Kapitel 16
Asher hätte überall sein können.
Im Trainingshof, wo der Lärm der jungen Wölfe ihn zumindest körperlich ausgelastet hätte.
Bei Skye. In seinem Zimmer. Dort, wo sein Instinkt ihn immer wieder hinzog.
Oder draußen im Wald, zwischen Bäumen und Erde, weit weg von Mauern und Regeln.
Stattdessen saß er im Büro.
Vor ihm stapelten sich Bewerbungsunterlagen: digitale Akten, Lebensläufe, Eignungstests. Neueinstellungen. Menschen. Einige Übernatürliche. Verwaltung, Technik, Sicherheit. Alles Dinge, die erledigt werden mussten – unabhängig davon, wie sehr sich etwas in ihm dagegen sträubte.
Asher rieb sich mit der Hand über das Gesicht und atmete tief durch.
Pflicht vor Instinkt.
Das war immer sein Leitsatz gewesen. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten.
Doch seit Skye im Rudelhaus war, fiel ihm selbst das schwer.
Er spürte sie. Permanent.
Wie ein leiser, stetiger Zug in seiner Brust. Ein Bewusstsein dafür, wo sie war. Ob sie ruhig atmete. Ob sie sich bewegte. Ob sie sicher war.
„Reiß dich zusammen“, murmelte er und tippte auf das Tablet.
Die Tür öffnete sich.
„Die ersten sind da“, sagte seine Assistentin sachlich. „Drei Bewerber. Alle pünktlich.“
Asher nickte, ohne aufzusehen. „Schicken Sie sie rein. Nacheinander.“
Die ersten Gespräche verliefen ruhig. Professionell. Unauffällig.
Er stellte Fragen, hörte zu, entschied. Ja. Vielleicht. Nein.
Als die nächste Bewerberin hereingebeten wurde, saß Asher bereits seit fast einer Stunde im Büro.
Er nahm sie wahr, noch bevor sie die Tür öffnete.
Nicht ihren Duft – der war unter einer Schicht Parfüm verborgen –, sondern ihre Absicht. Menschen rochen anders, wenn sie etwas wollten. Wenn sie testeten. Wenn sie Grenzen ausloteten.
Die Frau trat ein und schloss die Tür hinter sich.
Sie war attraktiv, das ließ sich nicht leugnen. Gepflegt. Selbstbewusst. Ihr Lächeln wirkte einstudiert, nicht spontan. Ihre Kleidung war figurbetont, grenzwertig für ein Vorstellungsgespräch, aber noch akzeptabel.
Doch was Asher störte, war nicht ihr Aussehen.
Es war das, was darunter lag.
Er konnte sie nicht richtig riechen. Das Parfüm überdeckte alles. Das gefiel ihm nicht.
„Guten Morgen“, sagte sie lächelnd und setzte sich, ohne auf eine Aufforderung zu warten.
Asher hob langsam den Blick. Ruhig. Wachsam.
„Name?“
„Elena Ward“, antwortete sie. Ihre Stimme war weich. Trainiert. „Ich habe mich für die Position im administrativen Bereich beworben.“
Er nickte knapp und griff nach dem Tablet. „Beruflicher Werdegang?“
Sie antwortete flüssig. Kompetent. Ihre Unterlagen waren gut – sehr gut sogar. Erfahrung. Referenzen. Ausbildung.
Während sie sprach, lehnte sie sich minimal vor. Nicht offensichtlich. Aber bewusst. So, dass ihr Dekolleté in sein Blickfeld rückte.
Asher bemerkte es sofort.
Und es widerte ihn an.
Dann geschah es.
Als sie eine Mappe aus ihrer Tasche zog und sie ihm reichte, berührten ihre Finger seine Hand. Nicht zufällig. Nicht flüchtig. Ihre Haut blieb einen Herzschlag zu lang.
Asher zog die Hand zurück.
Nicht ruckartig.
Nicht aggressiv.
Aber eindeutig.
Er sah sie an. Sein Blick war kühl, fest, unbeweglich.
„Das lassen Sie“, sagte er ruhig.
Elena erstarrte. Für einen Moment blitzte etwas in ihrem Gesicht auf – Überraschung, Irritation. Dann zog sie die Hand zurück.
„Entschuldigung“, sagte sie und richtete sich auf.
In ihrem Blick lag etwas, das Asher nicht mochte. Etwas, das ihm die Nackenhaare aufstellte. Ihr Tonfall änderte sich – wurde nüchtern, professionell.
„Das war unangebracht.“
Ihr Blick sagte etwas anderes.
Asher schwieg. Er ließ die Stille wirken.
