Kapitel 5

Skye kam langsam zu sich.
Zuerst war da nur Schmerz. Dumpf und allgegenwärtig, als hätte ihr Körper vergessen, wie es sich anfühlte, nicht zu leiden. Ihr Kopf pochte im Takt ihres Herzschlags, jede Bewegung schickte ein Brennen durch ihre Glieder. Sie wollte die Augen wieder schließen, zurück in die Dunkelheit sinken, doch etwas hielt sie davon ab.
Ein Geräusch.
Ein leises, unterdrücktes Schluchzen.
Skye öffnete die Augen.
Die Welt schwamm kurz vor ihr, unscharf, verzerrt. Die Zimmerdecke über ihr war ihr vertraut, wenn auch abgenutzt, mit einem feinen Riss, den sie schon mehre Male angestarrt hatte. Das kleine Motelzimmer. Der Geruch von Staub, kaltem Kaffee und altem Stoff hing in der Luft.
Neben dem Sofa auf einem Stuhl saß Cain.
Er hatte die Knie an die Brust gezogen, das Gesicht in den Händen vergraben. Seine Schultern bebten. Er war wach gewesen. Lange. Viel zu lange.
„Cain… was ist los?“, brachte Skye heiser hervor.
Er fuhr zusammen, riss den Kopf hoch. Für einen Moment sah er sie nur an, als würde er nicht glauben, was er sah. Dann füllten sich seine Augen mit Tränen, diesmal aus Erleichterung.
„Skye!“ Er sprang auf, stolperte fast und fiel ihr um den Hals. Seine Arme klammerten sich an sie, als hätte er Angst, sie könnte wieder verschwinden. „Du bist wach. Du bist endlich wach.“
Sie schloss kurz die Augen, legte eine Hand an seinen Rücken. Die Berührung tat weh, aber sie hielt sie aus.
„Wie lange…?“, fragte sie leise.
Cain schniefte. „Zwei Tage“, flüsterte er. „Du hast nicht reagiert. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich dachte… Ich dachte du wärst tot. Wie Sie …“ Seine Stimme brach.
Skye schluckte. Zwei Tage. Ihr Magen zog sich zusammen. Ihr Bruder musste wegen ihr leiden …
Und in diesem Moment traf es sie wie ein Schlag.
Die Verschleierung.
Sie spürte sie nicht.
Kein leises Summen unter der Haut, kein sanfter Druck, der ihre Präsenz dämpfte. Nichts außer Leere.
„Cain“, sagte sie plötzlich und setzte sich ruckartig auf. Ihr Kopf schmerzte sofort, Sterne tanzten vor ihren Augen, doch sie ignorierte es. „Hör mir zu.“
„Skye, du solltest liegen bleiben“, sagte er erschrocken. „Du bist noch ganz blass.“
„Wir müssen weg“, erwiderte sie fest. Zu fest für ihren Zustand. „Jetzt.“




