Kapitel 26 – Misstrauen mit Folgen

Kapitel 26 – Misstrauen mit Folgen

 

In Nish kochte es. Brian hatte die elende Schlampe wirklich als Fickstück behalten! Zum Glück, so dachte er, war er der Einzige, der davon wusste. Fabrizio schlug sich nicht mit den Dealern rum, das gehörte zu den leidigen Aufgaben, die unter anderem in Nishs Verantwortungsbereich fielen. Jetzt hatte er einen zitternden Brian vor sich und die Hand mit der Knarre, erhoben. Eigentlich hatte er es nie so weit kommen lassen wollen. Der Junge machte sich ja ganz gut. Und anders, als er es gesagt hatte, hatte sein Ruf noch nicht gelitten. Hätte er das, hätte Nish Brian noch nicht einmal mehr zu Wort kommen lassen. Flehen und Betteln, das konnte er dann vor den Himmelstoren. Es hatte seinen Grund, wieso Nish keinen Teppich in seinem Büro ausgelegt hatte.

Er senkte die Waffe und seufzte leise. Eigentlich hatte er doch von Anfang an gewusst, dass dieser Mann nicht das Zeug zum Frauenmörder hatte. Es war eben doch ein Unterschied, ob man einen Kerl oder eine Schlampe vor der Mündung knien sah. „Du hast dich ganz schön in die Scheiße geritten, Kleiner.“ Nish rieb sich das Nasenbein.

Brian presste die Lippen zusammen und schaffte es, Nish direkt in die Augen zu sehen. Ihm war klar, dass er verloren hatte. Da waren die fünfzig Riesen ein Witz dagegen. „Hör auf zu labern und bring es einfach hinter dich.“ Brian hielt die Augen offen. Er wollte nur, dass die Laberei endlich ein Ende fand. Dann wäre er bald bei Maddy und Liv.

Nish legte den Kopf zur Seite. „Kein Wort des Bettelns?“

„Nein. Die Genugtuung werde ich dir sicher nicht geben.“ Dabei schossen ihm tausend Dinge durch den Kopf. Würde Nish sich anständig um sein Underdog kümmern? Käme seine Familie klar, wenn er dieses Thanksgiving nicht dabei wäre? Was würde aus seinem Patenkind werden? Oder aus Yannis? Die Welt war einfach viel zu scheiße.

„Steckt da so wenig Lebenswille in dir?“ Nish klang beinahe enttäuscht.

„Erzähl keinen Scheiß, Nish! Wir wissen beide, dass Betteln nur etwas für Weicheier ist und lediglich das Ego des Henkers pusht! Ich werde deinen Mikropenis sicher nicht dazu bringen, zwei Zentimeter anzuschwellen!“ Gott, verflucht noch mal! Schieß endlich und erlöse mich von dem Mist! Dem Tod die ganze Zeit ins Auge zu blicken, zermürbte langsam seinen Verstand.



Nish sicherte die Knarre und steckte sie sich seufzend zurück in den Hosenbund. Er trat einen Schritt zurück. Und dann lachte er. Er lachte und kriegte sich kaum mehr ein.

Brian war sich einen Moment nicht sicher, ob er wirklich noch lebte. War er tot und seine Seele noch hier, die diesen Moment mitbekam? Hatte er sich während seines Todes eingenässt und Nish lachte deswegen? Nur langsam klärten sich seine Gedanken. Sein Herz pumpte viel zu schnell und seine Hände waren schweißnass. Und mit jeder Sekunde mehr realisierte Brian, dass er noch lebte. „Aber … warum? Was…?“ Mehr brachte Brian nicht heraus. Unwahrscheinlich, dass Nish ein drittes Mal die Knarre gegen seinen Kopf richten würde. Also … Was war passiert?

Schlagartig wurde der Rothaarige vor ihm ernst. „Hör zu, Brian. Die Mafia ist nicht fair, das weißt du doch sicher, hm? Jeder braucht seine kleine Schlampe. Besser noch mehrere.“

Langsam. Ganz langsam dämmerte es Brian. Nish würde ihn am Leben lassen. Vorerst. „Was willst du?“Ob Eve sich so gefühlt hatte, als Brian von ihr verlangt hatte, in seinem Puff zu arbeiten?

