Kapitel 12 – Aufgeflogen

Kapitel 12 – Aufgeflogen

 

„Bitte?!“ Evelynns Mutter war aufs Höchste erzürnt. „Wollen Sie mir sagen, meine Tochter hat mich angelogen!?“

„Mrs. Brook …“ Die Empfangsdame des Boston Children’s Hospital wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Eine Mitarbeiterin hatte ihren Eltern ihre vermehrte Abwesenheit offenbar mit Überstunden erklärt. Doch solche waren nicht eingetragen. „Ich weiß nicht, ob ihre Tochter gelogen hat oder nicht, aber Überstunden hat sie keine gemacht. Wir legen Wert darauf, unsere Fachkräfte nicht zu überlasten. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Ich sehe nur, was ins System eingetragen ist.“

Evelynns Mutter schnaubte laut, sagte: „Dann vielen Dank!“, und legte auf.

Die Empfangsdame schüttelte es. „Unser Lohn ist schon scheiße …“, murmelte sie, während sie versuchte, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, „aber bei so einer Mutter wäre ich längst ausgezogen.“

 

Evelynn parkte das Motorrad vor dem Haus ihrer Eltern, nahm den Helm ab und sah nachdenklich durch die Fenster ins Wohnzimmer hinein. Brian hatte sie vor die Tür gesetzt. Aber das war auch gut so … Sie wollte sich ihm nicht aufdrängen. Sicher brauchte er Zeit, die Nachricht zu verarbeiten. Und Evelynn brauchte sie auch. Aus diesem Grund hatte sie erst auch nicht direkt nach Hause gewollt. Aber sie war die letzte Nacht schon nicht nach Hause gekommen. Am Ende machten sich ihre Eltern und Yannis noch Sorgen. Außerdem vermisste sie Yannis. Sie wollte ihn in den Arm nehmen, mit ihm reden, vielleicht wieder Pfannkuchen machen, so wie damals …

Es war zum Verrücktwerden. Eigentlich hatte sich ihr Leben in den letzten fünf Jahren verbessert. Sie hatte eine richtige Arbeit, einen Abschluss, einen guten Lohn. Ihr Sohn war klüger, als gut für ihn war, sie hatte sich mit ihren Eltern vertragen und die dunklen Etappen ihres Lebens hinter sich gelassen. Sie hätte wunschlos glücklich sein sollen. Aber dann hatte sie es unbedingt mit Brian treiben müssen. Und jetzt hatte sie den Salat. Darüber wollte sie mit Yannis reden – ganz unbefangen. Und über seine Fortschritte, seine Interessen. In den letzten Wochen war sie mit dem Kopf nicht hier gewesen, hatte sich nicht wirklich um ihren Jungen gekümmert, der sowieso nicht mehr wirklich der Unterstützung Erwachsener bedurfte. Vermutlich lag es daran, dass sie sich stückweit entfremdet hatten. Er brauchte sie nicht mehr. Und sie hatte nie Gelegenheit gehabt, ihm wahrhaft eine Mutter zu sein.



Aus dem Luftabzugsrohr kam wohlriechende Luft, die Evelynn leise stöhnen ließ. Ihre Mutter kochte. Aber bevor sie sich mit ihrem Essen verköstigen würde, galt es, die Zähne zu putzen. Der Geschmack in ihrem Mund war nach der Kotzerei unerträglich. Und Brian hatte sie auf seinen Schoß genommen. Gott, wie sehr musste sie ihn angeekelt haben?!

Mathilda, die ihre Tochter bereits durch das Fenster in der Küche erspäht hatte, beobachtete Evelynn nachdenklich. Sie hatte sie und ihren Mann angelogen. Und das unter ihrem Dach. Die ganze Nacht und den Morgen noch dazu, war sie verschollen gewesen, hatte nicht auf Nachrichten und Anrufe reagiert, und jetzt tauchte sie wieder mit ihrem Motorrad auf.

