Kapitel 30

Eindrucksvoll versteckt sich ein kleiner Schatz in den Wäldern. Altmodisch, fast antik, aber instand gehalten. Das gesamte Gelände wirkt weitläufig und zeigt sich ausgestattet mit vielen romantischen Gartenanlagen. Kunstvolle Laternen und detailreiche Bänke mit Holzschnitzerei, sowie kleine Pavillons geben das Gefühl, in der Vergangenheit zu stecken. Das gesamte Inventar wirkt aus einem älteren Jahrhundert und doch so atemberaubend, das die Kulisse die perfekte Vorlage für jedes romantische Gemälde wäre. Die gepflasterte Straße umzäunt von Rosenbüschen führt in den Westen des Anwesens. Durch einen riesigen Kräutergarten. Systematisch strukturiert und von einigen Gruppierungen jungen Menschen besucht.
Der schwarzblauen Uniform zu urteilen sicherlich die Schülerinnen der Schule. Eine Garderobe mit Stil. Für die jungen Damen eine marineblaue Seidenbluse mit Schleife am Bindekragen. Darüber ein schwarzes Kleid mit tiefem V-Ausschnitt. taillenbetonend und mit fließendem Rock. An der Brust prangt ein glitzerndes Emblem mit einer weißen Eule, deren Flügel majestätisch ausgebreitet sind. So wie auf der schwarzen Seidenweste der jungen Männer, auf dessen Oberfläche ein schimmernder Blumendruck sich leicht abzeichnet. Darunter ein elegantes Hemd in der gleichen Farbe wie das der weiblichen Gesellschaft. Den gewissen Schliff verleiht die elegante Fliege mit einem mitternachtsblauen Edelstein. Solch maßgeschneiderte Anzüge und die hochwertigen Outfits fühlen sich falsch bei der Gartenarbeit an. Aber sicherlich reicht ein schneller Zauber für die Reinigung aus. Die Magie von Hexen überraschte Skyla bereits öfter. Ein ganz anderes Level im Vergleich zu ihrer Kraft. Fast schon beneidenswert.

Aus nächster Nähe erleben sie sogar eine Lehrstunde in der Gartenanlage, wo eine ältere Dame einen Strauß Johanniskraut in den Händen hält und auf die Zweigspitzen deutet, während sie zu der kleinen Versammlung spricht. Fast ließe sich Skyla von dem Schein der Sonne trügen, bis sie sich an die eigentliche Jahreszeit erinnert.
„Wir stecken mitten im Spätwinter und hier herrschen sommerhafte Temperaturen.“
Steve klopft ihr anerkennend auf die Schulter. „Ist dir aufgefallen, ja? Siehe dieses Anwesen als riesiges Gewächshaus. Du magst die Kuppel nicht sehen können, aber wir sind hier in einem riesigen magischen Kreis.“




Sehr praktisch.

Auf Steves Bitte weckt Skyla ihren Freund. Es dauert ein paar Versuche, schließlich wirkt Lukas ganz benommen und kaum ansprechbar. Eine Nachwirkung durch den Elitedämon. Ihn zu wecken scheint ein wichtiger Schritt zu sein. Zu lange auf Befehl des Dämons in Schlaf versetzt zu sein, kann laut Steve gravierende Auswirkungen haben. Sein Traumzustand wird kontrolliert von der Kreatur. Ein zeitloses Gefängnis des Grauens. Lukas gehört in fachkundige Hände. Noch kennt Skyla Steve und den Rest zu kurz, um ihnen ganz zu vertrauen. Aber schließlich geht es um die Versorgung von Naru, und auch Tessa kann Skyla nicht allein lassen.

Auf dem Akademiegelände befindet sich tatsächlich eine große Klinik, die wie ein Schloss in all der Blütenpracht thront. Steve erweist sich als eine aufrichtige Seele. Er zeigt Verständnis für ihre Lage und verhilft ihr bei der Entscheidung, denn er sorgt dafür, dass Lukas mit Naru im gleichen Zimmer versorgt wird. Er verschafft ihr Zeit, denn obwohl die Direktorin nach Skyla ruft, soll sie ihn begleiten. Erst mit der Gewissheit, dass ihre Liebsten in guten Händen stecken, wird sie dem Ruf der Direktorin folgen. Ein Multitaskingtalent wie Steve managet bereits alles Nötige. Ein Rollstuhl für Lukas, helfende Hände aus der Klinik Eulenherz und im Nu wird Naru im Beisein von Dr. Herzlieb ausgeladen. Ein Blick auf Tessa und Skyla muss sich fragen, um wen sie sich mehr Sorgen machen muss. Die Schminke ihrer Cousine ist komplett zerlaufen, die Augen gequollen und die Schulter hängen hinab. Eigentlich wollte Skyla den Rollstuhl für ihren besten Freund schieben, aber Tessa sucht bereits Halt an ihr. Sie schluchzt bitterlich, nuschelt wirres Zeug und klammert sich an Skyla, als sei dies der einzige Halt, um nicht im Boden zu versinken.

