Kapitel 1 – Die Last des Lebens

Kapitel 1 – Die Last des Lebens

Rjna

Zart strichen Kelevans Finger über meine Haut – wie ein sanfter Wind, der mich doch kaum berührte –, meinen Oberschenkel hinauf und über meine Hüfte hinweg. Seitlich meiner Brüste blieb seine Hand ruhen, wie gewohnt eine angenehme Kühle ausstrahlend.

Ich brummte leise und ein kehliges Schnurren verliess meine Brust, was dem König Genrals ein leises Glucksen entschlüpfen liess.

„Befriedigt?“, raunte er leise, beugte seinen Mund zu meinem Ohr hinab und nahm mein Ohrläppchen zwischen seine Zähne.

Ein Stöhnen war meine Antwort.

Kelevan grinste. Meine Augen flatterten auf und betrachteten den gut gebauten König, die Narben, die seine Haut zierten – und im Vergleich zu meinen doch nicht nennenswert – und die markanten Gesichtszüge, die mich vom ersten Augenblick an, schon bei unserem ersten Treffen im Thronsaal, unglaublich fasziniert hatten. Meine Augen trafen auf seine, musterten das darin wirbelnde Rot, während er meinen Blick schamlos erwiderte, sein Grinsen aber alsbald abflachte.

„Was ist los?“ Leichte Falten zogen sich über seine Stirn. Er rückte ein Stück von mir weg, legte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf mit einer Hand auf, während die andere auf meiner Bauchdecke zum Liegen kam. „Bedrückt dich etwas?“

Rote Wirbel. Sie waren so schön. Seine Augen. Sie troffen vor Macht. „Hm?“

„Du bist so still. Nicht wie üblich.“

„Ich …“, hatte heute noch einiges vor. Doch wollte ich des Königs gefiedertes Bett nur ungern schon wieder verlassen. Ich setzte ein müdes Lächeln auf. „Ich bin erschöpft. Du hast mich ganz schön gefordert.“

Kelevan hob eine Augenbraue und neigte leicht den Kopf. „Habe ich das, ja?“ Seine Hand glitt meinen Bauch hoch über mein Brustbein und seine Finger neckten die Spitzen meiner Brüste schamlos.

„Mhm …“, brummte ich zustimmend, was seine Mundwinkel spitzbübisch zucken liess. Kaum zu glauben, dass dieser Mann bald viertausend Jahre alt sein sollte.

Mit seinem Grinsen näherte er sich wieder meinem Gesicht. Seine Hand wanderte wieder tiefer, fand meine Leibesmitte, wie schon zu oft in dieser Nacht, berührte sie nur hauchzart, und liess mich damit durch meine Überreiztheit zusammenzucken. Mit dem Gesicht ganz nah an meinem hauchte er: „Du solltest eben nicht immer warten, bis dein Körper dich praktisch dazu zwingt, ehe du mich aufsuchst, liebe Rjna.“



Ich keuchte. „Es gehört sich aber nicht, zu oft beim König um eine Privataudienz zu ersuchen, Majestät.“

Kelevans Fänge schnappten hervor und liessen mich leise kichern. Gleichzeitig biss ich mir auf die Unterlippe. „Und wenn ich dich häufiger in meine Gemächer bestellte? Wäre dir das lieber?“

Jetzt schnappten auch meine Fangzähne, gepaart mit einem leisen Fauchen, hervor. „Das wagtet Ihr nicht.“

„Und wie ich das wagte.“

„Und Xelus damit von unserem gelegentlichen Vergnügen in Kenntnis setzen?“

„Nicht ich bin es, der dies unbedingt vor deinem Vater verheimlichen möchte, Prinzessin.“ Kelevan beugte sich vor, küsste meinen Hals und brachte mich erneut zum Stöhnen, dieses Mal jedoch äusserst widerwillig. „Von mir aus kann er es gerne wissen. Von mir aus kann alle Welt wissen, dass du mein Bett wärmst.“

Wärmen. Weil ich warm war. Weil ich anders war. Anders auf mächtigere Vampire reagierte, als ich das sollte.

Sanft stiess ich den König an seiner nackten Brust von mir und richtete mich auf. Die Lust war mir vergangen. „Da habt Ihr recht. Ich will nicht, dass es jemand erfährt.“ Ich kämpfte mich aus dem himmelsgleich-weichen Bett und kam auf mehr oder minder sicheren Beinen zum Stehen. Mein Blick glitt durch des Königs Gemach. Wo waren bloss meine Kleider …?

