13. Litara – Das Steinelfenmädchen

Litara – Das Steinelfenmädchen
»Sei dir immer bewusst, du dienst den Herrschern. Nur ihnen darf deine Liebe gelten.«
(Aus der Lehre der Herrscher)
Die Festungskommandantin von Edderas stand am nach Süden ausgerichteten Fenster ihrer Wohnzelle. In der Ferne zeichneten sich die Berggipfel ab, die bereits zum Gebiet der westlichen Königreiche gehörten. Dort draußen, in der Ungewissheit, war Aaghyl unterwegs, um nach ihrer Patentochter Taelga zu suchen. Litara presste die Lippen zusammen und hoffte inständig, dass seine Suche von Erfolg gekrönt sein würde.
Sie kehrte an ihren Schreibtisch in der Arbeitszelle zurück, doch der Blick auf die sich auftürmenden Steintafeln blieb leer. Konzentration war unmöglich. Ihre Gedanken wanderten unweigerlich zurück zu Aaghyl und Taelga. Wie sehnlichst wünschte sie sich, ihre Patentochter wieder in die Arme schließen zu können.
Vor vielen Jahren hatten die Herrscher sie ins Blätterdachtal geschickt, nach Fronsvalis´arbor, einem kleinen Wohnbaum im Waldelfenreich. Ihr Auftrag war klar gewesen, sie sollte mit einem bestimmten Waldelfenpaar ein Kind zeugen und es nach dessen Reifezeremonie den Herrschern übergeben. Litara hatten den Plan erfüllt. Sie hatte sich mit der Waldelfenfrau Mon´era und dem Waldelfenmann Tol´ik angefreundet, tiefe Zuneigung gefasst und schließlich mit ihnen dieses wunderbare Kind gezeugt.
Sie hatte das Leben im Einklang mit den Waldelfen geliebt, und sie liebte ihre Tochter. Noch immer spürte Litara den tiefen Stolz jenes Tages, als Mon´era, Tol´ik und sie erfuhren, dass dieses Mädchen eines Tages eine Göttin werden würde. Es war ein monumentales Geheimnis, von dem nur wenige Waldelfen wissen durften. Nach ihrer Rückkehr in den Magistrat hatte sie dieses Wissen eisern verschwiegen, weder die Protektoren noch die Herrscher erfuhren je davon. Ihr Bauchgefühl hatte ihr gesagt, dass Schweigen der einzige Schutz war.
Dabei war sie den Herrschern stets treu ergeben gewesen und war es im Grunde noch heute. Schon immer war es ihr größter Traum gewesen, als Kriegerin zu dienen. Ein Blick hinab auf ihre dunkelrote Kommandantenkleidung ließ die Erinnerung an jenen Tag wachrufen, an dem sie diesen Wunsch ihrem Vater anvertraut hatte. Es war unmittelbar nach ihrer eigenen Reifezeremonie gewesen, als Eerol, ihr Vater, nach Hegtur gekommen war, dem Wohnturm, in dem Litara aufgewachsen war.
Seit Litaras Reifezeremonie waren ein paar Tage vergangen, und die junge Steinelfenfrau hatte sich von den Strapazen erholt. Dem feierlichen Anlass entsprechend hatte es ein kleines Festmahl gegeben, wohlschmeckendes Echsenfleisch, frisches Brot und Obst. Für alle Beteiligten war es eine willkommene Abwechslung zum alltäglichen, grauen und faden Wurzelbrei, der im Magistrat die Hauptnahrung darstellte.
An diesem Morgen wollte sich Litara eigentlich wieder der Bearbeitung der erbeuteten Echsenhäute widmen. Die Nachwirkungen der rituellen Vereinigung mit Neesele und Iimral waren noch immer wie ein feines Prickeln auf ihrer Haut spürbar. Bedauerlicherweise war die Dreieinigkeit diesmal ohne Folgen geblieben, weder Litara noch ihre Patin hatten neues Leben empfangen.
»Es ist eben der Wille der Herrscher. Ich hätte so gerne ein Kind gezeugt«, dachte sie mit einem leisen Stich des Bedauerns.
Zwar kam es immer wieder vor, dass bei einer Reifezeremonie neues Leben entstand, doch die Biologie der Steinelfen war eigenwillig. Während bei den anderen Völkern des Magistrats zwei Wesen unterschiedlichen Geschlechts genügten, funktionierte die Nachwuchszeugung bei ihrer Art nur in der Dreieinigkeit, es bedurfte stets zweier Steinelfenfrauen und eines Steinelfenmannes.
Im großen Speisesaal des Wohnturms entdeckte Litara schließlich ihren Vater. Mit einer frisch geholten Schüssel Nahrungsbrei in den Händen trat sie an seinen Tisch.
»Die Herrscher gestalten den Tag«, begrüßte Litara ihren Vater.