Dalika erkennt die Misere und übernimmt Lukas. Ein Wink seitens Steves und Skyla erkennt, dass sie sich mit Tessa in Bewegung setzen muss, um nicht an den wildfremden Ort verloren zu gehen. Durch den großen Krankentransport herrscht an der Notaufnahme eine riesige Hektik. Damit Tessa nicht verloren geht, schnappt sich Skyla ihre Hand und richtet die Augen auf Steve. Dabei versucht sie ihre Umgebung so gut es geht auszublenden. Gar nicht so leicht, denn durch die Pforte hindurch begrüßt sie eine ganz andere Welt voll Funkel und Glitzer. Magie, wohin das Auge reicht. Statt dem sterilen Geruch von Desinfektionsmittel befinden sich im Eingang prachtvolle Eulenstatuen mit Räucherwerk, das angenehm duftet. Neben Hexen und Hexern befinden sich noch andere Wesen vor Ort. Stolze Schneefüchse laufen brav wie Hunde an der Seite von einigen Leuten. Katzen bewegen sich ungehindert in jeder Ecke herum, haben dabei die Auswahl vieler Liegeplätze und neben Feen macht Skyla Wesen aus, die Dalika sehr ähneln. Damen mit langen Elfenohren, grünlicher Haut. Langes Haar, geschmückt mit Blättern und Blumen.




Das Herz würde sicherlich noch viel aufgeregter schlagen, wäre die Umstände anders. Denn Skyla sehnte sich schon immer Magie herbei. Ihr Weltenbild wird erneut umgeworfen. Steve wird freudig am großen Empfang erwartet. Die jungen Damen kennen bereits Narus Namen und erfreuen sich an den Anblick eines Neugeborenen. Aus dem Gespräch heraus hört Skyla, dass ihr Cousin die Fahrt gut überstanden hat. Der Schrei des Dämons betraf nur die Fahrerkabine. Am Empfang folgt eine kurze Pause, um die helle Räumlichkeit auf sich einwirken zu lassen. Trotz altertümlichen Bau wurde das Innenleben modernisiert. Das Design erinnert mehr an ein neumodisches Hotel. Ungewöhnlich luxuriös, sodass sich Skyla fürchtet, sich verschulden zu können, wenn Naru an jenen Ort aufgenommen wird. Milans Warnung geistert ihr dabei im Kopf und plötzlich sieht sie jede Hexe und jeden Hexer als gnadenloser Ausbeuter. Mit aufgesetzter, freundlicher Maske. Aber dahinter versteckt sich das böse Lachen. Profit! Milan fürchtet die Hexen nicht umsonst.

In Panik schreitet Skyla zu Steve und entführt ihn kompromisslos in den Hintergrund. Mitten im Gespräch mit seinen Kollegen.
„Hey, Steve. Ich bin nur gesetzlich versichert. Bei meinem Onkel habe ich keine Ahnung. Aber was wird mich Narus Versorgung überhaupt kosten? Ich meine…“
Ihre Sorgen wollen gerade herausplatzen, da legt er seine Hände bestimmend auf ihre Schultern und verlagert sein Gewicht auf sie. Es reicht, um den Atem anzuhalten.
„Das bereitet dir Sorge? Solltest du nicht an erster Stelle an die Gesundheit deiner Freunde und Familie denken?“
Schon. Aber Skyla fürchtet die Folgen.
„Naja schon, aber ich weiß auch, wie teuer die Hilfe einer Hexe sein kann.“
Tessa hängt zum Glück wie eine Klette an ihr und schaltet sich ein: „Mach dir darüber keine Sorgen, Skyla. Meine Eltern waren Privatpatienten. Wir haben genug Asche.“
Ein kläglicher Versuch, sie zu beruhigen, denn damit bestätigt sich der Verdacht. Onkel Hendrik weilt nicht mehr unter ihnen. Erschüttert von der Botschaft öffnet sich der Mund, aber kein Ton kommt heraus.

Der Ruf nach Steve lässt den Hexer handeln. Er klopft Skyla kumpelhaft auf die Schulter und versichert: „Sei unbesorgt, Skyla. Die Evakuierung wurde nicht von dir veranlasst. Wir heißen euch hier als Gäste willkommen und für Narus Rettung könntest du dich im Gespräch mit der Direktorin erkenntlich zeigen. Denn sie wünschte sich bereits seit einigen Wochen ein Gespräch mit dir, nur stehst du unter Justins Schutz.“




„Ich werde also nicht ausgebeutet?“ Kaum ausgesprochen glühen Skylas Wangen. „Entschuldige, das klingt so schrecklich. Aber Justins Partner riet mir, nie einer Hexe zu trauen. Er spricht so schlecht von euch.“
Statt beleidigt zu sein, lacht Steve lauthals.
„Sieht Milan ähnlich“, bringt er nur noch hervor, als er sich schließlich zurück zu seinen Kollegen begibt.