Kelevan seufzte tief, setzte sich aber ebenfalls auf. Seine untere Körperhälfte wurde noch von der Decke verborgen, während ich, nackt, wie ich vom Dunklen zur Erde gesandt worden war, im Zimmer stand und mich unentwegt, stirnrunzelnd, umsah. „Es ist nichts Schändliches dabei, eines Königs Mätresse zu sein, Rjna.“

Meträsse?! Ich drehte mich um, die Augen zusammengekniffen. „Da mögt Ihr recht haben, oder auch nicht, Majestät. Aber es liegt nicht in meinem Interesse, die Eure zu werden.“

Ehe ich mich wieder abwenden konnte, erhob er die Stimme erneut: „Und wieso nicht?“ Er schob die Decke von sich, stand auf und kümmerte sich ebenso wenig um seine Nacktheit, wie ich es tat.

Ein Fauchen entkam mir.

Unbeirrt trat er auf mich zu und legte eine Hand an meine Wange. „Ich könnte dich mit Geschenken überschütten. Könnte dich jede Nacht nehmen, ohne dass wir unser gemeinsames Vergnügen verstecken müssten. Es ist wahrlich keine Schande, daran zu finden, mit mir das Bett zu teilen.“



Erbost zischte ich auf. „Genauso wenig gibt es Grund zu Belobigungen oder Geschenken, weil ich mit dir geschlafen habe. Ich will keine Huldigung dafür, ich will kein Gold und ich will erst recht keinen weiteren Titel!“

Seine Kiefer mahlten. „Deswegen also? Das ist es? Denkst du, man hielte dich für eine Hure, wüsste man, dass du dich mir hingegeben hast?“

Jetzt wurde mein Fauchen zu einem Knurren, während Kelevan seine Hand unter mein Kinn schob und mir damit die Möglichkeit nahm, seinem Blick zu entfliehen. Nicht, dass ich das vorgehabt hätte. Sollte er mir doch in die Augen sehen, wenn er mich der Hurerei bezichtigte!

Im Spiegelbild seiner roten Iriden sah ich meine Braunen, beinahe Schwarzen, die seinen Blick wild und ungebrochen erwiderten. Demonstrativ streckte ich meinen Hals noch ein Stückchen weiter. „Ich bin weder Hure noch Dirne und ich weigere mich, deine Mätresse zu werden! Oh, und sollte mich dies Angebot verzücken, so merke dir, das tut es nicht!“

Sein Kopf beugte sich zu mir hinab, doch ich drehte den meinen zur Seite. So drückte er seine Lippen sachte auf meine Wange und liess mich gleichsam schon deren Intimität missen. Als er sich zurückzog, seufzte er leise. „Wir sind nicht in Mornem, Rjna. Nie wieder wirst du dieses schreckliche Land betreten müssen.“ Als ich nicht antwortete, lediglich mein Gesicht wieder seinem zuwandte, seufzte er erneut, zwang sich aber zu einem trägen Lächeln und strich mir eine meiner Strähnen zurück. „Hier respektieren wir das schwächere Geschlecht. Wir beschützen es.“ Er musterte mich. „Man würde zu dir aufsehen, Rjna. Dich ehrerbietungsvoll meine Gefährtin ne…“

Meine Lippen zogen sich zurück und entblössten mein Zahnfleisch samt Reisszähnen. „Bist du nicht mit dem zufrieden, was du von mir bekommst, Kelevan, so soll es das letzte Mal gewesen sein, dass ich mich dir hingegeben habe.“

Kelevan biss die Zähne zusammen. „Und mit wem befriedigst du dann deine Lust? Du weisst, sie überkommt dich, so wie es uns allen damit ergeht. Irgendwann wird sie zu viel sein, als dass du sie mit deinen Fingern selbst zügeln könntest.“

„Das weiss ich nur zu gut. Du musst mir nicht erklären, wie mein Körper funktioniert.“



„Wüsstest du das, kämest du nicht nur alle drei Monde einmal vorbeigeschlichen.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht frage ich ja Leonhard, ob er bei mir liegen möchte. Vielleicht meinen Vampirvater, er hat mir immerhin noch nie einen Wunsch abgeschlagen. Vielleicht habe ich bereits andere, die ich in mein Bett einlade?“

Des Königs Mund näherte sich mir, sodass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren konnte. „Lüg nicht deinem König ins Gesicht, Prinzessin. Leonhard ist mit deiner Zofe in einer politisch gesehen äusserst unschicklichen Beziehung, doch ich bezweifle, dass du ihr das Herz brechen wolltest, versteht ihr euch doch so gut.“

