Kapitel 4 – Eine Spazierfahrt mit der Vergangenheit

Kapitel 4 – Eine Spazierfahrt mit der Vergangenheit

 

Brian betrat vorsichtig die alte, verlassene Werkstatt. Rick hatte ihn angerufen und gesagt, ihnen sei ein Kerl gefolgt. Aber die Person, die Rick an sich presste und mit der Waffe bedrohte, war alles. Aber kein Kerl.

Die Kleine zitterte heftig und versuchte, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie drückte sich seitlich weg, Rick hielt dagegen, wodurch sie schief und verkrampft dastand. Die Hose war an den Knien dreckig, das Shirt verrutscht. Lange, schwarze Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Er konnte nur erahnen, dass die Mündung gegen ihr Kinn gedrückt wurde. Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken versteckt, vermutlich durch einen Kabelbinder festgezurrt, so wie ihre Brust nach vorn gedrückt wurde. Ein kleines, dummes Mädchen. Oder eine kluge, gefährliche Frau. Was hatte er hier vor sich? So, wie sie aussah, eher ersteres. Aber es gab in seiner Branche auch verdammt harte Frauen, die man nicht unterschätzen durfte.

Langsam kam Brian näher, schob erst ihr Shirt etwas zurecht und drückte dann den Lauf von Ricks Waffe weg. Ein Blick in ihre Augen würde ihm verraten, ob sie die Angst spielte oder nicht. Aus dem Grund ließ er beide Hände seitlich an ihrem Gesicht vorbeigleiten, um ihre Haare nach rechts und links hinter ihre Ohren zu klemmen. Anschließend legte er seine Finger unter ihren Kiefer und hob ihren Kopf ein wenig an, um sie zu betrachten. „Wen haben wir denn hier?“, murmelte er leise.

Die Augen, die daraufhin zu ihm aufstarrten, kamen ihm unwahrscheinlich vertraut vor. Blau, doch … die violetten Sprenkel ließen ihn aufhorchen. Wie viele Frauen mit solchen Augen konnte es auf dieser Welt geben? Dazu schwarze Locken und das herzförmige Gesicht?! Die langen, verführerischen Wimpern …! Ihre Lippen waren gespalten; ihr Atem ging schwer und von ihrer Stirn floss ein Rinnsal hellroten Blutes. Ihre Zunge schoss heraus, um sich die trockenen Lippen zu befeuchten. Durch seinen Griff unter ihrem Kinn konnte Brian spüren, wie sie schluckte.

„Eve?“ Brian lockerte seinen Griff, machte einen Schritt zurück und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. Er schluckte ebenso. Und für einen Moment wollte er diese Frau in seine Arme ziehen, ihren Duft einatmen und ihre Nähe spüren. Aber der Moment war schnell vorbei und Zorn wallte in ihm auf. „Was machst du hier?“



Evelynns Mundwinkel zuckten. Unzählige Gefühle hatten sie überkommen, als Brian sie berührt hatte. Ihre Arme hinter ihrem Rücken zusammengebunden, war sie ihm nahezu wehrlos ausgeliefert. Und irgendwie machte das etwas mit ihr. „Bin von der Arbeit gekommen, da haben mich deine Lakaien aufgelesen.“

Der Brians Blick ging zu Rick, dann zurück zu Evelynn. „Bist du verletzt?“

„Nein, wie kommst du darauf?“ Sarkasmus ließ grüßen. Sie spürte das Blut, das ihr die Stirn herunterlief, und war sich verdammt sicher, er konnte es sehen. Ruckartig riss sie sich von Brians Lakaien, Rick, los und drehte sich halb herum. „Aber die sind ein klein wenig unangenehm.“

Brian nickte Rick kurz zu. „Mach sie frei und dann geh zu Morty.“

Rick räusperte sich, griff in eine Seitentasche seiner Cargohose und zog ein Butterfly heraus. „Morty ist mit dem Van weg …“

Brian hob die Augenbrauen. „Mit dem Van … Und wie kommst du hier weg?“

Rick setzte die Klinge an und schnitt den Kabelbinder unter den höchst aufmerksamen Blicken Evelynns durch. Er steckte das Messer zurück. „Ich warte auf Morty.“

Evelynn rieb sich die Handgelenke. Ihr Blick schweifte zwischen Brian und Rick hin und her. Offenbar waren die beiden in ihr Gespräch vertieft … und Brian war mal überhaupt nicht da, wo er nach Ambers Aussage nach sein sollte. Auf leisen Sohlen stahl sich Evelynn davon. Sie musste Brian nur unauffällig genug umkreisen, um ihren Helm zu holen, danach wäre sie hier weg.

