Humor. „Natürlich bin ich das Problem. Ich hätte Schampus bringen und applaudieren sollen, stimmt’s?“
„Du hebst hier den Ton,“ warnte ihr Vater.
„Ich hebe nur meinen Selbstrespekt,“ konterte Belle. „Ist ungewohnt für euch, ich weiß.“
Evelyn seufzte. „Aria passt besser zu Sebastian. Sie ist ruhiger, häuslicher, weniger… konfrontativ.“
„Also weniger Rückgrat,“ schlug Belle vor. „Danke für die Klarstellung.“
„Wir denken,“ fuhr Evelyn fort, unbeeindruckt, „dass es für alle einfacher wäre, wenn du Sebastian den Rücken kehrst. Du kannst dich neu orientieren. Aria und Sebastian haben bereits über eine Zukunft gesprochen.“
„Das stimmt nicht!“ Aria sprang beinahe auf. „Ich will das nicht! Ich habe nie—“
Evelyn schnitt ihr das Wort mit einem scharfen Blick ab. „Aria. Männer wie Sebastian geben Sicherheit. Karriere. Anstand. Und du passt zu so jemandem.“
Belle starrte sie an. „Ihr redet über sie wie über ein Zierkissen: ‘passt gut zur Couch, nimmt wenig Platz ein’.“
„Belle,“ sagte ihr Vater streng. „Du solltest dich jetzt zurückziehen.“
„Wohin?“ fragte Belle. „In mein Hotelzimmer? In ein anderes Bundesland? Oder direkt in ein Paralleldimension, wo Respekt existiert?“
„Es wäre besser,“ sagte Evelyn leise, „wenn du die Familie verlässt.“
Da war er endlich. Der Satz, der alles erklärte.
Er tat nicht weh. Er bestätigte nur, was Belle längst wusste: Blut macht keine Familie – Loyalität schon.
Belle nahm die Tasche vom Boden. „Gut. Dann kündige ich. War ein schlechter Arbeitgeber, null Benefits, viele Therapiesitzungen. Viel Erfolg beim perfekten Familienfoto.“
Sebastian öffnete den Mund – vielleicht „Tut mir leid“, vielleicht „Bleib“, vielleicht „Ich bin ein Idiot“ – aber Belle ging zu ihm, hob die Hand und verpasste ihm eine klare, schallende Ohrfeige.
Der Schlag hallte durch den Raum wie ein Urteilsspruch.
„Und du?“ sagte Belle leise. „Viel Spaß mit dieser Ehe. Kauf Blumen. Und noch bessere Ausreden.“
Alle erstarrten. Evelyn fuhr hoch, ihr Vater schnappte nach Luft.
Belle hob nur die Hand. „Spart’s euch. Ich hab genug gehört.“
Evelyn presste die Lippen. „Du nimmst nichts ernst.“
„Doch,“ sagte Belle, bereits Richtung Tür. „Mich.“
Aria stand plötzlich, Panik und Verwirrung in den Augen. „Belle… bitte…“
Belle sah sie an. Nicht feindselig. Nicht wütend.
Und genau das schockierte Aria mehr als alles andere.
„Pass auf dich auf,“ sagte Belle ruhig. „Und hör nie auf Menschen, die dein Schweigen loben. Es endet nie gut.“
Es war das einzige, was sie ihr noch schenken konnte.
Dann ging Belle.
Draußen roch die Luft nach Regen, Freiheit und dem leisen Brennen von abgeschnittenen Fäden.
Sie setzte sich auf die Bordsteinkante, zog ihr Handy heraus und rief Livia an.
Anruf fehlgeschlagen.
Sie schrieb.
Nachricht nicht zugestellt.
Instagram? Gelöscht.
TikTok? Deaktiviert.
Snapchat? Aufgelöst.
Belle starrte auf das Display, als könnte sie es verklagen – was sie realistisch innerhalb einer Woche vermutlich tun würde.
Sie atmete flach aus und murmelte:
„Verdammt, Liv… wo bist du?“



































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