Kapitel 27

Leeres Starren während der Geist weit abdriftet und kaum begreifen mag, wie es ihn an jenen Ort verschlagen konnte, überkam Clive zuletzt, als er sein Elternhaus verließ und sich in den Magisterturm einquartierte. Koffer und Gepäck liegen ungerührt auf dem Boden, während er in Unverständnis badet.

Wie konnte ihn das Schicksal so verteufeln?

Kaum verließ er den Turm, wich er vom Pfad ab. Angewiesen auf Herzog Lysanders Gunst lief das Treffen mit seiner geliebten Hexe alles andere als vorteilhaft. Laut seufzend fährt sich der Alchemist durchs Haar und schreckt somit die Manabestier auf. In Abwesenheit von Jenara verhielt sie sich wieder schläfrig, wie ein Ofen, dem das Brennholz ausgeht.

 

Ein Klopfen lässt ihn herumfahren. Nicht zaghaft, sondern voller Entschlossenheit. Clive fürchtet Besuch von ihrem Gastgeber, den er ungern warten lassen mag, um das Missverständnis besser schnell zu klären. Doch kaum öffnet sich die Tür einen Spalt, bekommt er den glühenden Blick der Hexe Jenara zu sehen. Eine Frau mit vielen Facetten. Ihr langes Grinsen wirkt so teuflisch wie bei den vielen Begegnungen mit Luela. Ein gewagter Besuch. Sicherlich eine Provokation Lysander gegenüber. Was die beiden auch für ein fieses Spiel gewählt haben, Clive will ungern in die Sache verwickelt werden, was dazu führt, dass er instinktiv die Tür zuknallt und sich gegen diese stemmt, als müsse er ein Monster davor bewahren, ins Innere zu dringen. Seine sichere Festung vor welcher Prüfung auch immer. Ausgerechnet in Cunos Abwesenheit, denn auch der Paladin zeigt wenig Interesse daran, auszupacken. Stattdessen wandert er durch die Festung und beäugt die Sicherheitsmaßnahmen. Alles mit Absprache und Clive gab ihm seinen Segen, denn wer könnte schon ahnen, dass Jenara verbissen bleibt.

 

Mit Gesang wird die Manabestier aktiv. Erneut in der Anwesenheit einer Hexe. Anders als bei Sina, obwohl sie ebenfalls Wunder vollbringt. Allein das sollte bestätigen, dass Sina zu einer anderen Gattung gehört. Die sanften Melodien verleiten Clive dazu, den Blick von der Tür zu lösen, um den überausgroßen Singvogel an den geöffneten Balkontüren auszumachen. Starkes Schneegestöber weht in die Räumlichkeit herein, was ihn augenblicklich zum Handeln zwingt. In Windeseile sind die Balkontüren geschlossen und verriegelt. Der Blick fällt auf die Schneespur, die bereits im erwärmten Zimmer zu Schmelzen beginnt. Anstehende Arbeit, die ihn laut seufzen lässt, denn die vielen Putzaktionen waren tägliches Brot im Magisterturm. Unter strenger Aufsicht, sodass er den prüfenden Blick der Aufseher noch heute im Nacken spürt. Daher folgt die Suche nach Putzutensilien. Eine Drehung, und sein Herz macht einen schmerzhaften Aussetzer, denn Jenara befindet sich direkt hinter ihm. Sie mag die Manabestien mit Streicheleinheiten verwöhnen, aber ihr Blick klebt weiterhin auf ihn.



 

„Jenara?“ Die Stimme ungewöhnlich schrill und das Lächeln auffällig künstlich. „Wie kann ich dir helfen?“