„Vergiss es, Eve. Ich bringe dich nach Hause. Gib Rick deinen Autoschlüssel.“ Obwohl Brian sie nur aus den Augenwinkeln sah, galt ihr seine ganze Aufmerksamkeit.

Evelynn erstarrte; ihr Gesicht nahm eine tomatengleiche Farbe an. „Ich weiss nicht was du meinst. Ich sähe ausserdem keinen Grund dafür, nicht selbst nach Hause gehen zu können und ausserdem … habe ich kein Auto“, erklärte sie unschuldig.

„Sie ist uns mit einem Motorrad gefolgt“, warf Rick ein.

Brian drehte sich zu Eve und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nach der Sache hier lasse ich dich sicher nicht allein nach Hause gehen. Rick fährt dein Motorrad und du kommst mit mir. Also los. Komm jetzt.“ Ohne ihre Reaktion abzuwarten, ging er bereits zurück zur Tür.



Evelynn kaute sich einmal mehr auf ihrer Unterlippe herum. Mit welcher Selbstverständlichkeit er über sie verfügen wollte, machte sie wütend. „Nein.“ Evelynn räusperte sich, büschelte ihr Shirt und wischte sich erstmals das Blut von der Stirn. „Du hast nicht über mich zu verfügen. Und ich sehe keinen Grund, einfach so mit dir zu kommen.“ Am Ende ließ er sie nur nicht mehr gehen! Steckte sie bestenfalls gleich wieder in sein Hurenhaus!

Brian verharrte mitten im Schritt und wandte sich wieder zu Evelynn um. „Du kannst in deiner Situation nicht einfach nach Hause gehen. Sobald das Adrenalin weg ist, brichst du zusammen.“

Evelynn lachte auf, einen Anflug Hysterie schwang mit. „Wieso Adrenalin? Ist doch nichts passiert …! Ein kleiner Streit, mit deinem Verbrecherkumpel, das ist alles!“ Eigentlich sollte sie es als ausgebildete Krankenschwester besser wissen … doch die Hoffnung, das Adrenalin halte einfach noch bis sie zu Hause war, oder dessen Abfall würde sie nicht eiskalt erwischen, schwelte in ihr.

„Du hast dich kein bisschen verändert.“ Brian ging kopfschüttelnd auf Eve zu.

Evelynn wiederum trat unsicher einen Schritt zurück. „Ich bin älter geworden.“

„Und offensichtlich nicht besonders viel klüger.“ Er machte nun ein paar schnelle Schritte auf sie zu und packte sie an der Hüfte. „Lass den Scheiß einfach! Es ist nur eine Fahrt!“

Ein Schauer durchfuhr Evelynn, ausgehend von der Stelle, an der Brians Hand sie berührte. Aber … er durfte nicht wissen, wo sie wohnte. Zudem war es mehr als eine Fahrt, wenn er sie jetzt mitnahm. Es war eine ganze Vergangenheit, die mit ihr in dieses Auto steigen würde! Und damit unausweichlich auch die Auseinandersetzung damit! Evelynn trat noch einen weiteren Schritt zurück, um sich Brians Berührung möglichst unauffällig zu entziehen. „Aber es wäre eine Fahrt mit dir!“, fauchte sie, einen weiteren Schritt zurückgehend, nur um sich den Kopf an der harten Wand hinter ihr anzuschlagen. Sie zischte leise, wagte es aber nicht, die Hand zu heben und damit Schwäche zu zeigen. Einzugestehen, dass sie sich gerade selbst verletzt hatte. Brian würde sie auslachen. Und das wollte sie unter allen Umständen vermeiden.

„Ja, mich nervt es auch tierisch, dir erneut zu begegnen. Deshalb will ich den Scheiß einfach hinter mich bringen.“ Er schloss den Abstand zu ihr, packte noch etwas fester zu und warf sie sich einfach über die Schulter. „Wo ist dein Motorradschlüssel?“



„Das“, sie strampelte, „geht“, sie schlug, „dich einen Scheißdreck an!“ Verdammt, ihr war schwindlig.

„Ich werde draußen mal nachsehen. Sie hatte keine Schlüssel, als ich sie gefilzt habe.“ Rick ging zu dem Motorradhelm und hob diesen auf.

Evelynn bäumte sich auf. „Verdammtes Arschloch, das bekommst du noch heimgezahlt!“ Hätte sie fast vergessen.

