Kapitel 13 – Geschwisterchen im Anmarsch
Kapitel 13 – Geschwisterchen im Anmarsch
Evelynns Morgen begann mit einer Kotzpartie. Yannis hatte sich stirnrunzelnd neben sie gestellt und hielt ihr die Haare. Verdammt noch mal. Ihr Sohn hielt ihr die Haare. Keuchend stützte sie sich auf der Schüssel ab.
„Mami? Bist du krank?“
Wäre es doch nur so, dachte sie, und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Sorge, Yannis. Mir geht es bald wieder gut.“ Nur hatte es in der Küche fürchterlich stark nach Kaffee gestunken … Als wäre ihr Magen in ihrem Zustand nicht schon heikel genug, musste das, was bei ihr zum direkten Auslöser geworden war, natürlich auch ausgerechnet das Getränk sein, welches praktisch jeder Mensch dieser Erde unglaublich gerne und häufig trank. „Wir gehen heute wohin du willst, mein Schatz.“ Evelynn sah auf und wischte sich angeekelt den Mund.
Yannis hatte die Stirn gerunzelt. „Eigentlich möchte ich aber lieber bei meinen Büchern…“
Evelynns aufgesetztes Lächeln schwand einer unverkennbaren Traurigkeit. Und das beeinflusste Yannis, machte ihm Schuldgefühle, sodass er hastig sagte: „Zoo. Gehen wir doch in den Zoo.“
Evelynn nickte langsam. Sie hatte ihm keine Schuldgefühle machen wollen. Nur ließ sich der Schmerz – zu sehen, wie das eigene Kind sich immer mehr von einem entfernte, und das mit zehn – nur schwer verstecken. Evelynn zog Yannis in ihre Arme. „Wir müssen nicht gehen, wenn du es nicht willst, Yannis. Ich dachte nur, ich habe morgen frei. Und du hast keine Schule.“
Yannis nickte und seufzte leise. „Ich weiß. Wir gehen, Mami.“ Er wollte ja schon gerne Zeit mit seiner Mutter verbringen … und er vermisste sie auch. Aber seine Mutter war, seit sie mit ihm von Brian weggelaufen war, anders geworden. Strenger mit sich selbst. Sie hatte die letzten Jahre viel gelernt, Dinge, die Yannis größtenteils als einfach empfand. Aber sie hatte sich anstrengen müssen. Und Yannis hatte die Sorge in Form von Dollarzeichen in ihren Augen gesehen, als er zwei Klassen übersprungen hatte. Deshalb nahm er sich in der Schule schließlich auch zurück. Langweilte sich zu Tode und saß die Zeit in diesem Bildungsknast, den der Staat Schule schimpfte, ab. Er wollte seiner Mutter keine Sorgen bereiten. Sie hatte nie viel Zeit für ihn gehabt und das war für ihn in Ordnung. Er hatte es nie anders gekannt. Aber … Er drückte seine Mutter fest und flüsterte: „Ich freue mich.“ Und das tat er wirklich. Wenn sie Zeit für ihn hatte, nahm er sie gerne in Anspruch. Er wollte sie ihr nur nicht nehmen.
Im Zoo gab es unzählige Tiere. Yannis war schon mehrere Male da gewesen, und er fand die Tiere interessant. Wie sie ihre Köpfe bewegten, wie sie miteinander kommunizierten, das alles weckte seine Neugierde. „Mami!“ Yannis zog an Evelynns Arm.
„Hm?“ Evelynn schreckte auf.
Sie war schon wieder so seltsam abgelenkt, stellte Yannis fest. Seit sie aus dem Bad gekommen waren und seine Mutter unter Großmutters Blick zusammengezuckt war …
„Elefanten sind wirklich gigantisch!“
Evelynn sah zu dem grauen Ungetüm auf und nickte nachdenklich. „Wusstest du, dass man früher auf ihnen geritten ist? In manchen Ländern tut man das noch heute.“ Yannis nickte und Evelynn lachte. „Natürlich wusstest du das.“ Als Mutter konnte sie ihm wahrlich nicht mehr viel geben. „Yannis?“
„Mami?“
„Was ist das Gegenteil eines Riesen?“
„Ein“, Yannis runzelte die Stirn, „Winzling?“
„Mhm …“ Evelynn nickte vorsichtig. „Vor zehn Jahren warst du so winzig, dass du in meinen Bauch gepasst hast.“
Yannis sah an sich herab, dann zum Bauch seiner Mutter, und wurde nachdenklich. „Ich bin aber ganz schön groß geworden“, stellte er fest.