Ich biss die Zähne zusammen unterdrückte ein Fauchen. Mit leiser Stimme sprach ich: „Da hast du recht. Das würde ich nicht.“

„Und Xelus? Wirklich?“

Ich hielt den Blick erhoben, hörte ich doch die Anspannung in seiner Stimme. Die Vorstellung, ich könnte ein Verhältnis mit meinem Vampirvater beginnen, brachte sein Blut zum Kochen. „Wo sind meine Kleider?“

„Im Wohnbereich.“ Ehe ich mich vom König abwenden konnte, nahm dieser mein Kinn noch einmal in die Hand, hob es an und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich verstehe, dass du die Aufmerksamkeit an meiner Seite meiden möchtest. Wenngleich mir das zu akzeptieren nicht leichtfällt. Solltest du deine Meinung ändern, sag es mir.“

Ich öffnete den Mund, um etwas Patziges zu erwidern, sprach aber schliesslich nur: „Werde ich nicht.“ Ich wollte mich umdrehen, mich abwenden, aber mir lag noch etwas auf der Zunge, das ich meinem König nicht ins Gesicht sagen konnte. Also blieb mein Blick gesenkt. „Es ist nicht nur die Aufmerksamkeit, die mich stören würde. Es ist auch so, dass eine Mätresse in Mornem nichts Weiteres ist, als des Königs Hure. Seine Sexsklavin, auf die er Zugriff hat, wann immer es ihm beliebt. Neben anderen, denn laut mornemischem Recht kann sich der König jede Frau nehmen, wann und wo immer er will.“

Mit einfühlsamer Stimme entgegnete Kelevan: „Wir sind nicht in Mornem, Rjna.“

Ich schluckte.

„Ich bin nicht Kronwit“, insistierte er.

Ich nickte. „Aber es ist nicht nur das“, fuhr ich fort, die Stimme rau. Durch Aufbringen all meines Mutes, hob ich den Blick und begegnete den roten Iriden des Königs. „Ich bin frei. Das war ich nicht immer. Und aus diesem Grund … will ich nimmermehr irgendwem gehören.“ Denn so sehr ich Kelevans Macht und Ausstrahlung auch bewunderte, so kam damit doch eine gewisse Besitzgier. „Du sprichst es nicht aus, doch im Endeffekt willst du, dass ich dein bin. Und das ist nichts, was ich je akzeptieren werde.“



Als ich mich umdrehte, um seine Gemächer zu verlassen, herrschte hinter mir dunkle, eisige Stille. Ich betrat den Wohnbereich. Erinnerungen an die letzte Nacht kamen zurück und liessen meine Wangen heisslaufen. Ich hatte mir die Kleider höchstselbst vom Leibe gerissen, mein Verstand umnebelt von einer Wollüstigkeit, die ich nicht mehr zu zähmen fähig gewesen war.

In meiner Hast, meinen nackten, vernarbten Körper wieder mit den leichten Stoffen zu bedecken, bemerkte ich den Hauptmann nicht, der sich, die Arme vor der breiten Brust verschränkt, mit dem Rücken an einem der marmornen Stützpfeiler gelehnt hatte und mich mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete. Bis er sich räusperte, und mein totes Herz damit zum Stolpern brachte.

„Prinzessin?“ Tadurial stiess sich von dem Pfeiler ab und trat einen Schritt auf mich zu. „Welch seltene Ehre, Euch im Schloss zu begegnen.“

Hastig hob ich den Unterrock, nach dem ich eben noch gegriffen hatte, vor meine Blössen. Zeitgleich gab ich ein angriffslustiges Fauchen von mir, um meine Verletzlichkeit zu überspielen. „Hauptmann?“

Des Hauptmanns Augen glitten über meinen nunmehr verdeckten Körper. Ein Funke Mitleid flackerte in den grünen Edelsteinen auf. Dann drehte er sich um und verliess den Wohnbereich. „Ich warte in Eurem Arbeitszimmer, Majestät!“

Kelevan verliess seine Gemächer und erschien, in eine Stoffhose gekleidet, im Wohnbereich. „War das Tad?“

Ich knurrte. „Ja!“

Der König gluckste. Er gluckste! „Na dann. Ich bin sicher, er sagt seinem besten Freund nichts davon.“ Damit machte er sich bereits wieder auf den Weg zurück, um sich weiter anzukleiden.

