Kapitel 31

Die Stille wirkt unangenehm, fast schon beleidigend.

Ein Gelehrter als Begleitschutz–es klingt in jeder Hinsicht lächerlich.

Ob Provokation oder blindes Vertrauen, dennoch überschreitet Jenara eine klare Grenze. Ermüdet von dem Spiel stützt Herzog Lysander seinen Kopf und übt sich in Schweigen. Cuno hingegen erhebt sich beleidigt und tritt ganz nah an Jenara heran. Statt eingeschüchtert zu wirken betrachtet die Eishexe ihn abschätzig.

„Im Auftrag von Graf…“

Rebellisch reckt die Hexe ihr Kinn und hebt abwehrend die Hand. „Erspar mir das!“

Cunos hochroter Kopf spricht für einen anstehenden Wutausraster, daher eilt Clive herbei.

„Mit Verlaub, Jenara, gibt sich dieser Mann wahrlich Mühe, dich zu dulden, obwohl du seine Heimat zerstört hast. Behandele ihn doch bitte mit mehr Respekt und mach eine Kooperation nicht allzu schwer. Zumal er als Paladin die Ausbildung von Soldaten übernimmt und mich gut einschätzen kann. Ich denke, alle Anwesenden sind sich einig, dass ich nicht die nötigen Qualifikationen für die Beschützerrolle aufweise. Zumal ich ein sehr beschäftigter Mann bin und meine Lehre nutze, um anderen Menschen zu helfen.“

Cunos Kiefer bleibt steif und noch immer stiert er Jenara provokant an, doch die Hexe scheint das Interesse an ihm verloren zu haben und betrachtet Clive interessiert.

 

„Mit Verlaub…“, imitiert sie ihn lächelnd, „Waffen und Muskelkraft sind nicht von Nöten, Clive. Von allen Anwesenden besitzt du als Einziger die nötigen Qualifikationen für die vorhergesehene Rolle. Intelligenz und räumliches Vorstellungsvermögen. Ich lehre dich eine andere Form von Wissenschaft. Auch Männer können Wunder vollbringen. Nur muss dein Geist offen für neues Wissen sein. Sollte Herzog Lysander Hexen in seinen Kreis aufnehmen, können wir beide gemeinsam die Ausbildung übernehmen und ihnen neue Wege ebnen.“

Jenaras Augen glühen vor Zuversicht und Clive gesteht, dass ihr Vorschlag sein Interesse wecken konnte. So wie bei dem Gelehrten, der die Karten an den Tisch brachte. Mit einem Wurf seiner Kapuze offenbart der Mann mittleren Alters seine Glatze und seine wasserblauen Augen, die vor Entschlossenheit strahlen.

„So wie ich das sehe, würde ich die Anforderungen ebenfalls erfüllen und im Gegensatz zu dem Alchemisten suche ich keine Ausreden. Ohne zu zögern würde ich in deine Lehre begeben, Jenara.“



Hoffnung keimt, dass sich Clive somit ohne Ablenkungen seinem Wissenszweig widmen kann. Doch Jenara würdigt dem Gelehrten keines Blickes, doch tiefe Schatten legen sich über ihr Gesicht und ihre Mundwinkel fallen hinab.

„Mein Wissen teile ich nicht mit jedem Fremden!“, giftet sie und fährt wie eine Furie herum. Mit bebenden Schritten Richtung des Geografen, sodass sich Herzog Lysander erhebt und sie erneut mahnend nennen muss. Doch Jenara will sich diesmal nicht bremsen lassen und versucht sich an den Herzog vorbei zu schmuggeln. Nur unterschätzt sie seine hervorragende Reflexe und eine Flinkheit, die selbst Cuno bereits zum Verhängnis wurde. Im Nu packt er sich Jenara und trägt sie kompromisslos aus dem Besprechungsraum, trotz ihrem lauten Protest und den prasselnden Fäusten. Trotz Wunder verzichtet sie auf Magie, um sich von ihm loszureißen. So fällt es Lysander leicht, den Raum zu wechseln und ein Gespräch mit ihr fern von den anderen zu suchen.

 

„Was für ein Biest!“, spricht Jerome den Gedanken aus, der sicherlich in vielen anwesenden Köpfen spukt.

Cuno begibt sich zögerlich zu Lazarus und schnappt sich von einem Beistelltisch eins der Gläser, um Lysanders Bruder aufzufordern: „Randvoll bitte.“

Lazarus entblößt seine Zähne mit seinem freudigen Grinsen und befüllt auch sein Glas mit Wein. So stoßen die beiden kurz an. Ein Nervengift, das Cuno in einem großen Schluck hinunterspült.

