Kapitel 33
„Gute Arbeit.“
Justins Lob klingt falsch und an jemand anderem gerichtet. Daher hält Skyla verdutzt Ausschau nach einer weiteren Person, doch die Ebene wirkt menschenleer. Das edle Treppenhaus, aufgewertet mit kunstvollen Portraits von erhaben wirkenden Hexen und Hexern, wirkt wie ein verbotenes Abteil. Justin und Skyla wandern auf einer alten, aber eindrucksvollen Holztreppe. Stabil und voller Ornamente. Sein Blick liegt prüfend auf ihr, womit sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit hat und dem widersprechen kann.
„Mein Onkel und meine Tante sind tot. Ich konnte sie nicht retten und wäre Dalika mal wieder nicht gewesen, dann wäre ich im Krankenhaus lebendig verbrannt worden.“
Justin wirkt dennoch unbeeindruckt von ihrem Einspruch und hält an seinem Standpunkt fest. „Du hast dich mutig unzähligen Rittern gestellt, den Schaden minimiert und eine schützende Hand über die Krankenfahrt gehalten.“
Frustriert rauft sie sich die Haare. „Das ändert nichts! Tessa und Naru haben ihre Eltern verloren!“
„Das haben sie, aber ohne deine Einmischung hätten sie den heutigen Tag nicht überlebt.“
„Irrtum, Justin! Das verdanken wir Lukas, Dalika und sogar Sina. Ich habe relativ wenig dazu beigetragen.“
Kais Räuspern bremst Skylas‘ Wut, denn der Bär mischt ebenfalls mit. „Entschuldigt, aber Agnar und ich haben eine saubere Spurenbeseitigung geleistet. Immer lobt Ihr nur den Nang Tani.“
„Stimmt, Agnar war auch super“, gesteht sich Skyla ein und kichert erschöpft, als Kai empört schnaubt.
Justin tritt entschlossen heran und legt seine Hände auf ihre Schultern. Sein grimmiger Blick erinnert sie zu sehr an Mason, den Sina hoffentlich bereits angerufen hat.
„Zeig jetzt keine Schwäche, Skyla. Atme tief durch und sei dankbar für die Rettung all der Leute, die sich am falschen Ort, zur falschen Zeit befanden. Ihr habt eine Menge Leben gerettet. Der Orden hätte sie alle ausgelöscht. Damit beweist der Feind, dass er nicht länger die Füße still hält. Sie werden dir noch weiter schaden wollen, aber wir sind ebenfalls vorbereitet. Hier finden wir wichtige Unterstützung. Die Direktorin ist eine einflussreiche Frau, die großes Interesse an deinen Pfad zeigt. Daher werden wir sie überzeugen, ein Bündnis einzugehen. Legen wir ein Fundament. Dein Patenonkel und dein Vater befinden sich bereits im Versteck und waren nicht untätig. Dein Patenonkel beweist sich als wahrer Geschäftsmann und weiß, wie wir das Versteck zu unserem Vorteil nutzen können. Seine Ideen haben mich sofort überzeugt. Eigentlich konnte ich den starken Zuwachs nicht gutheißen, aber deine Familie zeigt sich bereits erkenntlich und schmiedet eine glorreiche Zukunft.“
Das klingt ganz nach Thomas. Ihr Patenonkel war schon immer voller Tatendrang. Er ist ein ganz produktiver Mensch. Ein Problemlöser, der weiträumig denkt. Diese Eigenschaft hat sein Sohn übernommen.
Thomas‘ Mühe möchte Skyla schätzen und nickt daher entschlossen.
„Ich vertraue euch. Lass uns mit einem Bündnis heimkehren.“
Anerkennend klopft Justin ihr auf die Schulter. Die ersten Treppenstufen sind erklommen, da geht die Tür auf und jemand eilt zu ihnen.
„Warte, kleine Blume! Ich begleite dich!“
Verwundert dreht sich Skyla zu dem Nang Tani. Dalika beweist sich als sehr schnelle Läuferin, die zufrieden aufholt und Skyla kurz von der Seite knufft. Ihr Arm bleibt um Skyla liegen, denn sie führt ihre Vertragspartnerin zu Justin hinauf.
„Deine Oma löste mich ab.“
„Aber Lukas…“
„Ich bin aufgrund seiner Bitte hier. Er wird mit dem Alptraum fertig, sei dir sicher. Priorität hat nun dein Schutz.“
Doch Skyla hat ihre Bedenken. „Lukas ist ein Sturkopf. Ich bin in Agnars und Kais Begleitung. Mir wäre es lieber, wenn einer meiner Schutzgeister bei den anderen wacht.“
„Dieser Ort ist sicher. Du hast nichts zu befürchten, Skyla.“ Justin mag zu ihr sprechen und doch mustert er Dalika ausgiebig. „Dein Nang Tani scheint also in der Lage zu sein, sich in menschlicher Gestalt zu präsentieren?“
Skyla schmunzelt über seine Frage. „Offensichtlich. Beunruhigt dich das?“
Justin kräuselt nämlich verdächtig die Stirn, dennoch schreitet er weiter fort. Nicht bereit, darauf zu antworten.