Als Evelynn die Küche betrat, hatte Mathilda ihre Arme verschränkt; ihr Fuß tippte in regelmäßigem Takt auf den Boden. „Hast du dich für das reparierte Motorrad mit einer schönen Nacht bedankt, oder wieso darf ich meine Tochter seit gestern Abend vermissen? Ohne Nachricht. Ohne Information.“

„Mum, tut mir leid. Ich hatte Über…“

„Tz!“ Mathilda schnaubte. „Wenn du mir noch einmal diese Lüge auftischst, verliere ich meine Geduld, Evelynn!“

Erschrocken spannte sich Evelynn an. „Wie kommst … du darauf?“

„Ich habe im Krankenhaus angerufen.“

„Du … du hast was?“ Evelynns Blick verfinsterte sich. „Du spionierst mir nach?“

„Nein, ich informiere mich, wo meine Tochter ihre Zeit verbringt, während sie mich und ihren Vater auf ihren Sohn aufpassen lässt!“

„Ich hatte zu tun.“ Jede Freundlichkeit war aus ihrer Stimme gewichen. Nicht genug, dass sie die Drogentests regelmäßig machen musste, nein, ihre Mutter hatte sie anstatt eines Hallos gleich in den ersten dreißig Sekunden ihrer Anwesenheit beschuldigt, sich prostituiert zu haben, ihren Eltern ihren Sohn aufzubürden, und hatte zugegeben, Evelynn nachspioniert zu haben. Auch wenn ihr klar war, dass ihre Eltern ihr damit einen großen Dienst erwiesen – Evelynn war nicht mehr an sie gebunden. Sie fände auch andere Möglichkeiten. Heute wäre es einfacher, Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen, einerseits weil Yannis älter geworden war, andererseits weil er in die Schule ging. Zwar bekam sie für Nacht- und Wochenendschichten einen höheren Lohn, aber sie konnte im Krankenhaus auch um die regulären Schichten bitten. Dieses Recht hatte sie als Mutter.



„Und was hast du gemacht, Evelynn? Was ist wichtiger, als dich um deinen Sohn zu kümmern?“ Mathilda kniff die Augen zusammen. Zeitgleich drehte sie den Herd etwas runter, damit das Essen nicht anbrannte.

Ein schmerzhafter Schlag in die Magengrube. Evelynn wusste selbst, dass sie als Mutter versagte. Und das jeden Tag aufs Neue. Aber sie konnte nichts weiter tun, als ihr Bestes zu geben. Und die letzten Wochen … hatte sie gesponnen. Brian verfolgt. Versucht ihn zu töten. Das Einzige, was sie in der Situation richtig gemacht hatte, war, sich von ihrem Jungen fernzuhalten, bis sie sich wieder im Griff hatte. Besser eine abwesende Mutter, als eine Gestörte.

„Das geht dich nichts an, Mum.“

„Du wohnst unter meinem Dach, Evelynn! Dein Kind wohnt hier, bekommt vier Mahlzeiten am Tag, und du sagst mir, es geht mich nichts an? Dein Sohn sieht seine Großmutter öfter als dich!“

„Weil ich nun mal arbeite und du hier zu Hause den Haushalt machst. Wirf mir nicht vor, dass ich für mein Kind sorge, Mum! Ich kann mich nicht zweiteilen!“

„Du warst unterwegs! Seit Tagen kommst du immer später nach Hause. Hast du einen zweiten Job? Oder…“ Sie stockte und sah ihre Tochter nachdenklich an. „Oder datest du einen Mann?“