Meine Augen wurden gross. „Kannst du ihm das nicht verbieten?!“

Kelevan drehte sich um und runzelte die Stirn. „Könnte ich schon.“ Seine Augenbrauen hoben sich und das schelmische, spitzbübische Grinsen, welches ich mittlerweile ganz genau zuordnen konnte, machte sich auf seinen weichen Lippen breit. „Was bekomme ich dafür?“

 

In Gedanken versunken schlenderte ich durch die Gassen der erwachenden Stadt. Der Sonnenaufgang brachte einen kühlen Wind mit sich, der vom Meer her wehte. Salz durchsetzte die Luft und hinterliess, gepaart mit den hohen Temperaturen der vergangenen Nacht, ein leichtes Klebegefühl auf meiner Haut. Mein dunkelbraunes Haar, welches mir offen bereits wieder bis zu den Hüften reichte, schimmerte im morgendlichen Sonnenschein rötlich, und fiel mir offen den Rücken hinab. Einzig des Anstands wegen hatte ich ein paar der vorderen Strähnen zu lockeren Zöpfen geflochten und nach hinten gebunden. Der Stoff meines Kleides, das luftig und doch deckend war, flatterte unruhig in der aufgekommenen Brise – als wäre es sich sicher, der Tag, so herrlich er auch beginnen mochte, brächte nichts Gutes mit sich.



In den oberen Bereichen der Stadt ging es noch deutlich ruhiger zu als unten am Hafen. Überblickte man die Stadt von der richtigen Stelle aus, konnte man weit darüber hinwegsehen. Im Norden die Meere von Osyl, ihr Horizont blauer als das Himmelszelt an wolkenklaren Tagen. Am Hafen unten tummelten sich viele kleine Figürchen, Menschen, die von oben her so unendlich klein wirkten. Wie Ameisen. Sie erinnerten mich an Ameisen, wie sie geschäftig herumwuselten, Handelsschiffe ent- oder beluden, ihr Glück im Glücksspiel aufs Spiel setzten und mit den Hafendirnen feierten, als gäbe es kein Morgen.

Ich war stehen geblieben. Konnte es sein, dass mich das Fernweh plagte? Der Wunsch nach mehr? Ich verspürte ihn, träge und unbeständig, doch immer wenn ich in die Ferne blickte, kam er über mich wie eine Flutwelle, wie ein ungeheuerlicher Sturm. Was sich hinter den Meeren von Osyl befand? Ich kannte Karten. Kannte Namen von Ländern, deren Boden meine Füsse nie berührt hatten. Im Westen lag das bergige Melnai, im Osten das von Seen und Flüssen durchzogene Andyur. Beide Länder hatte ich in den vergangenen Jahren schon besucht. Stets unter dem Deckmantel politischer Hoheitsbesuche und wahrzunehmender Bälle und Feste.

Ein leises Seufzen entrang sich meiner Kehle. Bälle und Feste. Hoheitsbesuche. Noch heute empfand ich dergleichen als zermürbend langweilig. Womit mich die regierenden Prinzen der beiden Länder, und die Vampirbrüder seiner Majestät auch immer wieder gerne aufzogen. Sie wurden nicht müde, das neueste Mitglied der Königsfamilie zu verhätscheln und mit ihren Scherzen liebevoll aufzuziehen. Ganz gleich, wie alt ich wurde, wie viele Jahre vergingen, in ihren Augen war und blieb ich ein Kind. Ein teilweise recht ungezogenes Kind, wenn man bedachte, wie oft mir vor Wut meine Fangzähne herausschnellten.

Schliesslich glitt mein Blick in den Süden und mein Körper spannte sich an. Wut, Folter und Tod regierten das Land, welches dort im Süden lag – durch eine Gebirgskette von Genral getrennt, die einzig von zwei Flüssen durchbrochen wurde. Irgendwo in diesem unfruchtbaren Lande, da lagen auch die Leichen meiner Familie. Vor meinem inneren Auge sah ich meine kleine Schwester, Frederike, ihr blasses Gesicht, ihren schmächtigen Körper. Von Würmern zerfressen, von Käfern besetzt, von Raubtieren zerkaut und die Augen, ihre wunderschönen Augen, von Geiern herausgepickt, musste sie dort, irgendwo, noch liegen.



