Kapitel 35
Auch der Schichtwechsel unter den Soldaten startet in der frühen Morgenstunde. Noch verbleibt Zeit bis zum Sonnenaufgang, daher werden zusätzlich Laternen neben den Feuerschalen entzündet. Der Schnee knirscht unter den Füßen und in all der Dunkelheit stößt Clive fast mit Herzog Lysander zusammen. Vor Schreck verliert der Alchemist das Gleichgewicht, sodass Lysander zupackt und ihn an den Schultern Halt gibt. Trotz distanzierter Art lächelt der Revolutionär wie zu ihrer ersten Begegnung.
„Schlecht geschlafen, mein Freund?“
„Wohl eher zu wenig!“, nörgelt Sina aus dem Hintergrund.
Clive nickt und gesteht: „Der Kopf ließ sich kaum abschalten und ich bekam erst Ruhe, als ich meine Gedanken niederschrieb.“
Lysander stimmt mit einem Nicken ein. „Ein guter Ratschlag, den ich ebenfalls umsetze. Seid ihr nervös?“
Clive wünschte, er könne sich auf ihr Vorhaben konzentrieren. Doch seit der Begegnung mit Prinzessin Lumiel dreht sich seither alles um die Hauptstadt. Auch für Cuno, denn bei ihrem Austausch gestern Nacht blickt dem Paladin Hoffnung entgegen. Seine Laune besserte sich allein, als er seinen toten Vater traf. Denn von ihm erhielt er Zuspruch zu ihrem Vorhaben. Anders als Cuno befürchtete. Doch statt verurteilt zu werden, schenkte sein Vater ihm ein offenes Ohr und betrachtete die Lage sachlich. Obwohl beide das Amt des Paladins erhielten, befürwortete sein Vater ihr Vorhaben und lobte seinen Sohn. Denn laut ihm wäre der Weg der Gerechtigkeit nicht immer blind der Krone zu folgen. Als Held des Volkes sollte selbst ein Bild gemacht werden, um dann vorurteilsfrei zu handeln. Worte, die sein Sohn brauchte, um sich den kommenden Prüfungen zu stellen.
„Wir haben allen Grund nervös zu sein“, meldet sich Cuno zu Wort.
Sein Auftritt zaubert Clive ein Lächeln auf die Lippen, schließlich tritt sein Freund in strahlender Rüstung an seine Seite.
„Zwei Hexen stehen euch bei!“, zischt Jenara beim Vorbeischreiten. „Ihr habt nichts zu befürchten.“
„Fee! Nicht Hexe!“, erinnert Sina streng.
Doch Jenara schenkt ihr keine Beachtung und nähert sich dem Zentrum des Hofes. Von wo sie die Arme schwungvoll hinaufwirft. Eine Bewegung, die ihr Element in Bewegung setzt. Schneegestöber steigt vom frostigen Boden hinauf und kollidiert miteinander. Es mag eindrucksvoll wirken wie ein Zaubertrick einer Zirkusvorstellung. Und doch weicht Clive respektvoll zurück und beobachtet, wie eine Verbindung entsteht. Eis und Schnee vereint sich. Das Objekt wächst in die Länge und formt sich zu einer Bogentür. Der Zwischenraum füllt sich ebenfalls mit einer dünnen Eisschicht, die langsam hinab zu Boden klettert. Spiegelglatt, anders als die massiven Eisbrocken, die den Türrahmen festigen. Ein Prozess mit knackenden Geräuschen, ähnlich wenn die gefrorene Schicht eines Gewässers belastet wird und zu brechen droht. Jenaras Magie leuchtet heller als jene Lichterquelle im Hof und funkelt wie die schönsten Edelsteine. Und doch kehrt die Eishexe ihrem Werk den Rücken zu und steuert ungeduldig Lysander an.
„Wo ist dein dämlicher Bruder?“
Die Mundwinkel des Herzoges zucken, während er sich mit dunklem Blick vorbeugt. „Mutig, Jenara. Ich befürchte, du unterschätzt Lazarus. Außerdem bitte ich dich, nicht schlecht über meine Geschwister zu reden. Nur ich habe das Recht mit ihm zu schimpfen.“
Augenrollend dreht sie sich von ihm fort. „Deine Machtspielchen sind lästig. Beiße dich nicht an solchen Details fest, denn mein Zauber muss zügig voranschreiten. Die Erschaffung eines Portals zehrt bereits an meinen Kräften. Also wo steckt er?“
Lysander seufzt und berichtet zögerlich: „Ich habe Soldaten nach ihm geschickt, denn ich befürchte, er hielt sich nicht an unsere Vereinbarung und schläft seinen Rausch aus.“
Eine Antwort, die Jenara dazu verleitet, ihren Kopf mit einem Ausdruck der Verzweiflung zu umfassen. Doch ein Bild, von dem sich Clive löst, schließlich nähert sich Sina mit einer Feststellung.
