Kapitel 26
Die Anwendung eines Speicherkristalls erweist sich als unkomplizierter als gedacht. Kaum greift Skyla auf ein kleines Exemplar zurück, macht sie den Energiefluss in dem kleinen Behälter aus und als ihre Macht darauf zurückgreift, zerspringt der Glasbehälter und füllt ihre verbrauchte Energie innerhalb von Sekunden auf. Das Objekt zerfließt einfach zu Sand. Kaum rieseln die Körner aus ihrer Hand werden sie einfach von der Atmosphäre verschluckt. Nicht ein Korn fällt ihr in den Schoss. Das Wunder der Magie. Eine Welt, die sich Lukas und sie immer herbeigesehnt haben. Es fühlt sich an wie ein Traum und wäre da nicht die ständige Gefahr im Nacken und der Verlust geliebter Menschen, dann könnten sie diesen Trip sicherlich viel mehr genießen.
„Horst, du Genie!“ Steve grinst über beide Ohren. „Wie macht er das nur? Wir sind keine fünf Minuten unterwegs und der Kerl findet die erste Pforte.“
Doch Lukas wirkt genauso ratlos wie Skyla und spricht seine Gedanken aus: „Wo denn?“
„Gleich da vorne.“ Steve tippt auf sein Navigationsgerät, wo ein roter Punkt erscheint. „Ein Tor. Schnallt euch besser an, es könnte holprig werden. Und keine Panik, ja? Ich habe alles im Griff. Das ist nicht meine erste Fahrt. Macht euch darauf gefasst, dass sich euer Weltbild verändert. Die irdischen Gesetze gelten hier unten nicht mehr. Und je tiefer es hinab geht, desto abenteuerlich wird es.“
„Das klingt alles andere als beruhigend.“
Lukas‘ Ehrlichkeit zaubert Skyla ein Lächeln auf die Lippen. Denn das klingt endlich nach ihrem Lieblingsangsthasen. Nun darf sie ihm ein wenig Mut schenken. Ein kurzer Druck auf die Hand, der für Augenkontakt sorgt. Seine Augen leuchten auffällig und nun endlich ist sie es, die ihn mit ihrem Lächeln ansteckt.
Das Fahrzeug verliert an Geschwindigkeit und tuckert im Schritttempo auf eine Unterführung zu. Skyla vermutet den Tunneleingang unter der Brücke als ein verstecktes Tor. Nie käme ihr in den Sinn, dass der Boden vorm Betreten der Unterführung einfach wegbricht. Dass die Straße vor ihnen plötzlich aufreißt. Die Betonstücke fallen seitlich in den tiefen Untergrund. Skyla hält erschrocken die Luft an und klammert sich entsetzt an Lukas fest. Denn Steve steuert den Schlund ebenfalls an und manövriert den Wagen geschickt hinab. Voran auf einer hängenden Bodenplatte, die wie eine lange Rampe sicher in die Tiefe führt. Wären da nicht bröselnden Betonstücke, die von oben hinabstürzen und den Fahrzeugen ordentliche Beulen verpassen könnten. Steve scheint die Gefahren zeitlich gut einschätzen zu können, wann und wo das Geröll einschlägt, denn den Wagen kurvt er geschickt an der herabfallenden Bedrohung vorbei. Hinab in eine verschlingende Finsternis. Ein Ort voller Ungewissheit. Der Bus entzündet zuerst die Lichter, dann nimmt Steve an ihm ein Beispiel. Beide Fahrzeuge erleiden einen Rückstoß, denn sie treffen auf Widerstand. Die Glasfront zeigt kurz darauf die Wassermaßen.
„Scheiße! Wir sinken!“
Die Panik bricht aus Skyla. Aber Steve schaut zufrieden, als habe er alles im Griff.
„Keine Sorge. Unser Fahrservice bringt euch auch durch die dunkelsten Gewässer.“
„Das ist ein Scherz oder?“, tönt es missbilligend von Lukas Seite. „Und der Rückstoß? Wir haben einen Säugling an Board?“
„Sicher behütet durch die Magie meiner Kollegin und durch die umfangreiche Technik der Menschen. Keine Sorge. So schnell erleidet er kein Hirntrauma. Selbst, wenn es uns ein Seelenverschlinger von der Seite rammt und uns einige Kilometer fort wirft, hat es keinen Einfluss auf unsere Patienten.“
Das Wasser zieht beide Fahrzeuge zu schnell hinab in die Tiefen. Die Wasseroberfläche lässt sich dank der Dunkelheit kaum ausmachen.
„Ein Seelenverschlinger?“, wiederholt Lukas beunruhigt, „das hört sich nicht gut an!“
Skyla überlegt angestrengt. Dank einer zufälligen Begegnung mit einer Hexe, erhielt sie eine umfangreiche Lektüre. Aber ihr will kein Artikel zu dem Seelenverschlinger einfallen. Vielleicht hat sie die entsprechenden Seiten nur überflogen, denn der gewaltige Inhalt ließ sich nicht mal eben studieren. Steve hingegen scheint den Bewohner gut zu kennen.
