Kapitel 7
Ein Zauberwürfel. Eine Beschäftigung an die Skyla in Kinderjahren verzweifelte. Anders als ihr Kindheitsfreund Lukas. Das glückliche Lächeln in dem Gesicht des Jungen erinnert sie zu stark an die Momente, als Lukas vor ihren Augen die bunten Felder unter einer Minute drehte und wendete, um das Rätsel zu lösen. Er war ein Genie, wenn es um den Zauberwürfel ging. Auch Agnars menschliche Version schien viel Zeit damit verbracht zu haben. Der Junge wirft sich auf das alte Sofa und löst das Rätsel mit nur wenigen Drehungen, um kurz darauf alles neu zu mischen und wieder von vorne anzufangen. Hochkonzentriert beschäftigt sich das Kind mit der Spielerei, statt dem Fernsehprogramm zu folgen.
Aus Gewohnheit schreitet Skyla zum Fernseher und schaltet diesen aus. Immer dann, wenn sie erkannte, dass Lukas und sie auch ohne laufende Flimmerkiste Spaß haben konnten. Agnars menschliche Version lässt jedoch vor Schreck den Zauberwürfel fallen und springt von der Couch. Sein Blick wandert panisch umher. Ängstlich wie ein Häschen huscht der Junge zuerst in den Hintergrund. Mit unsicherem Blick auf den Fernseher gerichtet.
„Ich habe die Stille gehasst. Sie machte mir Angst. Der Fernseher musste immer an sein. Nur so ließ es sich allein Zuhause aushalten“, klärt der Schutzgeist sie auf.
Skyla seufzt erschüttert. Während sie wohlbehütet aufwuchs und ihr an nichts fehlte, war Agnar auf sich allein gestellt. Bis zu seinem Erwachen als Dämon. Denn das, was ihm als Mensch fehlte, bekam er als Dämon zurück. Eine Familie, die immer für ihn da ist und unterstützt. Ganz viele Spinnen, die er als Brüder und Schwestern bezeichnet und ihnen mit Respekt begegnet.
Den Impuls zu unterdrücken, den einsamen Jungen feste zu drücken, fällt Skyla sehr schwer. Eilig schreitet sie zur Couch und schnappt sich den Zauberwürfel. Zum Glück beschäftigt sich der Junge mit der Problematik, warum das Gerät ausgesprungen ist. Das Kind hat sich dem Fernseher bereits genähert und checkt die Stromzufuhr. Daher begibt sich Skyla Richtung Küche und ruft ihren Schutzgeist leise, denn obwohl sie eigentlich weiß, dass seine jüngere Version sie nicht hören kann, fühlt es sich trotzdem danach an.
„Gut gemacht, Skyla“, lobt der Spinnendämon sie.
Selten erhält sie Kompliment von ihm, aber statt es zu genießen will sie nur schnellstmöglich fort von jenem trostlosen Ort.
„Was nun, Agnar?“
„Leg es einfach hier hin“, fordert er.
„Auf die Ablage?“
„Ja.“
Eine gewisse Nervosität kann die kleine Spinne nicht unterdrücken, was Skyla zögern lässt. Hoffentlich weiß ihr Schutzgeist, was sie hier machen. Denn sie mag keine bösen Überraschungen mehr.
Zuerst glaubt Skyla, Ehrfurcht bei Agnar auszumachen, doch dann bekommt sie das Gefühl von ihrem Schutzgeist angestarrt zu werden.
„Stimmt was nicht, Agnar?“
„Ja.“
Skyla spürt die Pulsader pulsieren und hasst seine Wortkargheit.
Warum zum Teufel rückt er nie direkt mit allem raus?
„Lass mich raten, du hast keine Ahnung, was du mit dem Fragment machen sollst!“
„LÄCHERLICH!“
Ob Zorn und versteckter Scham, Skyla kann es nicht richtig deuten, aber zum Glück spricht die Spinne das eigentliche Problem an.
„Das Zimmer meiner Mutter befindet sich am kaputten Spiegel. Krieg keinen Herzinfarkt, denn sie war immer sehr chaotisch. Die Sachen in ihrem Schrank habe ich aber immer gewaschen und ordentlich aufgehängt. Bediene dich ruhig. Denn im Engelshemd wirst du dich nur weiter blamieren.“
Schluckend blickt Skyla zu sich hinab. Auf ihr luftiges Outfit eines Intensivpatienten. Die Freude über die Bewegungsfreiheit und der Tatendrang ließen sie ihr Outfit kurz vergessen.
Mit einem Nicken eilt sie zur besagten Tür. Durch einen Spalt schlüpft sie in ein kleines Schlafzimmer mit noch intensiverem Tabakgeruch. Beleuchtet durch zwei Lavalampen, die ein warmes Licht verströmen. Wohin das Auge blickt sieht Skyla Chaos. Wäsche, die sich auf Möbeln und auf dem Boden tummelt. Tablettenstreifen und halbleeren Wodkaflaschen stehen auf jeder Ablage verteilt. Nur eine Limonade versteckt sich unter der Flaschensammlung. Skyla zählt vier volle Aschenbecher und Unmengen Kondomverpacken. Manche aufgerissen, manche unberührt. Der Schrank befindet sich ausgerechnet in der hintersten Ecke. Direkt vor einem staubigen Vorhang, der das Schlachtfeld vor neugierigen Leuten schützt. Geekelt bahnt sich Skyla einen Weg zum Schrank und findet tatsächlich saubere Kleidung. Sorgfältig aufgehängt und sogar mit einem Zettel versehen, wo drauf steht:
Hab dich lieb, Mama
Zustände, die Skyla nicht kalt lassen. Tränen sammeln sich in ihren Augen und ein Schniefen lässt sich kaum unterdrücken. Kai und Agnar scheinen beide eine verkorkste Kindheit gehabt zu haben. Die Zustände in ihrer Behausung lassen sich kaum in Worte fassen. Erneut muss sich Skyla fragen, in welchem Alter Agnar verstarb. Hoffentlich führte er ein erfülltes Leben als Erwachsener. Frei vom Elternhaus und fern vom familiären Brennpunkt. Die Garderobe könnte fast von Naomi stammen. Kurze und betonende Kleider. Mit viel Ausschnitt. Auch die Unterwäsche sagt bereits viel über Agnars Mutter aus. Alles in diesem Schrank dient dazu, Männern den Kopf zu verdrehen. Die Suche nach einer Hose läuft vergebens. Wohl oder übel muss sich Skyla in eins der Kleider zwängen. Eine Strumpfhose mildert das Schamgefühl und zum Glück teilen die beiden Damen die gleiche Schuhgröße. Statt Highheels wählt Skyla Stiefel mit wenig Absatz. Kaum aus dem Zimmer geschlüpft findet sie sogar einen roten Mantel an der Garderobe, der das schwarze Kleid überdeckt. Ein Blick in die Küche zeigt, dass Agnar auf sie wartet.
