26 Anidiras Gedanken

Anidiras Gedanken
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er kommen würde. Nicht heute. Nicht so direkt. 3 Tage nach unserer letzten Begegnung bei der Besprechung.
Er trat ein, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schultern leicht nach vorne gezogen, wie jemand, der sich selbst zusammenhalten muss, um nicht auseinanderzufallen. Mein erster Impuls war, wegzusehen. Ein Teil von mir flüsterte: Geschieht ihm recht.
Aber gleichzeitig spürte ich ein anderes Ziehen – Sorge, fast Angst. Es war schwer, diesen Teil zu ignorieren.
„Anidiras“, sagte er, und schon in dem einen Wort lag all die Unsicherheit, all die Schwere der letzten Tage. Kein Vorwurf, nur ein Versuch, den Abstand zu überbrücken, den er selbst geschaffen hatte.
Ich blieb stehen. Nah genug, um ihn zu sehen, aber nicht zu nah. Die Luft zwischen uns war dicht, von unausgesprochenen Worten, von Schuld und Angst.
Er senkte die Augen, zögerte. Die Hände verkrampft hinter dem Rücken, Finger verschränkt, Daumen trommelten leise gegeneinander. Ich konnte jeden Herzschlag fühlen, den er nicht kontrollierte, jede kleine Bewegung, die verriet, wie sehr er sich zusammennahm.
„Ich…“, begann er, stockte, atmete tief ein, wie um die richtigen Worte zu finden. „Ich wollte… sagen… dass…“
Ein kleiner Ruck ging durch ihn, fast unmerklich, aber für mich eindeutig. Ein Teil von mir wollte den Moment abwehren, das Mitgefühl verschließen, der verletzte Teil, der die kleine Schadenfreude spürte. Aber der größere, weichere Teil – der Anteil, der sich sorgt – wollte wissen, was er sagen würde.
„Dass ich es falsch gesagt habe?“, versuchte ich ihm zu helfen. Meine Stimme war leise, vorsichtig. Nicht Vorwurf, nur Beobachtung.
Er nickte, Augen kurz gesenkt, schluckte, als würde er die Worte gegen seine Kehle pressen. „Nein. Ich… ich meinte nicht, dass du… ich meine, du bist kein Fehler, Anidiras. Nicht du.“
Die Worte hingen zwischen uns, schwer und doch heilend. Ein Teil in mir wollte sie ablehnen, die Mauer aufrechterhalten. Aber ich konnte nicht. Ich spürte ihre Wahrheit. Dass er es meinte. Dass er nur die Umstände verurteilte, nicht mich.
„Du bist kein Fehler“, wiederholte er, fast flüsternd, diesmal mehr zu sich selbst als zu mir. „Balthasar… die Umstände… ja. Aber du… das, was aus dir geworden ist… das ist richtig, und ich bin stolz auf den Mann, der du geworden bist.“




Ich merkte, wie ein Zittern durch meine Hände ging, nicht vor Angst, sondern weil ein Teil von mir immer noch verletzt war. Aber der größere Teil – vorsichtig, wachsam – wollte akzeptieren, dass er es ernst meinte.
„Es… es tat weh“, flüsterte ich. „Deine Wut… dein Blick… der Name…“
Ich konnte nicht verhindern, dass die Verletzung noch da war, dass ein kleiner Teil in mir wollte, dass er sie noch einmal spürt. Aber ich merkte, dass es weder fair noch notwendig war.
„Ich weiß“, sagte er, seine Stimme leise, aber fest. „Und es tut mir leid. Nicht dass Balthasar… aber dass ich es dir so gezeigt habe. Ich kann verstehen, wenn du mich nun hasst.“
„Hassen?“, fragte ich überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass er gleich mit dem Schlimmsten rechnete. Aber es zeigt mir, dass er schlimmer leidet, als man von außen sehen kann. Das versetzte meinem eigenen Herz einen Stich, und die schadenfrohe Stimme in mir fing an zu schweigen.
„Nein, ich hasse dich nicht. Aber wir werden Zeit brauchen“, sagte ich schließlich. Nicht laut, nicht scharf, nur fest.
„Ich weiß“, erwiderte er, doch man sah ihm seine tiefe Erleichterung an. Diesmal ließ er die Worte wirken. Die Stille danach war kein Druck, kein Urteil, sondern erwartungsvoll, wie der Atem vor einem neuen Anfang.
Ich merkte, dass mein Herz sich beruhigte, dass die Wachsamkeit nicht verschwunden war, aber weicher wurde. Wir waren nicht eins, nicht Schulter an Schulter. Aber wir standen nicht mehr getrennt.
Das war ein Anfang. Nicht die Lösung, nicht das Ende, aber ein Anfang. Und es genügte, um ein Stück der Schwere loszulassen, die ich seit Tagen gespürt hatte.

 

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