„Du bist spät.“

Ich fuhr herum. Meine Hand schnellte an meine Brust und mein Atem kam in abgehackten Stössen. „Sillia! Du hast mich erschreckt.“

Missgünstig verzog die Magierin den Mund. „Du bist spät dran.“

Ich grinste. „Aber sicher. Lass uns gehen.“

Sillia festigte ihren Griff um den Henkel des Korbs, den sie mitgebracht hatte, und ging, wie gewohnt, wenn wir uns dort bewegten, wo man uns sehen konnte, einen Schritt hinter mir her. „Vergnügliche Nacht gehabt?“, fragte sie beiläufig, während wir durch die Strassen immer näher ans Armenviertel, und uns damit auch näher zum Hafen hin bewegten.

Ich schielte zurück. „Und wenn es so wäre?“

Sillias Miene wurde ernst, das neckische Schmunzeln verschwand. „Dann würde ich dir sagen, dass du vorsichtig sein sollst.“

Einer meiner Mundwinkel zuckte. „Das sagst du mir jetzt seit Jahren.“

In diesem Moment packte mich Sillia hastig am Arm und zog mich zurück, sodass die herannahende Pferdekutsche mich geradeso nicht überfuhr. Zischend stiess sie die Luft aus. „Und ich werde es wohl noch weitere Jahre sagen, wenn du nicht endlich lernst, aufzupassen!“ Sie räusperte sich. „Prinzessin.“

Den Schock hatte ich schnell überwunden. Ich war nachlässig geworden, da hatte sie recht. Die Magier hatten, nach ein paar letzten, verzweifelten Versuchen, mich zu ermorden, irgendwann erkannt, dass ich nicht zu töten war. Meine Verletzungen heilten, wie die eines Vampirs es nun einmal taten, schneller als bei Menschen. Zu schnell, für einen Jungvampir, wenn man Alomis glauben schenkte. Meine Vampirgeschwindigkeit war aussergewöhnlich für mein Alter und versetzte auch den letzten Skeptiker ins Staunen. Mein Vampirgehör war scharf und … zumindest meistens, ganz gut unter Kontrolle. Wenn ich nicht gerade heranrollende Pferdekutschen im Trubel der erwachenden Stadt überhörte.

Ich drehte mich zu Sillia um, und lächelte sie nachsichtig an. „Ach, meine liebe, liebe, liebe“, Freundin, „Zofe. Ich danke dir von Herzen. Aber du machst dir zu viele Sorgen.“

Frustriert schnaufte Sillia aus, setzte dann aber ein süffisantes Lächeln auf. „Natürlich, Hoheit, ganz wie es Euch beliebt. Dann werde ich versuchen, mich weniger zu sorgen.“ Die Mühe, sich die Ironie nicht ansehen, und insbesondere nicht anhören zu lassen, stand ihr, für jene, die sie kannten, ins Gesicht geschrieben.



Alle anderen im direkten Umkreis hatten jedoch ab dem Moment, als sie die Worte ‚Prinzessin‘ und ‚Hoheit‘ gehört hatten, sowieso nur noch Augen für mich. Sillia wurde tunlichst ignoriert, während die Menschen auf mich zugelaufen kamen, sich verneigten, knicksten oder darum baten, angehört zu werden. Darum baten, dass ich ihre Neugeborenen mit einem Kuss auf die Stirn segnete – etwas, was Arrura, die Gemahlin Nierwils, des Regenten Melnais, einst durch ein Versehen eingeführt hatte, was seitdem in Melnai zur Tradition geworden war. Und nicht nur in Melnai. Dieses westliche Land, das ebenso Teil der Vereinigten Vampirlande war, wie Genral, hatte selbstverständlich auf sein Nachbarland abgefärbt: die Tradition – oder vielmehr der Irrglaube – ein weibliches Mitglied der Königsfamilie, das einem Neugeborenen die Stirn küsste, brächte Glück.

Ich stand da, von den guten Menschen Genrals umgeben, und warf Sillia einen täuschend echten, liebreizenden Blick zu. Dazu erdacht, sie zu erdolchen.

„Bitte, Prinzessin …!“ Eine junge Frau drückte sich durch die Menge, ein Säugling im Arm.

„Hoheit!“, rief ein anderer, die Hände in bittender Geste zusammengelegt.

„Prinzessin Rjna!“

„Prinzessin!“

Ich sah Sillias Mundwinkel zucken, während meine Kiefer mahlten und meine Lippen trotz dessen ein Lächeln trugen. Ich hob die Hände. „Aber doch nicht so viele auf einmal …“ Mit beschwichtigenden Gesten versuchte ich, die Menge zu beruhigen – was selbstredend nicht half.

