Kapitel 34

Geprägt von Schikane und Verbannung kehrte Naomi ihrer Vergangenheit den Rücken zu. Vertrieben, vielleicht von jenem Ort. Unter dem Schutz der eigenen Mutter? Die Einzelheiten wurden nie besprochen und doch brennt es Skyla unter den Nägeln, nach Naomis Vergangenheit zu graben. Denn Lady Irene zeigt wenig Gefühlsregung, daher lässt sich schwer sagen, wie das Band zwischen Mutter und Kind steht.

„Ihr seht Eurer Tochter sehr ähnlich“, spricht Skyla den Gedanken laut aus.

Mit einem koketten Lächeln überspielt ihr Gegenüber diesen Satz und schnippt mit dem Finger. Leuchtkugeln fallen wie Regen von der Decke hinab und ehe sich Skyla versieht stehen sie in einem riesigen Büro. Leuchtend hell und umgeben von gewaltigen Bücherregalen. In der Nähe knistert ein Feuer in einem Kamin. In einer großen Senke. Dort, wo eine große Couchinsel Platz findet. Der Duft von kräftigen Teenoten und alten Pergament liegt in der Luft, sodass sich Skyla bereits heimisch fühlt und sich aus Gewohnheit auf die Ledercouch wirft. Ihr Blick gleitet zu den Regalen, wo sie überlegt, welcher Schatz sich wohl als erster zu lesen lohnt.

 

Frech packt Justin zu und zieht sie am Unterarm mit nur wenig Kraftaufwand hinauf. Sein Blick voller Tadel und Enttäuschung.

„Wir setzen uns nur, wenn wir dazu aufgefordert werden!“

„Entschuldige, aber das hier wirkt einladend und erinnert mich an die vielen Bibliotheken, die ich gern besuche.“

„Gefällt Ihnen mein Büro?“, erkundigt sich Lady Irene kühl, während sie auf der Couch Platz nimmt.

„Offensichtlich“, antwortet Skyla ihr und startet einen Versuch, sich niederzulassen, aber Justin zieht sie sofort wieder hoch, womit Skyla ein Blickduell mit ihm liefert.

 

Auch Dalika mag sich entfernen, um sich in dem lichtdurchfluteten Raum umzusehen. Aber Justin hat den Nang Tani ebenfalls schnell eingefangen und seufzt laut.

„Entschuldigt, Lady Irene. Und wieder einmal kann sich meine Begleitung nicht benehmen.“

„Schon gut, Justin. Milan scheint schließlich unbelehrbar zu sein. Mit ihm bist du wahrlich bestraft. Sei unbesorgt bezüglich deines neuen Schützlings. Ihr Welpenschutz besteht. Schließlich stolperte sie sehr spät in eine Welt voller Magie und Geister.“



Spott in Skyla Beisein. Und das über einen Freund. Nicht irgendeinen! Milan nicht zu verteidigen wäre falsch. Wie kann Justin nur weghören? Skyla bleckt bereits die Zähne.

Ungläubig und hilfesuchend schwenkt Skylas Kopf hinüber zu Justin. Aber dieser atmet erleichtert auf.

„Sehr gnädig, Lady Irene.“

„Schwachsinn!“, platzt der Frust aus Skyla. „Was erlaubt sie sich, so über Milan zu sprechen? Milan macht seinen Job gut. Er ist furchtlos und verlässlich! Finde mal so jemanden!“

Sein Blick mag strafend sein, aber dieses Spiel hatten sie bereits. Rebellisch reckt sie das Kinn. Bereit, sich erneut mit Justin anzulegen. Lady Irene hingegen belächelt die Einmischung.

„Vernarrtheit? Eins von vielen Herzen, die Milan gebrochen zurücklässt?“

Trotz Anwesenheit schließt sie Skyla aus. Ihre Worte richten sich an Justin, der seufzend nickt.

„Wohl oder übel schon.“

 

Mahnend hebt Skyla den Finger. Noch ein Wort und sie stürmt hinaus. Ungeachtet der Folgen. Ein stilles Versprechen, das er zu registrieren scheint, denn nun wendet er sich dem Gastgeber mit ernster Miene zu.

