Kapitel 29
Wie ein wilder Haufen tollwütiger Fledermäuse gepaart mit dem Schrei einer erzürnten Bestie rollt der Schall über die Fahrbahn. Schrill und auf einer hohen Frequenz. Markerschütternd. Das längliche Wesen beugt sich hinab in die Knie. Mit ausgestreckten Armen und erhobenen Klauen. Bereit, zu jagen. Skyla kämpft mit Schwindel. Ihr Oberkörper sackt nach vorne weg. Nur der Gurt hindert sie daran nicht wegzubrechen. Das Blut rauscht in ihren Ohren, begleitet von einem lästigen Pfeifton. Die Zeit wirkt eingefroren. Die Geräusche dringen nur gedämpft an sie heran. Der Körper reagiert zu langsam. Selbst eine Kopfdrehung dauert eine gefühlte Ewigkeit. Lukas scheint es ebenfalls erwischt zu haben. Anders als sie nahm ihn die Bewusstlosigkeit in Beschlag. Dank des Autogurts hängt nur sein Kopf zum Glück hinab.
Gewaltsam wird ihr Kopf gehoben. Skyla blickt in Kais glühende Augen. Wie leichte Beute wird sie betrachtet. Sein teuflisches Lächeln entgeht ihr nicht, sowie er den rechten Bärenarm hebt. In dem angeschlagenen Zustand lässt ihr Reaktionsvermögen sie völlig im Stich. Kais schallende Ohrfeige lässt sie erwachen. Grausam und hart. Die betroffene Stelle brennt wie Feuer und bei der Kraft dahinter wundert es sie, dass der Kopf noch sitzt und sich kein Zahn lockerte. Der benebelte Zustand endet und sie erwacht brummend. Blut läuft ihr aus der Nase und die Sicht färbt sich rot. Noch im gleichen Moment schnappt sie sich Kai und würgt ihn in ihren Händen.
„Was erlaubst du dir, Kai?“
Ihr Zorn bebt in dem Moment ab, als der Krankenwagen scharf in die Kurve geht und einer Schar wilder Bestien ausweicht.
Augenblicklich löst sich Skylas Griff um ihren Schutzgeist und sie mustert ihr Angreifer aus nächster Nähe voller Unglauben. Bleiche Vierbeiner. Der Körper ähnelt vom Bau her an rasierte Wölfe, aber die Köpfe darauf haben etwas Menschliches. Würden die leeren Augenhöhlen nur nicht rötlich leuchten und bestimmte Aspekte fehlen wäre die Anatomie zum Menschen erschreckend ähnlich. Es ist, als hätte die Schöpfung einem Totenschädel nur eine gräuliche Lederhaut übergezogen. Hunderte von diesen Wesen tummeln sich nun auf der Fahrbahn und ein Blick zur Seite zeigt, dass sie hinter den Bäumen hervorkommen. Mit dem Ziel, sich auf die Fahrzeuge zu stürzen.
Die stillgestandene Autobahn verwandelt sich in einen wahren Alptraum. Sämtliche Oberflächen sind plötzlich mit großen, roten Adern überwuchert. Manche bereits plattgefahren. Brennende Autos mitsamt Insassen vermitteln Skyla das Gefühl, in der Hölle angekommen zu sein. Sie werden Zeugen, wie sich arme Seelen hinter den beschlagenen Fenstern winden. Alles Schattengestalten. Skyla hört qualvolle Schreie und im Hintergrund erklingen laute Trommelschläge im 30 Sekunden-Takt. Über die Bäume hinweg schießt ein riesiger Wurm hervor. Gewaltig groß und mit einem runden Maul voll von Zähnen. Das Wesen könnte den Wagen locker verschlucken, überbrückt aber zum Glück das kleine Waldstück samt Fahrbahn. Und doch vibriert die Erde unter ihm.
„Ganz wichtig, Ruhe bewahren, Skyla“, spricht Steve sie an, „Vergiss dein Schutzschild nicht. Denn wenn ich mich nicht irre, trägt dieses bereits gravierende Schäden.“
Der Schutzschild!
In all der Hektik vergaß Skyla fast ihre eigentliche Aufgabe. Die schützende Blase beginnt sich zu rotieren, womit Skyla sämtliche Kratzer und Risse ausfindig machen kann, um diese eilig zu beheben. Ihre Anstrengung muss ihr ins Gesicht geschrieben sein, denn Kai reicht ihr einen der Energiekristalle, womit ihre Batterien schnell wieder aufgeladen sind. Trotz Schuldschild kommen die Kreaturen dem Wagen gewaltig nahe. Sie rammen ihre Klauen mit solch einer Wucht in den Asphalt, dass die Erschütterung im Erdreich zu spüren ist und der Krankenwagen gewaltsam zur Seite geschoben wird. Einmal sogar gerät dieser ins Schlendern. Die Angreifer beißen in den Schutzschild, krallen sich daran fest und lassen sich mitschleifen, als wären sie überzeugt, sich einen Weg durch den Schild zu knabbern. Um am Ende jedoch durch die Rotation plattgemahlen zu werden.