Eerol blickte auf und sah seine nun erwachsene Tochter an. »Die Herrscher gestalten den Tag.«
»Du bist heute sehr früh auf, Vater.«
»Ja, ich muss zeitig abreisen. Mein Kommandant erwartet mich.«
»Ich habe gehofft, noch ein wenig Zeit mit dir verbringen zu können. Ich habe dich lange nicht gesehen.«
Litara musterte ihn genauer. Bisher hatte sie ihn immer nur aus der Perspektive eines Kindes wahrgenommen, doch nun betrachtete sie ihn zum ersten Mal mit den Augen einer erwachsenen Elfenfrau. Ihr Vater war ein großer, muskulöser Mann mit dunkelviolettem, mittellangem Haar. Trotz seiner siebenhundertdreiundzwanzig Jahre verfehlte seine Erscheinung ihre Wirkung nicht. Litara konnte sich lebhaft vorstellen, wie viele Elfenfrauen seine Nähe suchten. Er trug bereits seine makellose, dunkelgrüne Offizierskleidung, die seine Statur perfekt unterstrich.
»Du hast recht, Litara. Ich bin lange nicht hier gewesen. Und jetzt, wo du deine Reife hast, würde ich gerne noch Zeit mit dir verbringen. Aber die Union bereitet sich mal wieder auf eine Schlacht vor. Ich muss nach Acceras.«
»Wo ist dieses Acceras?«
»Acceras ist eine Festung. Sie ist auf Telos, irgendwo in einem Gebirge.«
»Ich möchte dich begleiten.«
Der Wunsch, Hegtur an seiner Seite zu verlassen, überkam Litara völlig spontan. Eerol hielt mitten in der Bewegung inne, sichtlich überrascht.
»Warum möchtest du Hegtur verlassen? Wissen deine Mütter davon?«
»Nein, Vvasily und Llydiha ahnen nicht, dass ich weg möchte. Seit meiner Reifezeremonie weiß ich aber, dass es mir nicht mehr reicht eine Jägerin zu sein. Ich möchte eine Kriegerin werden.«
Der erfahrene Soldat schwieg und wog ihre Worte ab. »Ich verstehe deinen Wunsch und respektiere ihn«, sagte er schließlich nachdenklich. »Mir ist es nach meiner Reife nicht anders ergangen. Aber du kannst mich nicht begleiten.«
Enttäuschung legte sich wie ein Schatten auf Litaras Gesicht. Trotz heraufziehender Frustration stocherte sie stur mit dem Löffel in ihrem grauen Brei. »Ich bin fest entschlossen, mich dem nächsten Rekrutierungstrupp anzuschließen, der hier vorbeikommt«, erwiderte die junge Elfenfrau trotzig.
Ein schwerer Seufzer entwich Eerols Lippen. »Ja, das glaube ich dir sogar.« Er strich sich über das Kinn. »Na gut, ich mache dir einen Vorschlag.«
Litara hielt inne und blickte auf.
»Du schließt dich vorerst keinem Rekrutierungstrupp an, sondern wartest, bis ich von Acceras zurück bin.«
Noch während Litara zum Protest ansetzen wollte, hob er beschwichtigend die Hand.
»Warte. Hör mich zu Ende an.«
Sie schloss den Mund und ließ ihn gewähren.
»Wenn du nach meiner Rückkehr immer noch eine Kriegerin werden möchtest, werde ich dich mitnehmen und dich persönlich ausbilden.«
Ein verlockendes Angebot. Litara schwieg und überschlug ihre Möglichkeiten, während Eerol sie geduldig beobachtete.
»Was sagst du?«, brach er schließlich das Schweigen, als von ihr keine Reaktion kam.
»Einverstanden«, stieß sie hervor.
Ein sichtlich erleichtertes Aufatmen ging durch den muskulösen Körper des Elfenmannes. »So soll es dann sein.«
In diesem Moment betraten Vvasily und Llydiha den Speisesaal. Ihre Schüsseln fest im Griff, steuerten die beiden Frauen zielstrebig auf den Tisch zu und ließen sich nieder.
»Die Herrscher gestalten den Tag«, grüßten sie in die Runde.
Litara entging nicht, mit welch tiefem, vielsagendem Blick ihr Vater die beiden Frauen bedachte. Sie wusste, dass ihre Mütter und er die vergangene Nacht gemeinsam verbracht hatten.
Ihre Mutter Vvasily war mit ihren fünfhundertelf Jahren noch immer von atemberaubender Schönheit. Ihr Haar besaß das tiefe, glänzende Schwarz des flüssigen Teers, den man oft an den Lavaseen fand. Sie war groß gewachsen und bewegte sich mit einer angeborenen, stolzen Anmut.