„Nun denn, unsere Lage hat sich geändert. An meiner Seite befindet sich ein neuer Partner mit finanziellen Möglichkeiten. Er sieht Potenzial in unserem Unterschlupf und akzeptiert die neuen Fakten besser als so manch anderer. Das ehemalige Hotel mit Bistro soll erneut zu Leben erwachen. Wir planen einen Ort der Neutralität. Ein Gemäuer zur Informationsbeschaffung und zur Erholung. Ich denke, Ihre Überprüfung verläuft wie immer gründlich, daher sollten Sie wissen, dass wir eine geeignete Köchin an unserer Seite haben, die Jägern aller Arten mit ihren Mahlzeiten wunschlos versorgen kann. Sobald die Bauarbeiten abgeschlossen sind, stellen wir viele offene Arbeitsstellen zur Verfügung. Vorerst mag es nur auf das Restaurant hinauslaufen, sollten die Geschäfte aber gut laufen, überlegen wir ebenfalls in die Hotelbranche überzusteigen. Vorteilhaft für Jäger auf der Durchreise oder auf der Flucht. Ich schätze Ihr Urteilsvermögen, und ich weiß, Sie haben all ihre Schafe im Blick. Daher hoffe ich auf gute Empfehlungen für die offenen Stellen und auf eine zukünftige Kooperation der Informationsbeschaffung und gemeinsamer Projekte.“



All der Zorn über das respektlose Gerede wird fortgeweht. Skylas Beine geben nach, woraufhin sie aufs weiche Polster fällt. Justins Tadel wird einfach ausgeblendet, denn Thomas‘ Vorhaben erhellt ihre Welt. Ihr Patenonkel sah das Potenzial des Unterschlupfes und anders als sie scheint er diesen Traum nicht aufzugeben. Thomas schenkt ihnen eine Zukunft. Schenkt ihnen Hoffnung. Tränen der Freude bahnen sich ungehindert heraus. Wie gern wäre Skyla jetzt bei ihrem Patenonkel. In seinen Armen. Ihr stiller Ruf bleibt nicht unerhört. Ein Atemzug später kniet Dalika vor ihr und umrahmt Skylas Gesicht mit ihren Händen. Die Tränen streicht der Nang Tani schnell fort und betrachtet sie erfreut.

„Das Unwetter glaubte, dich zu zerstören, aber du hast hart gegen den Schaden gekämpft. Wie du siehst wirst du von allen Seiten trotz Narben geliebt und gepflegt. Erblühe schöner denn je, meine kleine Blume.“

Unfähig darauf zu antworten nickt Skyla. Ihre Hand erfasst die von Dalika. Der Nang Tani mag die Hülle eines Menschen tragen, aber die Kälte, die ein Geist mit sich trägt, bleibt. Die Wange mag frösteln, aber das Herz bleibt gewärmt von dem innigen Band zu Dalika.

 

Lady Irene seufzt laut und hegt ihr Zweifel. „Ein mühseliges Unterfangen. Die Welt der Hexen sieht in Euch einen Helden, Justin, andere hingegen meiden Euch, schließlich unterstützt Ihr den Weißen Teufel.“

„Der Tag wird kommen, an dem die Welt Naomis wahren Wert erkennt.“

Lady Irene faltet daraufhin bedrückt ihre Hände zusammen. „Ich kann es kaum erwarten.“

Das schleifende Geräusch im Hintergrund und der bohrende Blick gehören allein Skylas Fantasie an. Immer dann, wenn sie ihre Manieren vergisst. Vielleicht hat Oma Ulrike eine weitere Superkraft, denn Skyla fühlt sich ihr manchmal näher, als ihr lieb ist. Beunruhigt erhebt sich Skyla. Zu schnell für ihren Kreislauf. Aber Dalika reagiert als Stütze. Und doch schmerzt die rechte Flanke heftiger als all die blauen Flecke auf ihrem Körper, als die Ordensmitglieder sie als Fußball missbrauchten. Zischend entweicht die Luft durch die gepressten Zähne. Skyla unterdrückt den Schmerzlaut und hebt den Kopf, um den Blick ihres Gastgebers einzufangen.