„Skyla, jetzt komm mal runter. Du weißt doch, meine Familie schwimmt im Geld“, tönt es missbilligend von Tessa.
Vorwurfsvoll blickt Skyla auf. „Sag das bitte nicht so laut. Nachher beuten sie dich aus.“
Doch ihre Cousine winkt ungläubig ab, als habe sie es mit einem Verschwörungstheoretiker zu tun. Ein Pfiff weckt ihre Aufmerksamkeit, denn Steve verkündet mit einem Wink, dass es weitergeht. Hinauf in den vierten Stock. In ein traumhaftes Zimmer. Lichtdurchflutet durch die großen, bogenförmigen Fenster. Mit einer bequemen Sitzecke. Ein gläserner Erker erweitert den Wohnraum und gibt eine atemberaubende Aussicht auf die Gartenanlage des Schlosses. Auf Wunsch des Pflegepersonals setzen sich Tessa und Skyla genau dort auf eine Couch und beobachten still, wie Naru und Lukas versorgt werden. Dalika verharrt dabei eisern an Narus Seite, während Sina das Geschehen von der Tür aus betrachtet.

Für Steve geht es nur um den Krankentransport. Seine Arbeit endet, als Naru rund um versorgt wird. Und doch mag er nicht ohne Abschied gehen. Bewusst kniet er sich vor Skyla hin und schenkt ihr ein Lächeln, das ihre Stimmung sicherlich bessern soll. Doch dafür ist zu viel passiert.
„Hey, es wird alles wieder gut. Glaub mir. Ihr seid stark und kommt klar. Nun seid ihr nicht mehr allein und ich bin mir sicher, dass wir uns gegenseitig unterstützen können. Die Fahrt zeigte mir jedoch, dass es dir etwas an Erfahrung fehlt. Deine Fähigkeiten befinden sich in Entwicklung und doch hast du einen verdammt guten Job gemacht. Weiter so, Skyla. Ich bin mir sicher, du machst noch Karriere. Leute wie dich können wir hier gut gebrauchen.“
Liebe Worte. Aber spricht er ehrlich? Schwer zu sagen. Skyla fühlt sich gebrandmarkt und spricht ihre Sorge daher frei raus: „Die Wahl meiner Schutzgeister wirft immer ein schlechtes Licht auf mich. Meine Prophezeiung klingt alles andere als rosig. Ich glaube, auf einen Unglücksbringer wie mich solltet ihr besser verzichten.“




„Das hat man dir gut eingeredet oder? Aber du hast dein Schicksal selbst in der Hand. Du kannst entscheiden, was du daraus machst.“
Skyla fühlt sich jedoch nicht in der Stimmung, sich darüber den Kopf zu zerbrechen und will ihre Manieren nicht vergessen.
„Danke, Steve. Dank dir sind wir sicher.“
„Jederzeit wieder gern. Vielleicht siehst du mein Volk durch mich etwas anders. Milan spricht etwas voreingenommen. Dabei hat er vielen Hexen das Herz gebrochen und einen schlechten Ruf als Frauenheld. Das solltest du nie vergessen. Bilde dir lieber deine eigene Meinung über Hexen und Hexer. Aber deine Sorge war echt süß. Hast du wirklich geglaubt, wir beuten dich in solch einer Situation aus?“
Er lacht wieder. Diesmal leiser und doch voller Unglaube. Skyla seufzt erschöpft.
„Ist mir echt unangenehm, vielleicht haben die beiden Geisterjäger einen schlechten Einfluss auf mich.“

Ein Zwinkern. Schelmisch wie das von Milan, bevor Steve sich dazu äußert: „Das weiß ich doch. Ich bin dir nicht böse. Ganz im Gegenteil, du bist ehrlich und offen. Nur deshalb kam es zum Pakt mit einem Nang Tani. Dieser Vertrag allein sagt bereits viel über dich aus.“
Verwundert blinzelt Skyla hinüber zu Dalika, deren volle Aufmerksamkeit Naru gilt. Hingabevoll kümmert sie sich um die Versorgung von dem Nachwuchs.
„Dalika verdanke ich unzählige Male mein Leben. Ich bin froh, dass ich die Jagd nach ihr verhindern konnte. Zuerst war ich mir sehr unsicher mit ihr, aber sie hat sich unzählige Male bewiesen.“
Steve nickt wissend. „Ein Nang Tani ist anders als die Dryaden, die hier vor Ort arbeiten. Dein Schutzgeist hat zwei Gesichter. Aber das sollte dir aufgefallen sein. Verärgere sie besser nicht, denn ihre Art kann nachtragend sein. Gewinnst du ihre Gunst, wird sie zu einer deiner engsten Vertrauten.“
Der Hexer hat gut gesprochen. Das Schloss Eulenherz kann sich glücklich mit ihm schätzen, sollte Skyla dringenden Rat ersuchen, dann will sie sich in Zukunft auf die Suche nach ihm machen. Ihr Gefühl sagt ihr, Steve ist einer von den Guten. Daran muss sie fest glauben.

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