„Das Vieh ist riesig. Es lauert in der Dunkelheit und wittert Beute schnell. Aber keine Sorge, Licht verachtet die Kreatur über alles. Wir müssen nur die beleuchtete Straße finden und schon sind wir sicher von dem riesigen Aal mit dem Monstergebiss. Selten passiert es, dass er direkt zuschnappt. Ihr müsst wissen, er ist sehr verspielt. Bevor er seine Beute verschlingt, rammt er diese. Als wären wir der Fußball und er der Profispieler…“
„Tu mir einen Gefallen und hör auf zu reden!“, unterbricht Lukas ihn genervt.
Steves Mundwinkel zucken. Der Schalk blitzt durch seine Augen.
Ein Problemmagnet, das passt gut. In Skylas Leben läuft aktuell vieles falsch. Daher ahnt sie Übles, als sie Bewegungen von der rechten Seite ausmacht.
„Steve!“ Ihr Ton scheint alarmierend genug zu sein, denn beide Jungs folgen ihrem Blick. „Bitte sag mir, dass es sich nicht um den Seelenverschlinger handelt.“
Die plötzlichen Sorgenfalten und der angestrengte Blick, als er einige Tasten auf dem Navigationsgerät bedient werden, lassen sie schlucken.
„Vielleicht müssen wir früher Gebrauch von deinem Schutzschild machen“, nuschelt Steve.
Kaum nimmt er die Finger vom Display, sendet das Fahrzeug eine violette Leuchtwelle hinaus. Diese erleuchtet die tiefe Dunkelheit, worin zuerst nur einige Luftblasen zu finden sind. Bis Skyla ballgroße Objekte ausmacht und die Augen anstrengt, um diese zu identifizieren. Das Ergebnis entlockt ihr einen leisen Schrei, denn in dem dunklen Gewässer schwimmen verschrumpelte Köpfe, die mit Algen teilweise bedeckt sind. Steve zischt verärgert.
„Du hast gute Augen, Skyla. Wir haben wahrlich Pech. Der Seelenverschlinger ruht direkt am Eingang und erwachte durch uns.“
Eine Information, die Steve über Funk an den Busfahrer weiterreicht.
„Da schwimmen Köpfe im Wasser!“
Sie keucht entsetzt. Lukas handelt und zieht sie in seine Arme. Er will ihr gerade die Augen verdecken, da rät Steve ihm davon ab: „Nicht! Ich brauche einen Schild. Das Fahrzeug ist zwar auch gepanzert, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Der Seelenverschlinger beobachtet zuerst. Unsere Chance, dass Skyla jetzt das Schild aufbauen kann und wir die Straße schnell ausfindig machen.“
„Wo soll hier bitte eine Straße zu finden sein?“
Lukas‘ Einspruch winkt Steve jedoch ab und hält ihnen erneut vor Augen: „Hier gelten nicht die irdischen Gesetze.“
Trotzig schnauft Lukas, aber Skyla will Vertrauen in den Hexer setzen und löst sich aus dem Griff ihres Freundes. Ein Schutzschild in solch einem Ausmaß wäre eine neue Herausforderung und doch kommt ihr eine Idee. Inspiration geben ihr die Luftblasen in dem Gewässer.
Ein Kraftfeld zu erschaffen übte Skyla bereits mit Kai im Ruhigen. Daher entsteht mit Leichtigkeit die Kugel zwischen ihren Händen, die einer Seifenblase zum Verwechseln ähnlich sieht. Nun wird sich zeigen, ob die Außenschicht ebenfalls instabil ist, sobald sich die Füllung erweitert. Um die Elastizität nicht zu sehr zu strapazieren folgen nur kleine Schübe ihrer Macht. Tatsächlich wächst die Kugel sicher zu einer beachtlichen Größe und stößt schnell auf Platzmangel. Ihr Werk ist greifbar und nicht durchlässig. Lukas erkennt schnell ihr Problem.
„Dein Ball hat sich materialisiert und würde uns schaden, sobald er weiter wächst?“
Hilflos nickt Skyla, woraufhin Steve zu ihr schaut.
„Deine Macht ist noch nicht lange erwacht oder?“
„Fast ein Jahr. Aber Schutzschilde sind neu.“
„Löse die Kugel auf und forme außerhalb des Wagens ein Puzzle. Deine Macht kann miteinander verschmelzen.“
Genial!
Steves Ratschlag kommt wie gerufen. Ein Griff und die gesammelte Macht in der Kugel ist wieder aufgenommen. Als Beweis löst sich diese in Luft auf und so kann das Formen neu beginnen.
