Kapitel 39
Wie ein zurückgelassenes Rehkitz bangt Sina um Gesellschaft. Das Medium kauert mit ihrem Handy in der Hand auf dem Sessel. Es fehlt nur noch, dass Sina Selbstgespräche führt. Wie Skyla ahnte, springt die Reporterin mit Tränen der Freude auf, als sie Gesellschaft bekommt.
„SKYLA!“
Mit ausgebreiteten Armen eilt der Albino herbei. Doch Skyla legt erzürnt den Finger auf den Mund. Aus Sorge um Naru. Ihr Cousin braucht schließlich viel Ruhe und Schlaf. Aber wie bei Emilie werden alle Signale ausgeblendet. Sina springt ihre neue Freundin an und klammert sich so fest, das Skyla vor Schmerzen keucht. Die gebrochenen Rippen werden sie sicherlich noch länger beschäftigen.
Hastig hebt Sina den Kopf, um sie an ein weiteres Problem zu erinnern: „Mason hatte angerufen und wenn wir ihn nicht schleunigst treffen, betrachtet er uns nicht länger als Verbündete und er eröffnet die Jagd nach uns.“
„Och nö!“ Frustriert stöhnt Skyla. „Er gab uns doch eine Woche! Ich dachte, auf sein Wort sei Verlass! Gib mir mal dein Handy, ich rufe ihn an und kümmere mich darum!“
Auch Lukas seufzt entkräftet und beschwert sich lautstark: „Du machst dir zu viele Feinde, Skyla. Wie sollen wir heil aus der Sache rauskommen?“
„Daher lass mich nur machen!“
Skyla nimmt das Handy entgegen und bemerkt, dass Sina den Ex-Soldaten bereits anruft. Daher legt sie das Handy ans Ohr und befreit sich von Sina, um die Couch anzusteuern.
Tatsächlich nimmt Mason den Anruf entgegen. Fordernd hinterfragt er: „Wann und wo werden wir uns treffen?“
„Geduld, Mason! Hier spricht Skyla!“
Aber der Verfluchte schnaubt verärgert. „Sieh an, du kannst dich zur Abwechslung auch mal melden. Ist dir der Ernst deiner Lage überhaupt bewusst?“
Statt darauf zu antworten, berichtet sie ihm: „Wir wurden vom Orden angegriffen.“
„Das war absehbar. Wie hoch sind eure Verluste?“
Er klingt nicht überrascht und Skyla stört es, mit welch einer Abgestumpftheit er spricht.
„Mein Onkel geht auf ihr Konto und wer weiß, vielleicht auch meine Tante. Allein für den heutigen Tag. Denn wie ich erfuhr, starben meine andere Tante und Cousine schon vor dem Angriff. Abgestochen im Park.“
„Ich verstehe. Damit halten sich die Verluste geringer als gedacht. Wie wird nun verfahren?“
Skyla zögert, denn es widerstrebt ihr, dies so zu klären. „Vielleicht nicht am Telefon, Mason.“
„Bedeutet, du wirst mich aufsuchen?“
Als wäre es so einfach. Skyla hat keinerlei Ahnung, wo sie überhaupt steckt, und es wäre zu riskant, ihm den aktuellen Standort mitzuteilen. Denn wer weiß, wer mithören könnte und wie lange sie überhaupt an jenen Ort verweilen. Nachher nimmt Mason die Reise umsonst in Kauf.
„Das werde ich, sobald sich die Möglichkeit bietet.“
„Damit gebe ich mich nicht zufrieden, Skyla!“
„Ich weiß! Aber du hast uns eine Woche Zeit gegeben und nun drohst du uns, dein Wort zu brechen! Das macht mich sauer!“
Ihre Macht reagiert auf ihren Zorn und lässt das Kissen in dem Krankenbett schweben, wo Lukas sich zuvor ausruhte. Frustriert zwingt sie dieses zur Landung und pflanzt sich auf die Couch. Ihre Wut scheint Mason keineswegs zu beeindrucken, denn er schweigt stur, womit ihr Frust wächst.
