Kapitel 18
Wunder wurden seit je her verurteilt und waren unerwünscht. Die Möglichkeiten und die Schönheit der Magie werden dabei völlig außer Acht gelassen. Frauen mit Gaben werden sofort geächtet und als böse abgestempelt. Dabei hält Rebecca die Magie für vorteilhaft. Ähnlich wie die Arbeit von Alchemisten. Hexen könnten viel Gutes in der Welt erreichen. So wie Clive. Er heilt Krankheiten, rettet Leben und erleichtert den Alltag mit seinem Koffer voll Wunder. Was müssen die Menschen für Narren sein, solch wundervolle Leute zu ächten!
Tänzelnd dreht sich Rebecca auf der Wasseroberfläche. Der Mond spiegelt sich zu ihren Füßen. Zum Greifen nah. Während Zola im Schneidersitz wenige Zentimeter über dem Wasser schwebt und leise vor sich hin murmelt. Undeutliche Worte, die ein Leuchten im tief im Gewässer unter ihnen hervorlocken. Auffällig wie ein Lagerfeuer in der Dunkelheit.
Ob Zola ihre Position absichtlich verrät?
Dennoch hübsch anzusehen wie die Lichter eines Stadtfestes. Für gewöhnlich würde Rebecca den Prozess hinterfragen, aber die gemeinsame Zeit mit Clive hielt ihr das Ausmaß dieser Entscheidung vor Augen. Ablenkung kann eine Kettenreaktion auslösen, die nachteilhaft werden kann.
Ein herbeifliegender Rabe hingegen lässt Zola aufblicken. In ihren Augen spiegelt sich Zorn wieder.
„Nur ein Rabe? Wo ist der Rest?“, wundert sich Rebecca laut.
Gegen ihre Erwartung erhebt sich Zola und setzt ihre Partnerin in Bilde: „Aufgeteilt und mit Illusionsmagie versehen sollten die Raben unsere Feinde in die Irre führen. Doch den Trick haben sie zu schnell durchschaut. Ihnen fiel auf, was meine tierischen Freunde entwendet haben und schlussfolgernd verschlägt es die beiden nun in unsere Richtung. Wappne dich besser und sei auf der Hut. Wir mögen uns auf dem Wasser befinden, doch deshalb sollten wir uns besser nicht in Sicherheit wiegen.“
Beide Hexenjäger bewiesen sich als professionelle Schützen. Daher gleitet Rebeccas Blick wachsam umher.
„Bist du gut im Bogenschießen?“
Zolas Frage ruft einen Schwall Erinnerungen auf. Die vielen gemeinsamen Stunden auf dem Übungsgelände. Cuno hatte nie ein Talent für Pfeil und Bogen. Er hasste die Übungen. Anders als Rebecca. Von klein auf hatte sie ein Händchen dafür. Cunos Vater staunte ebenfalls nicht schlecht und wollte sie immer mit zu einer Jagd mitnehmen, doch noch ehe Rebecca das Alter erreichte, schied Cunos alter Herr dahin. Ein solch starker und geschickter Paladin. Besiegt durch eine Grippe. Angefangen mit einem harmlosen Schnupfen. Trotz Unterstützung vom Kloster war er der Krankheit unterlegen. Der Tag, an dem Cuno den Glauben an die Kirche verlor und nur deshalb das Amt des Paladins annahm, weil er in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte. Ein Beschützer des Volkes. Der Tod seines Vaters veränderte Cuno. Seine kindliche und sorglose Welt verkümmerte und in jungen Jahren spielte er den erwachsenen Mann. Ein Kind, das Verantwortung tragen wollte. All der Fleiß und Ehrgeiz um schnell aufzusteigen, um die Familie zu ernähren. Wie Rebecca doch seine sorglose Version vermisst. Der alte Cuno hatte viel mehr Zeit für sie, konnte sorglos lachen und war offen für ihre Spielchen.
Der nächste Atemzug wird mit der guten Laune hinausgepresst. Rebeccas Blick verdüstert sich, als Zola ihr einen Bogen vor Augen hält. Kein schlichtes Ding. Aus auffälligem hellem Holz. Hochwertig wie aus dem Haus eines Adeligen. Glatt geschliffen, poliert und extrem leicht. Der Bogen liegt gut in den Händen.
