Kapitel 28

Gespenstiger Stillstand. Unheilvoll liegt die Stille wie ein schweres Tuch über der Straße. Keine irdischen Gesetze – das erwähnte Steve bereits. Die Geisterwelt überrascht Skyla immer aufs Neue. Mit angehaltem Atem schweift Skylas Blick wachsam über eine Autobahn. Trotz einwandfreiem Zustand liegen die Fahrzeuge still und verlassen.
„Dein Einsatz, Skyla. Da vorne komm ich nicht durch. Du musst mir eine Schneise öffnen.“
Überfordert von Steves Bitte öffnet sich Skylas Mund zum Widerspruch. Die Barrikade besteht nicht nur aus Autos, da befindet sich zu ihrem Dilemma auch noch ein großer Lkw im Weg.
Noch kann Skyla ihren Missmut nicht in Worte fassen. Aber auch Lukas hat seine Zweifel.
„Und das Schild? Ich bezweifle, dass Skyla ihre Fähigkeiten soweit aufteilen kann.“
Steve runzelt die Stirn und schnauft. Womit er ihre Selbstkritik ankurbelt.
Hätte sie mehr trainieren sollen?
Kommt dieser Fehler ihnen nun teuer zu stehen?
Nein! Noch habe ich es nicht versucht!
„Erkläre es mir, Steve. Wie kann ich verhindern, dass sich unser Schild auflöst.“
Tatsächlich lässt sich ihr Fahrer darauf ein und rät vorerst dazu: „Nimm dir noch einen Energiekristall. Nur zur Vorsicht.“
Gesagt, getan. Gewappnet mit einem kleinen Akku blickt Skyla entschlossen auf.

Die Barrikade ist fast erreicht, aufgrund dessen rät Steve ihr dazu, ihre beiden Hände als unterschiedliche Personen vorzustellen. Die Linke hält das Schild aufrecht und die Rechte räumt den Weg. Den Schild der linken Hand zuzuordnen erfordert wahrlich etwas Übung, dass Skyla bereits fürchtet, dass Steve zum Anhalten gezwungen wird. Etwas, was er eigentlich vermeiden mag, denn zu groß ist die Gefahr vor Ort. Doch Skyla nimmt den Energieverbrauch auf der linken Seite wahr und konzentriert sich daher mit der rechten Hand auf das Ziel vor ihnen. Auch hier tut sich zuerst nicht wenig. Aber dann beginnt ein Auto zu wackeln und schiebt sich ganz langsam seitlich nach oben. Der Energiekristall beweist sich als ein Segen, denn die Aktion laugt den Körper wahrlich aus. Kaum geht die Macht des Kristalls auf sie über, verliert Skyla die Kontrolle über ihre Gabe und zwei der Autos werden in die Höhe gesprengt. Mit solch eine Wucht, dass die Straße erschüttert und ihre Macht die Fahrzeuge hinaus aus der Fahrbahn katapultieren. Ins Reich des Seelenverschlingers.



Lukas zuckt sichtbar zusammen, während Skyla einige Sekunden braucht, um ihren Erfolg zu begreifen. Ihr Einsatz reicht aus, um sich einen Weg hindurch zu bahnen. An dem Lkw vorbei. Skyla will sich gerade über diesen Sieg freuen, da nennt Steve sie streng.
„Den Schutzschild aufrecht halten!“
„Stimmt! Entschuldige.“
Zu viel steht auf dem Spiel, um nachlässig zu werden und doch drückt Lukas sie von der Seite.
„Ich bin stolz auf dich.“
Lob, das ihr Herz höher schlagen lässt und sie dazu verleitet, zu ihm rüberzusehen. Im gleichen Moment fallen ihre Mundwinkel, denn sie sieht in der Fahrerkabine des Lkws ein Skelett sitzen. Zu ihrem Entsetzen handelt es sich nicht um tote Knochen, denn der Fahrer dreht den Kopf zu ihr und hebt die Hand zum Gruß. Lukas folgt zum Glück ihrem Blick. Auch sein Gesicht nimmt eine kränkliche Farbe an.
„Steve, ich fürchte, wir sind nicht länger allein unterwegs.“
Aufs Kommando schalten sich die Lichter des Lkws an. Ein kurzes Hupen und schon setzt sich das Fahrzeug neben ihnen in Bewegung.
„Keine Sorge. Die Seele ist friedlich.“
Steves Entwarnung verliert in dem Moment Gewicht, als der Lastkraftwagenfahrer auf Rammbock spielt und sämtliche Fahrzeuge aus dem Weg räumt.
„Anscheinend hat er seinen Führerschein zu Lebszeiten im Lotto gewonnen.“
„Woran erkennst du eine friedliche Seele?“, spricht die Neugier aus Lukas.
Steve lächelt, als sei die Antwort offensichtlich. „Er hat die Hand zum Gruß gehoben und ist so nett, uns den Weg zu räumen.“
„Sorry, aber das klingt nach einer naiven Denkweise.“ Lukas schüttelt ehrfürchtig den Kopf, als er den bewusstlosen Kai fixiert. „Sollten wir die Taten und Worte der Bewohner hier nicht besser anzweifeln? Dämonen sind schließlich listig.“
Steve nickt zustimmend und doch lässt er sich die gute Laune nicht nehmen. „Schon. Aber je länger du an jenen Ort verweilst, bekommst du mit der Zeit ein Gefühl, jene Seelen einzuschätzen.“