Erneut nickte Evelynn. „Groß genug, um ein großer Bruder zu sein?“
Yannis riss die Augen auf, starrte vom Gesicht seiner Mutter zu ihrem Bauch hinunter und wieder zurück. „Ich werde ein großer Bruder?!“, fragte er aufgeregt, die Stimme piepsig. „Wirklich, wirklich, wirklich?!“ Evelynn fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert lachte sie auf, während Yannis bereits auf sie zustürmte und sie ganz fest drückte. Sein Ohr lag an ihrer Bauchdecke. „Aber ich höre ja gar nichts!“
Und wieder musste Evelynn leise lachen. „Das Herzchen kannst du auch nicht ohne Hilfe hören.“
Yanns sah auf; seine Augen strahlten regelrecht vor Freude. „Was bekomme ich?! Darf ich ihm Lesen beibringen?! Und schreiben?! Und alles erklären?! Und …!“
Evelynn lachte laut auf und wuschelte ihrem Jungen durchs Haar. Da war sie wieder. Die tobende Freude, die er früher jeden Tag ausgestrahlt hatte. Ein Sonnenschein mit wärmerem Lachen als die Sonne selbst. Evelynn beugte sich zu ihm hinunter. „Ich weiß noch nicht, was es wird. Und wenn es größer wird, dann darfst du all das tun, ja. Aber ein großer Bruder zu sein, bedeutet in erster Linie, dein Geschwisterchen zu unterstützen, Yannis. Du darfst es nicht überfordern mit deinem Eifer. Nicht jedes Kind lernt so schnell wie du, das weißt du bestimmt, oder?“
„Aber …“ Yannis runzelte die Stirn. „Aber wenn ich von dir bin“, er zeigte auf sich selbst, „und es auch von dir ist“, jetzt zeigte sein Zeigefinger geradewegs auf Evelynns Bauch, „dann muss es doch auch so klug sein wie ich?!“
Evelynn schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Nur weil ihr euch die Mutter teilt, heißt das nicht, dass ihr derselbe Mensch seid, Yannis. Jeder Mensch ist anders.“
„Und … weil wir nur dich teilen, hast du meinen Papi also nicht gebraucht, um es zu machen?“
Evelynn riss die Augen auf. Bei Gott. „Nein, Yannis. Ich weiß nicht, wo dein Papi ist.“ Aber das hatten sie schon mehrere Dutzend Male besprochen.
„Und Brian?“
Evelynn stockte. „Brian … Das ist kompliziert, weißt du? Nur die Zeit wird zeigen, ob wir zueinander finden oder nicht. Wenn es so ist, dann ist das schön. Aber wenn es nicht so ist, ist es genauso gut. Einverstanden?“
Yannis schüttelte den Kopf. „Ich mag Brian aber!“
„Ja …“ Evelynn seufzte, nahm ihren Jungen an der Hand und ließ den Blick durch den Park schweifen. „Ich auch …“
„Mami?“
„Ja?“
„Ist Brian der Papi von meinem Geschwisterchen?“
Evelynn zögerte, nickte dann aber langsam. „Ja, das ist er.“
Scharf atmete Yannis aus, riss seine Hand aus Evelynns und starrte zu ihr hoch. „Mein Papi hat er nicht werden wollen!“ Tränen sammelten sich in Yannis‘ Augen. „Und jetzt bekommt meine kleine Schwester oder mein kleiner Bruder einen Papi und ich nicht!“
Zurück zu Hause bei ihren Eltern bat Mathilda ihre Tochter an den Esstisch. Auch ihr Vater war dabei, der eher verwirrt aussah als ernst, wie seine Frau, die sogleich das Wort ergriff. „Hast du uns etwas mitzuteilen, Evelynn?“ Erst dann sah sie zu Yannis. „Bitte sei so lieb und geh etwas für die Schule lernen, Yannis. Dein Opa und ich müssen mit deiner Mutter reden.“
Yannis trollte sich, wenn auch zögerlich. Zwar war er immer noch wütend, aber das bedeutete nicht, dass er seine Mutter einfach alleine zurücklassen würde. Schon gar nicht, wenn seine Großmutter so guckte. Aber Evelynn nickte ihm zu. Und so ging Yannis brummend von dannen. Für die Schule lernen … ja, klar. Seine Großeltern hatten ja keine Ahnung.
Evelynn sah zu ihrer Mutter. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ Ihr Blick wanderte zu ihrem Vater, der nicht minder verwirrt aussah.
„Du hast dich heute Morgen übergeben. Und gestern war dir in den Morgenstunden auch schlecht. Bist du schwanger, Evelynn?“
„Ach, mal doch den Teufel nicht an die Wand, Mathilda!“ Ihr Vater schüttelte missbilligend den Kopf.
„Mum …!“ Evelynn stöhnte. „Und was, wenn ich mir einfach nur den Magen verdorben habe?“
„Bist du schwanger, Evelynn? Ja oder nein?“ Mathilda lehnte sich weiter vor.
„Du hattest den Schwangerschaftstest doch in der Hand! Ein Strich! Keine Schwangerschaft!“ Andere Beweise gab es immerhin nicht, wenn man nach der Medizin ging. Zwar wusste Evelynn sehr wohl, dass da etwas in ihrem Unterleib wuchs, aber ihre Mutter hatte das nichts anzugehen. Sie wollte es ihr noch nicht sagen. Für den Moment war das einfach nur ihr und Yannis’ Geheimnis.
