Kapitel 28

All die vielen lebendig wirkenden und funkelnden Effekte hält Clive zuerst für Einbildung. Verschuldet durch die ansteigende Müdigkeit. Selbst die Feder kratzt ungewöhnlich hart über das Pergament, sodass Clive diese freiwillig zur Seite legt und die Brille abnimmt. Ein kurzes Gähnen und er lauscht den Schritten im Hintergrund. Vertieft in seiner Arbeit vergaß er seinen Besuch. Noch immer geprägt von überschwänglicher Freude, schnappt sich Jenara seine Hand und reißt hinauf vom Stuhl. Mit solch einer Geschwindigkeit, dass er glaubt, sein Gleichgewicht zu verlieren. Kaum erreicht er den stabilen Stand, drückt Jenara ihm die Brille in die Hand. Diese setzt er kompromisslos auf und mag mit ihr schimpfen, doch die Veränderung ihrer Umgebung bleibt ihm nicht verborgen. Statt in der Burganlage stehen beide plötzlich auf einer Wiese. Mitten im hohen Gras und umgeben von unzähligen Mondblumen. Der Schatz, den Clive in Graf Byloms Reich lockte. Umgeben von solch schönen Blütenkelchen juckt es Clive in den Fingern, nicht mit der Ernte zu starten. Aber im Schein des Mondes erstrahlt Jenaras Gestalt besonders schön. Ein Rundumblick zeigt eine endlose Wiese. Fern von Städten und Dörfern. Über ihnen spannt sich ein gewaltiges Sternenzelt, und auch ein Schwarm Glühwürmchen tritt heran. Von Schnee und Kälte fehlt jede Spur.

Ein Anblick, der für Sprachlosigkeit sorgt. Antworten kann sicherlich nur Jenara liefern, doch kaum erfasst er die Hexe, legt sie sämtliche Distanz zurück und umfasst mit ihren Händen sein Gesicht. Somit schafft er es nicht, ihrem Kuss zu entkommen. Noch immer mag die Hexe eine Kühle mit sich bringen, doch die eisige Kälte scheint sich gelegt zu haben. Ihre Lippen mögen nur kurz auf seinen liegen und doch ist das Ergebnis vernichtend. Aus Reflex umfassen seine Hände ihre Hüfte, um sie schwungvoll von sich fortzureißen. Eine kurze Berührung. Nicht länger als nötig. Nähe, die er nicht zulassen wollte. Nähe, die ihm den Kopf kosten kann. Frustriert und erschüttert murrt er leise, um sich bei der Hexe zu beschweren.
„Ich bitte solche Aktionen zu unterlassen! Dieses Verhalten ist unangebracht!“
Doch Jenara kichert erheitert und blickt, als amüsiere sie sich ehrlich.




„Du bist schüchtern, Clive. Das ist niedlich“, säuselt sie.
Er zischt die Luft verärgert aus, denn somit bekommt er das Gefühl, von ihr nicht ernst genommen zu werden. Kaum macht sie den nächsten Schritt auf ihn zu, streckt er den Arm aus und fordert Abstand. Tatsächlich hält Jenara inne. Grinsend. Als plane sie weiter, ihn zu schikanieren. Und tatsächlich treibt es die Frau auf die Spitze, als sie ihre Arme ausbreitet, als fordere sie ihn zu einer Umarmung auf. Noch viel schlimmer ist das, was danach aus ihrem Munde folgt.
„Du hast mir Selene zurückgebracht, dafür bin ich dir etwas schuldig. Ich erfülle dir jeden Wunsch. Wenn du magst, gehöre ich dir.“
„Distanz.“ Clive muss nicht mal überlegen, um seinen Wunsch zu äußern. „Dann wünsche ich mir eine gesunde Distanz zwischen Fremden.“
Der darauffolgende Schmollmund beeindruckt ihn keineswegs. Doch Jenara schenkt seinen Worten keinen Glauben, wie sie mit ihrer nächster Aussage zeigt: „Ich verstehe. Du brauchst Zeit. Deine Schüchternheit habe ich zu akzeptieren. Bis dir im Klaren ist, was du wirklich möchtest, weiche ich nicht von deiner Seite.“
Ihre Reaktion fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Ihre Sturheit konkurriert wahrlich gut mit der von Herzog Lysander. Die beiden wären ein gutes Paar.