Statt sich an der Unterhaltung zu beteiligen, behält Skyla die Gegend im Auge. Schließlich umranden Büsche die Fahrbahn. Noch lässt sich der Seelenverschlinger aus der Ferne ausmachen und es zeigt sich, dass der Wächter ihnen folgt. Er wartet sicherlich auf seine Gelegenheit. Doch die in Dunkelheit gelegte Vegetation nimmt weiter zu. Zu den Sträuchern kommen einzelne Bäume hinzu und ehe sie sich versehen, wirkt es, als führe die Straße durch einen Wald hindurch. Die ersten Fußgänger lassen sich ausmachen. Dunkle Schattengestalten, die an Menschen erinnern. Verteilt am Rande der Straße. Fast alles stille Beobachter. Nur wenige bewegen sich langsam fort und laufen ziellos umher. Laut Steve verlorene Seelen. Harmlos, sofern Gespräche mit ihnen gemieden werden. Noch besteht kein Grund zur Sorge und trotz des spärlichen Lichts wirkt es wie eine entspannte Autofahrt. Den Lkw haben sie schon lange verloren. Der Fahrer ist ihnen sicherlich meilenweit voraus bei dem Tempo, das er drauf hatte.



Trügerisch ist der Moment der Stille. Ermüdend. Bislang hielt Skyla ihre Fähigkeit nie länger wie einige Minuten aufrecht. Bereits eine halbe Stunde vergeht ohne weitere Vorkommnisse. Skylas mangelnde Konzentration scheint ihrem Freund nicht zu entgehen, schließlich wählt Lukas nun bewusst wichtige Thematiken.
„Was wird nun aus Naru?“
Steve runzelt die Stirn und schaut kurz rüber. „Naru? Der Säugling?“
Ein kurzes Nicken seitens Lukas und Steve seufzt.
„Ich bin kein Arzt, aber so wie ich hörte, kam er zu früh auf die Welt und braucht ärztliche Unterstützung, bevor er in die Obhut der Familie gegeben wird.“
„Zu seinem Vater.“
Steve schüttelt flehend den Kopf. „Bitte nicht jetzt. Reden wir später darüber.“
Erneut erschüttert das Herz. Skyla keucht und fürchtet um ihren Onkel. Sina sollte ihn beschützen, war aber allein anzutreffen. Sie mied den Blick und wirkte aufgewühlt.

„Nein! Nein! Nein!“ Hektisch zucken ihre Augen rüber zu Steve. „Ist er tot?“
Sein Schweigen verheißt nichts Gutes. Zu lange bleibt es still.
„Wir reden später darüber.“
Damit wäre genug gesagt. Skyla lässt sich vom Sitz auffangen und keucht. Zwei geliebte Familienmitglieder sind an nur einem Tag von ihr gegangen. Nun fürchtet Skyla umso mehr um den Rest der Familie.
„Wir haben meine Mutter allein zurückgelassen.“ Skyla seufzt laut. „Sobald Naru sicher ist, muss ich nach ihr suchen.“
„Besser nicht“, mischt sich Steve ein, „soweit ich weiß, kooperiert deine Mutter mit dem Orden.“
„Unmöglich! Das sind böswillige Anschuldigungen!“, giftet Lukas.
Steve stößt den Atem erschöpft aus und starrt stur auf die Fahrbahn. Skyla hingegen plagen ebenfalls Zweifel. Ihre Mama hielt am Brutkasten ein Messer in der Hand. Noch kann sie wild spekulieren und hoffen, dass es sich um ein großes Missverständnis handelt.

Lukas sah in Kacie schon immer wie einen Mutterersatz. Wo Thomas‘ Ex-Frau versagte, erfüllte Kacie sein Herz mit Liebe und Wärme. Ab und zu verstimmte es Skyla sogar, wenn Lukas bevorzugt wurde. Dabei gab es nie Grund zur Sorge. Ihre Eltern bevorzugten keinen der beiden und behandelten beide gleich. Nun hat sich die Lage geändert. Skyla wurde verstoßen, aber es gibt noch Hoffnung.




„Lukas? Sollten sich die Dinge bewahrheiten, flehe ich dich an, hol sie zurück zu uns. Denn ich fürchte, meine Mutter ist geblendet von alten Gefühlen…“
„Du musst nicht mehr sagen, Skyla.“ Entschlossen umfasst er ihre Hand. „Verlass dich auf mich. Ich bringe Kacie zur Vernunft.“
Erneut beweist Lukas Heldenmut. Er wirkt unfassbar cool. Skylas Herz füllt sich mit Stolz.