„Clive? Caspian fehlt ebenfalls. Soll ich ihn suchen gehen?“
Die Schwarzrobe!
Clive hätte ihn fast vergessen, dabei soll er Sina schützen. Hoffentlich bekam Caspian keine kalten Füße. Suchend schweift Clives Blick umher.
„Bin schon da“, folgt von Caspian Entwarnung. Vollgepackt nähert er sich mit Taschen, deren Inhalt bei jeder Bewegung laut klimpert.
„Sei dankbar, dass du es noch pünktlich geschafft hast! Sina war schon am Bangen!“, brummt Cuno ihn an.
Ein Vorwurf, der Sina zusammenzucken lässt.
Mit einem verschmitzten Grinsen wedelt Caspian seine Hand ab. „Unnötige Sorgen, die euch plagen, denn sehet doch, ich bin rechtzeitig.“
„Ich habe mir keine Sorgen gemacht!“, trotzt Sina mit verschränkten Armen und aufgeblasenen Wangen.
Clive folgt Lysander, denn dieser tritt an die Treppe zum Burgeingang. Nicht etwa wegen Lady Alcina, die an den offenen Toren verweilt und die Vorbereitungen für die Abreise verfolgt, sondern wegen den drei Soldaten, die sichtbar damit kämpfen, ein Schwergewicht wie Lazarus aus der Burg hinauszuziehen. Zuerst macht es den Anschein, als wurde er bewusstlos geschlagen, doch tatsächlich schnarcht der Kerl so laut wie ein Bär. Grimmig fängt Herzog Lysander einen vorbeilaufenden Soldaten ab. Mit einer Forderung.
„Ein Eimer Wasser bitte. Lauwarm wegen der Temperaturen. Obwohl ich ihm nur allzu gern frieren lassen würde!“
Der Angesprochene folgt dem Blick seines Herrn und erschreckt beim Anblick des Bruders, um daraufhin entkräftet zu seufzen. Clive fürchtet, der arme Mann habe die Schichtübergabe gerade überstanden und sehnt sich nun nach seinem Bett, denn die Augenringe stechen auffällig heraus. Dennoch nickt der Soldat eilig und läuft los, wobei er fast ins Schlittern gerät.
„Vorsicht! Trotz Eile bitte nicht rennen. Ihr könntet sonst auf dem Eis ausrutschen und Euch schlimm verletzen!“, folgt Clives besorgter Ruf.
Der Soldat winkt dankend ab und macht sich auf.
Als Begleitschutz weicht Cuno nicht von Clives Stelle und für einen kurzen Moment hatte Clive ihn sogar ausgeblendet. Nun aber mag der Paladin brummen, schließlich tritt Jenara heran.
„Du bist viel zu fürsorglich für das Gewürm, Clive“, behauptet die Hexe schnippisch.
Fürsorge und Naivität werden Clive häufig vorgeworfen, daher mag er sich zu der Thematik kaum noch äußern. Nun, wo sich die Gelegenheit bietet, nutzt er jedoch die Chance, um mehr über die Abreise in Erfahrung zu bringen.
„Wie funktioniert dein Zauber, Jenara?“
„Ja genau! Ich hatte mich auch schon gewundert, warum kein Ton über die Reiseroute folgte. Als ich den Herzog daraufhin konfrontierte, grinste er nur so dämlich“, berichtet Cuno aufgebracht, denn wie Clive auffiel, mag er als Paladin keine Überraschungen und will jedes kleinste Detail in Erfahrung bringen.
Jenara deutet genervt auf den Bogen aus Eismagie, während sie sparsam mit Informationen rausrückt. „Wie ihr seht, reisen wir per Portal.“
„Wirklich? Hätte ich nicht gedacht!“
Cunos Stimme trieft vor Sarkasmus. Ein Verhalten, das dafür sorgt, dass sich Jenara verschließen könnte. Aber Clives Neugier kennt keine Grenzen. Bewusst steuert er den Bogen an, was dafür sorgt, dass Jenara ihm folgt.
„Wie funktioniert dein Portal?“
Ehrliches Interesse, das sie mit strahlender Miene an den Torbogen herantreten lässt. Ihre Finger fahren über die Konstellation, während sie zur Erklärung ansetzt.