Die junge Mutter drückte mir ihr Kind in den Arm und sah mit hoffnungsvollen Augen zu mir auf. „Bitte! Schenkt ihm Euren Segen!“

Es war ein gutes Jahr für die Bauern. Und für den Handel. Die Wirtschaft florierte. Das alles war offensichtlich. Die Menschen strahlten trotz harter Arbeit, hatten sie doch genug zu essen zu Hause und konnten sich vielleicht sogar die eine oder andere Süssspeise leisten, die Augen ihrer Kinder durch ein Stück Schokolade oder ein weiches, weisses Brötchen vom Bäcker zum Glänzen bringen.

Ich betrachtete das Kind in meinen Armen. Ich hatte es gehalten, ganz instinktiv. Schliesslich konnte ich es nicht einfach fallen lassen. Doch es war das erste Mal … Ich hielt … das erste Mal ein Kind, seit …



Tränen stahlen sich in meine Augen, als ich anstelle des schwarzen Flaums auf dem Kopf des Neugeborenen, den blonden, ja fast weissen Haarflaum Fredis sah, als ich sie damals das erste Mal im Arm gehalten hatte. Sie hatte gegluckst, gelächelt und gelacht. Gleich darauf hatte sie geschrien und geweint und Mutter hatte sie mir murrend und fluchend wieder aus den Armen gerissen. Eine Melancholie, wie ich sie die letzten Jahre nur selten zugelassen hatte, überkam mich und entlockte mir ein bitterliches Schniefen. So kleine Hände. So kleine Fingernägel. Das kleine Bündel hob den Arm, die Hand, und strich mir mit fast ernstem Gesichtsausdruck über die Wange, wischte eine Träne weg, deren Vorhandensein ich noch gar nicht bemerkt hatte. Das brachte mich zwangsweise zu einem Lächeln. Ich schluckte, küsste das Kind auf die Stirn und ignorierte das um mich herum ausbrechende Gejohle der Bürger. Ich gab das Kind an die Mutter zurück. Warme Haut. Kleine, so unsäglich kleine Fingernägel. Finger. Mund. Ohren. Nase. Alles so unglaublich, unglaublich klein.

Ich schluckte, verbot mir, noch weitere Tränen zu weinen, verbot mir, einer Zukunft hinterherzutrauern, die mir doch niemals vergönnt sein würde, und ging durch die Menge, die mir nachrufend, aber doch willig Platz machte.

Es dauerte, aber wir wurden die Menge los. Bis wir wieder grösstenteils unerkannt blieben, bewegten wir uns durch kleinere Märkte hindurch, auf denen froh und laut die dargebotenen Waren angepriesen wurden. Händler, die die Sammlungen ihrer Reisen verscherbelten, und Bauern, die ihre Ernten an den Mann bringen wollten. Viele von ihnen hatten sich Plätze auf dem Marktplatz gesichert, aber andere, deren Qualität nicht von Lobpreisungen sprach, mussten sich mit Plätzen, näher am Armenviertel zufriedengeben.

Als wir eine Weile später unauffällig in eine schmale Nebengasse abbogen, bemerkte es niemand. Sillia reichte mir einen dünn gefalteten Umhang aus dem Korb – um mein viel zu aufwendig gearbeitetes Kleid darunter zu verstecken –, ehe wir die engen Gassen wieder verliessen, dieses Mal mit Kapuzen über unseren Köpfen. So betraten wir den ärmsten und heruntergekommensten Stadtteil, den die Königsstadt zu bieten hatte.



Hier gab es keine befestigten Strassen. Wo zur Zeit des Frostes Schlamm und dreckige Pfützen den Weg säumten, war der Boden jetzt in der Zeit der vollen Blüte hart und trocken. Bettler gab es hier nicht. Es hatte keinen Sinn, zu betteln, wo niemand mehr hatte als man selbst. Nur vereinzelt roch ich den Duft einer leichten Suppe, wie wir sie früher auch in unserer kleinen Hütte zubereitet hatten. Nur selten gab es in diesen Bereichen der Stadt eine Spur von Leben oder gar Kinder, die vor den Häusern spielten.

Unsere Schritte waren leise, unsere Haltung gebückt, während wir uns auf den bereits so ungeheuerlich gewohnten Weg zu einem der Eingänge zur Kanalisation machten. Ich konnte mich noch gut an die kleinen Kinder erinnern, die mich das erste Mal dort unten begrüsst und mein Herz für dieses Unterfangen geöffnet hatten. Insbesondere die Drillinge hatten es mir damals angetan, mit ihren sieben jungen Jahren, und Kräften, die selbst einen König erschreckten. Sie waren dazu gezwungen gewesen, in dieser nassen, stinkenden Kloake zu leben, ohne eine andere Wahl zu haben, sollten sie nicht als Kelevans Sklaven enden wollen.