Erwacht und schon im vollen Element lacht die kleine Höllenbrut. Skylas schnalzt mit der Zunge und blickt hinab zu Kai, der sich an die Stirn fast. Seine Augen leuchten und sein Körper bebt vor Erheiterung.
„Scheint, als hättest du zu viele Kopfschläge einstecken müssen. Geht es dir gut, Kai?“
Ein tiefer Atemzug reicht nicht aus, um sich zu beruhigen. Kai bricht immer aufs Neue in Gelächter aus. Es kostet ihm unzählige Versuche, bis Skylas Geduld endet und ihre Faust hinunter donnert. Ein weiterer Schlag gegen den Schädel wird ihn sicherlich nicht umbringen, aber beruhigen. Leider hat sie sich geirrt, denn mit seinem teuflischen Grinsen fixiert er Lukas an.
„Welch Naivität!“ Kai beteiligt sich am Gespräch, woraus Skyla schließt, dass er bereits länger erwacht sein muss. „Kacies Ketten sind gesprengt. Ihr wurden die Augen geöffnet und ihr Erwachen als Jägerin lässt sich nicht mehr stoppen. Vergebene Mühe! Ihr habt Kacie verloren! Nichts und niemand kann ihr diese Rolle nehmen. Hofft besser, ihr nicht mehr zu begegnen.“
Skyla presst die Luft verärgert aus und schraubt ihre Faust immer fester in den Plüschkörper. Ungeachtet seiner Schmerzlaute.
„Du irrst dich, Kai! Wenn einer zu meiner Mutter durchdringen kann, dann Lukas.“
Flink befreit sich die Dämonenwatte aus ihrem Griff und springt zur Frontscheibe. „Ist klar! Mutest du den Burschen nicht zu viel zu?“
Ein Blick zur Seite und Skyla nimmt Lukas‘ treuen Begleiter wahr. Seine Entschlossenheit. Er kann verbissen sein, wie sie am eigenen Leib erfahren hat.
„Lukas schafft das!“
Daran will sie nie zweifeln.

Auffällig glänzen Lukas‘ Augen, als er seinen Kopf zur Seite schwenkt. Skyla schenkt ihm ein Lächeln, das er zögerlich erwidert. Dabei blendet sie Kais Zweifel aus, die er laut verkündet. Noch immer liegt Lukas‘ Hand um ihre, woraufhin sie ihre zweite drauflegt und seinen Handrücken vertrauensvoll streichelt.




„Wenn es ein schafft, dann du.“
Sich zu wiederholen war vielleicht zu viel des Guten, denn er beugt sich auffällig zu ihr nieder. Ganz nah an ihr Gesicht und verharrt im letzten Moment kurz vor ihren Lippen. Sein Geist erwacht und die Röte steigt ihm langsam aber sicher ins Gesicht. Ihm zu widerstehen wäre das einzig Richtige. Doch sie hatte schon immer eine Schwäche für Helden. Lukas bewies mehr Mut und Einsatz als irgendwer sonst. Obwohl er sich seine Sterblichkeit bewusst ist. Ein winziger Teil von ihr beginnt für ihn zu schmachten, dabei begehrt sie doch Milan! Gefrustet packt sie zu. Grober als geplant. Ihre Finger wuschelnd stürmisch durch seine perfekte Frisur, die sie ihm im Handumdrehen durcheinander bringt.
„Idiot! Es reicht jetzt endlich! Hör verdammt auf damit, so cool zu sein! Sei gefälligst der Angsthase, den ich so sehr mag!“
Mitten in ihrem Satz entschuldigte sich Lukas völlig nervös und richtet sich auf, um sein Gesicht hinter seinen Händen zu verstecken. Doch kaum spricht sie zu Ende, sinken diese mit einem Ausdruck der Verwunderung hinab. Er zieht scharf die Luft ei und fährt sich durchs Haar, als wolle er den Schaden beheben, den sie verursacht hat.
„Was meinst du damit, Skyla? Etwa, dass ich dir gefallen könne?“
Eine Falle! Ein gemeiner Schachzug! Darauf zu reagieren wäre ihr Ende, daher dreht sie ihren Kopf beleidigt weg, um Steve auszumachen, den sie bei all dem Trubel kurz vergaß.

Zum Glück liegt Steves Fokus auf die Umgebung. Sein Ausdruck hat sich verändert. Sein Körper wirkt starr und angespannt. Nur kurz fixieren die Augen den Seitenspiegel an und Skyla erschaudert, als sie die Gestalt dort ausmacht. Versteckt hinter einem stillgelegten Bus. Ein hochgewachsenes Wesen. Spindeldürr und bestehend aus beweglicher Materie. Schwarze Luftströme, die einen humanoiden Körper formen. Vergleichbar mit einen langgezogenen Menschen. Auf dem Kopf liegt eine weiße Maske. Mysteriös und fast blank. Nur zwei große Sterne sollen Augen darstellen. Dank der Maske lässt sich somit schwer ausmachen, ob die Gestalt sie überhaupt wahrnimmt. Vielleicht steht das Wesen nur zufällig mit dem Gesicht in ihrer Richtung. Skyla würde es sich wünschen, doch dafür wirkt Steve zu angespannt. Zu ernst für seinen sonst so fröhlichen Charakter.



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