Ihre Patenmutter Llydiha war etwas kleiner, aber von ähnlich schlanker Statur. Mit vierhundertachtundachtzig Jahren stand sie Vvasily in nichts nach. Sie trug ihr orange-rotes Haar provokant kurz geschnitten, was einen faszinierenden Kontrast zu der hellbraunen Haut bildete, die allen Steinelfen eigen war.
Körperliche Nähe war im Magistrat keineswegs verboten, solange sie primär der Fortpflanzung diente. Reine Lust und tiefere Bindungen wurden zwar nicht direkt bestraft, waren von den Herrschern jedoch unerwünscht. Da man Emotionen aber nicht gänzlich unterdrücken konnte, schrieb die Lehre vor, dass jedes Wesen regelmäßig einen Gefühlsweber aufsuchen musste. Die Emotionen sollten gereinigt werden, kein Steinelf durfte sich von seinen Gefühlen kontrollieren lassen.
»Eerol will uns heute schon verlassen«, brach Litara mit bedrückter Stimme das Schweigen.
Die Blicke von Vvasily und Llydiha wanderten zu dem Offizier.
»Wie bedauerlich«, kommentierte Litaras Mutter gefasst.
»Ja, sehr bedauerlich«, pflichtete Llydiha ihr bei.
Wie alle Bewohner in Hegtur lebte auch Litara nach strengen Regeln, zumindest so weit, wie es ihr als Kind möglich gewesen war. Doch nun, nach der Reifezeremonie, würden strengere Maßstäbe an sie angelegt werden. Für einen kurzen Moment überkam Litara das seltsame Gefühl, dass ihre Mütter viel zu gleichgültig auf die Abreise reagierten. Aber genau das verlangte die Lehre, absolute Emotionslosigkeit.
»Daran muss ich mich erst noch gewöhnen«, dachte sie wehmütig.
Eerol ergriff wieder das Wort: »Ich werde Hegtur wieder besuchen. Dann werde ich Litara mit mir nehmen und sie zu einer Kriegerin ausbilden. Es ist ihr Wunsch.«
Überraschung blitzte in Vvasilys Augen auf, als sie sich ihrer Tochter zuwandte. »Du hast nie davon erzählt, dass du eine Kriegerin werden willst.«
»Nein. Erst seit meiner Reifezeremonie ist mir klar geworden, dass ich den Herrschern noch besser dienen möchte. Es reicht mir nicht mehr, Feuerechsen zu jagen und ihre Häute zu bearbeiten.«
»Deine Hände werden uns fehlen«, warf Llydiha ein, ein seltener Moment des persönlichen Bedauerns.
Vvasily betrachtete ihre Tochter eine gefühlte Ewigkeit lang mit prüfendem Blick. »Wenn es dein Wunsch und der Wille der Herrscher ist, dann soll es so geschehen.«
»Es wird eine Weile bis zu meiner Rückkehr dauern«, fügte Eerol hinzu. »Ihr habt also noch Zeit, euch darauf vorzubereiten.«
»Du hast recht, Eerol. Mir fällt es nur schwer, Litara gehen zu lassen«, gab die Patenmutter schließlich zu, was fast wie ein Regelbruch in diesem kalten Raum wirkte.
Der Steinelfenmann sah seine Tochter an. »Ich bin sicher, Litara wird eine gute Kriegerin werden. Ich werde ihr die beste Ausbildung ermöglichen.«
»Ja, das werde ich. Ich werde den Herrschern gut dienen«, gelobte die junge Elfe entschlossen.
Eerol kratzte den letzten Rest des Wurzelpürees aus seiner Schüssel, erhob sich und blickte ein letztes Mal in die Runde der drei Frauen.
»Die Herrscher mögen euch leiten«, sprach er die Abschiedsformel.
»Die Herrscher mögen auch dich leiten«, antworteten Vvasily, Llydiha und Litara wie aus einem Mund.
Ohne ein weiteres Wort oder ein Zurückblicken wandte sich der Offizier um und verließ den Speiseraum. Litara sah ihm starr nach, bis seine Gestalt verschwand. Erst dann widmete sie sich wieder mechanisch ihrer Mahlzeit.
»Wir sollten unser Mahl schnell beenden. Wir haben noch viel Arbeit vor uns«, drängte Llydiha mit gewohnt geschäftsmäßiger Stimme.
In eisigem Schweigen löffelten die drei Steinelfenfrauen ihr Frühstück zu Ende.
Litara blinzelte und fand sich in der Gegenwart ihrer spartanischen Kommandantenzelle wieder. Das alles lag nun unzählige Jahre zurück. Ihr Vater hatte sein Wort gehalten. Sie war eine Kriegerin geworden und heute befehligte sie als Kommandantin die äußerst wichtige Festung Edderas. Doch die alten Geheimnisse wogen schwerer als jede Rüstung.





























































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