„Lady Irene, es mag verspätet kommen, aber ich bin Euch dankbar für die Aufnahme. Mein Cousin wäre ohne ärztliche Hilfe aufgeschmissen. Ihr habt uns in größter Not geholfen, wie kann ich mich erkenntlich zeigen?“

Das darauffolgende Schweigen, das sich im Raum ausbreitet, fühlt sich an wie die Stille vorm Sturm. Skyla befürchtet, dass ihr die Schuld teuer zu stehen kommt.

 

Ein Wink und eine dampfende Teekanne mit Geschirr und einem Teller Kekse kommen angeflogen. Sanft landen diese auf dem Tisch zwischen ihnen.

„Tee, meine verehrten Gäste?“

Noch ehe Skyla selbst darauf reagieren kann, antwortet Justin: „Wir nehmen dankend an.“

Der warnende Blick an seine Schülerin könnte tatsächlich von ihrer Oma stammen. Daher nimmt Skyla brav die heranschwebende Tasse Tee entgegen und setzt diese an die Lippen. Der extrem süße Geschmack weist Noten von Anis und Lakritz auf. Farblich erinnert dieser jedoch an grünen Tee. Lady Irene lächelt erheitert, als sie Skyla intensiv mustert und schließlich aufklärt.

„Amacha-Tee. Gewonnen aus den Blättern der Tee-Hortensie ‚Hydrangea serrata. Ursprünglich stammt diese aus den Bergwäldern Süd-Japans und Koreas.“

Interessiert lehnt sich Skyla vor. Neue Zutaten zu entdecken bereitet ihr immer aufs Neue große Freude.

„Zubereitet wie Grüner Tee?“

Skylas ehrliche Neugier wird erneut belächelt. Aufrichtig und nicht spöttisch. Lady Irene neigt sich vor, als spiele sie mit dem Gedanken, die Thematik zu vertiefen. Tatsächlich nickt sie kaum merklich.

„Der Schlüssel zum Geschmack ist die Fermentation. Frische Teeblätter enttäuschen mit einem sehr bitteren Geschmack. Die Süße entsteht erst durch die Weiterverarbeitung.“

Skyla wünscht sich einen Block und Stift. Sie will das Thema gern vertiefen, aber Justin räuspert sich auffällig, um sie an den Ernst der Lage zu erinnern.

 

Der Kopf von Lady Irene schwenkt rüber zu Dalika, die dem Tee die Möglichkeit gibt, sich im Mundraum zu entfalten.

„Ein Nang Tani kommt dem Bild der europäischen Dryade sehr nah. Dieses Krankenhaus wäre über eine zusätzliche Hilfskraft wahrlich dankbar. Aufgrund Ihrer aktuellen Notlage halte ich eine Woche für angemessen. Ein geschätzter Zeitraum, dem wir für die stationäre Versorgung von Naru planen. Sicherlich gibt es viel zu vorbereiten, neu zu strukturieren und dennoch finden die Krankenbesuche täglich statt. Nun heißt es für Sie unterzutauchen, daher folgen vorerst keine Attentate auf den Orden…“



Skyla überkreuzt ihre Arme und macht auf Durchzug. Naomis Mutter irrt sich in diesem Punkt. Emilie befindet sich noch immer in der Gewalt des Ordens und ihre Überlebenschancen schwinden. Hinzukommt, dass Lady Irene nach Dalika verlangt, dem verlässlichsten Schutzgeist. Unentbehrlich für Emilies Rettung.

 

Tatsächlich hält ihr Gastgeber inne mit ihrer Forderung und betrachtet Skyla erwartungsvoll. Doch das Medium sortiert das Wirrwarr ihrer Gedanken. Daher ergreift Dalika das Wort. Mit Kälte in der Stimme, als sei sie verärgert.

„Erneut soll die Feier verschoben werden! Dabei endet meine Geduld. Ich gab meiner kleinen Blume ein Versprechen und in Anbetracht ihrer Lage käme die Ablenkung genau richtig. Skyla wird einige Stunden nur mir gehören. So habe ich es verlangt!“

Skylas Mundwinkel zucken kurz. Denn Dalikas Sorge wirkt völlig Fehl am Platz. Nie käme es Skyla in den Sinn, nun zu feiern. Auch Justin atmet auffällig lang aus und senkt den Kopf, als schäme er sich für seine Begleitung. Aber Lady Irene nickt verständnisvoll.