Der Dämon nickt zufrieden und behauptet: „Mutters Kleidung steht dir.“
Skyla lächelt matt und will nicht über den Ekel sprechen, der sie bei dem Outfit heimsucht.
„Ich bevorzuge dennoch bequemere Sachen.“
„Verstehe ich irgendwie.“
Solch eine Unterhaltung zu solch einem Thema hätte Skyla zwischen ihm nie für möglich gehalten. Und trotz allen wirkt gesamte Situation einfach nur seltsam.
Beweismittelvernichtung hat jedoch oberste Priorität. Das Engelshemd vom Krankenhaus nahm Skyla daher wieder mit sich und stopft dies mit viel Mühe in die Manteltasche. Dieses Detail könnte Agnars jüngere Version sonst noch Ärger bereiten. Schon schlimm genug, dass sie Kleidung entwenden muss. Hoffentlich kriegt der Junge keinen allzu großen Ärger.
Wie in einem Marshmallow beißt ihr Schutzgeist in den Zauberwürfel hinein. Genüsslich saugt er das Fragment auf, dessen Farben zuerst verblassen und eine Transparenz wie bei einem Geist erhält. Zarte Windzüge kündigen kreisende Nebelschwaden an, die farblich an gefährliche Gewitterwolken erinnern. Die Windstärke um sie herum nimmt zu. Begleitet von eisiger Kälte. Beunruhigt über das Wohl des Jungen dreht sich Skyla um. Agnars menschliche Version wird von der Angst überrannt und läuft davon. Mit einem Türknallen endet die stürmische Atmosphäre und Agnar beginnt sich laut zu entsinnen.
„Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag. An die Furcht vor dem Unbekannten. An das Chaos und den Ärger, den ich von Mutter erhielt, weil sie dachte, ich habe aus Frust gehandelt. Niemand schenkte meiner Beobachtung Glauben.“
Die Wunder und Schrecken der Zeitreisen. Denn diese Fähigkeit kommt einer Zeitreise am nächsten. Eine mit besonderen Regeln. Mit zwei Optionen: Beobachten oder Einmischung. Bislang kam es immer zu Eingriffen in vergangene Ereignisse. So wie bei Kai, der Skyla bereits in seinem menschlichen Leben traf, weil sie in seiner Vergangenheit wühlte. Es klingt alles so paradox und verwirrend, sodass sich Skyla einen Stuhl zur Seite rückt und sich setzen muss, um all das neue Wissen zu verarbeiten. Agnar erwähnte das Chaos. Aber was passiert, wenn sie dieses beseitigt? Dann würde sich die Vergangenheit erneut verändern. Doch was könnte sie damit womöglich auslösen?
Eine These, die ihr Kopfzerbrechen beschert. Kaum fällt der Entschluss mit unbekannten Mächten zu spielen, springt Agnar hinab und ruft sie streng.
„Du musst dich gedulden, Agnar. Vorher räume ich hier auf.“
„Lass es, Skyla. Wir dürfen nicht zu lange verweilen. Unsere Aufgabe ist erfüllt, also lass aufbrechen.“
„Nein!“ Kaum geht ihr Widerspruch über die Lippen, dreht sich ihr Schutzgeist zu ihr. „Lass mich herausfinden, was passiert, wenn ich hier aufräume. Bist du nicht neugierig, was geschieht, wenn ich widersprüchlich handle. Gegen das System?“
Die dramatische Stille endet, als schrille Schreie aus der Ferne zu ihnen dringen. Markerschütternd und unheilvoll. Ein Fenster zerbricht nahe ihnen. Skyla gefriert das Blut in den Adern. Zu schnell wurden die beiden entdeckt. Ganz am Anfang ihrer Reise. Nun heißt es, schnell zu handeln. Die Flucht wäre ihre einzige Chance, um heil aus der Sache zu kommen.
„Schnell, Skyla!“
Agnar erkennt die Gefahr ebenfalls und steuert die Haustür an. Nur kurz fällt Skylas Blick hinab zu all dem Chaos. Verärgert zischt sie und eilt ihrem Dämon hinterher. Auffordernd schwingt die Eingangstür auf und offenbart ihnen endlose Finsternis. Eisige Lüfte wehen herein und obwohl Skyla nur ungern hindurchschreiten mag, begrüßt sie das Unbekannte lieber als die Wächter dieser Welt. Ein Griff hinab und sie fischt ihre Tarantel vom Boden, um anschließend wie Milan mit Anlauf durch die Pforte zu springen.


































































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