Kapitel 32

Taktische Stille. Einschüchternder als jedes Donnerwetter. Unheil steht bevor, aber noch schwebt Skyla in Ungewissheit. Allein der strafende Blick ihrer Oma lässt sich kaum mehr ertragen. Durchbohrend, selbst, wenn sie nicht hinsieht. Das Kartenhaus aus Disziplin, Ignoranz und Sturheit kann noch so stabil gebaut werden, am Ende bricht alles ein. Selbst wenn Karten wie Heldenmut, Notlagen und Aufopferungsgabe gewählt werden. Minutenlanges Schweigen, die Skyla nutzt um die letzten Stunden zu analysieren und auszuwerten. Die Bergung von Tante Marys Leiche lief schief. Onkel Hendrik fehlt ebenfalls. Es gibt zwei geliebte Menschen, von denen sich die Familie nicht verabschieden kann. Skyla schickte ihren Onkel in den Tod. Sina versagte, so wie sie es selbst befürchtet hatte. Lukas‘ Plan scheiterte. Doch am Ende muss Skyla Verantwortung tragen, denn sie hat die Mission abgesegnet.

Eine bittere Niederlage aufgrund Kosten anderer. Keine Glanzleistung. Zeit, die Fehler auszubaden.
„Ich habe zwei Dämonen und einen Nang Tani. Ich kann umkehren und Tessas Eltern bergen.“
Mit einem Satz befindet sie sich auf den Beinen. Doch Oma Ulrike schien nur darauf gewartet zu haben und drückt sie gewaltsam hinab.
„Unterstehe dich, Skyla!“
„Aber ich kann helfen!“
Ich muss helfen!
„Damit wir dich ebenfalls verlieren?“, zischt ihr Gegenüber.
Doch Skyla hat Vertrauen in ihre Schutzgeister. Naru befindet sich nun in Sicherheit, daher kann sie sich auf die Bergung konzentrieren und die letzten zwei Familienmitglieder warnen.

Mahnend hebt Oma Ulrike den Finger. Ohne den Blick von ihrer Enkelin zu nehmen, setzt sie sich nieder.
„Die Leichen deiner beiden Tanten, deines Onkels und die von Ramona wurden bereits vom Orden konfisziert. An einen Ort, wo du niemals lebend rauskommen wirst. Deine Schutzgeister haben dort keinen Zutritt. Du wärst auf dich allein gestellt. Wir finden einen anderen Weg, um uns von ihnen zu verabschieden.“
Skyla schüttelt ungläubig den Kopf. „Ramona und Tante Corinna sind ebenfalls tot?“
Oma Ulrike schnauft und zieht mit einem plötzlich trüben Blick einige Fotos aus ihrer silberfarbenen Handtasche hervor, die sie auf den Tisch wirft. Bilder des Grauens. Skyla schweigt erschüttert. Sie wünscht sich, sie könne den Blick abwenden, aber ihr Kopf schaltet einfach nicht. Tante Corinna liegt erstochen vor zwei vermummte Ordensmitglieder in einer Seitengasse. Aufgebrezelt wie ihre Tante war, lässt es sich schwer sagen, ob sie von einer Party kam. Und doch wanderte sie allein zu später Stunde umher. An einem abgelegenen Ort und somit als leichte Beute für den Ritterorden. Ramona und Daniel, der werdende Vater, gejagt in einem Park. Ebenfalls bei Nacht. An keinen für Skyla bekannten Ort. Ramona und Tante Corrina wohnten einige Ortschaften weiter entfernt. Mehrere Stunden Autofahrt waren nötig, ums sie zu besuchen. In einer Großstadt. Bekannt für die große Shopping-Mall und großen Firmen, die durch ihre Niederlassung viele Arbeitsplätze anbieten. Eine Stadt mit viel Unterhaltungsprogramm. Ramona und Tante Corinna fühlten sich dort wohl, waren viel in ihrer Freizeit auf Partys und Veranstaltungen.