Und heute, wenige Jahre später, lebten sie wieder am Sonnenlicht. Unerkannt von des Königs Schergen, frei vom Sklaventum und mit Kontrolle über ihre Magie. Oder zumindest der Kontrolle, sie nicht unbeabsichtigt anzuwenden. Noch ein Jahr und sie wären erwachsen und könnten bei jemandem in die Lehre gehen. Zumindest Colrik. Mädchen hatten, auch wenn Kelevan sich für einen noch so grossen Frauenretter halten mochte, deutlich weniger Möglichkeiten, mit ihrer errungenen Adoleszenz auch wirklich in ein Geschäft einzusteigen, das nicht jenes der Strasse war.

Sillia hob den Deckel, ich schnappte mir den Korb und stieg hinab in die plätschernde, stinkende Dunkelheit. Wie schon so oft. Und wie schon so oft kam Sillia mir nach, liess den Deckel über uns wieder zufallen und folgte mir den schmalen Wegesrand entlang, der von den gesammelten, fliessenden Exkrementen der Bewohner verschont blieb.

Der Gestank hier unten raubte mir jedes Mal aufs Neue die Sinne. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Xelus noch nie etwas davon mitbekommen hatte, mussten wir doch immer bis aufs Übelste duften, wenn wir nach Hause kamen und uns schnellstens in die Wannen legten. Was er wohl darüber dachte? Ob er von unserem Handeln wusste? Ob er es vielleicht sogar gutheissen würde? Er hatte die Eskapaden, die meine Augen vor Jahren zuletzt verursacht hatten, für sich behalten. Hatte niemandem erzählt, dass ich womöglich über Magie verfügte. Magie, die sich seither nicht mehr gezeigt hatte.



Auf einmal hielt ich inne und wandte den Kopf stirnrunzelnd um.

„Was ist?“, flüsterte Sillia eindringlich.

Ich schüttelte den Kopf. „Nichts. Vermutlich rein gar nichts. Ich dachte nur, ich hätte etwas gehört.“

Sillia drängte mich, vorwärtszugehen und ich wusste selbst um unsere Eile. Lange konnten wir nicht bei den Kindern weilen, denen wir zu helfen versuchten. Essen konnten wir ihnen bringen. Frisches Wasser. Ein Spielzeug, zeitweise. Materialien, mit denen sie üben konnten. Es war ein erbärmliches Leben, das die Kinder hier unten führten. Abgeschottet von ihren Eltern und jedem, der ihnen lieb und teuer war.

Nach einer Weile erreichten wir die unscheinbare Tür. Weder Sillia noch ich sprachen ein Wort, bis wir den verborgenen Raum betreten hatten. Als Sillia die Tür hinter uns wieder schloss, atmete ich erleichtert durch. Hier drinnen herrschte bessere Luft, wenngleich der Unterschied nur marginal war. Auch die Kapuzen nahmen wir ab, was die Kinder, die sich in weiser Voraussicht versteckt hatten, aus ihren Verstecken lockte.

„Rjrj!“

Meine Mundwinkel zuckten. Dieser Spitzname hatte sich unter dem kleinen Volk hier eingebürgert. Lächelnd stellte ich den Korb ab und ging auf die Kinder zu, um sie in den Arm zu nehmen. „Mara? Veril?“ Ihre Herzen schlugen schnell und ihr Blut roch süss. Hastig und doch möglichst unauffällig entfernte ich mich ein Stück von den beiden. „Seid ihr schon wieder gewachsen?“

Die Kinder lachten. Ervell rannte auf Sillia zu und zog sie in eine Bärenumarmung. „Habt ihr uns wieder Essen mitgebracht?! Mara isst alles weg!“

Ich schnalzte mit der Zunge und blickte, augenbrauenhebend, auf die Zehnjährige herab. „Ist das denn wahr, meine Lie…?“

Die Tür sprang auf. Sillia und ich fuhren herum. Gleichzeitig schreckten die Kinder zurück und hielten sich an den Händen. Eins, zwei, drei …

„Scheisse“, zischte ich leise.

Vier, fünf.

Fünf Männer. Vampire. Zuvorderst Tadurial. Verdammter Tadurial! Seine Nase zuckte, während er das Versteck mit stechendem Blick innerhalb von Sekunden überblickt hatte. Als sein Blick meinen traf, meine in Schock geweiteten Augen erfasste, liess er ein leises Grunzen vernehmen.