„Hör zu, Mason! Es geht hier drunter und drüber! Wir sind verletzt und angeschlagen. Ich habe keinen Schutzgeist zum Reisen, wodurch sich ein Treffen als schwierig gestaltet.“
„Dann finde einen Weg! Mein Misstrauen wächst und in vierundzwanzig Stunden bin ich das Warten satt. Ich werde Wort halten, sobald du mich frühzeitig aufgesucht hast, ansonsten endet unsere Kooperation und ich werde jeden, der von mir weiß, beseitigen. Vierundzwanzig Stunden! Der Timer ist gestellt! Ich rate dir, folge besser meinem Rat, damit du die Chance nicht verpasst, unser Bündnis zu retten.“
Damit legt der Scheißkerl auf und vor Frust überlegt Skyla, das Handy fortzuwerfen, bis ihr die farbenfrohe Hülle ins Auge springt und darin erinnert, dass es sich um Sinas Telefon handelt.
Die Foodbloggerin nimmt direkt neben ihr Platz und erkennt: „Lief nicht so gut oder?“
„In vierundzwanzig Stunden müssen wir zurück in deiner Wohnung sein. Ansonsten beendet er unser Bündnis und wird zum Feind.“
„Und ihn wollen wir nicht zum Feind.“ Sina verschränkt die Arme, als würde sie frieren. „Das ist nicht gut. Die Reise per Geisterwelt wäre zwar eine Alternative, aber die scheint aktuell nicht sicher zu sein.“
Angestrengt sucht Skyla nach Lösungen: „Das Gespräch mit der Direktorin dauert sicherlich länger. Daher will ich Justin erst einmal in Ruhe lassen, aber wenn wir Glück haben, dann befindet sich Steve noch vor Ort. Vielleicht können wir ihn bitten, dass er uns mitnimmt. Oder wir suchen uns eine Hexe, die Portale erschaffen kann.“
Sina nickt, als sei jeder Vorschlag annehmbar.
„Dein Freund Milan könnte eventuell auch helfen“, überlegt Sina laut.
„Schon, aber er hilft beim Umzug und nachher bekommt er Ärger von Justin. Du musst wissen, dass er für gewöhnlich nichts ohne Justins Segen macht.“
Eine Tatsache, die Skyla noch immer frustriert. Lukas‘ böses Grinsen entgeht ihr nicht, daher funkelt sie ihren Freund mahnend an. Aber Lukas hebt albern die Hände, als ergebe er sich. Er hat sich schließlich ebenfalls zu ihnen gesetzt. Während Dalika an Narus Seite verweilt.
„Noch habe ich nichts gesagt, Skyla!“
„Allein das Lächeln sagt genug, Lukas!“
„Entschuldige, aber ich habe meine eigene Meinung zu Milan.“
Und Skyla muss nicht großartig nachhaken, um diese zu erraten, aber die tut gerade jetzt nichts zur Sache. Es gibt ein Problem zu lösen.
„Ähm… Ähm, hallo, du. Ich habe dich gar nicht kommen gehört“, spricht Sina in Rätseln und setzt ein Lächeln auf.
Skyla folgt ihrem Blick und erschreckt, als sie Nadine mittig im Raum wahrnimmt.
„Oh verdammt! Nadine! Schleiche dich doch nicht einfach so an!“, beschwert sich Skyla atemringend.
Das Mädchen stiert unbeeindruckt und legt den Kopf schief. Ein Anblick, der Unbehagen bei Skyla auslöst. So tragisch ihr Schicksal auch sein mag, kann sie nicht leugnen, dass Nadine unheimlich auf sie wirkt. Sina hingegen schluckt die Sorgen hinab und scheint sich über den Besuch zu freuen.
„Wie schön, dass du uns besuchen kommst, Nadine. Ich bin Sina. Freut mich dich kennenzulernen.“
Doch so viel Mühe sich Sina mit ihrem sonnigen Gemüt gibt, zieht die Nummer nicht bei Nadine. Stattdessen wird Skyla weiterhin angestarrt.
Auch Lukas schaut zu dem Kind hinüber. „Das ist der Geist, der große Hoffnung in dich setzt, Skyla?“
Seine Frage beantwortet sie mit einem einfachen Nicken, woraufhin sich Nadines Augen verengen.
„Du bist sehr gesprächig, Skyla. Ich kenne all die Leute nicht, aber sie scheinen mich zu kennen.“
„Weil sie mir helfen können, dich aus deiner misslichen Lage zu befreien. Lukas ist klug und hat bereits ein viel besseres Weltbild, als ich es habe. Sina ist ebenfalls ein Medium, noch kennt sie dich nicht, aber ich hatte vor, sie dir vorzustellen. Gemeinsam arbeiten wir dann daran, dir zu helfen.“
Doch Nadine wirkt wenig beeindruckt und lächelt sogar böse.