Dalika kichert erheitert und klammert sich an Skylas Arm. Sie beugt sich an das Ohr ihrer Partnerin und flüstert: „Eine gefährliche Eigenschaft. Wie mögen die Geisterjäger uns dann noch unterscheiden können, wenn wir Menschen ähneln?“
„Um mein Vertrauen zu gewinnen würde ein guter Ratschlag zur Unterscheidung dir gut tun“, spricht Justin zu ihr, ohne sich umzudrehen.
Das Grinsen des Nang Tani findet kaum mehr Platz in ihrem hübschen Gesicht. Doch sie kooperiert freiwillig.
„Mein Blut unterscheidet sich farblich von den Menschen und mein Duft verrät mich.“
Justin hält auf einer Zwischenebene an und dreht sich mit schmalen Augen um. „Damit lieferst du mir die schwierigsten Erkennungsmale. Kooperation, aber großes Misstrauen. Ich sehe, wir brauchen noch ein wenig Zeit, um richtig miteinander warm zu werden.“
Dalikas Augen funkeln belustigt. „Kluger Mensch. Dich behalte ich besser im Auge.“
Die Freundlichkeit in ihrer Stimme wirkt fort und wird durch etwas Bedrohliches abgelöst.
Der Griff um Skyla Arm wird fest, fast besitzergreifend. Kaum verzieht Skyla das Gesicht, tritt Justin hinab. Ganz nah heran. Aus der Jackentasche zieht er eine Pistole, die er Dalika unters Kinn hält.
„Hey!“ Skyla verzweifelt an der Lage. Wie konnte es soweit kommen? „Was ist nur in euch gefahren?“
Aber Justin schenkt ihr kein Gehör und spricht stattdessen eine Warnung aus. „Gebe mir keinen Grund, dich zu jagen, Nang Tani.“
Statt Einschüchterung unterhält Justin den Schutzgeist. Die Mundwinkel des Nang Tanis zucken verdächtig. Eine Situation, die Skyla an Dominik erinnert. Das Problemkind aus dem Kräutergarten. Jemand, der sich schnell provoziert fühlt und dann zuhaut. Aus Sorge um Justin löst sich Skyla und zieht die beiden weit auseinander. Damit drängt sie Dalika hinab und Justin gerät sogar fast ins Stolpern.
„GEHTS NOCH!“ Skyla Ruf hallt im Treppenhaus nach. Erschrocken legt sie ihre Hände auf den Mund. „Ups!“
Justin schnappt zu und zieht Skyla zu ihm hoch auf die Zwischenebene. „Sei vorsichtig, der Nang Tani verhält sich verdächtig. Besitzergreifend wie ein Dämon. Mia hat Recht, dieses Wesen hat einen dunklen Kern.“
Leise und unheilvoll kichert Dalika. Das Tageslicht droht zu verschwinden und mit jeder weiteren Sekunde wird es stetig dunkler.
„Mag sein, Justin! Aber Dalika war immer zur Stelle und nimmt immer aufs Neue ein hohes Risiko auf sich. Bitte betrachte sie in Zukunft als eine wertvolle Verbündete! Außerdem haben wir gerade andere Sorgen, als vertragt euch!“
Justin zu tadeln fühlt sich wie ein Highlight an. Ein ganz besonderer Moment. Aber nun heißt es Dalika zu besänftigen. Daher dreht sich Skyla mit einem mahnenden Blick um.
„Beruhige dich, Dalika! Wenn du Justin auch nur ein Haar krümmst, dann löse ich unseren Vertrag!“
Unbeeindruckt schritt Dalika hinauf, bis das Detail mit dem Vertrag zur Sprache kommt.
„Blindes Vertrauen für einen Mann voller Geheimnisse. Jemand, der dir bewusst Informationen verheimlicht…“
Nun fängt Dalika an. Zwietracht säen. Skyla atmet einmal tief aus und fast sich an die Stirn, bevor ihr Machtwort folgt: „Genug!“
Tatsächlich verstummt der Nang Tani, auch wenn ihre Augen schmal werden.
