Kapitel 11 – Ein ehrenhaftes Arschloch
Kapitel 11 – Ein ehrenhaftes Arschloch
Evelynn hatte sich auf ihr Motorrad gesetzt, die Füße auf die Fußrasten gestellt, war nach hinten gerutscht und hatte sich mit dem Bauch auf dem Tank niedergelassen. Ihre Arme umklammerten das harte, zumindest annähernd runde Teil, während eine Träne nach der anderen ihre Wangen hinablief und ein Schluchzer nach dem letzten sie überkam. Sie wollte nicht nach Hause. Yannis würde sich freuen, aber ihre Eltern würden ausrasten. Sie müsste ausziehen. Sie traute es ihren Eltern zu, dass sie aufhören würden, sie zu unterstützen, wenn sich Evelynn dazu entschied, das Kind zu behalten. Ein lautes Schluchzen überkam sie. Sie schniefte und hielt sich noch fester am Motorrad fest, als wäre dieses dazu in der Lage, sie zu trösten.
„Eve! Warte!“ Die Haustür wurde aufgerissen.
Evelynn schreckte hoch, die Augen rot und geschwollen, die Lippen bebend und nass. Tränen und Schnodder liefen ihr übers Gesicht – kein sehr schöner Anblick, aber Evelynn hätte es nicht gleichgültiger sein können. „W…was w…willst d…du?“
„Komm wieder rein. In der Verfassung kannst du kein Motorrad fahren. Und wenn das Kind…“ Brian stockte. Es fiel ihm so unglaublich schwer, es zu sagen. „Wenn das Kind von mir ist, müssen wir reden.“ Wenn es denn wirklich von ihm war. Wenn sie denn wirklich schwanger war. Aber er traute Eve nicht wirklich zu, jeden Tag mit einem anderen Kerl zu schlafen. Sie musste wissen, wer der Vater war, und für sie kam nur er infrage.
Evelynn wischte sich mit dem Arm über die Augen. „Al-“, sie schniefte, „-so, glaubst du mir?“
Alles in ihm sträubte sich dagegen. Aber er wollte Eve auch nicht so sehen wie jetzt. Trotzdem. Der Gedanke, Vater zu werden, war undenkbar. Nicht in seiner Position. Und nicht, nachdem er vor so vielen Jahren seine Frau verloren hatte. Ein Kind… Olivia wäre mittlerweile dreizehn. Sie hätte bestimmt schon Geschwister. Aber seit jener Nacht war es für Brian undenkbar, jemals Vater zu werden. Eine Abtreibung wäre möglich. Könnte er das Eve wirklich antun? Wenn sie das Kind behalten wollte … Scheiße. Er müsste dafür aufkommen. Er würde nicht zulassen, dass Evelynn jeden Penny zweimal umdrehte, einen zweiten Job annahm und am Ende wieder halbnackt vor notgeilen Männern tanzte.
Seufzend reichte Brian ihr eine Hand. „Wir müssen erst mal sicher gehen, dass du wirklich schwanger bist. Ich mache einen Termin beim Arzt aus. Und dann reden wir darüber, was wir für Möglichkeiten haben.“
Möglichkeiten … Das Wort hallte wie eine Drohung in Evelynns Kopf wieder. Ihr Kopf nickte, aber Evelynn selbst bekam nichts davon mit. Ebenso wenig bemerkte sie, wie Brian ihr vom Motorrad half.
Brian hob Evelynn spielend leicht in seine Arme. Wie vor fünf Wochen schon. Und auch diesmal trug er sie in sein Haus und ging wieder mit ihr zur Couch. Aber diesmal setzte er sie auf seinen Schoß. „Also …, was hast du vor?“
Langsam hoben und senkten sich Evelynns Schultern. „Das war so nicht geplant …“
„Unfälle sind nie geplant. Aber jetzt ist es so.“
Evelynn versteckte ihr Gesicht in Brians Nacken und murmelte: „Yannis wird eine scheiss Freude haben.“
„Nun, es sind noch ein paar Monate hin. Du bist erst in der siebten Woche. Das Herz sollte schon schlagen.“ Brian seufzte tief. Man könnte noch abtreiben … Aber er würde Eve niemals dazu drängen. Es war allein ihre Entscheidung. „Willst du … das Baby denn behalten?“
„Ich weiß es nicht …“, hauchte sie, nahm ihren Kopf aus Brians Nacken und legte ihn stattdessen an seine Schulter. „Es wäre das Beste …, es nicht zu tun. Ich könnte weiterarbeiten. Für Yannis kann ich mittlerweile ja auch aufkommen, auch wenn er nicht immer alles neu bekommt.“ Evelynn holte tief Luft. „Und du müsstest dich nicht mit mir abgeben. Wie du vorhin gesagt hast … es ist erbärmlich, immer angekrochenzukommen, weil man etwas will. Ich will nicht, dass du dich an mich gebunden fühlst, während du eigentlich nur dein Junggesellenleben genießen willst …“ Sie versteifte sich und zuckte noch im selben Moment zusammen. „Aber der Gedanke, es loszuwerden, fühlt sich nicht gut an.“ Alles in ihr schauderte, sperrte sich dagegen, wenn sie nur daran dachte. Sie wollte dieses Kind. So war es schon bei Yannis gewesen.
