Kapitel 27
In den Tiefen des Ozeans leben lichtscheue und noch recht unbekannte Wesen. Ähnlich wie auf dieser Ebene der Geisterwelt. Der Seelenverschlinger gilt als eine bekannte Bestie, die bewusst gemieden wird. Zu gefährlich bleibt eine Konfrontation, und die Überlebenschancen liegen unter zwanzig Prozent. Doch Steve und Horst rühmen sich mit den vielen Wettrennen. Beide sind kleine Legenden im Kreise des Zirkels. Steve mag zwar Lächeln und doch entgeht Skyla nicht, wie aufmerksam er seinen Gegenspieler beobachtet. Ein gigantischer Aal. Schnell und agil.
Scheinheilige Stille lässt Skylas Nerven flattern. Trotz der vorhandenen Bedrohung sei ihnen ein ruhiger Moment gegönnt. Wie Steve behält Skyla das Monstrum zu ihrer Rechten im Auge. Statt die Oberfläche anzusteuern, sinkt das Fahrzeug immer tiefer. Langsam wie bei einer Schlange sind die Bewegungen des Seelenverschlingers und doch entgeht keinem in der Fahrerkabine, wie sich der riesige Aal fortbewegt.
„Es beginnt, Horst“, verkündet Steve.
Endlich ohne Albernheiten. Die Clownsmaske legt er ab. Mit dem Fokus auf seine Prüfung gerichtet. Beide Fahrzeuge steuern weiter fern vom Ungetüm, das zuerst den Anschein macht, als entferne es sich ebenfalls von ihnen. Doch in Wirklichkeit braucht solch ein Gigant nur etwas Platz zum Wenden. Tückisch lässt ihr Gegenspieler sie im Glauben, sich langsam aufgrund der Größe zu bewegen. Umso größer ist der Schrecken, als Steve plötzlich abbremst und das gewaltige Ungetüm wie ein ICE Zug an ihnen vorbei düst. Irre schnell, dass die Farben und Konturen verschwimmen. Skyla hält in Stockstarre den Atem an, bis sich die imaginären Schranken öffnen und der Krankenwagen langsam die Fahrt aufnimmt.
Beunruhigt dreht sich Skyla zu ihrem Freund. Lukas ist eigentlich noch ein größerer Angsthase wie sie, aber nun blickt er zu gefasst und die Falten auf seine Stirn zeigen, dass er sich mit den Fakten auseinandersetzt.
„Du bist dem Seelenverschlinger also bereits öfter entkommen. Worauf ich schließe, dass er diese Geschwindigkeit nicht konstant aufrecht halten kann“, sucht Lukas das Gespräch zum Fahrer.
Steve lächelt verschwörerisch und doch behält er weiterhin die Umgebung im Auge.
„Fünf Minuten verbleiben uns, dann hat er sich genug ausgeruht. Was aber nicht heißt, dass er uns in dieser Zeitspanne in Ruhe lässt.“
Das Handy ist schnell gezuckt und der Timer auf vier Minuten gestellt. Lukas reicht dieses an Skyla weiter, um seinen Rucksack zu öffnen. Während er ein Notizbuch herausfischt, springt ihr das Fotoalbum ins Auge, das sie ihm als Weihnachtsgeschenk überreichte. Von allen Dingen in seinem Zimmer entschied er sich dafür. Skylas Herz bebt. Sie kämpft dagegen an, eine weinende Version von Thomas zu werden. Aber sein Sohn macht es ihr nicht leicht.
Justin wäre stolz auf Lukas. All der Wissensdurst und die schnell gefüllten Seiten über dem Seelenverschlinger mit den passenden Skizzen zeigen, wie ernst Lukas das Ganze nimmt. Trotz Kaffeeklatsch lässt sich Steve nicht von dem Monstrum überwältigen. Der Wächter der Ebene versucht sie zum dritten Mal zu rammen. Ob Institution oder eine beeindruckende Beobachtungsgabe Steve Reaktionsvermögen ist lebensrettend. Oft geht der Wagen in einen steilen Tauchgang, aber diesmal folgt eine Rechtskurve. Womit sie dem riesigen Aal so nah sind, dass die Hände der elenden Seelen, verwachsen auf den Schuppen, fast die Motorhaube berühren. Die zu Stein erstarrt Geglaubten erwachen plötzlich aus ihrem tiefen Schlaf. Ihre Schreie mögen gedämpft sein und doch vibrieren die Scheiben. Hektische Bewegungen sprechen für die Panik in ihren Augen. All die Mumifizierten gewinnen an Größe. Ihre dürren Arme strecken sich nach dem Wagen aus, stoßen aber gegen Skylas Schild. Steve erkennt die Gefahr als erster und lenkt von der Gefahr fern. Denn auch Skyla sah, wie sich die Finger in die Blase bohrten und die Schicht beschädigen. Nun gilt es, diese Löcher zu flicken. Daher entscheidet sich Skyla für eine weitere Schicht.