„Vielleicht so was in der Art, aber das geht dich nichts an!“ Evelynn atmete schwer. Sie hatte ihre Mutter nicht so anfahren wollen. Und normalerweise hätte sie es nie getan. Sie war ihren Eltern dankbar dafür, dass sie sie wieder aufgenommen hatten. Und dazu noch Kindersitter spielten. Aber jetzt gerade … war alles zu viel. Es ging ihre Mutter nichts an, wo sie war und was sie mit wem machte. Dass sie ihr letztens einen Schwangerschaftstest in die Hand gedrückt hatte, war weit über ihre Vereinbarung hinausgegangen. Evelynn hatte ihn nur gemacht, weil sie selbst sich hatte vergewissern wollen … Tja. Soviel dazu. Evelynn schloss die Augen und atmete tief durch. „Es tut mir leid, ich werde nicht mehr so oft weg sein, versprochen.“ Es war Samstag und es war ein absoluter Ausnahmefall, dass sie heute und auch morgen nicht arbeiten musste. Sie hatte Yannis länger nicht mehr für sich gehabt. Evelynn lächelte sacht. Morgen würde sie sich Zeit nehmen mit ihm und irgendwo hingehen, wo er hin wollte.



„Das hoffe ich für dich, Evelynn. Wasch dir die Hände und deck den Tisch.“ Ihre Mutter wandte sich wieder dem Herd zu und rührte in dem Topf herum. „Dann sag Yannis Bescheid, das Essen ist gleich fertig.“

 

Am Abend saß Brian zusammen mit Mario in einem seiner Restaurants. Sie hatten ein separates Zimmer, in dem sie diskret bedient wurden und ungesehen von den anderen Gästen zu Abend aßen. Die üblichen Floskeln waren schnell ausgetauscht, sodass sie ohne weitere Umschweife direkt zum geschäftlichen Teil kamen.

Mario spießte Garnelen auf seiner Gabel auf und betrachtete missbilligend die Pizza vor Brian. Italienische Küche war so viel mehr als nur Pizza oder Nudeln. Aber die Amerikaner fraßen immer nur dasselbe Zeug, mit möglichst vielen Kalorien. „Die Lieferung kommt morgen früh um drei. Meine Jungs rauben zur selben Zeit einen Juwelier aus. Das lenkt die Bullen ab.“

„Hoffentlich. Ich habe am Hafen zwei Arbeiter bestochen, die den Container löschen. Wir laden das Zeug direkt in einen Truck und sind in einer halben Stunde wieder weg.“

Mario nickte und schob sich die Gabel in den Mund. „Eine halbe Stunde könnte eng werden.“

„Ich weiß. Aber es wird glatt gehen, wenn deine Männer die Aufmerksamkeit der Bullen auf sich lenken.“

„Und dann machen wir fiftyfifty. Geteiltes Risiko, geteilter Gewinn.“

Brian nickte. Er würde vier Leute zum Hafen schicken, um den Inhalt des Containers in den Truck zu laden. Mario schickte vier Leute, um den Juwelier zu überfallen. Ein Ablenkungsmanöver, von dem Mario sich durchaus erhoffte, zusätzliches Geld zu generieren. Aber für Brian war das okay, denn er hatte in den letzten fünf Jahren einiges von Mario gelernt. Mehr, als er die Jahre zuvor bei Nish gelernt hatte.

Nish. Bei dem Gedanken an den Kerl könnte Brian ausrasten. Als Nish vor fünf Jahren erfahren hatte, dass Devil noch lebte, hatte er Brian erpressen wollen. Aber anstatt sich erpressen zu lassen, nahm Brian Kontakt zu Mario auf. Zusammen erarbeiteten sie einen Plan, um Nish zu stürzen. Sie hatten davon auch Fabrizio überzeugen müssen, aber da Brian die Geschäfte von Nish kannte, wusste er genau, wo Nish das Geld unbemerkt in seine eigenen Taschen gesteckt hatte, ohne Fabrizio davon etwas zu verraten. Am Ende stellte sich heraus, dass es Fabrizio ziemlich egal war, ob jemand sein eigenes Ding drehte und Geld in seine Taschen stopfte. Was Fabrizio aber gar nicht leiden konnte, war die Tatsache, dass Nish ungefragt einen seiner Capos ermorden lassen wollte. Ohne vorherige Absprache. Ohne Erklärung von Gründen.