Skyla blickt nur kurz zurück zum Geisterjäger, bevor sie sich äußerst: „Ja, er ist ein Scheißkerl! Einfach ätzend, gemein, herrisch und ein totaler Kontrollfreak! Aber verdammt ich wäre in Ärger untergegangen, wenn er nicht wäre! Er rettete meine Oma und steht mir in dunkelsten Zeiten bei! Verurteile ihn nicht einfach, Dalika! Lerne ihn besser kennen und du wirst sehen, auf ihn ist Verlass. Justin, Milan und ich sind schließlich ein Team, das hast du zu akzeptieren!“
„Du hast Naomi vergessen!“ Justin schnalzt mit der Zunge und poliert nebenbei seine Brille. „Auch wenn ihren Mordanschlag noch immer verüble. Aber dazu wird es nie mehr kommen, das verspreche ich dir. Naomi wird es niemals mehr wagen, die Hand gegen dich zu erheben. Dennoch gehört sie ebenfalls zum Team und sie hat eine wertvolle Rolle dabei.“
Dalika gluckst laut und funkelt ihn finster an. „Du schützt das Hexenbiest, das sich an meiner kleinen Blume vergriffen hat? Wie kannst du ihr nur vertrauen?“
„Naomi mag eine falsche Entscheidung getroffen haben, aber sie handelte aus Sorge. Naomi mag egoistisch wirken, aber sie hat auch ihre guten Seiten. Es bedarf nur einen Denkstoß, um ihre Sicht über Skyla zu ändern.“
Dalika will zum Kontor ausholen, das ist nicht zu übersehen, aber Skyla hat genug davon.
„Der Zwischenfall mit Naomi ist Geschichte und hey, ich kann es ihr nicht mal verübeln. Das Übel bei der Wurzel zu packen, bevor es erblüht. Ich verstehe das. Schließlich hält mir fast jeder vor Augen, dass ich eine tickende Zeitbombe bin. Aber genug davon. Wir haben andere Sorgen. Gemeinsame Feinde und ein Haufen Arbeit! Daher vertragt euch, ihr beiden!“
Wie ihr Ausbilder David gleitet ihr tadelnder Blick zwischen den beiden, bis sie jemand auf der oberen Ebene ausmacht.
Weißes Haar und dann diese Augen… Leuchtend blau.
„Naomi?“
Nein!
Die obere Person weist kleinere Falten auf und kleidet sich ganz anders. Naomi weiß von ihrem Sexappeal und zeigt viel Haut, diese Dame hingegen trägt ein langes Gewand. Extravagant und figurbetonend. Dennoch hochwertig und verfeinert mit feinster Spitze. Trotz des Alters eine anmutige Schönheit und weist so viel Ähnlichkeit zu Naomi auf. Sicherlich eine Verwandte. Justin folgt ihrem Blick und verneigt sich respektvoll.
„Lady Irene. Seid gegrüßt. Wir waren gerade auf den Weg in Euer Büro. Bitte entschuldigt den Tumult.“
Skyla schwenkt erschrocken den Kopf zu ihm hinüber, denn das klingt, als habe sie die Direktorin direkt vor ihrer Nase.
Dalika überholt Skyla in dem Moment, als die weißhaarige Dame Justin links liegen lässt und stattdessen seine Schülerin ansteuert. Skyla rechnet mit dem nächsten Ärger, schließlich ist ihr dritter Schutzgeist temperamentvoll und launisch. Doch sie vergisst kurz, dass der Groll eines Nang Tani mehr dem männlichen Geschlecht gilt. Dalika imitiert Justin und verbeugt sich ebenfalls respektvoll, um dann den Kopf zu heben und zu der Dame zu sprechen.
„Dank Eurer Rettungsaktion gehört der Schrecken der Vergangenheit an. Meine kleine Blume mag noch ihre Wunden lecken und ein wenig Zeit benötigen, um den Verlust zu betrauern, aber das macht uns nur stärker.“
Mit ungemein hartem Blick nimmt sich die hochgewachsene Dame den Moment, ihr Gegenüber zu mustern.
„Welch ein seltener Anblick. Mir sind nur drei Nang Tanis in Deutschland bekannt. Alle drei in der Rolle eines Schutzgeistes und eingewandert mit ihren Partnern. Von einem werden wir uns schon bald verabschieden, denn die Lebenszeit ihrer Schutzherrin läuft bedauerlicherweise ab. Willkommen in Deutschland. Ich hoffe, dass Klima setzt Euch nicht zu.“
„Keineswegs. Ich bin sehr anpassungsfähig.“
Ein zufriedenes Nicken, und die Dame hebt den Kopf. Ihr kalten Augen fixieren nun Skyla an.
„Willkommen im Schloss Eulenherz. Eine der größten Akademien für Hexen und Hexer und mit einer der modernsten Klinik weit und breit. Mit Stolz und Eifer leite ich jenen Ort voller uralter Geschichte als Direktorin. Bitte nennt mich Lady Irene. Ihr erwähntet meine Tochter, also hattet Ihr bereits das Vergnügen mit Naomi. Ich hoffe, sie machte Euch keinen Ärger.“



































































Kommentare