„Du meinst, sofern du die Sache mit deinem Freund geregelt bekommst. Ich habe mitgehört und verstehe dein Problem nicht. Reise doch einfach durch die Spiegelwelt.“
„Die Spiegelwelt?“, wiederholt Skyla sie verwundert.
Doch Dalika wendet sich von Naru ab und tritt mit einem Wort der Warnung in die gesellige Runde: „Zu gefährlich!“
„Das Reisen mit Spiegeln ist sicher!“, widerspricht Nadine erbost und dreht ihren Kopf mit glühendem Blick zum Nang Tani.
Dalika baut sich vor Nadine auf und beschwert sich: „Sehe ich anders, aber kommen wir zu einem anderen Punkt! Nie wieder verschleppst du mir Skyla in eine andere Dimension! Kommt das noch einmal vor und du lässt die Türen zu deinem Reich verschwinden, dann schlage ich deine Wände ein! Das ist Versprechen!“
„Hey ihr zwei.“ Sina erhebt sich eilig und geht zwischen dem Nang Tani und Nadine. „Hört doch besser auf zu streiten. Wir sollten zusammen halten. Gemeinsam…“
„Nein!“, fällt Dalika ihr ins Wort. „Wer auch immer mich von meiner kleinen Blume trennen mag, den begrabe ich unter meinen Zorn!“
Sina hebt ihre Hand, als wolle Dalika über den Kopf tätscheln, doch der Nang Tani fängt sie mit grimmiger Miene am Handgelenk ab und drückt den Arm konsequent fort.
„Unterstehe dich!“
„Entschuldige, aber dein Beschützerinstinkt Skyla gegenüber ist so süß. Dabei will Nadine doch nur helfen“, flötet Sina.
Skyla seufzt entkräftet, denn sie kennt Dalikas Temperament und ahnt, dass Sina es nur noch schlimmer macht. Doch zum Glück entfernt sich Nadine von ihnen und steuert den Spiegel an der Wand an.
Neugierig folgt Sina ihr und beobachtet aus nächster Nähe, wie Nadine über die glatte Fläche mit der rechten Hand wischt. Der Spiegel reagiert auf ihre Berührung und das Innenleben wirkt lebendig. Flüssig wie Wasser. Aus dem Kern dringt ein ganz schwaches Leuchten.
Als wüsste Nadine, dass es sich bei Sina um die richtige Ansprechperson handelt, fordert sie: „Erinnere dich so gut es geht an jenen Ort, den du aufsuchen magst. Je klarer das Bild vor deinen Augen ist, umso sicherer ist die Reise.“
Mit einem Schmunzeln fixiert Sina den Spiegel an und klatscht freudig in die Hände, als ihre Wohnung sichtbar wird.
„Ähm, Sina!“, meldet sich Skyla mit Sorge, „Hast du die Wohnung in der realen Welt gewählt oder in der Geisterwelt? Denn ich fürchte, dass der Orden uns bereits in deiner Wohnung auflauert.“
„Kein Sorge.“ Sina streckt sich freudig. „Ich wählte natürlich unser Versteck in der Geisterwelt. Und hey, da ist auch schon Mason. Hey, du.“
Sie winkt in den Spiegel herein. Skyla staunt nicht schlecht, denn tatsächlich steht der Ex-Soldat Sina mit Skepsis gegenüber. Nur der Spiegel trennt die beiden voneinander.
„Was hat das zu bedeuten, Sina?“, spricht sein Misstrauen aus ihr heraus.
Statt zu antworten, streckt Sina ihre Hand durch den Spiegel hindurch und tatsächlich taucht diese bei Mason auf, der erschrocken zurückweicht.
„Na komm schon, mein Großer. Komm rüber. Wir haben viel zu besprechen“, fordert Sina ihn auf.
„SINA! Spinnst du?“ Skyla springt vor Schreck auf. „Lass das besser!“
Auch Mason vertraut dem Ganzen nicht. „Garantiert nicht! Da kriegt ihr mich nicht durch! Wenn es so sicher scheint, dann kommt rüber!“
„Sina, nein!“
Doch Skyla verschwendet ihren Atem. Sinas Ohren sind auf Durchzug. Albern springt der Albino durch den Spiegel hindurch und landet tatsächlich direkt bei Mason, der sie ungläubig betrachtet.
„Wie ist das möglich?“, hinterfragt er fassungslos.