Kein leichtes Unterfangen!
Unterschätzt wird die neue Aufgabe. Zum Glück bleibt Lukas aufmerksam, denn als ihre Nase zu bluten beginnt und sich das erste Stechen oberhalb der Schläfe bemerkbar macht, wird ihr ein Energiekristall gereicht. Stärkung und Schmerzmittel zugleich! Genau rechtzeitig, denn der Seelenverschlinger hat an ihnen einen Narren gefressen. Er beginnt sich verdächtig zu schütteln und die dabei entstehenden Funken beunruhigen Skyla ungemein.
Auch Lukas schöpft Verdacht, den er direkt anspricht: „Hat der Seelenverchlinger zufällig Ähnlichkeiten mit dem Beutezug eines Zittersaals?“
„So verzweifelt bist du schon, dass du uns grillen willst?“, spricht Steve stattdessen zum Wächter der Ebene.
Skyla fürchtet, dass ihr Schutzschild unter Spannung versagen wird und hält es für ratsam, das Fahrtempo zu erhöhen. Anscheinend teilt Steve ihre Sicht, denn der Wagen gewinnt an Tempo und bleibt dabei auf Abstand. Trotz mehrfacher Versuch seitens der Bestie, den Wagen zu rammen.
Der Timer in Skylas Händen, gesetzt von Lukas, neigt sich dem Ende. Schon bald füllt sich der Energietank des Seelenverschlingers, womit sein nächstmächtiger Angriff erfolgen kann. Die verzwickte Lage des Neugeborenentransports scheint dem Bus nicht zu entgehen. Eine magische Leuchtrakete steigt während der Jagd empor und lockt das Ungetüm zum Bus. Ein magisches Feld erhebt sich dabei über dem Bus. Eine leuchtende Blase. Ähnlich wie Skylas Schutzschild. Nur schimmernder und heller. Gefüllt mit einem kleinen Kunstwerk. Während Lukas die Gelegenheit nutzt, um das magische Symbol abzuzeichnen, studiert Skyla die vielen Details. Die kleinen Sterne im Bogen, die nach und nach aufleuchten, wie ein etwas anderer Timer. Keltische Runen und verzweigte Äste mit einer Vielzahl von Symbolen im Kreis lässt Skyla im Ungewissen. Der Zauber lässt Steve verdächtig grinsen. Bis sich der letzte Stern auflädt und ein gewaltiger Lichtstrahl aus dem Feld katapultiert wird. Strahlend hell und mit einem gewaltigen Durchmesser trifft das Licht den Seelenverschlinger und pustet ein gewaltiges Loch durch den betroffenen Teil des Panzers. Gewebe reißt und der Aal verliert ein Drittel seines Körpers. Blutend windet er sich im unbekannten Gewässer.
Ein Rückschlag zu ihrem Vorteil. Es wirkt, als können sie die Bestie abschütteln.
„Ein Hexengeschoss. In dem Bus befindet sich ein wahres Naturtalent. Jung, aber schon Träger solch mächtiger Zauber“, verkündet Steve stolz.
Solch eine Macht… wieso fürchtet sich Hexen vor dem Orden?
Es ist für Skyla unbegreiflich. So wie die schwebende Straße tief unter ihnen, die durch einen dichten Nebel verborgen lag. Apokalyptisch wirkt die Fahrbahn mit den all dort liegen stehenden Fahrzeugen. Wie Scheinwerfer auf Bühnen strahlen die Laternen hell.
„Eiserne Regel: Nicht anhalten, egal, was kommt! Verstanden? Die kleinen Fische hier unten wollen uns täuschen, kennen die Schwäche von uns Menschen. Mitgefühl bringt uns in den sicheren Tod. Zumal jene Seelen hier verloren sind.“
Steve spricht in Rätseln. Mal wieder. Sicherlich folgt die Auflösung früher, als Skyla lieb ist…



































































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