„Für das Energiefeld brauche ich ein stabiles Gehäuse. Noch verhält sich das Magnetfeld ruhig, doch ich brauche jemanden, der bereits unseren Zielort betrat. Greife ich auf die Erinnerung zurück, kann ich einen Durchgang erschaffen.“
„Ein Magnetfeld? Ist das ungefährlich?“, erkundigt sich Clive beunruhigt.
Seine Hand will gerade durch den Bogen wischen, da eilt Cuno herbei und fängt seinen Arm ab. Bestimmend drängt er seinen Freund in den Hintergrund.
„Wir fassen nichts ungefragt an! Vor allem nichts, was Jenara erschuf!“
„Pah! Es ist ungefährlich! Denn ich habe meine Magie im Griff!“
Zum Beweis gleitet ihre Hand vom Bogen in den Zwischenraum, wo sich ein Surren vernehmen lässt. Wie bei einen Schwarm Bienen. Clive entgeht nicht, wie sich ihre Armhaare aufstellen. Interessiert beugt er sich vor und folgt mit der freien Hand ihrem Beispiel. Cuno zischt darüber verärgert, dabei lächelt Clive freudig über das angenehme Kribbeln auf den Fingerspitzen.
„Beeindruckend, Jenara. Magnetfelder wurden im Turm angeschnitten und hörten sich an wie ein Mythus. Etwas, was uns nur durch euch Hexen kennen lernten. Ihr manipuliert reale Kraftlinien und in jenem Fall wird ein großer Elektromagnet erzeugt für eine Raum- und Zeitkrümmung?“
Clives Theorie scheint Cuno zu überfordern. Der Paladin tritt seufzend in den Hintergrund und murmelt etwas davon, kein Wort zu verstehen. Jenara hingegen legt mit interessiertem Blick den Kopf schief und tritt näher an Clive heran.
„Das lehrt euch der Magisterturm?“
„Nicht ganz. Die Materie wurde grob angeschnitten. Für jene Interessenten, die unerforschtes Gebiet betreten wollen und Fragen hinterherjagen.“
Jenara erkennt die Botschaft und spricht diese aus: „Ihr studiert die Hexen. Sicherlich im Auftrag der Krone. Zum Entlasten der Hexenjäger.“
Kaum betrachtet sie ihn mit solch einer Intensität muss er schlucken. Denn so betrachtete er das Bild noch nicht. Und nun fürchtet er, Jenara sieht den Magisterturm ebenfalls als Feind an.
„Sag, Clive, du scheinst dich mit dieser Thematik auseinandersetzen zu können. Also warum wähltest du einen anderen Pfad der Alchemie?“
Ob eine ehrliche Antwort jene Frau überzeugen könne?
Wohl kaum!
Und doch gesteht er ihr: „Ich will und kann helfen mit der Heilkunde. Krankheiten sind keine göttliche Strafe und sollten behandelt werden. Die Natur schenkt uns alles Notwendige, wenn wir leiden. Warum sollten wir darauf nicht zurückgreifen?“
Wie zu erwarten fallen ihre Mundwinkel und beunruhigt verfolgt er, wie sie eine Hand auf seine Schulter ablegt. Doch nicht, um ihn mit Magie zu schaden, sondern um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen.
„Ich verstehe. Welch glückliche Fügung, dass Selene über dich wacht. Du begibst dich in die Höhle des Drachen, daher sorge ich mich um dich. Du gehörst wie deine Hexe besser zur Nachhut. Ich verspreche dir, ich werde so viele Feinde wie möglich auf mich aufmerksam machen, um deine Überlebenschancen zu steigern. Ich vertraue darauf, dass Selene dich beschützt. Zögere nie, Clive. Ein jeder Hexenjäger wird nicht wollen, von dir gerettet zu werden. Also ignoriere die Verletzten und konzentriere dich auf die Rettung der Zielperson. Sei aber wachsam.“
Aus Gewohnheit und Höflichkeit neigt er den Kopf. „Sei ebenfalls wachsam. Schließlich sind die Hexenjäger auf euch Hexen spezialisiert.“
Kaum hebt Clive den Kopf, sieht er Milde in ihrem Blick. Ihre steinerne Maske bricht und sanfte Züge lassen sie wie ein völlig anderer Mensch wirken. Bis Lazarus‘ Aufschrei ihre Unterhaltung unterbricht.
„Welch todesmutiger Narr wagt es…“
Mit wenig Geduld unterbricht Lysander sein Bruder: „Du gefährdest den Plan, Lazarus! Dein Versprechen, die Finger vom Alkohol zu lassen, hast du eiskalt gebrochen! Du stinkst aus dem Maul! Deine neue Taktik? Denn ich versichere dir, kaum ein Feind wird sich dir freiwillig nähern, um dem Gestank länger ausgesetzt zu sein! Sag, soll ich dich besser hier in der Burg lassen? Dann spielst du Lady Alcinas Leibgarde!“
Entsetzen zeichnet sich in Lady Alcinas Gesicht ab. Ihre Haut nimmt einen kränklichen Farbton an, als wolle Lysander sie bestrafen.