Ein Tunnel in der Ferne begrüßt sie einladend mit noch mehr Monstern. Und doch steuern Bernd und Steve genau diesen an. Die Hexe im Bus leistet jedoch hervorragende Arbeit. Denn es bilden sich überall auf der Fahrbahn kleine Gewitterwolken, die sich entladen und Feinde aus der Distanz ausschalten. Ein Treffer und die Kreaturen zerfallen zu Staub. Auch das Monsternest, das sie bewusst ansteuern, wird bereits beschossen. Aufmerksamkeit bekommen acht große Kugeln. Leuchtend hell. Mit einem glühenden Magmakern. Vier Stück aneinandergereiht an jede Seite des Buses. Die Kugeln beginnen sich zu drehen und um sie herum entsteht ein leuchtender Ring mit einer Vielzahl von Symbolen, die sich auf einem magischen Bogen über der Ansammlung von Kugeln stapeln und ein Muster ergeben. Die Geschwindigkeit der Rotation der Hexenmagie nimmt verdächtig zu und die plötzliche Entladung erinnert an ein Maschinengewehr. Die magischen Geschoße säubern die Monsterhöhle innerhalb weniger Sekunden, bevor die Kugeln samt Ring verblassen und sich auflösen. Skyla staunt nicht schlecht über die entstandene Schneise. Eine Macht, die wie ein Radiergummi ein halbe Skizze auslöscht. Halbzerfetzte Monsterleichen brechen zur Seite. Manche zucken noch kurz. Andere klagen laut und heulen wie Wölfe, um sekundenspäter mit dem Kopf wegzubrechen.
Beide Fahrzeuge lassen die Monsterwelle als Sieger hinter sich und begeben sich sicher in den qualmenden Tunnel. In ein neues, unbekanntes Areal. Großräumig und doch eng. Die Sorge wächst, denn Skyla fürchtet eine Eskalation wie kürzlich im Untergrund gegen die Bestie, der sie nicht das Wasser reichen konnte. Das Gasmonster, das sie gemeinsam mit Jacob brach. Statt der Fahrbahn zu folgen, erhebt sich rechts von ihnen an der Wand ein magisches Portal. Ähnlich wie das von Mia, nur größer. Zuerst biegt der Bus ab und auch Steve gönnt sich einen tiefen Atemzug, als der Krankenwagen hindurch fährt und von echtem Sonnenlicht begrüßt wird. Beide Fahrzeuge verlassen eine Unterführung mitten im Wald. Begrüßt von Wolfsgeheul.
„Wir werden bereits erwartet“, berichtet Steve schmunzelnd und schnappt sich das Funkgerät, „Geplante Ankunft in fünf Minuten.“
Die Lage mag sich entspannt haben, nur braucht Skyla einen Moment, um sich zu sammeln. Es wirkt wie ein Traum und Skyla wartet vergebens auf einen größeren Schrecken. Erst Minuten später beruhigt sich der Herzschlag und das Medium fordert Antworten.
„Steve, was war das gerade?“
„Zu unserem Pech ein Elitemonster. Kein Höllenfürst und doch leider sehr mächtig. Er befehligt viele Soldaten. Aber zum Glück gehen wir nie unvorbereitet hinein. Es beunruhigt mich dennoch, dass wir auf den höheren Ebenen solch einen Fund machen mussten. Es scheint, als sei die Geisterwelt in Aufruhr.“
Erschöpft lässt sich Skyla vom Sitz auffangen. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mehr fürchten soll, die Geisterwelt oder den Orden.“
Steve lacht leise und löst eine Hand vom Lenker, um ihr kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen.
„Hey, das war deine erste Fahrt durch die Geisterwelt. Und du warst gut. Ein paar Mal und du gewöhnst dich dran.“
Ein kläglicher Versuch, sie zu trösten. Denn Skyla hat nicht vor, erneut durch die Geisterwelt zu wandern. Was muss Sina blind sein, sich freiwillig hinab zu wagen.
Die Krankenfahrt führt sie von der Hauptstraße hinab zu einer großen Allee. Zu einem riesigen Anwesen. Es wirkt wie ein großes Schloss. Strahlend hell und gepflegt. Kein Lost Place wie das Versteckt von Justin und Milan. Dennoch versteckt im Nirgendwo. Ein riesiges Gatter schwingt am Ende der Allee auf und begrüßt werden sie von einem Wolfsrudel, das sich von beiden Seiten der Straße aufreiht und laut heult.
„Willkommen an einer der größten Hexenakademie hier in Deutschland. Das Schloss Eulenherz – bekannt als hochanerkannte Eliteschule konkurriert diese weltweit…“
Tatsächlich hält Steve den Atem an, als Skyla mit Bedenken die Hand hebt.
„Alles schön und gut, aber was hilft uns das weiter? Brauchen wir nicht ein Krankenhaus? Die Versorgung der Intensivpatienten sollten Vorrang haben.“
Statt darauf einzugehen, konzentriert sich Steve mit einem wissenden Lächeln aufs Fahren. Der Bus passiert die Einfahrt und biegt links ab, womit Skyla nun den gewaltigen Innenhof samt der Gartenanlage zu sehen bekommt. In der Hoffnung, Naru sei sicher und in guten Händen. Denn sie will Steve vertrauen. Er kam schließlich ungefragt zur Hilfe und dank ihm wirken sie zuerst sicher vor dem Orden.


































































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