„Wo hast du den denn versteckt gehabt?“ Rebecca lugt misstrauisch über Zolas Schulter und sucht nach weiteren versteckten Waffen. „Hast du einen Köcher mit Pfeilen bei dir?“
Zola wendet sich jedoch stumm von ihr ab, dabei bleibt ein Bogen ohne Pfeile unbrauchbar. Rebecca übt sich bewusst in Geduld und begutachtet den Bogen. Kaum streifen ihre Finger über das Holz, nähern sich die Glühwürmchen. Ein genauerer Blick und sie findet, die Tiere wirken ungewöhnlich groß.
„Irrlichter. Verspielte Seelen. Bereit zu helfen und zu unterstützen. Strecke deine Hand aus und sie werden sich nach deinem Willen formen“, verkündet Zola.
Skeptisch blickt Rebecca auf, doch Zola wirkt zu ernst. Zu überzeugt. Daher streckt Rebecca die Hand aus und tatsächlich fliegt eine der Lichterkugeln heran und verändert die Form. Das Ergebnis mag zufriedenstellend sein und doch zögert Rebecca aus Sorge, sie könne sich an dem Pfeil aus gleißendem Licht verbrennen. Doch es folgt kein Wärmeunterschied, als sich die Finger nähern. Zögerlich umfasst Rebecca den Pfeil, der sich energievoll anfühlt. Pulsierend wie ein schlagendes Herz. Ungläubig klebt der Blick eine Weile auf das verformte Irrlicht, bis Rebecca den Bogen spannt und nach einer Zielscheibe sucht. Eine Übung, um sich nach langer Zeit wieder aus Bogenschießen einzulassen.
Geduldig gleitet der Blick umher, bis eine Reflexion ihre Aufmerksamkeit weckt. Nun kann Rebecca hoffen, dass sie ihre Künste nicht verlernte, denn der Feind schlägt schneller zu als gedacht.
„Aufgepasst, da sind sie“, folgt ihre Warnung an die Hexe.
Cunos Vater lehrte Rebecca so vieles übers Bogenschießen, wie zum Beispiel den Haltepunkt in den Wind zu verlegen. Aber auch die Körperhaltung muss stimmen. Ein stabiler und schulterbreiter Stand gehört zu einer guten Basis. Kontrolliert und geduldig lässt sie den Pfeil durch die Lüfte gleiten. Genau rechtzeitig, um Zola zu schützen, denn die Hexenjäger verwenden hochwertige Armbrüste. Die Bolzen können eine beeindruckende Reichweite zurücklegen. So wie das Irrlicht. Rebecca staunt über die Geschwindigkeit, die das kleine Ding vollbringt und den Bolzen mit Leichtigkeit aus dem Rennen kickt. Euphorisch winkt Rebecca das nächste Irrlicht an sich heran. Das mag zwar mit quirligen Lauten angeschwebt kommen, doch Rebeccas leuchtender Pfeil kehrt wie ein Bumerang zurück. Sie mag diesen mit einem breiten Grinsen fangen, doch hinter der Geschwindigkeit steckt solch eine Wucht hinter, dass Rebecca taumelt und fast umgerissen wird.
Schnell geht es zurück in den sicheren Stand und Rebecca braucht auch nicht lange, um Torm ausfindig zu machen. Der Kerl mag gewandert sein, doch ihre Augen erfassen ihn wenige Meter von der Abschussstelle entfernt. Kaum schickt sie den ersten Pfeil los, formt sich das nächste Irrlicht und will ebenfalls abgefeuert werden. Solch einen Spaß hatte Rebecca schon lange nicht mehr. Die Pfeile gleiten ihr wie Wurfmesser aus den Händen. Zielsicher und effizient. Nur bewegt sich ihr Ziel zu schnell. Dabei schafft sie es kurz, seinen Mantel an den Baum zu nageln. Kaum will Torm nach dem Irrlicht greifen, zerfließt dieses und materialisiert sich fern von ihm, um zu Rebecca zurückzukehren. Auch Zola bleibt nicht untätig. Das Leuchten im Untergrund spricht für einen Zauber, mit der sie die Pflanzenwelt kontrolliert. Schlingpflanzen schießen wie Tentakeln aus dem Wasser und attackieren ein Ziel östlich von ihnen, woraus Rebecca schließt, dass die beiden Hexenjäger sich aufgeteilt haben. Ein kleines Ärgernis, denn Rebecca hätte viel mehr Freude daran, Derik die Hölle heiß zu machen.