„Mein Bruder hat einen guten Frauengeschmack“, haut Lazarus plötzlich heraus.

Cuno funkelt ihn genervt an und knurrt sogar. „Wie gedacht trifft dieses Hexenweib deine Vorlieben. Sie ist genauso laut wie du es bist!“

„Haha! Wohl wahr!“, gesteht sich Lazarus ein und holt sich Nachschub vom Wein.

Der Becher Wein lockert die Zunge. Auch beim Paladin, denn dieser behauptet überzeugt: „Da ist Clives Hexe ein wahrer Engel! Was sind wir mit Sina gesegnet. Sie mag launisch sein, aber niemals egoistisch.“

Worte, die Sina nicht unberührt lassen und ihre Wangen färben, während Clive eine Sache klarstellen mag.

„Sina ist nicht meine Hexe. Sie wurde zu meine geschätzte Assistentin und darf nun in meine Lehre.“

Doch Cuno schenkt ihm kein Gehör und berichtet Lazarus völlig unbeschwert: „Hättest ihn sehen müssen, wie er vor dem Grafen stand, und alles auf Spiel für ihre Freiheit setzte. Der Beginn seiner kleinen Rebellion…“



Ein wahrlich unangenehmes Thema. Clive mag sich von dem Gespräch abwenden, doch Sina erhebt sich und entnimmt Cuno den Becher, bevor er noch mehr Alkohol konsumieren kann. Ihr strenger Blick scheint Wirkung zu zeigen, denn Cuno wird plötzlich ganz still. Während Lazarus lauthals lacht.

„Die Hexe hat dich ja ganz schön im Griff, Paladin!“

 

„Fee! Nicht Hexe! Und ich denke, ihr beiden habt genug hiervon!“

Kompromisslos entwendet die Karaffe mit dem Wein und trägt diese davon.

„Hey!“, beschwert sich Lazarus.

Doch Cuno erhebt sich mit einer Forderung: „Sie hat Recht. Komm, du bist doch sicherlich viel gereist. Lass uns mal einen Blick auf die Karten werfen und erzähl mir mal was über die Gegend. Wir wollen die Hexenjäger angreifen. Warst du schon mal in deren Nähe?“

„Oh!“ Lazarus reibt sich freudig die Hände. „Ganz nah, mein Freund. Ich meine, wer zeigt kein Interesse an ihrer kleinen Festung und ihrem strengen Training. Ich habe die Kerle sogar aus der Ferne beobachtet…“

Jerome folgt dem Aufruf ebenfalls und so tummeln sich die drei Kerle um den Gelehrten und beugen sich über die Karten. Die Verzweiflung des Geografen steht dem Kerl in jenem Moment ins Gesicht geschrieben, als Lazarus und Jerome Feder und Tinte nutzen, um die Karte nach Belieben zu beschriften. Zu leise sind die Widersprüche des Gelehrten, sodass dieser eilig dem Raum verlässt, als müsse er Lysander persönlich zurückholen. Clive lässt den drei Kerlen den Spaß und gesellt sich lieber zu Lady Alcina, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Trotz ihres politischen Sinneswandels kann sie die Skepsis nicht leugnen. Der abschätzende Blick gegenüber einem Alchemisten lässt sich zuerst nicht ablegen. Ein höfliches Lächeln kostet ihr einige Sekunden. Ein Wimpernschlag zu lang. Um schließlich die Rolle einer Geschäftsfrau zu wählen, die ihre Meinung und Vorurteile für Verhandlungen versteckt. Informationen sammelt der Adel gerne und verwendet dies als Gut. Ihre Fragen über Clives Person und Arbeit bohren schmerzhaft tief nach, sodass Clive gezwungen wird, ein Ausweichmanöver einzulenken. Aus Sorge, unüberlegt zu sprechen und anderen durch zu schnelle Antworten womöglich zu schaden. Zum Schutz seiner Kunden und Verbündeten muss somit gehandelt werden. So wie es ihm vom Magisterturm gelehrt wurde, folgen die Versuche zum Themenwechsel. Denn Verhandlungen mit dem Adel gehören zu der Ausbildung und werden ausgiebig geübt. Ein Aufgabengebiet, wo Clive nur mit knapper Punktzahl bestand und viel Kritik erntete.