Cain erstarrte. „Was? Aber du bist—“
„Die Verschleierung ist weg“, sagte sie leise. „Ich war zu lange bewusstlos. Ich konnte sie nicht halten.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Was sollen wir tun?“
Skye zwang sich aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei, doch sie blieb stehen, stützte sich kurz an der Lehne des Sofas ab. „Du packst alles. Nur das Nötigste. Wir verschwinden.“
Cain nickte sofort, keine weiteren Fragen. Er kannte diesen Ton. Er griff nach den Rucksäcken, stopfte Kleidung, Dokumente, ein paar Konserven hinein. Alles, was sie besaßen, war in wenigen Minuten zusammengepackt.
Skye trat langsam zum Fenster. Eine Vorahnung zog sie langsam dahin. Sie konnte nicht sagen warum.
Draußen lag die Straße ungewöhnlich ruhig da. Zu ruhig. Die Nacht umhüllte die Stadt, umgab sie in Finsternis. Nur die Straßenlaternen spenden gelegentlich Licht, wenn sie nicht gerade flackerten. Das Motel befand sich nicht im besten Teil der Stadt …
Dann hörte sie es.
Ein Motor. In nicht allzu weiter Ferne. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in dieser Stadt. Auch weil mehrer Autos auf den Straßen unterwegs war. Und doch zog sich etwas in ihr zusammen, ein dumpfes, warnendes Gefühl, das sie nicht mehr ignorieren konnte. Sie schob den Vorhang nur einen Spalt zur Seite.
Ein dunkles Auto rollte heran. Bremste abrupt. Der Verkehr hinter ihm musste ebenfalls stoppen, Hupen hallten kurz durch die Straße. Dann lenkte der Wagen an den Rand. Türen öffneten sich. Gedämpfte Stimmen klangen aus dem inneren. Bestimmt und Zielgerichtet.
Skye schluckte.
Ihr Herz rutschte ihr sprichwörtlich in die Knie.
Ein Mann stieg aus. Groß. Breit gebaut. Seine Bewegungen waren ruhig, kontrolliert – die Art von Ruhe, die nichts Gutes verhieß. Er blieb stehen, hob leicht den Kopf und sog die Luft ein.
Skye erstarrte.
Der Mann hielt inne. Nur einen Herzschlag lang. Dann hob er den Blick.
Direkt zu ihrem Fenster.
Ihre Blicke trafen sich – und für einen verräterischen Moment breitete sich ein warmes, beinahe vertrautes Gefühl in ihr aus. Sie konnte den Blick nicht abwenden, wie hypnotisiert, bis seine Augen plötzlich goldgelb aufblitzten.
Wolf.
Die Panik kam schlagartig. Kalt und Lähmend. Skye ließ den Vorhang fallen und wich hastig zurück.




„Cain“, flüsterte sie scharf. „Wir gehen über die Feuertreppe. Jetzt.“
Er sah sie an, erkannte sofort den Ernst in ihrem Gesicht. „Ist er es? Der—?“
„Nein“, unterbrach sie ihn. „Etwas anderes. Wölfe.“
Sie drückte ihm seinen Rucksack in die Hand. „Beeil dich.“
Cain zögerte. „Warum sollten uns Wölfe jagen?“
Ihr Kopf dröhnte, jeder Muskel schmerzte noch von den letzten Tagen, doch ihr Geist war klar wie schon lange nicht mehr.
„Ich habe etwas Schlimmes getan.“
Cain erstarrte. „Hat das mit Marek zu tun?“ Seine Stimme wurde leiser. „Vielleicht können wir mit ihnen reden.“
Skye schüttelte den Kopf. „Ich habe ihm geholfen, die Gefährtin eines Alphas zu stehlen.“
Cains Augen wurden groß vor Schock.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Nicht laut. Nicht wütend. Sanft. Beinahe freundlich.
„Ich weiß, dass du da drin bist“, sagte eine ruhige Stimme. Einlullend. Gefährlich.
„Komm raus. Ich werde dir nichts tun.“
Skye spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie wusste es besser. Sie durften kein Risiko eingehen.
„Sekunden“, flüsterte sie. „Vielleicht weniger.“
Sie riss das Fenster auf. Das metallische Knarren klang in ihren Ohren viel zu laut. Kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen. Skye sah über die Brüstung, schätzte die Höhe ab. Die Feuertreppe führte hinab in die Dunkelheit.
Ein Werwolf hatte ausgezeichnete Augen. Einen noch besseren Geruchssinn. Aber wenn sie ihre Verschleierung über sie beide legte, brauchten sie nur ein gutes Versteck.
Sie griff nach Cains Hand. „Bleib dicht bei mir. Egal, was passiert.“
Er nickte, die Lippen fest aufeinandergepresst.
Gemeinsam hasteten sie die Leiter hinunter.
Hinter ihnen wurde das Klopfen lauter. Unerbittlicher. Dann ein dumpfer Schlag. Holz splitterte. Die Tür gab nach.
Skye hörte es, noch bevor sie den Boden erreichten.
Und sie wusste:
Die Jagd hatte begonnen.

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