Den Trick wendet Skyla in der Ferne erneut an. Nur das ihre monströse Kugel bricht und die Puzzleteile sich um den Wagen legen. In der Tat kleben sich die Bruchstellen automatisch wieder zusammen. Die halbfertige Kugel lässt sich problemlos drehen, sodass das Fahrzeug im Nu sicher eingeschlossen ist. Stolz blickt sie auf ihr Werk.
„Yes! Es hat geklappt!“
Lukas‘ feste Streicheleinheiten über den Arm und der Stolz, der durch seine Augen blicken, beflügeln sie ungemein. Steve hingegen blickt mit Skepsis durch die Glasfront, als such er nach Lücken in der Vergangenheit.
„Kreativ, Skyla.“
„Lässt du das Schild um den Wagen herum rotieren, vermeidest du, dass Schwachstellen immer aufs Neue angegriffen werden können“, meldet sich Lukas mit einem Denkanstoß, „nur so ein Vorschlag.“
„Bitte nicht. Skyla beginnt erst zu verstehen, welch viele Möglichkeiten sich ihr mit den Kräften bieten. Bitte keine Experimente in der Geisterwelt. Denn die Rotation könnte meine Konzentration beeinflussen“, meldet sich Steve mit dem Blick starr nach vorn gerichtet.
„Guter Einwand.“
Lukas zeigt sich einsichtig, aber Skyla lächelt stolz über den Einfall. Daher lehnt sie sich an ihn und blickt hinauf in seine Augen.
„Lass uns unbedingt solche Gespräche später vertiefen. Mich würde brennend interessieren, welche Ideen dir noch im Kopf schweben.“
Ihre Anerkennung scheint in zu rühren. Sie hört sein Herz lauter schlagen und seine Augen funkeln vor Freude.
„Unbedingt“, spricht er mit einer Sehnsucht, als könne er es kaum erwarten, ihren Vorschlag umzusetzen.
Ohne Vorwarnung brennt sich eine helle Lichtquelle in ihre Netzhäute. Die Quelle stammt aus dem Bus. Skyla zischt und verdeckt verspätet ihre Augen. Die Lichterpunkte tanzen noch eine ganze Weile vor ihren Augen.
„Mensch, Horst! Warn mich doch vor! Welches Biest ist denn dafür verantwortlich?“, beschwert sich Steve über Funk.
Als Antwort dringt zuerst ein rauchiges Lachen zu ihnen, bevor sich eine tiefe Stimme locker flockig dazu äußert: „Entschuldige, zieh beim nächsten Mal eine Sonnenbrille an. Ich habe hier ein Profi am Werk. Das Licht sollte kurz abschreckend auf den Verschlinger wirken. Damit haben wir vielleicht länger Ruhe, bevor er in Aktion tritt.“
„Oder er fühlt sich provoziert“, kontert Steve schulterzuckend.
Zu lässig für Skylas Geschmack. Aber Horst scheint zu wenig Respekt zu zeigen, denn er lacht leise.
„Möglich.“
Skyla blendet das Gespräch beider Fahrer aus, schließlich betrachtet sie prüfend ihr Schutzschild, ob es noch steht. In einem Teil! Denn bei Ablenkungen zerfließt ihre Macht für gewöhnlich. Ihre Sorge scheint unbegründet. Vorerst. Bis der Wächter der Ebene in Aktion tritt. Aus reiner Neugier beugt sich Skyla über Lukas hinweg Richtung Fenster. Der Bus vor ihnen leuchtet nun so hell, dass die Dunkelheit in den Tiefen das gefürchtete Wesen nicht länger verdecken kann. Zu ihrem Nachteil. Das Größenverhältnis ist erschreckend. Die schuppige Haut erinnert eine gewaltige Mauer und zeigt nun den unteren Bereich. Den Krankenwagen schätzt sie zum Vergleich auf die Größe eines der kleinsten Zähne im Maul des Ungetüms. Zwischen den gräulichen Schuppen befinden sich beunruhigende Details, die ihr vor Augen halten, dass sie an einem gefährlichen Ort wandeln. Die gequälten Seelen wirken mit dem Seelenverschlinger verschmolzen. Als stecken sie zur Hälfte auf der Oberfläche fest. Mit ausgestreckten Armen, die nach der Freiheit greifen wollen. Mit weitgeöffneten Mündern, als seien sie dabei zu schreien. Die Gefangenen wirken jedoch mumifiziert und erinnern nur noch zum Teil an Menschen, woraufhin Skyla sich beunruhigt zurück zu Steve dreht.
„Erzähl mir doch bitte mehr über einen Seelenverschlinger.“

































































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