 

Seine Gesprächspartnerin mag jung sein und doch beweist sie bedrohliches Handelsgeschick. Sowie eine gefährliche Art, Fallen mit Schmeicheleien und ablenkenden Phrasen zu schön zu verpacken, sodass diese kaum auffallen. Clive mag sich mit einem Lächeln erheben, aber kaum kehrt er ihr den Rücken, gerät er in Selbstzweifel und sucht nach Fehlern durch zu schnelles Reden. Ihr Gespräch war teilweise ein kleiner Schlagabtausch. Fürs Denken blieb wenig Zeit und zu Zögern hätte Verdacht geweckt, so musste er aus dem Bauch heraus entscheiden und austeilen. Körper und Geist zittern vor Anstrengung. Und obwohl er sich von ihr entfernt, spürt er ihren stechenden Blick im Rücken. Lady Alcina in der beratenden Funktion an Herzogs Lysanders Seite könnte eine wahre Bedrohung für den Feind werden.

 

Erschöpft ruht sich Clive im Sitzen aus und überlegt sogar, einen Beruhigungstee aufzusetzen. Einen Gedanken, den bereits Sina teilte. Die Fee zeigt sich vorbereitet und bringt ihm einen Becher mit heißem Wasser. Der Duft von Melisse und Lavendel steigt ihm somit in die Nase. Eine vortreffliche Wahl zum Lindern von nervöser Unruhe und für den Abbau von Stress. Erst kürzlich kamen sie auf die beiden Kräuter zurück und erneut zeigt sich, Sina saugt wie ein Schwamm Wissen auf.

„Ich danke dir.“

Ehrliche Worte, denn mit dieser lieben Geste ist das Gespräch mit Lady Alcina bereits vergessen.

Sina schnappt sich den Platz neben ihn und spricht ihren Gedanken laut aus: „Du übst positiven Einfluss auf Jenara aus. Sie vertraut deinem Wort und hält sich zurück, wenn du dich einmischst.“

„Zu meinem Bedauern klammert sich Jenara an die falsche Person.“

Denn Clive würde sich wahrlich wünschen, dass sich Jenaras Interesse auf eine besser qualifizierte Person richtet. Jemand, der mit ihren Launen und ihrer anstrengenden Art umgehen kann.

„Und ihr Angebot? Hast du keinerlei Interesse an Magie? Sie spricht einen wichtigen Punkt an, denn auch in meiner Heimat können Männer auf Mana zurückgreifen.“

Möglich und doch gibt es viele Störfaktoren, um das Angebot auszuschlagen.

„Ich glaube, Jenara hat hohe Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden kann.“

Er mag keine Lüge auftischen und doch wählt er das kleinste Argument als Ausrede, um von dem unschönen Thema abzulenken. Doch Sina macht nicht den Anschein, als wolle sie die Sache abhaken. Im Gegenteil.



Kurz versinkt sie in Gedanken, um schließlich vorzuschlagen: „Du hast mir so viel gegeben. Freiheit, Wissen, Schutz und Freundschaft. Lass mich als Dank versuchen, dir mein Wissen zu vermitteln. Vielleicht schaffst du es mit meiner Hilfe, Magie zu wirken. Vielleicht kannst du später auch ohne mein Beisein Kräuter und Pflanzen sprießen lassen. Vielleicht kann ich dich lehren, Bezug zur Natur zu finden. Jenara mag dich als Kämpfer ausbilden wollen, doch eine solch sanfte Person, wie du es bist, sehe ich nicht in ihrem Wunschdenken. Damit will ich nicht beleidigend sein, aber ich mag deine aktuelle Version. Sehr sogar. Auch Mutter Natur kann dich auch schützen. Helfe ihr zu heilen und zu gedeihen und sie wird dir ein Zuhause sein, das dich nährt und beschützt.“

Damit erfährt er ein Stückchen mehr von ihrer Heimat und Kultur. Interessiert lauscht er ihren Erzählungen, ihren Ratschlägen und die Art, wie im Kindesalter Bezug zu der Magie gesucht wird. Den Lösungsansatz lieferte Caspian bereits mit der Meditation. Sina befürwortet Cunos Vorschlag mit den gemeinsamen Übungen und rät, diese in der Natur auszuüben. Fern von lästigen Geräuschen. Gern in ihrem Beisein.

 

Zum Vertiefen bleibt bedauerlicherweise wenig Zeit, denn Lysander kehrt zurück. Eilig, als stehe ein Angriff in den nächsten Stunden bevor. Sein Gesichtsausdruck wirkt freundlich und besonnen wie beim ersten Treffen. Gelotst von dem Geografen steuert er die Karten an und lächelt in die Männerrunde, bevor sein Tadel folgt und er einen jeden auf seinen Platz verweist, um sich das Gekritzel auf dem Pergament anzusehen. Er seufzt laut und scheint sich mit dem Entziffern schwerzutun. So entgeht ihm, wie auch Jenara zurück in den Besprechungsraum kehrt. Mit einem angesäuerten Gesichtsausdruck und doch nimmt sie still Platz. Der Gelehrte tritt vom Gutachten fern und fasst sich erschüttert an die Glatze. Zu Lazarus Erheiterung.

