Kapitel 38
Täuschend echt schmeckt das Gebäck. Süß und butterweich. Skyla fürchtet jedoch, dass sie in irgendeine Abartigkeit beißt. In verdorbene Lebensmittel oder in fauliges Fleisch. Und doch will sie sich nichts anmerken lassen und Nadines Gastfreundschaft schätzen. Das kleine Mädchen hat sich tatsächlich den Platz neben ihr ergattert und starrt voller Neugierde.
„Was hat dich verärgert?“
Skyla schluckt schwer und sieht Tessas strafenden Blick vor Augen.
„Meine Cousine und irgendwie hat sie schon recht.“
Nadine lächelt wissend und erinnert sich. „Das verängstigte Mädchen, das erbärmlich in der Ecke gekauert hat?“
Erneut erheitert Nadine die Laune der Ermittlerin. Freudig gluckst Jessy und hält sich im nächsten Augenblick eine Serviette vor dem Mund. Doch Skyla kann über den Schrecken der vergangenen Stunden wenig lachen. Tessas Furcht war begründet. Sie wurde einfach in die Situation hineingeworfen.
Statt über Tessa zu sprechen, wechselt Skyla bewusst das Thema.
„Und du, Nadine? Hattest du keine Angst vor den Angreifern?“
Nadine blickt kühl zur Seite und gesteht frustriert: „Ich habe den Feind unterschätzt. Gut, dass du vor Ort warst.“
„Gut, dass meine Schutzgeister da waren. Besonders Dalika. Sie kam genau rechtzeitig.“
„Dalika? Die Frau in Grün?“, hinterfragt Nadine.
Skyla nickt glücklich. „Ja, sie ist ein Bananenbaumgeist.“
„Seltsame Bezeichnung“, findet Nadine und schnappt sich nachdenklich einen Keks, „Sie sucht dich. Du warst zum Greifen nah und doch gingst du ihr verloren, denn von mir erhielt sie keine Einladung. Ich wollte dich allein sprechen. Denn ich traue deinen Schutzgeistern nicht.“
Erleichtert atmet Skyla auf und verliert eine einzelne Träne der Dankbarkeit. „Sie ist auf der Suche nach mir? Wie beruhigend.“
Nadine mustert sie eingehend und stellt fest: „Du hast sie gern. Vertraust du ihr?“
„Das tue ich.“
Darüber muss Skyla nicht mal nachdenken. Aber ihre Reaktion lässt Nadine ganz unberührt, das Kind wirkt emotional abgestumpft und viel reifer als sie sollte. Daher schaut Skyla hinüber zu Jessy, die für das Kind zuständig scheint. Tatsächlich erwidert die Ermittlerin den Blickkontakt mit Sorge, als wolle sie ebenfalls ein Gespräch unter vier Augen führen.
„Erzähl mir etwas von dir, Nadine. Gibt es etwas, dass du gerne machst?“, erhofft sich Skyla Informationen von der Kleinen.
„Du meinst vor meinem Unfall?“ Nadine dreht ganz langsam ihren Kopf zu ihr und starrt grimmig. Ein Nicken seitens Skyla und das Kind hebt einen weiteren Keks auf Augenhöhe. „Ich backe gerne. Meine Mama arbeitet viel, aber Papa hat es mir beigebracht und gemeinsam mit ihm überraschen wir Mama gerne mit Leckereien. Sie lächelt immer so lieb.“
Skyla hat nicht vergessen, dass Nadine den Unfall als Einzige überlebte. Aber das Kind spricht, als leben ihre Eltern noch. Vielleicht sind die beiden nie wirklich fort und verweilen auch tot an der Seite ihres Kindes. Der Beobachter hinter den Gardinen könnte ein Hinweis gewesen sein, als sie Nadine zum ersten Mal besuchte.
„Das klingt wunderbar, Nadine“, durchschneidet Jessy Skylas Gedanken.
Doch Nadines Blick bleibt auf Skyla hängen. Prüfend und mit grimmiger Miene, woraufhin Skyla sich zum Lächeln zwingt und sich ebenfalls dazu äußern mag.