Es einfach loszuwerden, wäre für Brian das Einfachste. Kein Kind. Keine Verantwortung. Keine Bindung. Es war schon bei Yannis schwer gewesen, auf Abstand zu bleiben. Der kleine Alleswisser hatte sich viel zu schnell in Brians Herz geschlichen. Nur deshalb hatte er Evelynn und Yannis loswerden wollen. Aber als sie dann weg gewesen waren, hatte es ihm das Herz herausgerissen. Denn er hatte sich viel zu schnell an diese kleine, chaotische Familie gewöhnt. Er hätte sie nicht von sich stoßen dürfen.
„Ich rufe nachher noch beim Frauenarzt an und mache einen Termin. Hast du ein Handy?“
„Ja …“ Evelynn klaubte es aus ihrer Gesäßtasche. „Aber Brian …, nicht den von damals. Ich will eine Frau.“
Brian starrte ungläubig auf das alte Nokia-Klapphandy. Wie konnte das noch funktionieren? „Am besten, wir tauschen jetzt erstmal die Handynummern aus.“ Was den Arzt betraf … Er kannte nur diesen einen, der unter der Hand ein paar Patienten behandelte. „Und warum muss es unbedingt eine Frau sein?“
„Weil ich von korrupten Männern die Schnauze voll habe.“
Sagte sie, und kuschelte sich an. Klar.
„Das ist völlig unabhängig vom Geschlecht, glaube mir. Wenn ich eine Frauenärztin auftreibe, dann wird die auch von mir geschmiert. Das sollte dir doch klar sein, oder? Aber einen anderen Arzt zu suchen, ist sicher nicht verkehrt. Sonst spricht sich das zu schnell rum.“
„Nein, ist mir nicht klar. Wieso musst du einen Arzt schmieren? Die bekommen doch auch so genug Geld in den Rachen geschoben.“ Evelynn runzelte die Stirn. „Außerdem machst du sie auf diese Weise direkt darauf aufmerksam, dass du ein Gauner bist.“
„Alles läuft mit Geld, auch wenn man kein Gauner ist. Geld regiert die Welt. Und es ist üblich, privat zu zahlen.“ Brian zuckte mit den Schultern und drückte Eve noch etwas näher an sich. „Was ist mit deinen Eltern?“
Evelynn seufzte. „Die werden das gar nicht toll finden. Immerhin bin ich nicht verheiratet und mache auch nicht seit Jahren den Haushalt meines Mannes …“
„Oh, so konservativ?“ Er schnaubte. „Aber sie werden dich schon nicht rauswerfen. Nach allem, was du gesagt hast, sind sie zu kontrollsüchtig. Sie werden dich nicht aus den Augen lassen wollen.“
Evelynn schnaubte und nickte zur gleichen Zeit. „Eine Tochter, mit fünfzehn Drogenabhängig, und ein Sohn, der sich dem Dealen verschrieben hat. Sie sind schon sehr altmodisch. Und streng. Vielleicht zu streng …, aber das tangiert Yannis zum Glück nicht wirklich.“
„Es wird trotzdem Einfluss auf ihn haben.“ Brian tippte seine Nummer in das alte Nokia, rief sich selbst mit dem Knochen an und speicherte erst seine Nummer darin, dann ihre bei sich.