„Unterstehe dich!“, kontert sein Bruder bissig.
Lazarus war der Einzige, der keinem Team zugeteilt wurde. Ein Detail, das Clive erst in jenem Moment bewusst wird. Und Clive fürchtet, er kenne den Grund. Denn Lazarus macht nicht den Anschein, sich an Pläne zu halten. Sicherlich lässt Lysander ihn walten, wie er lustig ist. Einen Krieger verschlägt es in die Schlacht. Aufgrund von Jenaras Macht wird Lazarus sicherlich mehr in der Festung bei Cuno und ihm toben.
„Schluss jetzt!“ Jenara läuft den Brüdern entgegen. „Ich brauche die Erinnerung oder das Portal wird in sich zusammenbrechen! Das wollt ihr nicht, denn ansonsten gehen wir alle hoch! Also Schnute halten und liefert mir nun jetzt endlich unser Ziel!“
Tatsächlich endet das Gezanke und Lazarus lacht lauthals.
„Oh, Bruder! Was für ein Temperament! Was dagegen, wenn ich dein Schätzchen schnappe und entführe?“
Sämtliche Wärme weicht aus Lysander. Instinktiv schlägt er zu. Eine Faust, die auf Lazarus‘ Schädel kracht. Ein Schlag, der Wirkung zeigt. Schmerzlich reibt der Betroffene über die Stelle und beschwert sich grummelnd, wie erbarmungslos solche Aktionen seien.
Angewidert von seinem Verhalten streckt Jenara ihren Arm aus und fordert: „Auf Abstand bleiben! Die Distanz reicht aus, um mein Portal zu füttern.“
Lazarus grinst dreckig und macht provokant einen Schritt auf die Hexe zu, die instinktiv zurückweicht, aber Lysander schnappt zu und reißt seinen Bruder zurück auf die gewünschte Distanz. Erst in jenem Moment fällt dem Riesen der Bogen aus Eis auf.
„Heftig! Seht ihr das gewaltige Ding da vorne? Eine Tür?“
Jenara schnippt und hebt mahnend den Finger. „Erinnere dich bitte an unser Ziel. Du warst dort bei den Hexenjägern! Also ruf dir das Bild so detailliert vor Augen wie möglich. Ich dringe jetzt in deinen Kopf und ziehe das Bild auf den Bogen.“
„Du dringst in meinen Kopf ein?“ Lazarus klingt baff. „Das kannst du?“
Überfordert von seinem Verhalten, beschwert sich Jenara: „Wieso bestraft mich der Himmel mit solch einen Narren?“
„Gut!“ Lazarus reibt freudig die Hände. „Die Ausbildungsstätte der Hexenjäger. Wird lustig!“
Jenara hebt den Kopf und sucht seinen Blick, um wenige Sekunde sämtliche Farbe zu verlieren. Ihre Gesichtszüge verwandeln sich in pures Entsetzen und Ekel, dass Clive seinen Koffer abstellt, da er befürchtet, sie übernehme sich oder ein Zusammenbruch naht. Kaum öffnet Clive seinen Schatz, hört er Lazarus dreckiges Lachen.
„Gefällt dir die Vorstellung, Hexe? So einen wie mich hattest du sicherlich noch nie oder?“
Jenara keucht und ihre Magie formt ein Messer aus Eis, das sie mit einem wütenden Aufschrei loswirft. Doch Lazarus zieht seinen Körper aus der Gefahrenzone und lacht wieder lauthals. Nur vergisst er seinen Bruder, der erneut mit der Faust ausholt und ihn ohne Gnade zu Boden schlägt.
„Verdammt! Ich glaube, du hast mir die Nase gebrochen, Lysander!“, schimpft Lazarus am Boden.
„Ich breche dir gleich mehr als die Nase, wenn du weiterhin deine dreckigen Spiele treibst!“
„Was denn? Die spielt doch auch mit dem Bücherwurm, also müsste sie den Spaß doch gut einstecken können. Was das Hex-chen kann, kann ich schon lange. Solch tödliche Giftschlangen sind mir am liebsten. Voller Temperament.“
Das Flackern im Hintergrund entgeht Clive nicht. Eis bröckelt von den Stützpfeilern und das Innenleben der eisigen Konstellation fällt durch kurze Lichtimpulse auf. Wellenförmige Muster. Begleitet von einem leisen Summen. Ein Blick auf Jenara zeigt die ersten Zeichen der Erschöpfung. Was für ein Glück, dass Clive bereits ein Mittel für einen Schwächeanfall zur Hand genommen hat. Ein kleines Reagenzglas gefüllt mit einem Wein aus Galgant und Ingwer. Ein Kräuterwein, der unterschätzt wird. Feurig, kraftvoll und scharf. Erwärmt angenehmer. Doch dafür fehlt die Zeit. Clive befindet sich schnell auf den Beinen und eilt an Jenara heran. Ihr Schwanken verheißt nichts Gutes.