Sie atmete einmal tief durch. „Ich möchte mich entschuldigen. Das war… unprofessionell.“
Er musterte sie. Suchte nach Unehrlichkeit.
Er hätte schwören können, dass sie etwas verbarg. Vielleicht war es nur ein Gefühl. Aber es kroch langsam sein Rückgrat hinauf.
„Gut“, sagte er schließlich. „Dann bleiben wir beim Beruflichen.“
Sie nickte sofort.
Kein Flirten mehr. Kein Spiel.
Von diesem Moment an war sie konzentriert, präzise. Ihre Antworten waren strukturiert. Durchdacht. Sie stellte selbst Fragen – zu Abläufen, Verantwortung, Organisation.
Asher hörte zu.
Und erkannte: Sie war gut.
Sehr gut sogar.
Und trotzdem warnte ihn sein Instinkt.
„Wir melden uns“, sagte er sachlich, als das Gespräch endete.
Sie nickte ernst. In ihrem Blick lag wieder dieses Dunkle. Eine Art Vorfreude, die ihm nicht gefiel. Er konnte nichts beweisen – aber das ungute Gefühl blieb.
Die Berührung vorhin hatte nichts in ihm ausgelöst außer kalter Abscheu. Keine Hitze. Kein Instinkt.
Sie stand auf, lächelte ihn an – ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte – und verabschiedete sich.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, atmete Asher tief durch und schloss die Akten.
Skye.
Der Gedanke an sie war wie ein stiller Anker. Erdend. Klar.
Er war nicht kalt.
Er war gebunden.
Und genau deshalb konnte er seine Pflicht erfüllen – ohne sich selbst zu verlieren.
Asher saß noch einen Moment reglos da, nachdem sich die Tür geschlossen hatte.
Das Büro wirkte plötzlich stiller. Zu still. Er speicherte die letzten Notizen ab, schloss die Akten und legte das Tablet beiseite. Sein Blick wanderte unwillkürlich zum Fenster. Der Nachmittag war weiter vorangeschritten, das Licht draußen bereits weicher, wärmer.
Ein leises Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Herein.“
Kael trat ein, schloss die Tür hinter sich und musterte Asher mit diesem Blick, der nichts übersah. „Du siehst aus, als hättest du einen langen Tag hinter dir.“
Asher schnaubte leise. „Bewerber haben diese Wirkung.“
Kael trat näher an den Schreibtisch. „Und? Wie liefen die Gespräche?“
Asher stand auf, griff nach seiner Jacke und zog sie sich über. „Sachlich. Die meisten waren durchschnittlich.“ Ein kurzes Zögern, dann fügte er hinzu: „Ich habe den Abteilungsleitern Hinweise gegeben, welche Kandidaten als Praktikanten infrage kommen könnten. Menschen, die Potenzial haben. Die eine echte Chance verdienen.“
Kael nickte anerkennend. „Das klingt nach dir.“
„Sie sollen sich beweisen können“, sagte Asher ruhig. „Ohne falsche Versprechen.“
Kael lehnte sich leicht gegen den Schreibtisch. „Dann hast du deine Pflicht getan.“ Sein Blick wurde weicher. „Es ist spät. Der Nachmittag ist fast vorbei.“
Asher folgte seinem Blick zum Fenster. Ja. Zu spät, um sich weiter hier festzuhalten.
„Ich dachte, wir fahren langsam zurück“, fuhr Kael fort. „Livia wartet. Und ehrlich gesagt… ich möchte den Rest des Tages bei meiner Gefährtin verbringen.“
Ein kaum merkliches Ziehen ging durch Ashers Brust.
Skye.
Er nickte. „Ja. Das ist eine gute Idee.“
Kael klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Komm. Arbeit kann warten. Familie nicht.“
Asher griff nach seinen Sachen und folgte ihm hinaus.
Während sie den Flur entlanggingen, war sein Kopf bereits woanders.
Bei einer jungen Frau, die zum ersten Mal seit Jahren ruhig geschlafen hatte.
Und bei der Frage, wie lange er sie noch würde beschützen können,
ohne sie festzuhalten.
Denn egal, wie sehr er es sich einzureden versuchte –
sein Zuhause wartete nicht mehr im Büro.
Es wartete im Rudelhaus.
In seinem Zimmer.
Bei ihr.
Er musste es nur schaffen irgendwie mit seiner Vergangenheit umzugehen und sie zum Reden bringen. Dann konnte alles gut werden. Zumindest hoffte er das.







































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