Ramonas Fang mag ein Schürzenjäger gewesen sein, aber er war am Ende bei der Mutter seines Kindes. Stand ihr hoffentlich in den letzten Stunden bei und so wie Skyla ihn einschätzt, wird er sich gewehrt haben. Ein Footballspieler, der ungefragt hilft und sicherlich auch gern den Helden spielt. Und doch aufgeschlitzt unter einer Zugbrücke.
Was hatte Ramona wohl in einem Park verloren?
Einen romantischen Spaziergang?
Einen abgelegenen Ort, um heimlich zu trinken, zu rauchen oder anderes Zeug einzuwerfen? Traurig, aber wahr, die Schwangerschaft hinderte Ramona nicht daran, ihren gewohnten Lebensstil fortzusetzen. Dennoch hatte Ramona Pläne, die vernünftig klangen und die sie vielleicht veränderten. Sie war fast so weit wie Tante Mary. Das Baby wäre überlebensfähig gewesen und doch kam es nicht mal auf die Welt.

Das Zittern in den Händen verstärkt sich, als Skyla den genauen Todeszeitpunkt entdeckt. Ziffern von der Kamera, die den Tag und die Uhrzeit dokumentieren. Alle vier fanden bereits am gestrigen Abend den Tod. Tante Corina traf es fast eine halbe Stunde früher. Es müssen zwei Fotografen gewesen sein, denn dafür wurden zu viele Bilder geschossen. Aber auf jedem war die Konfrontation mit dem Orden schon im vollen Gange. Keins wurde aus nächster Nähe geschossen, aber es wirken auch nicht wie Aufnahmen von einer Überwachungskamera.

„Woher hast du diese Bilder?“
Oma Ulrike atmet laut aus, sie blinzelt schnell ein paar Tränen fort und verschränkt die Arme. „Ein paar Freunde haben sich auf den Weg gemacht, denn als ich von dem Vorfall an Thomas Haus hörte, wollte ich alle in Schutz wissen. Doch sie kamen zu spät und wurden somit Zeugen von den Morden. Einer der beiden ist aufgeflogen und ebenfalls auf der Flucht vorm Feind. Ich habe sie einem hohen Risiko ausgesetzt.“
Die ersten Tränen treffen die Fotos. Eilig legt Skyla die Beweise zurück zu Tisch und fasst sich an den tonnenschweren Schädel.
„Das alles ist nur meine Schuld.“
„NEIN!“ Wütend erhebt sich Oma Ulrike. „Genau das will dich der Orden glauben lassen! Du sollst von Schuldgefühlen zerfressen werden und an der Last zerbrechen. Dabei hast du gute Arbeit geleistet. Naru und Tessa sind sicher! Alles deinetwegen!“




„Irrtum. Dieser Verdienst gebührt Lukas. Er behielt bis zum Ende einen kühlen Kopf.“
Sie wünschte, sie hätte viel mehr dazu beigetragen, doch am Ende gab sie sich sogar auf.
Einen wütendes Schnaufen, immer dann wenn sie Oma Ulrike widerspricht. Doch Skyla mag keine falsche Anerkennung haben.

„Der Geisterjäger mit der Brille kam persönlich vorbei, um mich abzuholen. Gerade rechtzeitig. Wäre er nicht gekommen, dann hätte es mich auch erwischt. Vier Ritter gehen aufs sein Konto. Ein beeindruckender Mensch. Ein ehemaliger Soldat nehme ich an, denn er kämpft und handelt wie einer. Er brachte mich hierher, weil er wusste, dass es euch ebenfalls hierhin verschafft.“
Justin zeigt ein wahrlich gutes Gespür und obwohl er es sich nicht eingestehen mag, ein zu gutes Herz. Für Oma Ulrikes Rettung muss sie ihm unbedingt danken. Auch wenn sie sich fragt, woher er wusste, dass es sie an jenen Ort verschlägt.