„Naja …, er ist strenger mit sich selbst, als es meine Eltern überhaupt sein könnten … Obwohl streng da nicht das richtige Wort ist …“ Ihr Sohn hatte sich entwickelt. Er war noch immer herzallerliebst, aber es kam häufiger vor, dass er gegen Evelynn aufbegehrte oder überhaupt kein Interesse an ihren Bitten zeigte. Er lernte, las und notierte. Nicht, dass er die Notizen je wieder anschauen würde. Ihre Eltern hatten schon damit begonnen, seine Notizen in einem Fotoalbum abzulegen. Sie wären so schön und überhaupt nicht kindlich. Genau das war es, was Evelynn aber Sorge bereitete. „Er verhält sich nicht wie ein Kind.“ Zittrig atmete sie aus. „Ich denke …, ich denke, er hat zu früh, viel zu früh, Verantwortung übernehmen müssen.“
„Das ist nicht deine Schuld, Eve. Außerdem kann er immer noch eine schöne Kindheit haben. Ich meine, er ist erst zehn Jahre alt.“ Mit einer Hand strich er sanft über ihren Rücken. „Ich könnte auch mal wieder einen Spielpartner gebrauchen.“
Evelynn lachte auf. „Ja. Er … vermisst dich. Er zeigt es nicht offen … oder nur selten. Aber erst letztens hat er wieder von dir gesprochen. Und“, sie seufzte, „davon, dass er auch wirklich kein Problem damit hätte, wenn du sein Papi werden würdest. Das war, als du mich zu Hause abgesetzt hast. Gleich … nachdem wir das hier“, sie zeigte auf ihren Bauch, „gezeugt haben.“
Brian seufzte tief. Wenn sie wirklich schwanger wäre, sollte er sie zu sich holen. Und Yannis ebenfalls. Das Haus war groß genug. Der Kleine könnte gleich zwei Zimmer haben und es wäre trotzdem noch Platz für ein weiteres Kinderzimmer. Selbst Eve könnte ihr eigenes Schlafzimmer haben. Und dennoch… Wollte er wirklich die Rolle des Vaters einnehmen? Könnte er erneut einer Frau bei der Schwangerschaft beistehen? Je weiter die Schwangerschaft fortschreiten würde, desto heftiger würde ihn das an Maddison erinnern … An ihren Tod. An den Schmerz und den Verlust. „Machen wir erst den Besuch beim Frauenarzt, und dann sehen wir weiter.“
Evelynn biss sich verletzt auf die Lippe. Glaubte er ihr nicht? Oder wollte er es nicht glauben? Für sie war der Fall klar. Sie hatte keinen leichten Magen. Nur Kaffee … und nur, wenn sie schwanger war … Und dann kam noch das eindeutige Indiz ihrer fehlenden Periode, von dem sie bis jetzt aber nichts bemerkt hatte. „Gute Idee.“ Schluckend stand sie von Brians Schoß auf. So wohl sie sich auch fühlte, wenn sie ihm so nah war … „Wie gesagt …, ich will dir keine Verantwortung aufbürden, die du nicht willst. Oder für die du nicht bereit bist.“ Evelynns Worte waren leise, aber klar. Wenn er es nicht wollte, würde sie sich nie wieder bei ihm melden, das Kind allein großziehen und irgendwie für es sorgen. „Also sag es …, sollte es so sein. Dann wirst du mich nie wiedersehen, nichts damit zu tun haben …“
„Ich bin ein Arschloch, Eve, das weißt du. Aber kein Arsch, der sich vor Verantwortung drückt. Wenn du von mir schwanger bist, dann ist es auch mein Kind. Mit allen Rechten und Pflichten, die dazugehören.“ Brian gab ihr das Handy zurück.
Evelynn nickte. „Gut. Dann … wie verbleiben wir? Sehen wir uns zum Termin wieder? Wolltest du noch etwas besprechen?“ Würden sie ein Paar werden? Das konnte sich Evelynn kaum vorstellen.
„Ja, ich melde mich.“ Brian stand auf. Für ihn gab es nichts mehr zu bereden, daher brachte er Evelynn zur Tür. Nein, eigentlich war es schon eher ein Rausschmiss. Aber er musste jetzt alleine sein und über alles nachdenken. Denn nach Maddison hatte er eigentlich nie wieder eine Familie gründen wollen. Vor fünf Jahren hatte Evelynn ihn fast dazu gebracht, diese Regel über Bord zu werfen. Dass sie gegangen war, hatte er nach einer Weile als Omen empfunden. Eine Familie passte einfach nicht in seine Welt. Doch nun hatte er wieder die Chance auf Frau und Kinder. Ausgerechnet mit der Frau, die vor fünf Jahren abgehauen war und dadurch mehr als deutlich gezeigt hatte, dass sie ihn nicht wollte.
Das Geräusch eines startenden Motors riss Brian aus seinen Gedanken. Sollte Eve es wirklich wollen, würde er die Rolle als Vater annehmen. Sollte sie erneut vor ihm weglaufen, dann würde er sie abweisen. Ein für alle Mal. Dann wäre sie endgültig für ihn gestorben.

































































Kommentare