Kapitel 40
Die altbekannten Sorgen für eine Reise per Portal kehren heim. Nur mit dem Unterschied, dass die Reiseführerin wenig Erfahrung mit der magischen Welt aufweisen kann. Der Unfall von Nadine liegt sicherlich nicht länger als ein Jahr zurück und doch wirkt das kleine Mädchen überzeugt von den Spiegeln. Sina hat es unbeschadet durchgeschafft, also will Skyla dem Ganzen eine Chance geben.
„Ich gehe vor, halte aber deine Hand, damit du nicht verloren gehst. In Ordnung?“
Lukas bleibt verbissen in seiner Beschützerrolle. Bis vor Kurzem war es jedoch anders.
Wann haben die beiden nur die Rollen getauscht?
Es fühlt sich an, als sei es erst gestern gewesen, wo sie seine jüngere Version vor Mobbern verteidigte und wie ein Wolf die Zähne fletschte. Aber seit dem Erwachen ihrer Macht hat sich alles geändert. Nun spielt er den Wolf und bellt lauter, als sie annahm. Eine Tatsache, die sie mit Stolz erfüllt. So stolz, dass sie sich eilig eine Freudenträne wegwischt, und ihm hoffnungsvoll zunickt.
Vielleicht lächelt Skyla wieder so komisch, denn statt dem Plan zu folgen, starrt Lukas verdächtig lange. Und das mit offenem Mund. Tatsächlich erwischt Skyla sich beim Lächeln und spürt die Hitze in sich aufsteigen.
Wie peinlich!
Schnell tauscht sie den wohl gruseligen Anblick gegen einen entschlossenen Blick. Es ist Dalika, die freudig gluckst und beschließt, ein Missverständnis zu klären.
„Kleine Blume, du zerbrichst dir nur unnötig den Kopf. Dein Lächeln war bezaubernd oder, Lukas?“
Kaum angesprochen zuckt er erschrocken zusammen und verarbeitet langsam die Worte des Nang Tanis. Zuerst folgt ein einfaches Nicken, dann erlaubt er sich eine Haarsträhne aus Skylas Ohr zu streichen. Mit glänzendem Augen und das warme Lächeln, das sie von Thomas kennt.
„Wahrlich bezaubernd. Dein Schutzgeist beschreibt es treffend. Entschuldige, Skyla. Ich war nur so hin und weg von deinem Anblick. Selten siehst du mich so an. Was ging dir nur durch den Kopf?“
Nadine atmet laut, aber gefrustet. Skyla entgeht nicht, wie sie die Uhr ausmacht.
„Später vielleicht, Lukas. Ich habe das Gefühl, dass das Spiegelportal an Nadines Kräften zerrt. Besser wir fallen ihr nicht noch länger zur Last.“
Endlich regt sich etwas in Nadine. Die harten Züge weichen und ihre Verwunderung lässt sie unheimlich niedlich aussehen. Mehr kindlich. Endlich sind ihre Augen groß und voller Fragen.
Lukas teilt die Sicht seiner Freundin und schlägt vor: „Du hast Recht, beeilen wir uns besser. Naru zu liebe. Außerdem will ich den Zorn deiner Oma nicht erneut wecken. Vielleicht sind wir ja schnell genug zurück, damit die Aktion geheim bleibt.“
Sein Respekt gegenüber Oma Ulrike lässt Skyla sogar kichern. Das klingt wieder mehr nach dem alten Lukas.
„Was ist so lustig?“, hinterfragt er auf dem Weg zum Spiegel.
„Bleibt mein Geheimnis“, ärgert sie ihn.
Er mag zwar den Ansatz eines Lächelns haben, erinnert sie jedoch sanft: „Hatten wir den nicht eine Abmachung? Ich glaube, die lautet: Keine Geheimnisse mehr.“
Skyla ahnte, dass er mit solch gemeinen Karten spielt. Aber Dalika drängt sich in die Unterhaltung. Ihre Gesichtszüge haben sich verhärtet. Skyla ahnt, dass ihr das Reisen per Spiegel noch immer missfällt.
„Ich bilde die Nachhut, kleine Blume. Nichts wird dich von hinten überwältigen können. Das ist ein Versprechen.“
Kaum zu Ende gesprochen, schwenkt ihr Kopf rüber zu Nadine. Wie eine böse Warnung. Die Provokation fruchtet, denn Nadines Augen verengen sich. Sicherlich ist Dalika immer noch verärgert, dass Skyla in ihre Dimension gerissen wurde. Und vielleicht fürchtet Dalika, dass Nadine erneut darauf zurückgreift, weil sie nicht den Anschein macht, mit Skylas Schutzgeistern warm zu werden.