Sina lächelt stolz und winkt nun Skyla zu sich heran. „Na komm schon. Das ist sicher.“
Doch Skyla packt sich an den Schädel und schüttelt ungläubig den Kopf. „Sag mal, spinnst du, Sina? Das hätte auch schief gehen können!“
Doch über das Risiko verschwendet Sina keinen Gedanken. Gleichgültig zuckt sie mit den Schultern.
„Sag mal, hast du vor, wirklich rüber zugehen?“
Erneut zieht sich Skylas Herz schreckhaft zusammen. Denn sie hat Lukas kurz vergessen und dieser kam angeschlichen.
„Verdammt, Lukas! Erschreck mich doch nicht so!“
Ihr Kindheitsfreund geht jedoch nicht darauf ein und fixiert den Spiegel misstrauisch an.
„Warum hilfst du uns, Nadine?“
Seine Frage ist berechtigt, aber Nadine blinzelt, als sei dies offensichtlich.
„Wir helfen einander“, lautet ihre stumpfe Antwort, die Lukas zum Stirnrunzeln bringt.
„Jetzt kommt schon!“, ruft die Ungeduld aus Sina.
Doch Skyla deutet verzweifelt auf Naru. „Ich kann hier nicht weg, Sina! Mein Cousin. Wenn ich verschwinde, dann breche ich mein Wort gegenüber meiner Oma.“
„Tust du nicht. Deine Dämonen können doch auf ihn aufpassen“, widerspricht Sina ihr.
„Oh ja! Weil meine Oma auch so viel Vertrauen in Dämonen hat!“
„Dann lass Lukas zurück.“
„Nein! Schlage das nie wieder vor, Sina! Ich habe Skyla bereits zu genüge verdeutlich, dass ich ihr nun überallhin folge!“
„Ist doch nur kurz. Mason will dich eh nicht dabei haben.“
„Hey!“ Mason funkelt Sina böse an. „Behaupte nicht irgendetwas!“
Sina wedelt siegessicher mit dem Finger durch die Luft. „Du musst nichts sagen, Mason. Ich kann deine Gefühle deuten und daher weiß ich, dass er für dich unerwünscht ist.“
Grimmig tritt Mason in den Hintergrund und beschwert sich: „Deine Fähigkeiten sind lästig, Sina.“
„Hihi! Endlich mal in Kompliment von deiner Seite“, freut sich die Angesprochene.
Ein Griff und Lukas schnappt sich Skylas Hand. Entschlossen blickt er ihr in die Augen.
„Deine Entscheidung, Skyla. Doch lass mich nicht allein zurück.“
„Gut gesprochen! Auch ich begleite dich, kleine Blume.“
Dalika stellt sich provokativ an den Spiegel.
Skyla seufzt und starrt auf das Portal. Die Entscheidung fällt ihr jedoch sehr schwer. Sie will Naru unmöglich allein lassen, mitnehmen geht jedoch auch nicht.
Mason kann sich das nicht länger ansehen und fordert streng: „Los, Soldat! Hör auf zu zögern und stell dich mir im Gespräch!“
„Mein Cousin, Mason!“
„Ist in ärztlicher Betreuung!“
Skyla flucht innerlich und fleht, rechtzeitig zurück zu sein, bevor ihre Oma heimkehrt.
„Nur, wenn Nadine mir die schnelle Rückkehr verspricht.“
„Natürlich“, meldet sich der Geist, als habe sie damit gerechnet.
Dalika hebt nun ebenfalls ihre Hand und besteht darauf: „Auch ich will mit dir Händchenhalten, kleine Blume. Damit wir uns bloß nicht mehr verlieren!“
„Ist gut. Agnar und Kai, wacht über Naru! Das ist ein Befehl!“
„Verlass dich auf mich, Mensch!“
Natürlich meldet sich der verlässlichste Dämon als Erstes. Kai hingegen zeigt seinen Missmut durch sein stures Schweigen und sein grimmiges Gesicht.
„Was bleibt mir denn anders übrig!“, brummt er.
Noch immer wacht er direkt am Inkubator und wirkt gelangweilt. Doch Narus Schutz hat Priorität. So wie das Gespräch mit Mason, das hoffentlich schnell über die Bühne geht und den Ex-Soldaten überzeugt, am Bündnis festzuhalten.

































































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