Kapitel 14 – Ein Rendez-vous zu zweit

Kapitel 14 – Ein Rendez-vous zu zweit

 

„Morgen, Evelynn!“

Evelynn blieb irritiert stehen. „Guten Morgen …, Bea. Und Elvira.“ Wieso waren die beiden so fröhlich? Es war frühster Morgen, Evelynn fielen fast die Augen zu und deren beider Kaffee stand dampfend und stinkend auf der Theke. Evelynn würgte möglichst unauffällig, und trat einen Schritt zurück. „Was ist denn los?“

„Niiichts …“

Zwei Stimmen wie aus einem Munde. „Okay, was geht hier ab?“

„Kommst du mit uns essen? Heute Abend?“

Evelynn schüttelte den Kopf. „Ich muss nach Hause. Yannis…“

„Ist ein kluger Junge, und wird verstehen, wenn du mal etwas Zeit mit deinen Freundinnen brauchst. Unser aller Schicht geht bis sechs. Danach ziehen wir uns um, duschen unten und gehen aus!“

„Aber, Bea…“

„Keine Widerrede!“ Elvira hakte sich bei Evelynn ein und zog sie den Gang entlang.

Bea hängte sich an Evelynns anderen Arm. „Du hast keine Chance, das Restaurant ist schon gebucht.“

„Aber…!“ Dafür hatte sie doch gar kein Geld.

 

Nervosität breitete sich in Evelynn aus, als sie in dem doch sehr körperbetonten Kleid vor einem absolut nicht in ihrer Preisklasse liegenden Restaurant stand. Die Nacht war hineingebrochen. Die Sterne funkelten über dem hellerleuchteten Boston und die filigran geschwungenen Buchstaben über der Tür verkündeten, dass sie vor dem Venezia, einem Restaurant mit einer Google Bewertung von fast fünf Sternen, stand.

Evelynn verpasste Bea einen schwachen Stoss mit dem Ellbogen in den Magen. „Bea! Ich kann mir das nicht leisten! Und wieso hattest du ein Kleid für mich dabei? Was soll das?!“

Elvira grinste schief. „Du wirst ja auch nicht zahlen, meine liebe Evelynn. Jetzt rein, na los!“ Mitleidlos zog Elvira die versteinerte Evelynn hinter sich her. Bei der Empfangsdame angekommen, sprach sie: „Wir haben die Begleitung von Mr. Bleech hergebracht.“

Mr. Bleech?! „Bitte?!“

Bea kicherte leise und flüsterte Evelynn ins Ohr: „Unser Pflegeverantwortlicher ist heiss, steht auf dich, hat Kohle und wäre ein super Paps für deinen Kleinen. Und er ist in dich verschossen, seit du im Hospital angefangen hast.“

„A…ab…!“

„Natürlich“, antwortete die Frau lächelnd. „Folgen Sie mir bitte, Miss Evelynn.“



Die Frau ging vor und Elvira wie auch Bea gaben Evelynn einen Schubs nach vorn – grinsend, als hätten sie den Jackpot im Lotto gewonnen.

Evelynn stolperte hinterher, nervös und die Hände schwitzig. Beim Tisch angekommen, verbeugte sich die Empfangsdame knapp und wünschte einen wunderschönen Abend.

Markus stand auf, ein sanftes Lächeln auf den Lippen tragend, und rückte Evelynn den Stuhl zurecht. „Es freut mich sehr, dass Sie Zeit gefunden haben, Miss Brook. Ich hoffe, Sie haben Hunger.“ Mit großen Schritten umrundete er den Tisch, setzte sich wieder an seinen Platz, und schon kam ein Kellner, der ihnen die Speisekarte reichte. Doch Markus nickte dem Kellner zu, ehe er die Speisekarte auch nur eines Blickes gewürdigt hatte. „Wir nehmen zu Beginn einen Chardonnay. Danke.“

Evelynn blieb die Luft weg. „Mr. Bleech …? Ich muss gestehen … ich verstehe nicht ganz …“

„Miss Jones sagte mir, dass Sie sehr, sehr introvertiert seien. Und einem Date nur zustimmen würden, wenn Sie denken, Sie gingen mit Freunden aus. Aber… lassen Sie uns doch bitte zum Du wechseln. Ich bin Markus.“

Evelynn knirschte mit den Zähnen. Sie würde Elvira den Kopf umdrehen! Sie konnte doch nicht mit ihrem Vorgesetzten essen gehen! Und jetzt …! Jetzt wollte er auch noch zum Du wechseln! Evelynn lachte unbeholfen auf. „Aber … das geht doch nicht, Mr. Bleech. Sie sind immerhin mein Vorgesetzter …!“

„Aber doch nicht jetzt.“ Er zwinkerte ihr zu und nahm die Speisekarte. „Der Fisch hier soll ausgezeichnet sein. Essen Sie gerne Fisch?“

Evelynn nickte apathisch. „Ja, Fisch ist … gut.“ Möglichst unauffällig spähte sie zum Eingang zurück, doch von Bea und Elvira war keine Spur mehr zu sehen. Scheiße! Hastig fasste sie für sich nochmal zusammen: Sie war schwanger von Brian. Hatte mit einem Fremden geschlafen, nur um den Mut zu finden, den Tag darauf zu versuchen, Brian umzubringen. Und nun saß sie da, schwanger mit dem Kind eines anderen, mit ihrem Vorgesetzten am Tisch, und wurde zu einem Date mit ihm gezwungen. Natürlich könnte sie weglaufen. Aber wie sollte sie ihm dann jemals wieder unter die Augen treten? Das musste sich doch irgendwie glimpflich lösen lassen!

„Mögen Sie Hummer? Oder Schellfisch?“ Markus sah Evelynn an, die noch nicht mal nach der Karte gegriffen hatte. Und auch nicht auf sein Angebot, sich zu duzen, eingegangen war. Also überwand er sich und lächelte charmant. „Also, Evelynn, worauf hast du Lust?“



Drei Tische weiter beobachtete jemand, wie Evelynn sich an einem Lächeln versuchte, aber kläglich scheiterte. Dieses Lächeln hatte er schon das eine oder andere Mal bei ihr gesehen. Damals, als sie noch im Stripclub gearbeitet hatte. Oder später, in seinem Bordell.

„Ich …, ja, also …“ Evelynn wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihre Brüste hüpften bei der Bewegung in dem BH-losen Kleid auf und ab. Hastig öffnete sie die Karte und versteckte sich dahinter. Wo war das billigste? Wenn sie ihm einen Korb gab, musste sie sicher selbst bezahlen, und sie hatte nun wirklich kein Kapital für solche Restaurantbesuche! Außerdem hatte sie keinen Hunger! Es wäre deutlich besser, wenn sie einfach jetzt ginge, direkt, ihm sagte, dass das nichts werden würde … aber dann müsste sie ihren Job kündigen. „Calamari Bruschetta … klingt gut.“ Eine Vorspeise. Die billigste, die Fisch beinhaltete. Und Mr. Bleech schien darauf zu bestehen, dass sie etwas mit Fisch nahm.

„Und als Hauptspeise?“ Markus blätterte in der Karte, hob jedoch den Blick, als der Kellner den Wein brachte und direkt in zwei Gläser füllte. Markus nickte und legte die Karte beiseite. „Danke. Als Vorspeise nimmt die Dame die achtundzwanzig und als Hauptgang die einhundertzehn. Ich hätte als Vorspeise gern die zwölf ohne Zwiebeln und die einhundertachtzehn als Hauptgang. Danke.“

Der Kellner notierte sich alles und war nur einen Moment später verschwunden.

Markus lächelte zufrieden und wandte sich wieder Evelynn zu. „Wollen wir anstoßen, Evelynn? Auf einen schönen, gemeinsamen Abend?“ Er hob sein Weinglas und schwenkte es genüsslich.

Brian sah aus der Ferne zu und kniff unzufrieden die Augen zusammen. Was machte Eve hier und noch dazu mit diesem aalglatten Typen?

Evelynn sass da, wie erstarrt und wusste nicht recht, wie sie darauf reagieren sollte. Er hatte sie nicht einmal zu Wort kommen lassen. Sie hatte keine zusätzliche Hauptspeise wollen! Zittrig atmete sie aus. „Natürlich …“ Evelynn hob ihr Glas – es hätte sie nicht gewundert, wäre es unter ihrem Griff zersprungen. Gezwungen lächelnd stieß sie mit ihm an. „Auf einen schönen Abend.“ Wie kam sie hier nur wieder raus?

Markus trank einen großzügigen Schluck und lehnte sich zurück. „Du siehst übrigens bezaubernd aus in diesem Kleid. Wobei dir einfach alles steht.“



Wäre sie ein Smiley gewesen, wäre sie das mit dem verzweifelten Tropfen oben am Kopf gewesen. „Aber du kennst mich doch nur im Krankenhausdresscode.“

„Und hin und wieder in Freizeitkleidung, nachdem du deinen Dienst beendet hast.“ Markus nahm wieder einen Schluck Wein. Nach ein, zwei Gläsern wäre Evelynn sicher noch lockerer. Aber fürs Erste reichte es ihm, dass sie ihn ebenfalls duzte. „Vor allem mit offenen Haaren siehst du umwerfend aus.“ Sein Blick wanderte an ihrem Körper hinab, soweit es der Tisch zuließ.

Brian konnte sich ein paar Tische weiter kaum noch auf das Gespräch mit Mario konzentrieren. Dabei hatte er heute mit seinem Partner eigentlich feiern wollen, dass die Sache am Hafen so gut gelaufen war. Nicht nur Drogen waren in dem Container gewesen, sondern auch wichtige Medikamente, die sie unter das Volk bringen würden. Mario hatte einen wichtigen Teil dazu beigetragen. Zumal das letzte Essen auf die Kappe von Mario ging. Diesmal wollte Brian die Zeche zahlen.

„Ist das etwa deine Kleine?“ Mario war dem Blick Brians gefolgt und musterte Evelynn. „Richtig hübsch. Kein Wunder, dass du sie flachgelegt hast. Und deinen Blicken nach zu urteilen, würdest du das am liebsten wiederholen. Das Kleid, das sie trägt, betont ihre Oberweite echt gut.“

Brian wandte den Blick wieder ab und sah zu seinem Partner. Für ihn hätte sie sicher nie so ein Kleid getragen. Aber für diesen Typen warf sie sich in Schale. Was wollte sie von ihm? Und was hatte der, was Brian nicht hatte? „Mir sind Frauen in Dessous oder nackt lieber.“ Am besten, er ignorierte, dass Eve auch hier war. Ansonsten würde er noch durchdrehen.

„Soll ich mal die Lage checken?“ Mario grinste breit.

Wieder sah Brian zu Eve rüber und es ärgerte ihn maßlos, dass sie sich mit einem anderen Typen traf, obwohl sie mit seinem Kind schwanger war. Und dann hatten sie auch noch Wein auf dem Tisch! „Nee, lass gut sein. Mir egal, von wem sie sich noch einlässt“, brummte Brian unzufrieden.

Evelynn stellte das Weinglas ab und leckte sich vorsichtig über die Lippen. Zwar hatte sie es sich an den Mund geführt, aber trinken würde sie es sicher nicht. Ihr Blick glitt zu Markus – Mr. Bleech. Was, wenn sie ihn bei Stange halten würde, ihn ihren Eltern vorstellte …? Dann hätte sie ein Problem weniger. Sie könnte auch eine Weile so tun, als führe sie mit ihm eine Beziehung …



Auf einmal räusperte es sich rechts von ihr. Evelynns Kopf schoss herum. Dann runzelte sie die Stirn. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Miley, wie schön, dich zu sehen. Willst du mir nicht deine Begleitung vorstellen?“ Mario beugte sich zu der fremden Frau herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich dem Kerl zuwandte. „Ich bin übrigens Matthew, Mileys Cousin.“ Breit grinsend streckte er dem Typen die Hand entgegen.