Eine elegante Drehung und Zola wirbelt Wasser hinauf. Strudelartig erhebt sich die Masse und bildet eine Wand, worin Deriks Bolzen versenkt werden. Damit weckt die Hexe Rebeccas Neugier. Zu gern würde sie Zola länger dabei zusehen, wozu ihre Kameradin noch alles im Stande wäre. Doch allein der kleine Moment der Unachtsamkeit sorgt dafür, dass sie Torm aus dem Auge verliert. Schnell wird der zweite Lichtpfeil gefangen und schon spannt sie den Bogen. Diesmal mit zwei Geschossen. Einer von Cunos Kameraden konnte sogar drei Pfeile zugleich losschicken, etwas, woran sie sich versuchen mag. Doch im Verstecken könne Torm einen Orden verdienen. Er lauert im Blattwerk wie ein kluger Fuchs auf seine Gelegenheit.
Westlich schrecken Vögel auf. Darunter eine Krähe, deren Rufe Rebecca zur Seite fahren lassen. Dort, wo das Tier ruhte. Nur wenige Sekunden später stellt sie fest, dass sich dort etwas in Bewegung befindet. Doch das würde nicht mit ihrem Bauchgefühl übereinstimmen, denn sie fühlt sich noch immer aus nördlicher Richtung beobachtet.
Hatte sie sich geirrt?
„Aufgepasst!“
Zolas Ruf lässt Rebecca zusammenschrecken. Fast wären ihr die Pfeile aus den Fingern dabei geglitten. Die Wasserwand streckt sich ein Stück weiter, womit Rebecca ihren Schutz genießt. Der Bolzen kommt kurz vor Ende der Wasserwand zum Halt. Wenige Zentimeter neben Rebecca. Auf Kopfhöhe. Das wäre ein tödlicher Treffer und nur dank Zola atmet sie noch.
„Er hat mich ausgetrickst.“ Ein kurzes Keuchen, bis der Schrecken überwunden wird und sie den Kerl als kleines, teuflisches Genie mit einem bösen Grinsen ehrt. „Klug von ihm.“
Chancen wittern die Hexenjäger schnell und Zola wird es zum Verhängnis, dass sie Rebecca rettet, denn ein Rasseln verrät die drohende Gefahr. Aus dem Augenwinkel beobachtet Rebecca, wie sich eine Metallkette um Zolas Hals schnürt und die Hexe wie beim Angeln vom Gewässer fortzieht. Irre schnell. Doch Rebecca macht Derik am Uferrand aus und jagt die zwei Pfeile hinterher. Mehr ein Reflex. Angetrieben von ihrem Zorn auf diesen widerwärtigen Kerl. Allein sein selbstgefälliges Grinsen versaut ihr die gute Laune. Nun darf sich Rebecca revanchieren, denn Derik hätte seinen Fang ohne mit der Wimper zu zucken aufgespießt. Mit Enterhaken am jeweiligen Ende der Metallkette. Eine kleinere Version einer Wurfkralle, die Rebecca von der Stadtmauer kennt. Eine ehemalige kleine Verteidigungsanlage eines Kriegsberaters, der einige Jahre auf Schiffen diente und Wale jagte. Jemand, der von der Hauptstadt an den Grafen empfohlen wurde. Nur hat der Trumpf gegen den Angriff einer Hexe rein gar nichts ausgerichtet. Was muss der Kerl blöd geschaut haben, als er erkannte, dass seine Erfindung seine Zeit verschwendete.
Rebecca staunt nicht schlecht, denn die zwei Enterhaken am Kettenband müssen schwer sein. Sie spricht aus Erfahrung, denn an der Stadtmauer wollte sie den Enterhaken für ihre Zwecke nutzen, nur bewegte sich das Werkzeug nicht von der Stelle. Egal, wie viel Kraft sie anwandte. Derik wird gezwungen, die Lichtpfeile abzuwehren, denn diese schlagen nicht einfach im Ziel ein, sondern rotieren gegen die Kette, die er zum Schutz hochhält. Funken springen durch die Drehbewegung und Deriks Kampfschrei geht durch Mark und Bein.