Völlig ungezwungen macht sie sich einfach auf seinem Bett breit, als wäre es ihr Quartier. Anscheinend amüsiert sie die Tatsache, wie sie ihn in Verlegenheit bringt, denn das Lächeln in ihrem Gesicht gewinnt an Größe. Als sie das eine Bein über das andere überschlägt, rüttelt Clive ein entscheidendes Detail wach, das er Traurigerweise die ganze Zeit über ausgeblendet haben muss. Beschämend für einen Alchemisten, der auf der Heilungskunde wandelt. Der Griff zum Koffer folgt schnell und so betrachtet Clive den Schaden aus nächster Nähe. Dabei kniet er vor ihr und staunt über ihren mentalen Zustand bei solch einer schwerwiegenden Unterkühlung. So fortgeschritten, dass die Haut an den Beinen bereits marmoriert und einen bläulichen Farbton erreichte. Die Schmerzen müssen unerträglich sein und doch verzieht Jenara keine Miene. Von den Zehen aufwärts bis hinauf zu den Knien und ausgerechnet beide Seiten sind betroffen. Kälte, die wie ein Parasit auf ihn überspringen mag. Vielleicht sind ihre Nervenleitungen bereits taub gelegt, denn das würde ihren geistigen Zustand erklären. Die Sorge wächst, was passiert, wenn das betroffene Gewebe erwärmt wird. Schlimmstenfalls wird eine Amputation zum Einsatz kommen, um zu verhindern, dass sich totes Gewebe ausbreitet.

 

„Wie könnt Ihr Euch in diesem Zustand bewegen, als erfreut Ihr Euch bei bester Gesundheit?“, spricht der Unglaube aus Clive.

Ein Blick hinauf zeigt noch immer ihr ehrliches Lächeln. Eine völlig andere Version als die im großen Saal.

„Sorgt dich nicht, Clive. Das ist der Preis für meine Gabe und ich habe gelernt, mit dem Schmerz zu leben. Er nährt mich und hält mir immer vor Augen, dass ich noch lebe.“

Nicht bereit, diese Aussage hinzunehmen, blickt Clive auf und nimmt sich vielleicht das Unmögliche vor. „Ich suche nach Heilung sollten meine Praktiken versagen.“

Ein Vorhaben, das die Hexe zu Tränen rührt. Stumme Tränen. Tränen, die Clive immer aufs Neue zu sehen bekommt, wenn er Hoffnung in dunklen Zeiten verspricht. Auch wenn dieser Fall ihn auf die Probe stellen wird.




„Wie lange kämpft Ihr schon mit der Unterkühlung?“

Er braucht Fakten, auch wenn seine Gedanken um eine Behandlung kreisen.

„Sei nicht so förmlich, Clive“, fordert die Hexe sanft und pausiert mit glühendem Blick, als genieße sie die Röte in seinem Gesicht. Eine unangenehme Verlegenheit. Nicht angebracht. Nicht professionell und doch schafft sie es, ihn aus dem Konzept zu bringen. Um wenig später ihm die gewünschte Antwort zu liefern. „Seit dem Erwachen meiner Macht. Fast vier Jahre sind seither vergangen.“

„Unmöglich!“ Er schüttelt den Kopf. „Solch eine Unterkühlung würde unbehandelt schnell zum Tod führen. Habt Ihr…“ Kurz ermahnt er sich im Stillen, um ihre Bitte nachzugehen. „Hast du versucht, Wärme anzuwenden.“

„Wärme raubt mir das Bewusstsein.“

Ihr Kopf dreht sich fort und die Locken fallen ihr in Gesicht. Der trübe Blick macht den Eindruck, als suchen die Schrecken der Vergangenheit sie heim.

 

Sobald die betroffenen Gefäße sich durch Wärme erweitern und das Blut im gewohnten Zustand zirkuliert, soll sich der Schmerz unerträglich stechend und heiß anfühlen. In Jenaras Fall sicherlich überfordernd. Die Bewusstlosigkeit wird sicherlich eine Schutzreaktion ihres Körpers sein. Der Gedanke an getränkten Tüchern aus erwärmtem Wein schiebt der Alchemist daher in den Hintergrund. Ungern möchte er seine Patientin unnötig leiden lassen und ihr die Behandlung so angenehm wie möglich zu gestalten.

„Ich lebe seit fast vier Jahren mit dem Zustand, daher eilt dein Unterfangen nicht. Eigentlich suche ich dich auch aus einem anderen Grund auf. Denn hast du schon mal von Seelenkommunikation gehört? Von Schwingungen, Impulsen und Gefühlen, die du unbewusst ausstrahlst?“

Ein Themawechsel, der ihn aufhorchen lässt.