„Hier, trinkt dies. Es wird dir helfen“, verspricht er.
Tatsächlich lässt sie den guten Tropfen an ihre Lippen setzen und trinkt mit seiner Unterstützung, um sich im nächsten Moment zu schütteln. Die Wirkung entfaltet sich augenblicklich. Jenaras Geist erwacht klarer denn je. Angesäuert und ebenfalls mit einer neu geformten Klinge, die sie ihn an den Hals drückt. Eine Drohung. Mit dunklen Augen fixiert sie ihn an und fordert eine Antwort.
„Was hast du mir verabreicht?“
„Galgant- und Ingwerwein. Warm wäre sicherlich angenehmer gewesen, doch ich handelte in Zeitnot. Dein Portal zeigt Schwachstellen.“
„Das Portal!“ Jenara zieht sich mit dem Messer zurück und dreht sich zu ihrem Bauwerk. Ein kurzes Gutachten und sie fixiert Lazarus mit mahnendem Blick. „Letzte Chance! Liefere mir das Versteck der Hexenjäger oder ich steche dich ab!“
„Keine Spielchen mehr, Bruder!“, mahnt Lysander ihn.
Lazarus klopft sich den Schnee von der Kleidung und tritt näher an Jenara, ungeachtet ihrer Warnung.
„Dann los, Hex-chen. Schau mir tief in die Augen!“
Jenara zischt verärgert und folgt der Aufforderung, um sich schließlich zum Portal zu drehen. Kaum streckt sie die Hand aus, spiegelt sich auf der Oberfläche das Bild eines riesigen Gebirges wieder. Mit spitzen Felsen und wahrlich tiefen Schluchten. Und in der Ferne lässt sich die riesige Festung vernehmen mit gigantischen Mauern und großen Kalibern von Geschoßen. Nur sichtbar durch das Mondlicht, das zu ihren Gunsten das Schlachtfeld offenlegt.
Die Maske der Stärke mag aufgesetzt sein und doch bekommt Clive das heftige Zittern von Jenaras Körper zur Schau. Die Hexe droht unter den Anstrengungen zu zerbrechen. Daher schnappt er sich seinen Koffer und tritt als Erster entschlossen an die Tür, die ihn zu Rebecca führen wird. Eine Chance, die er ergreifen mag. Noch mag er sich nicht vorstellen können, was ihm in den nächsten Stunden blüht, doch darüber mag er keinen Gedanken an die Gefahren verschwenden. Für Rebeccas Rettung wird er auf alchemistische Werkzeuge zurückgreifen, wovon er eigentlich die Finger lassen würde. Selene kommt dem Alchemisten zuvor und durchfliegt das Portal als Erste. Ein Schulterblick zeigt, dass seine Freunde ihm folgen. Dicht hinter Cuno tritt Lazarus händereibend heran. Mit einem bestialischen Grinsen, was nicht nur seinen Feinden das Fürchten lehrt. Sein Bruder hingegen wird von Lady Alcina aufgehalten. Sie sucht das Gespräch zu ihm.
Die elektrische Ladung verstärkt sich mit jedem Schritt. Von Jenaras Magie aus folgt ein dröhnendes Summen. Es wirkt bedrohlich, fremd und doch faszinierend. So wie die Oberfläche, die an kühles Wasser erinnert. Clive kann unbedenklich mit der Hand durch die Magie eintauchen und trifft auf mildere Temperaturen. Ohne zu zögern wagt er den Schritt hindurch und wird von pfeifendem Wind empfangen. Auf einem Gebirgspass in schwindelerregender Höhe. Ein Sturz könnte bedrohlich werden, denn das Gebirge besteht aus spitzen und scharfkantigen Gesteinsschichten. Mit schroff abfallenden Schluchten in eine endloswirkende Tiefe. Ein fremder Ort, den sie im Schutz der Nacht erkunden wollen, so langsam beginnt Clive den Plan anzuzweifeln. Leider zu spät!






























































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