Brian holte aus und schlug Evelynn auf den Hintern. Nicht besonders fest, aber gerade so, dass es laut knallte. „Oh, ich freue mich darauf!“

„Wieso denn du?!“ Erneut bäumte sie sich auf. Sie wollte nicht von Brian getragen werden, verdammt! Sie wollte ihm nicht so nahe sein! Nicht seinen Geruch riechen! Nicht seine Wärme spüren!

Als Antwort lachte er nur und verließ mit ihr auf seiner Schulter die Werkstatt. „Beifahrersitz oder Kofferraum, Süße?“

„Wage es nicht, Brian! Wenn du mich in den Kofferraum steckst, steck ich das Amber!“

„Und was soll Amber dann machen?“ Brian lachte leise, griff nach seinem Autoschlüssel, und wenig später landete sie auf dem Beifahrersitz. Wie vor fünf Jahren schon. Und sie sah immer noch so verdammt gut aus.

Evelynn schnaubte, schnallte sich aber an. „Er wird mein Motorrad nicht zum Laufen bringen“, grummelte sie, den Blick bewusst zum Fenster hinaus gerichtet.

„Dann wird er es schieben.“ Brian schloss ihre Tür, ging um sein Auto und stieg ein. Aber bevor er den Motor starrte, blickte er Eve an. „Warum bist du dem Van gefolgt? Bist du zu den Bullen gewechselt? Vom Rotlichtviertel zur Rechtsbehörde?“

Evelynn zuckte mit den Schultern und schüttelte gleichsam den Kopf. „So genau weiss ich das selbst nicht. Ich hatte nur ein übles Gefühl … irgendwie das Gefühl, dass ich ihm halt folgen muss …“ Unruhig nagte sie an ihrer wahrlich bemitleidenswerten Unterlippe, während ihre Finger sich einen Nagel um den anderen abklaubten. Wieso nur war sie so nervös? Wieso die schwitzigen Hände?

„Gefühl, ja? Erzähl keinen Scheiß, Eve, und rück‘ endlich mit der Wahrheit raus!“

Evelynn senkte den Kopf und starrte in ihren Schoß. „Hab gehört, wie jemand entführt wird. Ich weiss nicht mehr, ob ich es dir erzählt habe, aber als mein Bruder gestorben ist, habe ich die Nacht zuvor beobachtet, wie er in einen Van gezogen worden ist. Hätte ich damals … die Polizei verständigt oder wäre ihm zumindest irgendwie gefolgt, hätte ich am nächsten Morgen vielleicht keinen Anruf von der Polizei erhalten …“ Dann hätte sie sich an jenem Morgen auch nicht freinehmen müssen, wäre nicht mit Yannis einkaufen gegangen und wäre Brian nie als Evelynn Brook begegnet, sondern weiterhin nur im Stripclub als die altbekannte Devil. Der Tod ihres Bruders hätte sie nicht so sehr aus der Bahn geworfen, denn immerhin wäre er nicht gestorben. Sie hätte sich bei Nish nicht so unbeliebt gemacht und hätte an jenem Abend, an dem sie unter dem Tisch von einem Mann zum nächsten gereicht worden war, nicht bedienen müssen. Es wäre nie ihr Tod verlangt worden. Sie hätte noch immer ihr altes Leben, mit Malvin und all ihren herzensguten Nachbarn. Aber sie hätte auch nie Frieden mit ihren Eltern geschlossen. Und Fakt war: die Beerdigungskosten für Emanuel hätten sie damals endgültig in den Ruin getrieben. Somit … war Brian wohl oder übel … irgendwie kein reines Übel gewesen.



„Tut mir leid wegen deines Bruders. Aber der Kerl von vorhin ist nicht tot, Eve. Wir haben ihm nur Angst gemacht, weil es sein erster Fehler war.“ Brian drückte einen Knopf und startete damit den Motor. Kurz darauf fuhr er von dem kleinen Parkplatz und lenkte das Auto in Richtung Boston.

Brian sagte kein Wort mehr. Erst fuhr er Richtung Boston Children’s Hospital, bog dann allerdings nach rechts in Richtung Jamaica Plain ab. Vor einer großen, wirklich imposanten Villa hielt das Auto für einen Moment. Ein Garagentor öffnete sich und er fuhr in die geräumige Doppelgarage, in der noch ein kleiner, roter Cabriolet stand. Weiterhin schweigend, schaltete den Motor ab und sah zu Evelynn, die während der Fahrt doch tatsächlich eingeschlafen war. Brian schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf. Seine Hand hatte er in Richtung einer ihrer Strähnen gehoben, wagte es aber nicht, sie zu berühren und sie dadurch zu wecken. Und sie hatte doch tatsächlich noch selbst nach Hause fahren wollen. Die ganze Fahrt bis nach Quincy.

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