Nish grinste. „Du wirst einen Anschlag auf Mario verüben. Ohne, dass ich davon etwas gewusst hätte, natürlich.“ Nishs Ausdruck verdüsterte sich. „Und solltest du versagen, und reden, hoffe ich für dich, du hast mit deiner Familie abgeschlossen, Brian.“

Mario. Einer der anderen Capos.Es fiel Brian wie Schuppen von den Augen. Nish hatte von Anfang an gewusst, dass Brian die Kleine nicht töten konnte. Er hatte nur auf einen Fehler wie diesen gewartet, und nun hatte er ihn an den Eiern. „Wie lange habe ich dafür Zeit?“ fragte Brian tonlos. Er war gearscht. Nish könnte ihn jederzeit loswerden oder bei Fabrizio anschwärzen. Er musste nach seiner Pfeife tanzen. Wann immer Nish es wollte. Und Brian würde die Hosen runterlassen müssen. Alles nur, weil er Eve nicht hatte töten können.

„Ich gebe dir einen Monat.“

„Ein Monat. Geht klar. Ich sorge dafür, dass es nicht auf dich zurückfällt.“ Brians Ausdruck blieb versteinert. Der Beinahtod saß ihm immer noch schwer in den Knochen. Ein Monat, um einen anderen Kerl zu töten. Einen Capo … Und dann … Weiterhin tun, was auch immer Nish wollte. „Sonst noch was?“



„Nein. Du kannst gehen.“

Brian atmete das erste Mal bewusst aus. Er nahm das Glas mit seinem Scotch, kippte ihn in einem Zug runter und ging ohne ein weiteres Wort. Bei Giovanni hatte er sich noch einen geben lassen und war dann ins Auto gestiegen.

Fuck. Nish hatte seinen Club gefilzt, die Frauen aufgescheucht und die Kunden vergrault. Aber am schlimmsten jedoch war die Vorstellung, Eve tot auf dem Parkplatz, oder vielleicht in einem der Betten seines Puffs vorzufinden. In seiner Wohnung schlief Yannis und wusste noch nicht, dass er nun ein Waise war. Wie sollte er ihm das erklären? Yannis würde doch denken, seine Mutter hätte ihn nicht mehr lieb gehabt!

„Scheiße, Eve! Wie konntest du deinem Sohn nur diesen Floh ins Ohr setzen? Wieso…?!“ Es würde den Kleinen völlig zerstören.

Brian wusste nicht so recht, wie er zu seinem Puff gekommen war. Seine Scheinwerfer erhellten den Parkplatz. Keine Leiche. Aber auch keine Autos. Keine Kunden. Er stieg aus und nahm die Maglite mit. Die helle Lichtkugel schwenkte in der Schwärze der Nacht über den geterten Boden vor dem Puff. Brian suchte den Boden nach Blutspuren ab, Schleifspuren oder irgendetwas in der Art. Und dann … Was würde er tun? Wollte er ihre Leiche wirklich sehen? Die Augen, deren Leuchten verblasst war?

Er ging auf den Hintereingang zu. Und mit jedem Schritt wuchs seine Sorge. Seit wann ging ihm diese Frau so heftig unter die Haut? Er hatte sie nur flachlegen wollen, mehr nicht! Aber die letzten Tage … Auch am Hintereingang war nichts zu sehen. Vielleicht würden die Kameras mehr zeigen. Mit einem miesen Gefühl im Bauch schloss Brian den Hintereingang auf und betrat sein Underdog. „Jenn?“, rief er. Hoffentlich hatte sie kooperiert und die Gäste alle noch rausgebracht, bevor es zu einer Schlägerei gekommen war. „Jenn, bist du da?“

„Brian?“ Jennifer kam aus dem Lagerraum heraus. „Oh, Gott sei Dank!“ Mit schnellen Schritten steuerte sie auf ihn zu und zog ihn in eine Umarmung. „Verdammt, haben die mir einen Schrecken eingejagt.“

Brian drückte Jenn fest an sich und fühlte sich ein klein wenig besser. „Wie geht es den Mädels? Sind sie oben?“ Nur langsam löste er sich von ihr, um ihr in die Augen sehen zu können.



Jennifer nickte. Ihr Make-up war verschmiert. Sie hatte geweint. Nicht, dass sie das jemals zugeben würde. „Ich habe sie alle hoch geschickt. Gesagt, sie sollen heute zusammen schlafen, denn … nein, es geht ihnen nicht gut.“ Sie trat einen Schritt zurück, sah zu ihren Füssen und zischte – ein Geräusch, das stark an ein unterdrücktes Schniefen erinnerte. Sie blickte auf, Brian direkt in die Augen. Ihre eigenen waren voller Schmerz. „Gott, Brian, sie haben jedes einzelne Mädchen…!“ Jenn sah weg.

Brian ballte die Hände zu Fäusten. Dafür würde Nish noch bluten! Und jeder seiner Männer! „Wir machen heute zu. Vielleicht auch morgen.“ Oder noch länger, wenn die Einrichtung zerstört wurde. Aber das war ihm aktuell gar nicht so wichtig. Das konnte alles ersetzt werden. „Und …“ Fuck, er brachte es nicht mal über sich, nach ihr zu fragen! „… Eve…?“

Jennifer wischte sich leise schniefend über die Augen. „Ich weiß nicht genau.“

Brian verkrampfte sich.

„Sie müsste bei dir zu Hause sein. Hat sie sich denn nicht gemeldet?“

Brian schnaubte unterdrückt. „Die Männer haben sie nicht zu mir gebracht, Jenn.“ Langsam machte er einen Schritt zurück und rieb sich über seinen Drei-Tage-Bart. „Sie hat was gesehen … gehört, dass sie nicht hätte hören dürfen.“ Also hatte Nish gewonnen und ihn trotzdem noch an den Eiern. „Hast du abgeschlossen?“

Jennifer runzelte die Stirn. „Natürlich habe ich abgeschlossen …“

„Du hast den Hintereingang vergessen“, erklärte Brian stoisch. Seine Domina und Freundin war am Ende. Versuchte nur noch irgendwie, alles zusammenzuhalten.

„Oh … aber, welche Männer? Ich habe sie doch mit Leon nach Hause geschickt?“ Schniefend strich sich Jennifer die Haare aus dem Gesicht. „Deshalb hatten wir auch keinen Schutz, als sie gekommen sind …“

„Leon? Warum?“ Brian verstand gar nichts mehr. Arbeitete Leon für Nish? Dabei hatte er gedacht, der Typ wäre loyal ihm gegenüber. So schnell konnte man sich also irren … „Komm, geh nach Hause, Jenn. Ich kümmere mich um die Mädchen.“ So konnte er den Weg nach Hause wenigstens noch hinauszögern. Die Konfrontation mit dem kleinen Jungen …

„Weil die Überwachungskamera in deinem Wohnzimmer Alarm geschlagen hat, Brian!“ Jennifer war fassungslos über die Stumpfsinnigkeit ihres Bosses. „Yannis hat geweint, vermutlich hatte er einen Albtraum, auf jeden Fall ist er in deinem Wohnzimmer herumgeirrt und hat nach Eve gesucht.“



Brians Herz machte einen Sprung, stockte und schlug doppelt so schnell weiter. Nish wusste zwar, in welchem Haus er wohnte, aber er kannte weder die Etage, noch die Apartmentnummer. Also war Eve bei ihm zu Hause sicher. Vermutlich. „Als ob der Kleine einen sechsten Sinn hätte …“ Die Sorgen fielen wie tonnenschwerer Ballast von seinen Schultern und er konnte endlich wieder richtig aufatmen. „Ich muss…“, Brian stockte. Er konnte jetzt nicht nach Hause. Er musste sich erst um seine Mädels kümmern und sich in seinem Club umsehen. Eve war in Sicherheit und hatte von all dem hier nichts mitbekommen. Und das war gut so. „Ich muss hier nach dem Rechten sehen.“

„Tu das …“ Jennifer schluckte. „Brian?“

Brian war schon dabei, sich von ihr abzuwenden und nach den anderen Mädchen sehen zu gehen, da drehte er sich noch einmal um. „Hm?“

„Umarmst du mich noch mal?“

Brian zog Jennifer in seine Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie war eine starke Frau, und sie nun so schwach und verletzlich zu sehen, ging ihm nahe. Jenn war wichtig für seinen Puff und sie musste sich hier einfach wohlfühlen. „Wir lassen morgen zu. Was hältst du davon, wenn wir morgen ein Barbecue machen? Oder irgendwas anderes.“ Vielleicht musste er länger schließen, je nachdem, wie groß der Schaden war. Das würde er Nish noch heimzahlen. Irgendwann, wenn dieser nicht mehr damit rechnete.

Er spürte sie nickten, doch er spürte auch ihre Hände an seinem Rücken leicht zittern. „Klingt gut. Barbecue klingt gut. Dann lernen die Mädchen auch mal Yannis kennen. Das wird sie freuen.“

Brian ließ Jennifer los und zwang sich ein flüchtiges Lächeln auf die Lippen. „Dann besorge ich morgen alles. Geh nach Hause, Jenn. Ich mache hier den Rest.“

Sie nickte, schniefte noch einmal und verschwand dann in der Garderobe, um nur wenig später mit ihrem Mantel und Autoschlüssel in der Hand wieder aufzutauchen. „Bis morgen, Brian.“

„Bis morgen. Ich schreibe dir, wann genau.“ Brian folgte ihr nach vorne und schloss hinter Jennifer wieder ab. Danach betrachtete er das Chaos. An der Bar sah es am schlimmsten aus. Ein paar zerbrochene Flaschen, aber nichts, was nicht zu reparieren war. Es würde wohl aber mehr als einen Tag dauern, bis er dieses Chaos wieder in Ordnung gebracht hatte. Brian ging in sein Büro, kontrollierte die Aufzeichnungen der Kamera und speicherte die letzten Stunden auf separaten Speicherkarten. Die Aufnahmen wurden alle vierundzwanzig Stunden überschrieben. So hatte er sich die Beweise extern gesichert. Er würde sie sich später ansehen müssen. Aber nicht heute.



Danach ging er die einzelnen Zimmer kontrollieren, die zwar unordentlich waren, aber nicht übermäßig. Zwei Türen würde er jedoch ersetzen müssen. Und schließlich ging er hoch zu den Mädchen. Diesen ging es rein körperlich zwar gut, aber männliche Gesellschaft lehnten sie ab. Hoffentlich würde das morgen anders aussehen. Einzig Patricia ließ sich kurz in den Arm nehmen. Brian konnte nur hoffen, dass bei seinen Mädchen keine seelischen Probleme zurückbleiben würden. Eigentlich war jede von ihnen hart im Nehmen. Er selbst hatte sie oft genug hart angepackt, um sich dessen sicher zu sein. Aber … Er schüttelte den Kopf. Er sollte sich nicht zu viele Gedanken machen. Morgen würde er die Aufnahmen sichten und sich damit beschäftigen. Fürs Erste jedoch, so beschloss er, ließ er ihnen ihren Willen.

 

Es dämmerte schon fast, als er endlich in die Tiefgarage fuhr. Leise schloss er die Tür auf und spähte in Richtung Büro. Eigentlich sollte er schlafen gehen. Aber er konnte nicht anders; öffnete die Tür. Sein Herz blieb stehen. Da lag nur Yannis, ganz allein auf dem großen Schlafsofa. Sein Atem stockte. Hatten sie sie doch mitgenommen? Hatte sie ihnen womöglich sogar die Tür aufgemacht?

„Brian?“ Verschlafen trat Evelynn aus dem Bad und beobachtete, wie Brian ihren Sohn beim Schlafen beobachtete. Sie konnte die Augen kaum offenhalten. Es hatte Stunden gedauert, bis sie Yannis wieder beruhigt gehabt hatte. Wieso nur dachte er, sie würde ihn verlassen? Er hatte sonst nie dergleichen Verhalten gezeigt … Vielleicht war der Umzug und der Verlust von Malvin und den anderen zu plötzlich gekommen. Sollte sie ihnen bald einmal einen Besuch abstatten? Sie kratzte sich am Hinterkopf. Ihre schwarzen Locken waren wirr. Brian starrte sie an. Wieso starrte er sie so an, als wäre sie ein Geist? War er wütend? „Es tut mir leid. Ich wollte nicht, ohne gearbeitet zu haben, gehen, aber…“

Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden. Plötzlich war Brian bei ihr und schlang seine Arme um sie. Viel zu fest drückte er sie an sich. Sein Herz klopfte aufgeregt und erleichtert zugleich. Er hatte sich Sorgen gemacht. Viel zu sehr. Viel zu viel. Nur einen Moment später gab er sie wieder frei, legte beide Hände an ihre Wangen und eroberte mit seinen Lippen ihren Mund.



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