„Das lässt sich nicht mehr retten!“, beschwert sich der Geograf und funkelt Lysanders Bruder böse an.

„Braucht es auch nicht. Die Karte wurde vervollständigt mit nützlichen Informationen“, verteidigt sich der Angesprochene dazu.

„Informationen, die sich bei deiner Sauklaue kaum lesen lassen!“, schimpft sein Bruder. „Dich kann man keine Sekunde aus den Augen lassen!“



„Das schon wieder“, kommentiert Lazarus trocken. Seine Augen huschen umher und der leere Griff lässt Clive vermuten, dass er nach der Weinkaraffe greifen wollte. Doch Sina versteckt diese in der hintersten Ecke.

 

Unweigerlich reicht Herzog Lysander die Karten an den Geografen weiter, der eine rollbare Tafel heranzieht und die erste Karte dort aufhängt. Eine über die örtliche Festung und der Stadt, eine Landkarte vom Königreich Magnolde und eine über ihr Ziel: die Ausbildungsstätte der Hexenjäger. Wie befürchtet gibt es nicht viele Informationen zum gewünschten Ort. Die Festung scheint bereits sehr alt zu sein, wird aber instand gehalten. Gesichert durch viele Verteidigungsanlagen und im Schutz der Gebirgskette, worauf der Unterschlupf ruht. In schwindelerregender Höhe und felsiger Landschaft. Wie bereits erwähnt kann Lazarus ein klein wenig mehr über ihren Zielort berichten. Stabile Abläufe. Ein Morgenroutine mit einer Lauf- und Kletterstrecke, Schwertkunde in der Hofanlage, feste Zeiten für die Mahlzeiten und sogar den Patrouillenwechsel schrieb sich Lazarus nieder. Sein Bruder könnte stolz auf ihn sein und doch blickt er frustriert. Denn Lysander ahnt, dass Lazarus schon länger plante, in die Festung einzubrechen, um für Ärger zu sorgen. Die Art von Ärger, die sich nicht so leicht beheben lässt. Trotz Kontakte und Verbindungen.

 

Zum Schluss folgt die Information, dass eine beratende Funktion im Dienste von Herzog Lysander nachträglich vorgestellt werden soll, denn seine rechte Hand scheint sich zu verspäten. Verhindert durch einen Zwischenvorfall in einem naheliegenden Dorf. Eine Frau namens Camila. Ausgebildet im Militär aus der Königsstadt. Diszipliniert, verlässlich und gesegnet mit Handelsgeschick. Doch der tobende Krieg bringt Nahrungsknappheit. Güter sind heißbegehrt. Auch von Banditen. Wie Cuno befürchtet hatte, kann sich der Herzog bei der Nahrungsversorgung nicht allein auf den Handel verlassen. Mit Lysanders Segen soll Jenara daher die Fläche auftauen, die für den Anbau sorgfältig ausgewählt wurde.

 

Zeit zum Weilen bleibt keine. Lady Alcinas Besuch kommt wie gerufen, denn Herzog Lysander will ihr das Kommando in seiner Abwesenheit übertragen. Cunos Mängellist soll in seiner Abwesenheit behoben und die Verbesserungsvorschläge umgesetzt werden. Lysander plant die Ausbildungsstätte der Hexenjäger von drei Seiten anzugreifen und bildet daher Teams. Zum Glück besteht Lysander auf Jenaras Anwesenheit in seinem Team. Cuno und Clive agieren ebenfalls zusammen. So wie geplant. Während Sina in Caspian Obhut verweilt und zuletzt den Angriff übernimmt. Die Kommunikation sollte zuerst durch Boten erfolgen, aber Jenara schlägt den Einsatz von Selene vor. Die Manabestie kann sich als Tier tarnen und überbrückt große Distanzen in einem kurzen Zeitfenster. Ein Vorschlag, der überzeugt. Jenaras Wunsch nach einem Beschützer wird vertagt und mit ein wenig Bedenkzeit entschuldigt, so können sich alle auf die eigentliche Mission konzentrieren. Die Abreise erfolgt somit schon am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden. Mit einer kleinen Überraschung. Doch zuerst hofft Clive, Kontakt zu Jelko aufnehmen zu können. Ein Aufgabengebiet, das er auf Sina und Caspian übertrug. Nun wird sich zeigen, ob die Schwarzrobe Sinas Vorbereitungen und den Ablauf für das anstehende Ritual bereichern wird.



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