„Deine Chance, Alchemist.“ Ein Windzug streift ihn und ihr Atem hängt an seinem Ohr. „Ich liefere dir sämtliche Antworten auf all deine Fragen. In Bezug auf Luela. In Bezug auf Magie und der Magiebestien.“
Der angestaute Frust über ihr albernes Verhalten macht es leicht, mit einer unverschämten und gewagten Frage rauszurücken.
„Wie viele Menschenopfer erfordert dein Zauber, um eine Stadt zu vernichten?“
Jenaras Augen weiten sich und ihre Miene wirkt wie versteinert. Deutlich kühler hinterfragt sie: „Wie kommst du darauf?“
„Meine Informationen basieren aufgrund einer sicheren Quelle. Luela opferte vier Seelen von königlichem Blut. Daher frage ich dich, was deine Macht verlangt?“
„Misstrauen“, spricht sie gedehnt und mit einer plötzlichen Feindseligkeit, dass Clive fürchtet, nicht lebend zurückzukehren. „Mut oder Leichtsinn verleiht dich zu solch einem Schritt. Deine Wahl könnte dich teuer zu stehen kommen. Sei froh, dass ich dir friedlich gesinnt bin. Denn für gewöhnlich hüte ich meine Geheimnisse eisern. Bist du sicher, dass du eine ehrliche Antwort willst? Ich rücke die Information nur unter der unbeugsamen Bedingung der Schweigepflicht heraus. Niemand anderem wirst du davon berichten können. Solltest du meine Bedingung brechen können, dann erwartet dich ein grausamer Tod! Schon schlimm genug, dass du deine Nase in eine Materie steckst, die Sterbliche nichts angeht.“




Statt Furcht wird Clive hellhörig. „Sterbliche? Willst du mir sagen, ihr Hexen seid unsterblich?“
Unheilvoll kichert Jenara und behauptet: „Streng dein Köpfchen an und du wirst die Antwort allein finden. Oder willst du stattdessen meine Gnade für die offensichtlichen Fakten verschwenden? Ich erlaube dir nicht mehr als eine Frage.“

Ein widersprüchliches Verhalten!
Kaum zu Ende gedacht, nickt Jenara und lässt ihn erschaudern, denn es macht den Anschein, als könne sie seine Gedanken lesen.
„Du hast meine Laune getrübt. Daher änderte ich meine Meinung. Ich erkenne eine potenzielle Gefahr in dir. Daher genieße ich deinen Wissensdurst mit Vorsicht. Du magst mir auf Anhieb ans Herz gewachsen sein, aber ich kenne keine Freunde. Ich kenne nur Fremde und Bekannte. Du magst strahlen und mir ein Gefühl von Sicherheit schenken, doch trügst du mich womöglich? Ich kenne keine Antwort darauf und auch du scheinst nicht zu begreifen, wie deine Seele Wellen schlägt. Ungenutztes und unbekanntes Potenzial. Wie wird dich dieses Wissen verändern? Ich kann dich lehren, Leute zu manipulieren. Allein durch deine Aura, doch dann bin ich dir keine Antwort auf die Frage mit den Opfern schuldig. Daher wähle, Alchemist. Willst du Gewissheit oder Macht?“
Ein netter Versuch!
„Wissen ist Macht!“, zitiert er seine Lehrkräfte.
Daraufhin meint er Anerkennung in ihren Augen vorzufinden, doch Clive will nicht unbedacht handeln und trifft daher einen Entschluss.
„Ich halte mich mit meiner Frage vorerst zurück und fordere etwas Bedenkzeit.“
Mit einem Nicken lässt sich Jenara tatsächlich darauf ein, auch wenn sich ihre Haltung ändert. Sie wird still, als säe er noch mehr Misstrauen. Ein Schnippen, und die Umgebung verblasst. Stattdessen zeichnen sich die vertrauten Konturen des Zimmers ab, das Clive in der Burg erhielt.