„Das klingt, als hättest du eine Menge Spaß mit deinen Eltern gehabt.“
Statt darauf einzugehen, umfasst Nadine mit zittriger Hand die Kuchengabel feste.
„Ich will erwachen! Ich will endlich zu meinen Eltern!“
Skyla versteht ihren Frust gut und erhält damit die Bestätigung, dass Nadine den Unfall noch nicht richtig verarbeiten konnte. Dr. Herzlieb erwähnte den Tod ihrer Eltern im Zimmer der Patientin und Skyla zweifelt nicht daran, dass Nadine mithörte. Aber vielleicht teilt das Kind eine andere Ansicht. Vielleicht, weil sie ihre toten Eltern bereits gesehen hat.
Es kostet Skyla unfassbaren Mut, die alles entscheidende Frage zu stellen, aber noch genießt sie Nadines ungeteilte Aufmerksamkeit. Daher überwindet sich Skyla für den nächsten Schritt.
„Sind deine Eltern hier? Sie haben dich nicht verlassen oder?“
Nadine keucht und blickt mit panischem Blick auf.
„Du hast sie gesehen.“ Kurz zucken ihre Mundwinkel. „Mama sagt, ein Engel sei gekommen und wache nun über mich. Du bist hier, um mich zu retten oder, Skyla?“
Das Medium seufzt erschüttert. Ihr aufgewühltes Herz bebt bei den Worten. Dieser Fall klingt schwierig, zumal Skyla noch nicht alles begreift, aber dem Kind muss geholfen werden. Justin befindet sich vor Ort, er kann sicherlich helfen. Daher nickt Skyla unter Tränen.
„Ja, ich bin hier, um dir zu helfen.“
Eine Antwort, die Nadine endlich zum Lächeln bringt. Wenn auch nur ganz leicht. Schnell fischt sie sich die schönste Haarspange aus dem Haar. Einen blauvioletten Schmetterling. Voller Glitzerelemente. Ihren kleinen Schatz legt sie in Skylas Hand.
„Dein Lohn für deine Mühen, Skyla. Das hat Papa immer für mich gesagt und mir den ersten Keks überlassen. Der schmeckte besonders gut. Papa sagte immer, ich muss mich ordentlich bedanken.“
„Danke.“
Skyla klingt noch immer aufgewühlt, daher steckt sie sich die Spange eilig ins Haar. Nadine betrachtet zufrieden ihr Werk.
„Sieht gut aus.“
Daraufhin bekommt das Kind sämtlichen Zuspruch und Applaus von ihrer Kuscheltiersammlung.
Kaum rückt ein Stuhl zurück, gehören sämtliche Augenpaare Jessy, die sich erhebt.
„Nadine, ich danke für deine Einladung. Aber nun wird es Zeit, dass ich mir Skyla kurz ausleihe und wir einen Plan entwickeln, um dir zu helfen. Würdest du uns bitte entschuldigen?“
Ob Nadine ihre Ungeduld heraushört? Skyla fürchtet, vorschnell gehandelt zu haben. Wie damals mit Dalika.
War es womöglich ein Fehler, die Haarspange anzunehmen?
Könnte es sich um einen Vertrag gehandelt haben?
Ein Nicken und die Zimmertür schwingt fordernd auf. Skyla hat nicht mal die Chance aufzustehen, denn Jessy greift hinab und zerrt sie hinauf auf die Beine, um die Entführung fortzusetzen. Ziel ist der Aufenthaltsraum, wo Skyla in die Ecke gedrängt wird.
„Bist du bescheuert! Die Einstufung des Geistes fällt mir persönlich nicht schwer, denn solch eine Macht und solch ein Verhalten stufe ich als hochgradig gefährlich ein! Ich gebe zu, der Fall ist tragisch und so etwas wünscht man keinem Kind der Welt, aber Nadine ist schlau und voller Boshaftigkeit, daran zweifle ich nicht!“
Skyla seufzt erschüttert, denn sie hört daraus: „Du hast sie aufgegeben und planst die Eliminierung dieser jungen Seele.“
Frustriert presst Jessy die Lippen zu einem schmalen Strich und verschränkt die Arme. Zu lange stiert sie Skyla an, bis sie mit der Wahrheit rausrückt.
