25 Tagebucheintrag Inias und Vermerk Anidiras 17.05.04-I-II

Tagebucheintrag – Inias
Datum: 17.05.04-I-II

Ich hätte dieses Gespräch abbrechen sollen, als sein Name fiel.

Balthasar.

Es ist jedes Mal dasselbe.
Ein Gedanke reicht. Ein Wort.
Und alles andere wird nebensächlich.

Anidiras hat ihn verteidigt.

Nicht vorsichtig.
Nicht ausweichend.
Er hat es klar getan.

Und ich habe gespürt, wie etwas Altes in mir hochkam.
Nicht Ärger.
Nicht Enttäuschung.
Wut.

Diese Wut kennt keine Nuancen.
Sie fragt nicht nach Umständen.
Sie zählt keine Jahre.
Sie erinnert sich nur an eines:
Er hat mir meinen Sohn genommen.

Ich habe Dinge gesagt, die ich seit Äonen denke.
Dass man Kindern nichts antut, egal mit welchem Ziel.
Dass Strenge kein Freibrief ist.
Dass man Kinder nicht „formt“, als wären sie Werkzeuge.

Es fühlte sich richtig an.
Notwendig.
Überfällig.

Anidiras hörte zu.
Zu ruhig.

Er sagte, dass er ohne diese Schule nicht der wäre, der er heute ist.
Dass er dort gelernt habe, zu stehen.
Zu tragen.
Verantwortung nicht abzugeben.

Ich habe sofort widersprochen.
Natürlich habe ich das.

Ich habe Balthasar wieder beim Namen genannt, den er für mich trägt.
Entführer.
Schatten, der nimmt.
Einer, der entscheidet, ohne zu fragen.

Ich weiß noch, dass Anidiras’ Blick sich verändert hat.
Nicht wütend.
Nicht verletzt.
Geschlossen.

Ich dachte, ich hätte ihn erreicht.
Dass er vielleicht endlich sieht,
was ich all die Zeit gesehen habe.

Und jetzt —
jetzt beim Schreiben —

… verdammt.

Er hat Balthasar nicht verteidigt.
Er hat sein eigenes Leben verteidigt!

Und ich …

Ich habe nicht über Prinzipien gesprochen.
Nicht wirklich.

Ich habe gesagt:
Das, was aus dir geworden ist, hätte nie so entstehen dürfen.

Ich habe es nicht so formuliert.
Aber ich habe es gemeint.

Und er hat es gehört.

Ich sitze hier und merke, wie mein Atem flacher wird.
Wie mein Griff um den Stift fester wird.

Ich habe nicht nur einen Mann angegriffen, den ich hasse.
Ich habe meinem Sohn gesagt,
dass der Weg, den er gegangen ist, ein Irrtum war.

Dass sein Überleben, seine Stärke, seine Haltung
… einen Makel tragen.

Balthasar ist meine rote Flagge.
Das weiß ich.

Wenn es um ihn geht,




setzt mein Denken aus.
Dann zählt nur noch Schuld.

Aber Anidiras ist nicht Balthasar.

Und ich habe für einen Moment so getan,
als wäre er es.

Als strategischer Erzengel kann ich Blickwinkel wechseln.
Ich tue es ständig.
Ich rechne Möglichkeiten neu.
Ich verschiebe Perspektiven.

Und ausgerechnet hier
habe ich es nicht getan.

Erst jetzt.
Beim Schreiben.
Zu spät.

Ich weiß nicht, was schwerer wiegt:
Dass ich es gesagt habe
oder
dass ich es erst hier begreife.

Ich bin nicht fertig mit meiner Wut.
Ich werde es vielleicht nie sein.

Aber ich habe heute etwas anderes beschädigt
als meinen alten Feind.

Und das
— das schmerzt mehr, als Worte sagen können.

Ob Anidiras mich jetzt hasst? Ich muss mit ihm reden – aber wie?
Soll ich mich entschuldigen? Und wenn ja, wofür genau?
Oder macht eine Entschuldigung es vielleicht noch schlimmer?

Es tut mir in der Seele weh und unendlich leid, was ich indirekt über sein Leben gesagt habe. Er ist alles, aber kein Fehler – doch wird er mir das jetzt noch glauben?
Jetzt wo ich so furchtbare Dinge gesagt habe?

Ich weiß es nicht und ich habe Angst, dass ich etwas zwischen uns unwiderruflich zerstört habe… verdammt, ich erkenne mich selbst kaum wieder.

 

 

 

 

Persönlicher Vermerk – Anidiras

(nicht für Archive bestimmt)
Datum: 17.05.04-I-II

Der Name fiel, und sofort veränderte sich alles.
Inias’ Körper reagierte, bevor sein Verstand folgen konnte. Die Schultern hoben sich, wie gegen unsichtbare Lasten. Die Finger krallten sich unwillkürlich, die Kiefermuskeln spannten sich sichtbar. Sein Blick – zuerst ein aggressives Funkeln, das wie ein Blitz durch den Raum schnitt – dann ein Blick, als würde er nicht mich sehen, sondern durch mich jemand anderen – den, dem die Wut gebührt.

Ich registrierte jede Nuance: das kurze Zittern der Unterlippe, das unbewusste Zusammenziehen der Brust, der Herzschlag, der gegen die Haut pochte; ein leichter Ruck im Nacken, ein Atemzug, der schneller kam, als es seine sonstige Ruhe erlaubte. Alles gleichzeitig. Alles zusammen. Er war nicht mehr Inias in seiner gewohnten Kontrolle.

Ich verteidigte mich. Nicht laut, aber direkt. Nicht kämpferisch, sondern ruhig. Ein kleiner Schritt zur Seite, ein klarer, unerschütterlicher Blick, Worte, die erklären sollten. Mein Körper spannte sich, bereit zu reagieren, sollte er die Kontrolle verlieren – nicht zum Kampf, nur zum Bestehen.



Und doch genügte das nicht. Er sagte, dass mein Leben ein Fehler war. Es tat weh – nicht nur wegen der Worte, nicht nur wegen des Vorwurfs. Sondern weil Nähe zwischen uns diese Aussage kaum tragen kann. Dieselben Worte eines Fremden hätten mich nicht getroffen. Aber er ist mein Vater – darum trafen sie mich wie Eissplitter, die sich ins Fleisch bohren.

Wie viel Macht in einem einzigen Namen liegen kann. Wie leicht alles aus der Balance geraten könnte, selbst wenn man es eigentlich nicht böse meint. Ich nehme an, dass Inias noch nicht mal bewusst ist, was er gesagt hat. Das macht es zwar nicht ungeschehen oder weniger schmerzhaft, aber es erklärt sein Verhalten.

Nähe ist schön. Sie wärmt, zieht an. Aber sie ist gefährlich. Mein Herz schlug schneller, die Hände krallten sich kurz, dann löste ich sie wieder. Ein Zittern lief durch meine Unterarme: Wachsam bleiben. Bereit sein. Diese Nähe könnte alles verändern.

Er stürmte innerlich aufgewühlt, ich blieb im Auge des Sturms. Bevor es weiter eskalieren konnte, stand ich auf und ging. Ohne Worte, um die Situation nicht zu verschärfen. Ich war bereit, aufgehalten zu werden – doch Inias ließ mich ziehen. Gut so.

Ich weiß noch nicht, ob ich diese Nähe zulassen will. Ob ich will, dass sie wächst. Sie ist schön – das spüre ich – und doch birgt sie Risiken, die ich kaum überblicken kann. Mein Herz muss abwägen: Wärme zulassen oder Schutz behalten.

— Anidiras

 

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