Markus schaute irritiert von der Hand zu Evelynn hinüber. „Evelynn, kennst du diesen Mann?“

Mario tat überrascht und sah sich die Kleine genauer an. Auf den ersten Blick fand er nicht, dass sie was Besonderes war, und verstand nicht so recht, warum Brian ihr so hinterherhechelte. Sie war eine Schönheit, das sicher, aber davon war sie bestimmt nicht die Einzige in der Stadt. Vielleicht war sie ja so gut im Bett, dass sie seinem Partner das Hirn weggevögelt hatte? Wie auch immer. Mario wollte für Brian spionieren, und das ging nicht, wenn der Typ so dazwischen grätschte. „Miley?“ Er hob die Augenbrauen, als habe er seinen Fehler plötzlich bemerkt. „Oh, scheiße. Du siehst meiner Cousine so verdammt ähnlich! Es tut mir echt leid, das Date gestört zu haben. Kann ich das wieder gutmachen?“

„Ähm … Matthew …, äh …“

„Sie brauchen nichts wieder gutzumachen. Lassen Sie uns doch einfach unser Rendezvous genießen.“ Markus griff nach Evelynns auf dem Tisch befindlicher Hand und drückte sie.

Everlynn verkrampfe sich. Was hatte sie getan, dass Gott – oder wer auch immer die Fäden ihres Schicksals führte – so grausam mit ihr war? Sie nickte, plastisch lächelnd, und zog die Hand, so unauffällig es ging, zurück. Gott, war das unangenehm.

„Wollen Sie sich zu uns setzen?“, bot Mario an und deutete zum Tisch, an dem Brian saß. „Mir scheint, Sie fühlen sich eher in Gesellschaft von echten Männern wohl.“

Evelynns Blick folgte Marios Handwink und die junge Frau erstarrte. Heiß. Kalt. Schauder für Schauder lief ihr den Rücken hinab und sandte ihr erst freudige, dann schrecklich unwohle Gefühle. Brian war hier! Und Brian war hier … Was bedeutete … „Scheiße!“ Evelynn hielt sich die Hände vors Gesicht. Als hätte sie das noch retten können. Aber vielleicht hatte er sie noch nicht gesehen? Würde er doch nur nicht direkt in ihre Richtung schauen – einen Blick aufgesetzt, der selbst jeden Unschuldigen vor Angst gestehen lassen würde –, könnte sie das glauben! Oh Gott, was dachte er jetzt nur von ihr?



Markus, der Evelynns Reaktion mächtig falsch interpretiert hatte, erhob sich. „Sie ist mit mir vollkommen zufrieden, das können Sie mir glauben. Außerdem würde sich diese Dame nie mit Leuten wie Ihnen abgeben, die denken, einzig das Einkommen definiere einen Mann! Evelynn ist keine geldgierige Dirne, die Sie hier anbaggern können, also scheren Sie sich weg!“

Mario lächelte schmal. „Überlassen wir es doch der Dame, welche Gesellschaft sie sich wünscht.“ Er zwinkerte Evelynn zu und nickte dann in Richtung Schmalzlocke. „Guten Abend.“ Auf dem Absatz drehte sich Mario um und ging zurück zum Tisch, an dem Brian ihn mit einer Mischung aus Wut und Bestürzung ansah.

„Was hast du gemacht?“ Brian mied es, zum anderen Tisch zu sehen, und hätte Mario am liebsten eine runtergehauen.

„Ich habe sie zu uns eingeladen“, erwiderte Mario gelassen und widmete sich seiner Vorspeise. Breit grinsend.

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