Kapitel 4

Kapitel 4


Eine lange Zeit sitzen Maja und der kleine Fuchs im Sessel und blicken still aus dem Fenster.

„Darf ich dich etwas fragen, kleiner Fuchs?“, unterbricht Maja das Schweigen.

„Aber natürlich! Du kannst mich alles fragen, was du möchtest. Ich versuche dir immer eine Antwort zu geben.“, antwortet der kleine Fuchs liebevoll.

Maja atmet laut ein und wieder aus und sieht sich im ganzen Raum um.

„Meinst du … meinst du … meinst du jedes Kind auf dieser Welt hat einen kleinen Fuchs, mit dem es reden kann?“, fragt Maja vorsichtig.

„… und kann Oma Anni auch jetzt noch mit dir sprechen und dich verstehen?“, fährt Maja zaghaft fort.

„… und wie ist das bei meiner Mama? Und wie bist du denn eigentlich hierher gekommen? Und waren Oma Anni und Mama als Kinder genauso wie ich?“, purzelt nun eine Frage nach der anderen aus Majas Mund.

„Hoppla, liebe Maja, das sind ja jetzt wirklich viele Fragen auf einmal. Lass uns doch am besten ganz am Anfang beginnen …“, antwortet  der kleine Fuchs geduldig.

Maja zieht ihre Beine auf den Sessel und macht es sich bequem.

Ein kleiner Spatz fliegt neugierig auf das Fensterbrett und zwinkert den Beiden munter zu.

„Weißt du“, beginnt der kleine Fuchs, „Anni war damals ungefähr genauso alt wie du. Und Anni hatte einen großen Wunsch zu Weihnachten.“

„Oh, zu Weihnachten! Hat Oma Anni sich auch eine Puppe, einen Puppenwagen oder Lego gewünscht?“, eifert Maja strahlend mit.

„Nein, liebe Maja. Als Anni ein Kind war, gab es noch nicht so viele Geschenke zu Weihnachten. Die Kinder bekamen vielleicht ein Blechauto oder einen Spielball oder eine Puppe … aber nur ein Geschenk. Und Anni wünschte sich von ganzem Herzen ein Stofftier. Stofftiere waren zu dieser Zeit sehr, sehr teuer und Annis Mama ging in der Adventszeit in das Spielzeuggeschäft hier im Dorf. Das war damals ganz in der Nähe deiner Schule!“, erklärt der Fuchs ruhig weiter.

„Oh, ein Spielzeuggeschäft in der Nähe meiner Schule! Das ist ja klasse!“, freut sich Maja.

„Nun ja, das war damals auch schon klasse! Jedoch konnte sich nicht jede Familie ein Spielzeug für die Kinder dort kaufen. Annis Mama sah sich im Regal mit den Stofftieren um … verglich die Preise mit dem Geld in ihrem Portemonnaie …“



„In ihrem was? … Porte … Portedings?“, unterbricht Maja den Fuchs.

Der Fuchs lacht: „Ja, Portemonnaie! Das war zu dieser Zeit der Name für den Geldbeutel … also sie verglich das Geld in ihrem Por-te-mo-nnaie und wollte den Laden ohne ein Weihnachtsgeschenk für Anni wieder verlassen … aber der nette Verkäufer bemerkte die Traurigkeit von deiner Urgroßmutter, griff unter die Ladentheke und holte mich hervor.“

„Was? Dich!!!! Unter der Ladentheke! Warum musstest du denn da unten sitzen?“, fragt Maja entsetzt.

„Hmmm, guck mich doch nochmal an?“, fordert der kleine Fuchs Maja auf.

Majas Augen blitzen auf und sie hebt ihren Zeigefinger: „Ah! Ich weiß warum! Weil du etwas Besonderes bist!“

„Genau! Ich bin etwas Besonderes und habe ein schiefes Auge … und war mit einem Sonderpreis ausgezeichnet!“, klärt der Fuchs Maja auf, „ … also für weniger Geld zu bekommen! … ja und dann konnte deine Urgroßmutter mich kaufen und ich durfte zu Anni.“

„Ein Glück, dass du etwas Besonderes warst … ach nein … ein Glück, dass du etwas Besonderes bist!“, freut sich Maja und drückt den Fuchs liebevoll an sich.

„Und konnte Oma dann gleich mit dir sprechen?“, will Maja wissen.

„Ooooo ja, schon als sie mich auspackte spürten wir beide dieses Kribbeln. … ich glaube sogar, kleine funkelnde Sternchen in der Luft tanzen zu sehen …“, schwärmt der Fuchs fast ein wenig verliebt, „und ja, ich denke schon, dass alle Kinder mit Tieren, Stofftieren oder auch echten Tieren und auch allen anderen Lebewesen sprechen können. Aber ob sie alle einen sprechenden Fuchs auf dem Dachboden sitzen haben, glaube ich ehrlich gesagt nicht! … weißt du, meine Maja, ihr Kinder seid noch so voller Fantasie, voller Freiheit und noch ohne große Sorgen und großen Kummer … und ihr hört und sprecht noch mit euren Herzen“, schließt der kleine Fuchs seine Rede und schmiegt sich eng an Maja.

„ … meine Lehrerin sagt auch ganz oft, dass ich zu viel Fantasie habe …“, murmelt Maja leise, „ … aber viel Fantasie ist richtig gut!“

Verträumt sitzen Maja und der Fuchs im Sessel und blicken aus dem Fenster.  Und nach einer Weile entdeckt Maja Frau Schulze, ihre Nachbarin, im Garten.

„Oh, guck mal, die Frau Schulze!“, ruft Maja freudig und deutet mit ihrem Finger aus dem Fenster, „morgen Nachmittag gehe ich zu ihr und dann darf ich mir eine kleine Katze aussuchen! Das hat sie mir versprochen!“



Der kleine Fuchs dreht seinen Kopf, zuckt nachdenklich mit seinen Barthaaren und grummelt: „ So, so, die alte Frau Schulze … die verspricht viel, wenn der Tag lang ist …“

„Ich freu‘ mich schon so! Ein Kätzchen wünsche ich mir schon sooooo lange … und einen Namen habe ich für sie auch schon … und wenn ich sie dann gleich mit heim nehmen darf, dann zeige ich sie dir auch sofort!“, jubelt Maja voll Vorfreude.

Der Fuchs brummt: „Weiß denn deine Mama davon?“

„Nein,“ antwortet Maja keck, „aber Frau Schulze würde mir doch niiiiiiie eine kleine Katze versprechen, wenn sie nicht wüsste, dass Mama damit einverstanden ist … oder? … schließlich kennt Frau Schulze Mama ja auch schon seit sie ein Kind ist.“

„Hmmmm … Frau Schulze verspricht viel, wenn der Tag lang ist …“, grummelt der Fuchs weiter, „ … aber ich freue mich, wenn du mich wieder besuchen kommst.“

Verwundert setzt Maja den kleinen Fuchs vorsichtig auf das Fensterbrett, streichelt ihm nochmal das borstige Fell und sagt: „Sei nicht so grummelig … so ein kleines Kätzchen ist lustig und wir werden bestimmt viel Spaß miteinander haben!“

Dann steht Maja auf und geht zur Tür.

Auch der kleine Spatz auf dem Fensterbrett breitet seine Flügel aus und fliegt davon.

„… die alte Frau Schulze verspricht viel, wenn der Tag lang ist …“, hört sie ganz leise.

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