„Ich verstehe. Der Pakt scheint blutfrisch und noch nicht mit dem Schicksalskuss besiegelt.“

Verwirrt hebt Skyla den Kopf. Es klingt zu ernst für einen Scherz aus dem Munde der Gastgeberin. Worte, die wenig Klarheit bringen, aber das Gefühl vermitteln, als wüsste Lady Irene mehr als Skyla.

 

Justins Augen weiten sich, als Skyla wie eine Cobra zuschnappt und ihn am Arm zu sich hinabreißt. Mit glühendem Blick sucht sie den seinen.

„Hör zu, Justin! Ich kann die Füße nicht stillhalten! Emilie braucht mich! Sie braucht mich verdammt! Du hast es mir versprochen. Du sagtest, Naomi könne helfen! Mein Anliegen eilt, denn was wäre ich für eine Freundin, wenn ich mich jetzt verkrieche!“

„Ihr Heldenmut in allen Ehren, aber dieser Plan gleicht einer Kamikazeaktion“, betonte Lady Irene spitz.

Doch selbst wenn die Mission zum Scheitern verurteilen sein mag, will Skyla den Versuch wagen. Zur Not auch im Alleingang.

 

Skyla Finger wollen sich gerade von Justins Jackett lösen, da ergreift er ihre Hand und drückt diese sanft.

„Der Plan steht und der Orden wird an einem taktischen Rückzug glauben. Was wird der Feind blass aussehen, wenn wir schon morgen zum Angriff übergehen.“



Der Mund öffnet sich vor Erstaunen. Skyla beginnt zu starren, aber Justin strahlt vor Entschlossenheit. Dies scheint Dalika ebenfalls zu erkennen und zischt frustriert.

„Kleine Blume, du hältst mich ganz schön lange hin! So funktioniert kein Pakt! Meine Toleranz neigt sich dem Ende.“

Doch Freude und Dankbarkeit lassen Skyla handeln. Ein weiterer Ruck und Justin befindet sich über sie gebeugt und wird herzlichst umarmt. Wie zu erwarten bleibt er steif wie ein Brett. Selbst als sie grinsend hochblickt.

„Danke, Justin.“

Etwas unbeholfen angelt er sich aus ihren Fängen, streckt den Rücken durch und richtet die Brille gerade.

„Danke mir nicht zu früh. Die Erfolgschancen sind noch immer sehr gering. Wir sind dabei auf deinen Nang Tani angewiesen.“

„Dalika!“ Ruckartig dreht sich Skyla um und muss zischen, denn die Flanke sticht unangenehm. Dennoch klatscht sie die Hände zusammen und hebt diese flehend hinauf. „Der Pakt erfolgt nach Emilies Rettung. Versprochen.“

Dalika verschränkt mit grimmiger Miene die Arme. „Ich nehme dich beim Wort.“

„Und danach hilft der Nang Tani hier aus“, setzt Justin die Verhandlung fort.

Dalikas Augen werden schmal und nun liegt es an Skyla, die Bombe zu entschärfen.

„Aber nur in dem Zeitraum, wo ich mich im Krankenhaus aufhalte, um für Naru da zu sein.“

Ganz langsam schwenkt Dalikas Kopf zu ihr hinüber und der Blick gewinnt an Dunkelheit, als hätte Skyla Verrat begonnen. Erbost erhebt sich der Nang Tani und baut sich bedrohlich auf. Ihre nächsten Worte richten sich zwar an die Gastgeberin, fixieren tut Dalika jedoch Skyla mit ihrem messerscharfen Blick an.

„Diese Entscheidung bedarf ein klein wenig Bedenkzeit. Zuerst muss mich meine kleine Blume überzeugen und für diesen Plan gewinnen.“

„Deine Schutzgeister sind launisch, Skyla!“, beschwert sich Justin kühl.

Skyla bevorzugt das Schweigen und bemerkt aus dem Augenwinkel die Sorgenfalten auf Lady Irenes Stirn. Dennoch gibt Naomis Mutter sich mit dem Vorschlag zufrieden.

„Ich erwarte eine Antwort innerhalb vier Stunden. Noch ehe meine Schicht für heute endet.“

Der Hammer des Richters fällt und nun liegt es an Skyla, ihren Schutzgeist für die Sache zu gewinnen.



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