Dalikas Schutz ist nicht selbstverständlich. Daher will sich Skyla erkenntlich zeigen und blickt ihren neuen Schutzgeist tief in die Augen. „Ich danke dir, Dalika. Aber überanstrenge dich nicht. Du machst bereits so viel, gönn dir zwischendurch auch eine Pause.“
Worte, die den Nang Tani zu einer herzlichen, aber kurzen, Umarmung verleiten. Völlig konfus lässt sich Skyla im Anschluss näher zum Spiegel führen. Dalikas Zorn lässt sich zu schnell besänftigen. Sie zeigt sich wahrlich launisch. Nie hätte Skyla mit solch einer Reaktion gerechnet. Lukas scheint dem Portal ebenfalls wenig zu vertrauen. Seine Hand wischt über die Oberfläche und hinterlässt Wellen.
„Wie Wasser. Kühl, aber elektrisch. Nur ohne Rückstände“, teilt er seine Beobachtung mit.
„Irrtum“, meldet sich Sina freudig, „Rückstände bleiben immer. Nur kannst du sie nicht sehen. Ich schon.“
Verwundert sucht Lukas ihren Blick. „Wie sehen die Rückstände aus?“
„Komm rüber und ich erkläre es dir“, fordert Sina schmunzelnd.
Tatsächlich lässt sich Lukas darauf ein und begibt sich zuerst hindurch. Gerad, als Skylas festgehaltene Hand in die kühle Materie dringt, springt die Tür hinter ihr auf und lässt ihr Herz zusammenzucken. Beunruhigt dreht sie ihren Kopf zur Seite und reimt sich eine Entschuldigung für ihre Oma zurecht, doch die Überraschung ist groß, denn Milan tritt mit einem stolzen Lächeln hinein.
„Milan?“ Skyla keucht und versteht die Welt nicht mehr. „Was machst du hier?“
Mit gerunzelter Stirn erkunden seine Augen den Raum und folgen ihrer Stimme, doch Lukas handelt einfach und zieht Skyla durch den Spiegel hindurch. So ruckartig, das ihr ein Schrei entweicht und sie in Lukas‘ Arme stolpert. Durch eine graue Wand, worin das Licht bricht und für kleine Regenbögen sorgt. Ein kleiner Bereich geladen mit ganz viel Energie, sodass ihre Körperbehaarung sich kurz aufstellte. Sicher in Lukas Armen findet sich Skyla tatsächlich in Sinas Wohnung wieder. Die Version, die in der Geisterwelt steckt, denn die vielen Lichterkugeln im Hintergrund verraten die obersten Ebenen. Noch wirkt alles fröhlich und vertraut, bis es tiefer in das unbekannte Areal dringt.
Milans Ruf dringt durch den Spiegel. Gehetzt und voller Sorge.
„HEY! WAS SOLL DAS?“
Es klingt nach Nadine. Ein Blick zurück und Skyla sieht ihren verärgerten Ausdruck durch den Spiegel. So wie der beeindruckende Sprung von Milan, geprägt von Mut und Entschlossenheit. Durch den Spiegel hindurch und über Skyla und Lukas hinweg. Mit den Beinen voran, als wolle er eine gewaltige Mauer überwinden. Skyla staunt nicht schlecht, bis sie die potenzielle Gefahr ausmacht. Denn Milan ist ein Fremder für Mason und Sina. Gerade der Ex-Soldat sieht ihn als Bedrohung und eilt herbei. Seinen rechten Handschuh zieht er ab, sodass Skyla zum ersten Mal den dichten Kältenebel zu sehen bekommt, der aus seinem Arm kriecht.
Gewaltsam reißt sich Skyla von ihrem Freund los. „NICHT, MASON! TU IHM NICHTS!“
Doch Mason holt bereits zum Schlag aus und Milan befindet sich genau in seiner Flugbahn. Nur rechnet der Ex-Soldat nicht mit der frechen Mia. Blitzschnell holt die Fee auf und verteilt im Flug so viel Glitzerstaub, dass Skyla zu Husten beginnt und fürchtet, dass Mia erneut ihre Haare färbt. Mia breitet unter Milan ihre Arme aus und eine Welle Feenstaub befördert ihn erneut in die Höhe, sodass er Mason locker überspringt und sicher hinter ihm auf den Beinen landet. Wie Mason befindet er sich im Kampfmodus und glaubt ernsthaft, seinen Gegner aus dem Hinterhalt zu erwischen. Wieso auch immer Milan jemanden packen versucht, der ihn um Längen überragt, ist Skyla ein Rätsel. Milan zeigt sich flink, aber nicht stark genug, um Mason zu Boden zu bringen. Wie befürchtet, entkommt der Riese seinem Griff mit Leichtigkeit und doch eilt seine Fee Soraya zur Hilfe. In Flammen gehüllt düst sie wie eine Rakete direkt auf Milan zu. Nichts, was Mia zulässt und ein leuchtendes Geschoss abfeuert, das Soyrana trifft und zu Boden katapultiert.