„Noch habe ich keine Genehmigung für die Eliminierung. Es heißt, ich soll die Lage weiterhin überwachen. Ein gewaltiger Fehler, wenn du mich fragst, denn ihre Macht wächst von Tag zu Tag.“
Das sind verdammt gute Neuigkeiten, denn so bleibt Skyla etwas Zeit.
„Gut, vielleicht kann ich dich vorher vom Gegenteil überzeugen.“
Jessy kichert spöttisch und schüttelt ungläubig den Kopf. „Mit solch einer naiven Denkweise fällst du früher als dir lieb ist auf die Schnauze!“
„Meine kleine Blume hat wenigstens ein Herz!“, tönt es bissig aus dem Hintergrund.
Skyla dreht sich mit gemischten Gefühlen um, denn Dalika schreitet eilig zu ihnen. Mit angespannter Körperhaltung und grimmiger Miene. Umgeben von dunklen Rauchschwaden und glühendem Blick. Skyla geht aufs Ganze und läuft eilig ihrem Schutzgeist entgegen. Dieser breitet die Arme auffordernd aus und schließt sie bestimmend in eine feste Umarmung.
„Du hast nach mir gesucht oder?“, erkundigt sich Skyla beunruhigt, „Aber du konntest mich nicht finden, weil ein Geist dafür sorgte.“
Statt darauf zu antworten, umfasst der Nang Tani die neue Haarklammer und fixiert diese mit ausdrucksloser Miene.
Jessy pfeift streng und begibt sich zum Ausgang. „Justin! Antreten!“
Beunruhigt hebt Skyla den Kopf und schaut hinaus in den Flur, wo tatsächlich Justin umkehrt. Nicht allein, denn er hält Tessa in am Handgelenk gefangen und zieht sie mit sich hinein. Doch Jessy drängt ihn wieder hinaus und konfrontiert ihn im Flur, sodass Skyla ungestört mit Dalika ist.
„Der Geist eines Mädchens hat Kontakt zu mir aufgenommen. Sie wurde Opfer eines Autounfalls, lebt aber noch. Ihre Eltern hingegen kamen nicht heil aus der Sache und sie verweilen an der Seite ihrer Tochter. Ich möchte ihr helfen und kann die Seelen der Eltern nur schwer einschätzen.“
Dalikas Finger wandern hinauf und streichen beruhigend über ihre Wange.
„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, kleine Blume. Der Angriff deiner Cousine hat dich erschüttert und dann warst du plötzlich fort. Um dann erneut in Arbeit zu versinken? Ich erkenne, die Rettung deiner Freundin liegt dir am Herzen, aber hast du wirklich Zeit für das kleine Mädchen?“
Ein berechtigter Einwand, aber Skyla ist nicht länger allein. Neben Milan und Justin, könnten Mason und Sina helfen. Außerdem kann Skyla die Füße nicht stillhalten, sie braucht dringend Ablenkung.
„Nadine liegt im Koma. Sie hat keine Angehörigen…“
„Um aus dem Koma zu erwachen ist mit kleinen Schritten verbunden. Dieses Krankenhaus kann ihre Lage besser einschätzen und ihren Heilungsprozess beschleunigen. Du willst ihr helfen? Dann besuche das Kind zwischendurch und befasse dich mit ihr. Aber alles andere sollten wir dem Krankenhaus überlassen.“
Dalika klingt erbost, aber ihre Argumentation ist fundiert. Skyla seufzt entkräftet und gibt sich vorerst geschlagen. Etwas, das Dalika erkennt und sie zu einem freien Sofa führt.