Zola mag zu Boden fallen und doch streckt die Hexe den Arm aus, woraufhin sich das Wasser ihrem Willen beugt und sich am Handgelenk hinauf schlängelt. Rebecca weicht mit Leichtigkeit Torms Bolzen aus und lacht freudig, denn die Hexe haucht dem Wasser Leben ein. Es ändert die Form zu einer Schlange, die sich von Zola löst und bei Derik zuschnappt. Der Hexenjäger stürzt schreiend zu Boden, während sich Zola akrobatisch aus den Ketten angelt und mit einem Rückwärtssprung ins Wasser abtaucht. Beute, die vorerst unerreichbar wirkt, daher fällt Deriks Blick auf Rebecca, womit sie ins Visier beider Hexenjäger gerät. Denn Rebecca unterschätzt Torm aufs Neue. In kurzen Abständen kommen seine Bolzen angeschossen. Tänzelnd weicht sie aus. Ein Pfeifen, und die Irrlichter kehren zurück, dabei entkommen diese Deriks Griffen. Der Kerl wollte die Pfeile mit seinen Enterhaken zerteilen. Doch auch die Irrlichter zeigen sich als flinke Genossen.
Kaum gefangen setzt Rebecca die Pfeile ein und visiert Derik an, dieser schwingt die Kette mit ordentlich Kraft. Ein Wurf und einer seiner Enterhaken kommt angeflogen, doch aus dem Sumpf erheben sich die Schlingpflanzen und wickeln sich um die Kette, um diese in die Tiefen des Gewässers zu ziehen. Derik spielt Tauziehen, als wolle er seine geliebte Waffe nicht aufopfern, dabei gerät er in Rebeccas Visier. Mit einem dreisten Lächeln feuert Rebecca die Irrlichter ab und streicht einen Feind von ihrer Liste. Für sie wäre er somit ein toter Mann, wäre da nicht sein Partner, der einen Bolzen lossendet, um die Irrlichter von der Seite zu kicken und somit die Flugbahn zu verändern. Beeindruckt pfeift Rebecca.
Das Tauziehen gewinnt Zola. Derik gleitet die Kette aus den Händen und kann nur zusehen, wie diese tief im Moor versinkt.
„Verfluchte Hexe!“, jault der geprügelte Hund.
Zu Rebeccas Erheiterung. Kichernd fängt sie die Irrlichter, als plötzlich ein Surren ihre Aufmerksamkeit weckt. Etwas schneidet durch die Luft. Erneut unterschätzte sie Torm, denn dieser brachte eine gewaltige Distanz in kürzester Zeit hinter sich und schwingt mit dem Drahtseil auf sie zu. Rebecca bleibt keine Zeit, zu reagieren, der Kerl erwischt sie mit dem Knie in der Magengrube. Kraft und Geschwindigkeit reichen aus, um sie Richtung Ufer zu befördern. Rebecca überschlägt sich am Land mehrere Male. Der Rückschlag lässt sie Magensäure erbrechen, während Torm vor ihr landet. Gekonnt bedient er die Armatur an seiner Hüfte, woran das Seil zurückkehrt und sich einrollt. Während sein glühender Blick auf ihr ruht.
„So viel verschwendetes Potenzial“, summt der Kerl und tritt aus.
Rebecca entweicht ein Keuchen. Diesmal trifft es sie an der rechten Flanke.
„Torm! Die verfluchte Hexe hat mir meine Kette gestohlen! Du bist ja mit der Diebin beschäftigt, also wirf mir mal deine Kette rüber!“
Doch Torm schenkt ihm keine Beachtung und findet mehr Spaß daran, eine am Boden liegende Frau zu treten. Nun zeigt sich der Sadist, den er krampfhaft versteckt. Die Pausen werden immer kürzer hinter den Tritten, dass Rebecca immer wieder das Gefühl überkommt, das Bewusstsein zu verlieren. Sie findet keine Gelegenheit zum Ausweichen. Und doch ziert ein Lächeln ihre Lippen, denn Derik hasst es, ignoriert zu werden und dreht der Gefahr den Rücken zu. Somit sieht keiner der beiden, Zola auftauchen. Das Grünzeug aus dem Gewässer wirbelt durch die Luft und streckt die Fühler nach Derik aus. Leise und mit langsamen Bewegungen. Somit dreht sich der Kerl zu spät um. Dann, wo sich die Pflanze um seine Beine und seinen Hals wickelt und ihn mit einem Ruck ins Wasser reißt. Sein Schrei hallt nach und lässt Torm herumfahren. Der Moment, um sich auf die Beine zu kämpfen, auch wenn Rebecca schwankt und verschwommen sieht. Nichts, was sie zum Aufgeben zwingen wird. Bis zum bitteren Ende will sie kämpfen. Nicht bereit, ihr Leben zu geben, zumal der Lohn eine saftige Beute verspricht.

































































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