Eine bekannte Umgebung. So hofft Clive, denn Magie kann ihn jederzeit täuschen und in eine gefährliche Lage bringen. Aufatmen kann der Alchemist, als er Selene am Bettpfosten findet. Obwohl Jenara die Tür ansteuert, scheint die Manabestier ihr nicht zu folgen. Etwas, das Clive nicht gutheißen kann.
„Du solltest Selene mit dir nehmen, Jenara.“
Die Hexe dreht sich tatsächlich um und lächelt fies. „Niemand hat ihr vorzuschreiben, wem sie dienen soll. Selenes Herz ist größer, als du glaubst. Sie erkennt, wie schutzlos du bist und weicht daher nicht von deiner Seite. Fühl dich geehrt, denn sie erwählte dich.“




Erneut wird Clive unterschätzt. Dank all ihrer Provokationen verleiht es ihn, seinen Argwohn auszusprechen: „Ich brauche keinen Schutz!“
Eisige Winde wehen heran und innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde materialisiert sich Jenara vor ihm. Mit einem spitzen Eiszapfen in der Hand, der die Form eines Dolches trägt. Eine Waffe, die sie ihm an den Hals legt und die nicht zu schmelzen droht. Eis, das wie Metall schneidet. Er spürt den Einstich und wie ihm Blut den Hals hinabläuft. Und doch stiert er Jenara furchtlos entgegen. Nicht bereit, seine Niederlage einzusehen. Selene eilt herbei und schiebt sich zwischen die beiden. Sie breitet ihrer Flügel aus und vertreibt mit einem schrillen Schrei den ungebetenen Gast. Zu Jenaras Erheiterung. Denn die Hexe mit der Eismagie lacht leise, während das Eis in ihrer Hand zerspringt.
„Das wird interessant. Ich behalte dich im Auge, Clive. Erwarte keine Distanz, denn die gönne ich dir nicht. Zu entzückt bin ich über dein Verhalten.“
Damit wäre alles gesagt und Clive erhält endlich seine wohlverdiente Ruhe. Zeit, um die Wunde zu versorgen. Nur ein kleiner Schnitt. Nicht tief. Ein Mittel zur Einschüchterung. Somit stuft er Jenara als gefährlich ab. Sie verändert ständig ihr Verhaltensmuster, wodurch sich ihr wahres Wesen schwer einschätzen lässt.

Hinter verschlossener Tür und fern aus Jenaras Blickfeld fällt die harte Schale. Die Beine zittern, der Schweiß perlt ihn von der Stirn. Auch er spielte seine Rolle. Das Bett dient als kurze Sitzmöglichkeit, um die Gedanken zu sammeln und neue Pläne zu schmieden. In Gesellschaft von Selene. Die Manabestier zeigt sich verschmust und genießt seine Streicheleinheiten. Während ihm eine Erkenntnis einholt, denn ohne Hilfe bleibt er Jenara unterlegen. Jelko um Rat zu fragen wäre das nächste Unterfangen. Dafür will er Sina um Hilfe bitten. Die Meeresbohne könnte der Schlüssel zur Lösung sein. Jenara drängte sich ihm auf. Ähnlich wie Luela. Er fürchtet, dass Jenaras Entscheidung nichts mit Dankbarkeit zu tun habe. Denn auch Luela konnte ihm erst etwas anhaben, als er sich ihr durch den aufgedrängten Kuss unbewusst öffnete. Jenara scheint ebenfalls Ziele und Pläne zu verfolgen und er fürchtet eine jede Handlung als Taktik und gut durchdacht. Nie können sie sich sicher sein, ob Jenara wirklich ihre Verbündete spielt. Denn sie könnte ihre Spielchen mit ihnen treiben. Vielleicht sollte er seine einzige Frage nutzen, um ihre wahren Absichten zu enthüllen, bevor Rebeccas Rettung aufgrunddessen scheitert. Doch auch in diesem Fall mag Clive die Meinung von seinem Geisterfreund einholen. Sina müsste sich noch bei den Pferdeställen befinden, daher folgt der Griff zum Mantel und schon verlässt er gemeinsam mit Selene das Gemach. Auf der Suche nach Antworten.



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