Der Rang als Capo unter Fabrizio war heiß begehrt. Sie sollten sich gegenseitig unterstützen oder herausfordern, solange es nur Fabrizio zugute kam. Was Nish geplant hatte, war jedoch ein Vertrauensbruch. Daher hatte Fabrizio Brian freie Hand gelassen und ihm Nishs Posten nach dessen Ableben gegeben. Samt Haus, Geschäften und dem zu kontrollierenden Viertel, Jamaica Plain. Nish hatte abgedankt und Brian alles genommen, was Nish vorher gehört hatte. Seither ging es Brian gut. Nur das Vertrauen von Fabrizio zu erhalten, hatte ihn über ein Jahr gekostet. Jetzt spielte er ganz oben mit.

„Ja. Wie immer, Mario.“ Brian nickte zustimmend. Sie aßen weiter und Brian warf einen kurzen Blick auf sein Smartphone. Er hatte Evelynn vor einer Stunde geschrieben, wann und wo der Termin beim Frauenarzt war. Sie hatte die Nachricht zwar gelesen, aber noch nicht geantwortet. Passte ihr der Termin jetzt nicht? Musste sie da arbeiten? Oder passte ihr der Arzt nicht? Dabei hatte Brian extra eine Frauenärztin herausgesucht. „Frauen“, kam es leise knurrend über seine Lippen.

„Frauen?“, fragte Mario hellhörig geworden. Er runzelte die Stirn und schmunzelte noch im selben Moment. „Du regst dich nie über Frauen auf.“

Brian verzog das Gesicht, stopfte sich ein großes Stück Pizza in den Mund und nutzte die Zeit, in der er kaute, um über Evelynn nachzudenken. „Ja, diese hier ist anders. Wir waren mal zusammen.“ Mehr oder weniger, fügte er in Gedanken hinzu. „Aber vor ein paar Wochen stand sie wieder vor mir. Eigentlich hätte ich sie zum Teufel schicken sollen.“

Mario lachte laut auf. „Aber stattdessen hast du sie geknallt, hab ich recht? Und jetzt hängt sie dir am Senkel.“

„Ja. Scheiße, nicht wahr? Ich hab nicht mal ein Kondom benutzt.“ Brian fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. Sicherlich würde Mario zu einer Abtreibung raten. Er wusste ja selbst, dass es das Klügste wäre. Er konnte sich in seiner Position weder Frau noch Kinder erlauben. Damit wäre er angreifbar und leicht zu erpressen.

Eine Sekunde stand Mario der Mund offen. „Du meinst … du hast ihr gleich ’nen Braten in die Röhre geschoben?“

„Vermutlich. Ich muss es noch bestätigen lassen. Aber wie ich sie kenne, wird sie wieder abhauen und mich verlassen, wie schon vor ein paar Jahren.“ Brian hob leicht die Schultern, nahm sich wieder ein Stück Pizza und meinte mit vollem Mund: „Gibt halt Dinge, die ändern sich nie.“



Mario runzelte die Stirn. „Und das lässt du zu? Dass sie mitsamt deinem Kind abhaut? Wobei … wenn sie es macht, dann hast du zumindest Gewissheit, dass es deins ist. Bei den Mädchen heutzutage weiß man nie, für wen sie alles die Beine breitmachen.“ Mario lachte auf. „Zum Glück habe ich meine Amore gefunden, da waren wir kaum mehr als Kinder. Naja …, wir sind von unseren Eltern verlobt worden, da waren wir fünf. Aber sie ist zu einer Schönheit herangewachsen, ist gebärfreudig und wohlerzogen.“

Brian dachte an Eve, die manchmal fürchterlich zickig sein konnte. Aber er kam trotzdem nicht über sie hinweg. „Wenn das Kind von mir ist, sollte ich ihr einen Ring an den Finger stecken. Aber wahrscheinlich würde sie das noch mehr abschrecken. Ich werde wohl einfach abwarten müssen …“ Brian zuckte mit den Schultern und nippte an seinem Cappuccino. „Frauen halt. Wir können nicht ohne sie, aber irgendwie auch nicht mit ihnen.“

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