Meine Fangzähne zuckten vor, wollten angreifen, verteidigen, was es zu beschützen galt. Aber ich bewegte mich nicht. War wie erstarrt.



Sillia jedoch hatte aus dem Affekt heraus auf ihre Magie zugegriffen. Ihre Augen leuchteten in hellem Grün, während sie sich darauf konzentrierte, die Kinder mitsamt Spielzeugen vor den Augen der Wachen verschwinden zu lassen. Aber dafür war es zu spät.

Ehe Tadurial auch nur den Mund hätte aufmachen müssen, um einen Befehl verlauten zu lassen, hatten zwei der Vampire Sillia schon gepackt und ihr die Hände, ungeachtet ihres verfechterischen Protestes, auf ihren Rücken gedrückt, auf dass sie sie nicht mehr zur Ausübung ihrer Magie nutzen konnte.

Ich stiess ein überfordertes Zischen aus. Das war alles falsch, Götter, nein!

Zeitgleich verlor Sillia die Konzentration und die Spielzeuge wurden wieder sichtbar. Die Kinder waren verschwunden.

Tadurial knurrte. „Bringt mir die Kinder! Sie sind noch hier!“ Sein Blick kehrte zu mir zurück. „Und riechen nach Magie.“

Augenblicklich machten sich die zwei übriggebliebenen Vampire daran, die Schatten im Raum zu durchsuchen. Es dauerte keine drei Herzschläge.

„Nein!“

„Lasst sie los, ihr Taugenichtse!“

„Loslasseeeen!“

Einer der Vampire brüllte auf. Der schummrig beleuchtete Raum wurde für eine Sekunde von einer schwachen Stichflamme erhellt, die Mara in ihrer Panik aus den Händen geschossen kam.

„Verdammte Magierbrut!“, zischte der Vampir, dessen Arm davon getroffen worden war.

„Selbst schuld!“, schie Veril laut, dessen Arm soeben von dem zweiten, unverletzten Vampir gepackt wurde. Gleich darauf wurde auch Ervell aus seinem Versteck gezerrt, wehrte sich im Vergleich zu den anderen beiden aber nicht. Er hatte den Blick gesenkt, sein Körper hatte sich versteift. Ein Hagelkorn, welches einst eine Träne gewesen war, fiel von seiner Wange und zerbarst auf dem Boden.

Meine Augen rissen auf. „Nein!“, schrie ich und fuhr herum, um ihm zu helfen. „Nein, Ervell! Tu das nicht!“

Doch auf einmal waren da Hände um meine Taille. Ich wurde zurückgerissen, mein Kopf ruckte herum und machte Tadurial aus, der mich festhielt. Er packte meine Arme an den Handgelenken und drehte sie mir auf den Rücken; brachte mich in die gleiche Position, in der auch Sillia war, und kreischend und schreiend versuchte, sich zur Wehr zu setzen.



Ervell sah auf, traurige Leere in seinen Augen. Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, hauchte ich. Eine Träne rann mir über die Wange, wusste ich doch, was er tun würde. Seit die Vampire ihm die Eltern geraubt hatten, war er immer kurz davor gewesen. Hatte es immer wieder versucht. Nur Sillia hatte es vermocht, ihn aufzuhalten.

Verzweifelt glitt mein Blick zu meiner Freundin. Sie kämpfte. Aber ihre Fähigkeiten waren nicht zum Kämpfen erdacht. Ausserdem war sie ausgelaugt. Fünf Vampire zu täuschen, auch wenn es nur Sekunden gewesen waren, hatte sie ihrer Kraft beraubt.

Kopfschüttelnd sah ich zurück zu Ervell. „Ervell“, hauchte ich. „Nein. Tu das nicht, bitte …!“

„Evrell, nicht!“, hörte ich Sillia schreien.

Ervell hob den Kopf langsam. Schimmernder Raureif zog sich über seine helle Haut. Seine Augen glänzten glasig und wurden mit jeder Sekunde kälter. Der Vampir, der ihn am Arm gepackt hatte, liess ihn zischend los, als sich das Eis über seinen eigenen Körper ausbreiten wollte.

„Evrel …“, kam es noch einmal krächzend über meine Lippen, als ich sah, wie der letzte Funke Leben in seinen Augen verblasste, ehe der Junge – erstarrt zu Eis und ohne auch nur einen Ton von sich gegeben zu haben– umfiel und auf dem Boden in tausend rote Teile zersprang.

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