„Setz dich, kleine Blume. Gönn dir eine Pause. Frisches Obst und klares Wasser?“
Kaum hebt der Nang Tani den Arm, kriechen Ranken unter der Kleidung hervor und flechten im Nu einen großen Korb, der sich von allein mit frischem Obst füllt. Exotische Früchte. Nicht alles kann Skyla benennen und beugt sich neugierig vor. Optisch erinnert eine ovale Frucht an eine Birne. Aber mit einer weicheren Schale. Ehe sich Skyla versieht, hält sie die unbekannte Frucht in ihren Händen. Dalika lächelt freudig und zieht ihren Finger über die Oberfläche, sodass sich die Frucht in zwei teilt und sich das leuchtende orange Fruchtfleisch präsentiert.
„Chiang Too. Vielleicht geläufiger unter der Eifrucht. Eine gute Wahl. Reich an Vitamin C.“ Aus dem Nichts zieht der Nang Tani einen kleinen Holzlöffel hervor. „Lass es dir schmecken, kleine Blume.“
Mit freudiger Erwartung nimmt Skyla das Werkzeug entgegen. Die Textur erinnert an eine gegarte Süßkartoffel. Das Fruchtfleisch ist cremig, saftig und angenehm süß. Geschmacklich erinnert es an eine Kreuzung aus Pfirsich und Mango.
Mit geschlossenen Augen lässt sich Skyla auf den Genuss ein und lächelt ehrlich.
„Unfassbar lecker. Was wird daraus gemacht, Dalika? Wie kann ich die Frucht in der Küche einsetzen? Bestimmt als Dessert oder?“
Dalika nimmt neben ihr Platz und bedient sich an einer Banane. „Die Kochkünste in Thailand konnte ich wenig begutachten. Ich sah die Kinder mit der Chiang Too rumlaufen. Sie wird gern roh gespeist.“
Ein Bild, das sich Skyla gut vorstellen kann. Denn die Frucht wird nicht nur mit der Süße locken, sondern wirkt erfrischend bei warmen Temperaturen.
„Hey, alles gut bei dir?“
Skyla spürt im nächsten Moment eine Hand auf ihrem Rücken. Stärkend und wärmend. Ein Blick zurück und sieht Lukas in die Augen. Er wirkt noch immer geschwächt und taumelt leicht. Skyla klopft fordernd auf den freien Platz neben sich und ehe er sich neben sie sinken lässt, steckt sie ihm einen vollen Löffel des neuentdeckten Exoten in den Mund.
„Chiang Too, auch genannt Eifrucht. Auch wenn ich mich frage, warum die mit einem Ei verglichen wird. Lecker oder?“
Überfordert von ihrem Handeln blinzelt er und zieht langsam den Löffel aus dem Mund. Aber ein Wirbelwind wie Skyla kann die Füße nicht stillhalten und deutet freudig auf den Obstkorb.
„Dalika hat noch mehr Früchte aus Thailand. Ich bin total gespannt, wie die alle schmecken und wie ich die in die Küche einbauen kann.“
Ihre Freude springt auf Lukas über, seine Mundwinkel zucken und erst streichelt er liebevoll ihren Kopf, um diesen schließlich an seine Brust zu drücken.
„Nur kurz habe ich mir Sorgen gemacht, Skyla. Aber ich vergesse gern, wie stark du bist.“
Überwältigt blickt sie auf, aber Lukas lässt den Kopf hinabsinken, sodass er diesen an ihren schmiegt. Eine bekannte Geste. Selten, aber prägend. Immer dann wenn einer von ihnen am Ende der Kraft ist und Trost sucht.
„Du hast Recht, die Frucht schmeckt erfrischend süß“, unterbricht er die Stille, nachdem er kurz Kraft an ihre Seite getankt hat. Er überreicht ihr den Löffel, nachdem er sich aufsetzt, um schließlich Jessy auszumachen. „Steckst du wieder in Schwierigkeiten?“
Skyla kratzt nachdenklich mit dem Löffel in dem Fruchtfleisch und hofft das Beste. „Ich denke nicht.“
Eine Antwort, die ihn natürlich nicht zufriedenstellt. Ein Seufzen und Skyla beginnt schließlich neben der Stärkung von Nadine zu berichten.




























































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