Über Mia sammeln sich nun Wassermassen, deren Äste bis zur Küche und dem Badezimmer verfolgen zu sind, als stielt sie von dort die Menge aus dem Hahn. Skyla steht der Mund offen, denn sie wusste bislang gar nicht, dass Mia Wasser bändigen kann. Doch Sorge bereitet ihr etwas anders, denn Milan steckt in der Klemme. Skyla scheint Masons Fluch vergessen zu haben und da ihr Freund verfehlte, stehen die Sterne für Mason günstig. Der Ex-Soldat erkennt seine Chance und sein Kältearm saust hinab. Direkt voran zu Milans Brust, Skyla bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Ihre Macht beginnt sich schnell zu sammeln. Unkontrolliert viel Energie. Sie ist gezwungen, das wirre Knäuel sofort loszuwerden, bevor ihre Hand zerfetzt wird. Daher wirft sie den wilden Ball aus surrender Energie hinab auf den Boden. Direkt zwischen die beiden Kerle, wodurch eine gewaltige Druckwelle losgesandt wird, die nicht nur beide Parteien gewaltsam auseinanderreißt, sondern alle anderen quer durch die Räumlichkeiten befördert.
Glück für Lukas, da er sich an ihre Seite stellte, denn somit bleibt er von dem Spiegelportal verschont. Pech für Skyla, denn Nadines Portal liegt noch offen und befindet sich in ihrer Flugbahn. Die Welt hinter dem Spiegel wirkt beim Eintritt jedoch verändert. Dunkler und eisig kalt, als habe sich Nadines Laune verschlechtert, was womöglich Auswirkungen auf den Spiegel hat. Die Schockwelle befördert Skyla direkt in fremdes Areal. Skylas Körper trifft dort auf Widerstand. Sie sinkt und kann nichts dagegen unternehmen. Vielleicht verschuldet dank der gebündelten Macht, die sie losgesandt hat und ihr viel Energie kostete, oder womöglich hat der Ort Einfluss auf sie. Denn er droht sie zu verschlingen und nimmt ihr sämtlichen Widerstand wie eine Betäubungsspritze. Ihr Kopf litt einen heftigen Rückstoß, das Bewusstsein droht zu verschwinden. Die Augen werden schwer. Die Luft weicht aus ihren Lungen und steigt in Blasen auf. Skyla fürchtet ihre Machtlosigkeit. Fürchtet den Tod. Hilflos treibt sie tiefer in die verschlingende Dunkelheit. An der Oberfläche weit über ihr schließt sich bereits das Portal. Am Ende bleibt ihr nur ein Blick durch einen Türschlitz, von wo sie das Szenario der anderen kurz verfolgen kann. Ein jeder kämpft sich dort benommen auf die Beine und sortiert die Gedanken. Zu wenig Zeit verbleibt ihnen, um ihr Fehlen zu bemerken.
Plötzlich schlingen sich zwei Arme um Skylas Taille und ein böses Kichern dringt an ihr Ohr. Jung und kindlich.
„Danke, Skyla. Danke für deine Hilfe. Nun kann ich erwachen und kehre heim. Schließe deine Augen und erhole dich. Du hast genug gekämpft, nun sei dir Ruhe gegönnt.“
Es klingt nach Nadine. Doch Skyla ist sich nicht sicher. Die Worte haben mehr Einfluss auf den Körper, als Skyla lieb ist. Die Augen schließen sich gehorsam, obwohl Skyla fürchtet, damit einen großen Fehler zu begehen. Doch ihr Körper sehnt sich nach Ruhe. Er schreit förmlich danach, und mit jeder weiteren Sekunde, wo die Augen geschlossen bleiben, fühlt es sich nach der richtigen Entscheidung an. Eine Gelegenheit, Kraft zu tanken. Ihre Sorgen dürfen kurz vergessen werden. Nur ein wenig Schlaf, bevor ihr Abenteuer weitergeht…



































































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