Kurz schien es, als ob Mathilda noch etwas sagen wollte, aber ihr Mann legte ihr eine Hand auf den Unterarm. „Unsere Tochter würde uns sowas nicht verheimlichen, Mathilda. Guck dir doch nur an, wie gut die letzten Jahre gelaufen sind und wie toll sich unsere Tochter entwickelt hat. Wir können wahrhaft stolz darauf sein.“
Mathilda hob die Schultern. „Ja, wenigstens aus einem Kind ist was geworden.“ Ihr Blick richtete sich auf Evelynn. „Ich hoffe, du versaust es nicht.“
Evelynn kniff die Augen zusammen. „Emanuel war dein Sohn! Wie kannst du so über ihn reden?!“
„Es war nicht meine Schuld, dass er auf die schiefe Bahn geraten ist. Er hat selbst beschlossen, dass er lieber krumme Dinger dreht. Das ist nicht meine Schuld!“
„Beide deiner Kinder sind jung auf die schiefe Bahn geraten!“ Evelynn stand auf. „Vielleicht solltest du die Ursache weniger bei uns und mehr bei deinem Kontrollzwang suchen, Mutter!“
Mathilda brauste auf. „Geh in dein Zimmer, Evelynn!“ Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer, ohne einen weiteren Blick auf ihre Tochter zu verschwenden.
Nur ihr Vater blieb noch sitzen. „Nimm es dir nicht so sehr zu Herzen, Evelynn. Wir haben viele Fehler gemacht. Wir waren jung, ich war viel zu viel unterwegs und habe nicht gemerkt, dass deine Mutter mit euch beiden überfordert war. Deine Mutter will einfach nur, dass du nicht dieselben Fehler machst.“
Die aggressiven Schritte ihrer Mutter verschwanden in einem Zimmer im oberen Stock. Eine Tür fiel lautstark ins Schloss.
Evelynn setzte sich, schwer seufzend. „Paps? Sie hatte recht.“
„Nein, das hat sie nicht. Es ist auch ihre Schuld, dass Emanuel so tief abgerutscht ist. Und dass es dir viele Jahre so schlecht ging.“ Ihr Vater lächelte traurig. „Sie hat kein Recht, so mit dir zu schimpfen. Du hast alles für Yannis getan und er Kleine liebt dich abgöttisch. Darauf ist sie eifersüchtig.“
„Das stimmt. Aber das meinte ich nicht …“ Evelynn legte ihre Hand auf die ihres Vaters. „Sie hatte recht, mit meinem Zustand. Ich trage wieder ein Kind. Zumindest deutet alles darauf hin.“
„Oh.“ Ihr Vater stutzte. „Weißt du, wer der Vater ist? Habt ihr euch die letzten Tage immer so oft getroffen? Warst du deshalb so häufig weg?“ Ihr Vater lächelte und reichte Evelynn über den Tisch hinweg die Hand. „Ein Kind ist immer eine gute Neuigkeit. Aber deine Mutter wird darin nur wieder einen Fehler suchen.“ Er seufzte tief. „Am besten, du stellst uns den Vater vor und hast dann einen Ring am Finger.“
Evelynn fiel der Mund auf. „Einen Ring? Ihr wollt ihn kennenlernen? Aber…?“
„Du kennst doch deine Mutter. Sie wünscht sich, dass du einen guten Ehemann hast und Yannis endlich einen Vater bekommt. Außerdem solltest du den Mann zur Verantwortung ziehen, der dich geschwängert hat.“
„Das ist nicht so einfach … Er kann sich immerhin auch dafür entscheiden, nur Unterhalt zu zahlen oder einfach von der Bildfläche zu verschwinden oder … Was, wenn ich das nicht will? Was, wenn ich mir keine Beziehung mit ihm vorstellen kann?“ Und Brian war ganz sicher nicht der Typ, den man seinen Eltern vorstellte. Vielleicht ließ er sich darauf ein, ihren Eltern etwas vorzuspielen. Aber auf Dauer würde Brian sie nicht um sich wollen. Sollte er am Leben ihres Kindes teilhaben wollen, dann wäre das wohl mehr … eine platonische Partnerschaft.
„Nun, das findest du wahrscheinlich nur heraus, wenn du mit ihm offen über dich, deine Gefühle und deine Ängste sprichst.“ Er schenkte seiner Tochter ein aufmunterndes Lächeln. „Wir Männer denken nicht so kompliziert. Wahrscheinlich können wir uns deswegen oft nicht ausmalen, was im Kopf einer Frau vor sich geht.“
Evelynn stand der Mund offen. „Haha …“ Das brachte sie heraus, für eloquentere Sprache stand sie zu sehr unter Schock.




































































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