Den scharfen Augen ihrer Oma bleibt natürlich nichts verborgen, wie sich nun zeigt. „Er überrascht dich?“
„Das tut er.“ Skyla faltet die Hände ineinander. „Woher wusste er nur, dass es mich hierher verschlägt?“
Das amüsierte Kichern ihrer Oma sorgt für Beunruhigung. Aber noch ehe Skyla das Verhalten hinterfragen kann, wirbelt die alte Dame mit dem rechten Zeigefinger herum. Daraufhin erheben sich Winde neben Skyla. Ein kleiner Wirbel und darin ein schriller Schrei. Ungläubig betrachtet Skyla eine kleine Lichterkugel, die ihre Oma in dem Strudel gefangen hält.
„Ein Irrlicht. Liebe Seelen und treue Freunde in der Geisterwelt. Leicht zu manipulieren und gute Spione.“
Mehr muss Oma Ulrike nichts sagen. Mit einem Satz befindet sich Skyla auf den Beinen und brüllt verärgert nach Justin, womit sämtliche Augenpaare auf ihr ruhen. Doch Skyla schert sich nicht darum, denn sie zweifelt nicht, dass Justin sie belauscht.
Aber wo mag er nur stecken?

Furchtlos tritt Justin tatsächlich einige Sekunden später in den Gemeinschaftsraum ein. Sein Blick eine einzige Anklage. Von allen Seiten wird er wiedererkannt und einige junge Damen erheben sich sogar, um zu ihm zu eilen. Doch der Geisterjäger schert sich nicht um seine Fangemeinde und hebt sogar mahnend die Hand, das ihm all die Leute auf Abstand bleiben sollen. Skyla hingegen greift in die Luftströmung, um sich das kleine verräterische Irrlicht zu schnappen. Die kleine Lichtkugel mag strahlend hell leuchtend, aber fühlt sich eisig kalt an. Vom Material her glaubt Skyla einen riesigen dehnbaren Gummiball zu halten, denn es lässt sich quetschen. Das Irrlicht macht dabei quirlige Laute, die an ein Flehen erinnern.




„Wirklich, Justin? Du beschattest mich?“
Sie bleckt die Zähne. Das Temperament bricht in dem Moment mit ihr durch, als sich der Stressball in ihrer Hand windet. Mit Wucht pfeffert Skyla diesen von sich zu Justin, der es gekonnt fängt, als wären sie ein Team im Ballspiel und sie habe nur gepasst.
„Zu deiner eigenen Sicherheit.“
Dieser unverschämte Kerl klingt zu gefasst und blickt überzeugt von seinem Handeln. Aus nächster Nähe bemerkt sie seinen Anzug. Er wirkt wie ein Agent. Fein gestriegelt und ein selbstbewusstes Auftreten.

Nur kurz fällt Justin Blick hinab zum Irrlicht. „Gute Arbeit. Kehre mit meinem Dank heim und ruhe dich aus.“
Seine Hände lösen sich von dem Lichterball, der ihn ganz aufgeregt umkreist und sich dabei auflöst. Nun erhebt sich nun auch Oma Ulrike und gesellt sich dazu.
„Die Direktorin erwartet uns, Skyla. Wir sollten uns besser unverzüglich auf dem Weg machen. Deine Oma wird nun über deine Familie wachen.“
Genervt von seiner Art, wie er das Ruder an sich reißt, schnalzt sie mit der Zunge. Die Sache mit dem Irrlicht missfällt ihr noch immer, doch wenn einer sie bremsen kann, dann ihre Oma. Denn die donnert ihre Hand hinab auf Skylas Schulter und übt Druck auf.
„Hör auf den Geisterjäger, Kind. Ich bin nun hier und übernehme. Kläre du deine Angelegenheiten.“
„Ist gut. Aber sei netter zu Lukas. Ein Elitedämon ist in seinen Kopf eingedrungen und hat ihn Schreckliches durchstehen lassen. Er braucht jetzt ganz viel Aufmunterung.“
„Zufällig habe ich einen Apfelkuchen am gestrigen Tag gebacken und führe noch den Rest bei mir. Als Zeichen meiner Anerkennung werde ich ihn damit aufmuntern.“
Das ist Oma Ulrikes Art das Kriegsbeil zu begraben. Skyla beneidet Lukas, denn ihre selbstgebackenen Kuchen sind wahrlich schmackhaft. Auch wenn es nicht in ihren Kopf gehen mag, dass ihre Oma Kuchen in ihrer Handtasche mit sich führt. Aber darüber will sie sich keine Gedanken machen und tritt lieber entschlossen an Justin heran. Einen Mann, der sich sicherlich an jenen Ort auskennt und sie ohne Umwege zur Direktorin führen wird.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare