Kapitel 41
Begrüßt von einem muffigen Geruch erwacht Skyla auf einem orientalischen Muster. Die Oberfläche – rau und dreckig. Als einzige Lichtquelle weit und breit beweist sich ein uraltes Fernsehgerät mit einer Signalstörung. Das Summen des in die Jahre gekommenen Flimmerkastens wird schnell zu einem Störfaktor. Neben dem unangenehmen Geräusch, schmerzen die Augen beim längeren Hinsehen. Ächzend hievt sich Skyla hoch auf die Beine. Dunkle Flecken auf dem Teppich deuten darauf hin, dass dort etwas ausgelaufen scheint. Es riecht nach Wein und Asche. Auf einem schäbigen Couchtisch lässt sich ein Aschenbecher entdecken.
Die Räumlichkeit erinnert an einen gewöhnlichen Wohnbereich, der dringend gereinigt werden müsste. Dank der Erfahrungen mit Sinas Macht deuten die umherschwirrenden Lichter auf die Geisterwelt hin. Ein jeder Schritt wirbelt Staub auf. Nur schwerfällig kommt Skyla voran, als müsste sie sich durch Wasser oder Schlamm kämpfen. Etwas schmiegt sich um ihre Arme und hinterlässt eine unangenehme Gänsehaut zurück. Das Unbekannte kitzelt und schlingt sich immer fester um sie. Skylas Hand packt instinktiv zu und greift nach einen Bündel aus schwarzem Haar. Das Haargewirr wurde zu einem Seil gebündelt und zeigt sich extrem belastbar. Mit roher Gewalt bekommt Skyla nichts erreicht. Dennoch entlockt sie dem Besitzer einen Schrei.
Mit klopfendem Herzen dreht sich Skyla zur Seite und blickt in eine magere Gestalt, die Nadine ähnelt. Das Gesicht ist bereits eingefallen. Die Haut gräulich und faltig. Die Haare sind beachtlich lang gewachsen. Ein Anblick der Skyla zurückschrecken lässt. Ungläubig starrt sie Nadine an, bis ihr die vielen schwarzen Haare auffallen, die sich immer mehr um Skylas Körper schlingen und sie bewegungsunfähig machen.
„Nadine? Du bist es doch oder? Was ist passiert? Und was soll das werden?“
Panik keimt in Skyla. Es wirkt, als dringe sie nicht zu der gegrämten Seele durch. Erneut. Nur wirkt Nadine nun noch gefährlicher. Nadines maliziöse Gestalt beginnt sich zu verzehren, um sich in einem Bruchteil einer Sekunde direkt vor Skyla zu materialisieren. So nah, dass Skyla fast das Herz stehen bleibt. Ein extrem widerlich süßer Geruch dringt Skyla in die Nase. Undefinierbar. Aber alles andere als angenehm.
„Wir haben einen Pakt, Skyla. Du überlässt mir nun deinen Körper und bekommst dafür deine ersehnte Ruhe.“
Schwammig ist die Erinnerung an den Unfall in Sinas Wohnung. Katapultiert durch den Rückstoß ihrer Macht direkt in das Reich des Spiegels, wo Nadine auf ihre Chance wartete. Skyla fürchtet eine dumme Entscheidung getroffen zu haben. Einen Fehler, den sie nicht mehr ausbügeln kann. Zu ihrem Pech kann sie sich nicht rühren, denn Nadines neue Haarpracht schneidet ihr ins Fleisch, sobald sich Skyla auch nur versucht, zu bewegen.
Rückblickend wirkte Nadine schon immer ungeduldig. Abweichungen ihrer Pläne missbilligte sie mit Frust. Allein die äußerlichen Veränderungen beweisen, dass Nadine sich der Dunkelheit verschrieb. Und doch lässt sich nicht leugnen, dass ein Kind ihr gegenübersteht. Skyla muss unweigerlich an ihren Ausbilder David denken, wie er für sein Sorgenkind Dominik kämpfte, indem er bei jeder Gelegenheit direkt ins Gewissen redete. Aber auf seine Art und Weise. Skyla hofft, seine Taktik könne auch hier Wirkung zeigen.
„Ich verstehe deinen Frust, Nadine. Du bist sicherlich fürchterlich einsam und verängstigt seit dem Unfall. Du willst sicher nur nach Hause. Daher habe ich dir meine Hilfe versprochen. Wir finden eine Lösung, das hab ich dir versprochen. Nur das hier ist der falsche Weg. Sieh dich doch nur an, was die Dunkelheit aus dir macht. Du hast so viel Macht. Eine Gabe. Ein Geschenk, womit du viel Gutes bewirken kannst. Lass mich dich wecken und gemeinsam herausfinden, wozu du alles im Stande bist.“
Ein schöner Gedanke, der Skyla sogar dazu verleitet, ehrlich zu lächeln. Nadine ist allein. Sie hat keine Angehörigen und im verlassenen Hotel ist genug Platz. Nadine könnte den Schrecken hinter sich lassen und Skyla hätte eine neue Aufgabe.
Still und regungslos verharrt Nadine, als ziehe sie den Vorschlag tatsächlich in Erwähnung. Daher hebt Skyla den Arm. Kein leichtes Unterfangen. Nadines Schopf schneidet ihr dabei brutal ins Fleisch und lässt sie sogar bluten. Aber Skyla will das Vertrauen ihres Gegenübers gewinnen. Daher nimmt sie all den Schmerz hin.
„Lass uns Freunde werden, Nadine.“
Erschüttert taumelt das Mädchen in den Hintergrund und schluchzt bitterlich. Die Hände wandern hinauf zum Schopf und vergraben sich dort.
„Du willst mir noch immer helfen? Obwohl ich bereit bin, dich zu opfern?“
„Selbstverständlich. Ich erkenne doch, wie verzweifelt du bist. Du hast dich doch nur für die Dunkelheit entschieden, weil niemand da war, der dir helfen konnte. Aber nun bin ich hier.“
Nadine keucht. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich auffällig schnell, als würde sie H-hyperventilieren. Keine Sekunde später geht sie in die Hocke und kauert wie ein Häufchen Elend. Noch immer schwer atmend.
Bewegungen aus dem Hintergrund lassen sich wahrnehmen. Verzerrte Schattengestalten treten an das Kind heran. Humanoide Gestalten. Die einer Frau und die eines Mannes. Dunkle Umrisse. Verlorene Seelen. Wie in der Geisterwelt auf der Autobahn. Steve erwähnte, dass sie für gewöhnlich harmlos sind, sofern eine Unterhaltung vermieden wird. Aus nächster Nähe zeigt sich, dass Rauchpartikel aus ihnen dringen und hinaufsteigen. Wie bei einer ausgepusteten Kerze, die danach noch zu qualmen beginnt. Der männlich wirkende Schatten baut sich als Sichtschutz vor Nadine auf. Mit dem Gesicht zu Skyla, wie seine verschränkten Arme zeigen. Die weibliche Version hingegen kniet zu dem Kind nieder und tätschelt diese am Kopf.
Beunruhigt über ihre Anwesenheit richtet Skyla ein Wort der Warnung an Nadine: „Vorsicht, Nadine. Das sind Schattengestalten. Besser wir reden nicht mit ihnen.“
„DAS SIND MEINE ELTERN!“
Mit glühendem Blick hebt Nadine den Kopf.
Die neue Information klingt beunruhigend.
Kann Nadine mit Gewissheit bestätigen, dass es sich um ihre verstorbenen Eltern handelt?
Oder wird sie womöglich getäuscht?
Doch wie kann Skyla das Thema anschneiden, ohne Nadines Missgunst zu wecken?
„Einer Fremden kannst du nicht trauen, mein Schatz. Sie belügt dich sicherlich, um ihren eigenen Hals zu retten. Was kann sie schon tun, woran die Ärzte gescheitert sind?“
Der weibliche Schatten spielt tatsächlich die Rolle der Mutter und zu Skylas Bedauern handelt es sich um eine verdammt gute Argumentation. Nadine wirkt überzeugt und lässt sich aufhelfen. Sie nickt, auch wenn sie stark zittert. Skyla muss nun die Zähne auseinanderkriegen, ansonsten scheint ihr Schicksal besiegelt.
„Anders als die Ärzte weiß ich wirklich, was dir fehlt, Nadine. Ich bin ein Medium und arbeite mit Hexen und Profis zusammen.“
„Jessy ist ebenfalls eine Hexe und konnte mir nicht helfen!“, kontert Nadine verbittert. „Ich habe keine andere Wahl, Skyla. Außerdem habe ich dich beobachtet. Länger als du glaubst. Ich sah, wie du aufgegeben hast. Mehr als einmal. Du hast viel geweint. Also warum willst du mir nicht helfen?“
Skyla schüttelt ungläubig den Kopf. Auf das Ende will sie nicht eingehen, denn es stimmt, sie hätte den Tod akzeptiert. Aber eine Sache stört sie am meisten.
„Du hast immer eine Wahl, Nadine. Und ich frage dich, kannst du damit leben, mich für deine Freiheit zu opfern? Das ist ein hoher Preis, der dir dein ganzes Leben lang Alpträume und Sorgen bereiten kann. Solch eine Entscheidung solltest du nicht treffen. Vor allem nicht als Kind!“
Zu spät realisiert Skyla die magischen Wellen um Nadines Kopf. Erzeugt von Nadines angeblicher Mutter, die ihre Hände von Nadines Kopf ein Stück fern hält und eine unbekannte Macht entsendet. Ein violettes Leuchten mit sichtbaren Schwingungen in der Luft.
Nun spricht auch noch der männliche Schatten zu ihr mit einer hellen Stimme: „Verzeih die Umstände. Aber unsere Tochter erhält die Möglichkeit, durch dich zu erwachen. Wir sind der Meinung, sie hat genug gelitten und wünschen ihr endlich Linderung. Aber du brauchst dich nicht fürchten, denn dich erwartet nicht der Tod, sondern nur deine langersehnte Ruhe. Eine Win-Win-Situation für uns alle. Daher ziem dich bitte nicht länger und akzeptiere das Unvermeidliche.“
Tiefe Enttäuschung macht sich in Skyla breit. Teilweise mag sie die elterlichen Sorgen verstehen, aber das Kind zu solch einer Aktion anzustacheln ist unverantwortlich. Doch ehe sie sich beklagen kann, überwältigt Nadine sie von der Seite. Das Kind kam so schnell angeschossen, dass Skyla starr vor Schreck nicht reagieren kann. Ohne zu zögern, beißt das Kind auch noch zu. Direkt in den Hals. Ihre Zähne sind spitzer als die von Menschen. Raubtierhaft. Skyla jault und verliert das Gewicht. Ungewollt kippt sie mit Nadine nach hinten weg.
Skyla rechnet mit einem Aufprall, doch die beiden fallen durch den Boden hindurch, in einen riesigen Schlund. Während des freien Falls bohren sich Nadines Fingernägel zusätzlich in Skylas Fleisch. Direkt an den Schultern. Skyla fühlt an sämtlichen Einstichstellen Hitze und Schmerz. Wie ein Insekt pumpt Nadine durch die Zähne Gift in Skylas Blutbahn. Womit sich die Hitze durch die Venen im ganzen Körper verteilt und Skyla das Gefühl gibt, von innen zu verbrennen. Unweigerlich beginnt Skyla zu schreien und sich in Nadines Griff zu winden. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit folgt ein Taubheitsgefühl. Luftnot und Schwindel kündigen sich an und es dauert nur wenige Sekunden, als die Bewusstlosigkeit Skyla übermannt.



























































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