„Dein Wissensdurst ist beachtlich, Clive. Ich spüre deine positive Offenheit für uns Hexen. Für die Magie und das Interesse an Manabestien. Dir liegt mehr wie ein Wunsch auf dem Herzen. Viele bezogen auf deinen magischen Freund. Ich las dein Vorhaben, mich im Vertrauen aufzusuchen, um mehr über die Manabestier in Erfahrung zu bringe. Ich spüre die Verbindung zu der Hexe Luela und was ihr Ableben in dir auslöst. Lass mich dir versichern, dass ein Teil von Luela in dem Vogel weiterlebt. Anders als du hoffst. Denn Luela hatte eine Tochter, die ihr gewaltsam schon nach der Entbindung entrissen wurde. Du magst es kaum glauben, aber Luela und ich haben eine Verbindung. Ein gemeinsames dunkles Kapitel. Ich mag sie nicht als Freundin betiteln, aber wir hielten für einen kurzen Zeitraum zusammen. Nenne es ruhig Kriegsschwestern, um aus den Fängen unser Peiniger zu entkommen. Als ich nach einem zufälligen Treffen von ihrem Verlust erfuhr, fühlte ich mich verantwortlich für ihr Bündel. Ich nahm mir vor, nach dem entführten Kind zu suchen, denn Luelas Geist war unerreichbar. Sie brannte in einem Feuer aus Rache und Hass. Geblendet vom Wahn. Ich hoffte, ihr helfen zu können, wenn ich ihre Tochter finde und sie ihr zurückbringe. Tatsächlich wurde ich nach langer Suche fündig und ich schaffte es, das Kind einem Adeligen zu entreißen. Jemand mit viel Einfluss und im Besitz von talentierten Jägern. Keine Hexenjäger und doch verbissen genug, um mich auch meilenweit aufzuspüren. Ich mag ihnen geschwächt entkommen sein, doch das Kind, was ich krampfhaft beschützen zu hoffte, wurde im Kampf so schwer verletzt, das es in meinen Armen verstarb. Nicht weit von unserem jetzigem Standort erschuf ich ihr ein prachtvolles Begräbnis und traute mich seit jeher nicht mehr unter Luelas Augen.“



 

Die bittere Pille des Versagens schafft auch Clive nicht zu schlucken. Auch er konnte Luela nicht retten. Jenaras Geschichte erschüttert seine Seele. Mehr als ihm lieb ist. Daher lässt er den Kopf hängen und schluckt den Zorn auf all die Ungerechtigkeit in dieser Welt hinab.

„Heb dein Haupt, Clive. Denn ich muss dir danken, du hast mir Luelas Tochter zurückgebracht. Ihr Name lautet Selene, bezogen auf den Mond, den Luela jede Nacht aufs Neue sehnsüchtig betrachtete und dessen Anblick ihr Trost brachte.“

Als habe die Manabestier nur auf den Moment gewartet, wo ihr Name fällt, singt Selene lauter und kräftiger. Ein langes Lied, was eine gewisse Trauer nicht verhüllen kann. Ein bläulicher Schimmer breitet sich im schwarzen Federgewand aus. Zuerst ganz schwach, bis die Spitzen zu leuchten beginnen. All der Goldstaub, den der Vogel im Flug verliert, wechselt ebenfalls die Farbe. Leuchtend blau rieselt die fremde Substanz über ihre Köpfe. Wie ein leichter Schneefall. Ganz sanft und begrüßend.

 

Jenaras lautes Staunen lässt Clive begreifen, welches Wunder der Vogel vollbringt. Ein Blick auf die Beine der Hexe zeigt, wie die Unterkühlung zunehmend schwindet. Auch die Schwellung geht zurück und offenbart die langen, muskellösen Beine der Hexe. Glücklicherweise scheint es sich um keine schmerzende Prozedur zu handeln. Auch wenn Jenara Tränen verlieren mag, doch es macht den Anschein, als sei der Auslöser ehrliche Freude über ihre Heilung. Als Clive sich erhebt, springt die Hexe auf und betrachtet die Beine ausgiebig. Die Hände gleiten über das geheilte Fleisch, um wenig später die Arme in die Höhe zu strecken. Selene folgt ihrer Aufforderung und landet auf ihrer Brust, um vorsichtig umarmt und mit Streicheleinheiten verwöhnt zu werden. Ein rührender Anblick und ein Moment der nur den beiden gehören sollte, daher dreht Clive ihnen den Rücken zu und hält all die neuen Informationen schriftlich fest. Selene gehört seiner Meinung nach an Jenaras Seite und er freut sich, dass die beiden wiedervereint sind. Ein Hoffnungsschimmer, den er selbst brauchte, in den dunklen Zeiten.

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